Gerda Meyer-Eberhard

 

 

Ein sozialdemokratischer Oberbürgermeister in der Diktatur

 

Rudolf Eberhard

 

Rudolf Eberhard 1946


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ISBN: 3-89811-726-X

 

Autor:

Gerda Meyer-Eberhard

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- Selbstverlag  -

Vorwort

 

Das Buch wurde im Mai 1996 von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt, herausgegeben.  Es ist nunmehr vergriffen. Von der stalinistischen Diktatur geprägte Schicksale und die in den ersten Nachkriegsjahren unter schwersten Bedingungen erfolgte Bewältigung der Kriegsfolgen möchte ich einem weiteren interessierten Leserkreis vermitteln und habe mich für eine Neuauflage entschlossen.  Das  Los Rudolf Eberhards steht exemplarisch für viele Schicksale in der sowjetisch besetzten Zone und frühen DDR . 

 

 Rudolf Eberhard starb, als er begonnen hatte, seine internen Erlebnisse und Erfahrungen niederzuschreiben, um sie der Öffentlichkeit zugänglich werden  zu lassen.  Die leider nur die ersten Nachkriegsmonate in Dessau  und sein  Oberbürgermeisteramt von Bernburg ab 5.September 1945 umfassende Darstellung habe ich wörtlich in das Buch aufgenommen.  Der Tod verhinderte die Niederschrift seiner vom 28.Januar 1946 bis zu seiner Verhaftung am 2.Juli 1950 währenden Tätigkeit als Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg. Wenn mir auch sein wertvolles Hintergrundwissen fehlt, so möchte ich doch überliefern, was ich von ihm erfahren und miterlebt habe.

 

In mehreren Archiven fand ich Unterlagen über die Amtszeit meines Vaters in Bernburg und Magdeburg. Im Magdeburger Stadtarchiv konnte ich 20 Bände von Protokollen der Stadtverordnetenversammlung und des Rates der Stadt von 1946 bis 1950 nutzen. Über die den Städten in Eigenverantwortung obliegende Enttrümmerung, die Vorbereitungen für den Wiederaufbau  und besonders über die von Rudolf Eberhard ins Leben gerufene Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte fand ich wichtige  Informationen, während die Überlieferungslage der Jahre 1945 bis 1952 insgesamt für mich enttäuschend war.[1])  Daraus resultierend  und wegen der Magdeburg nach dem Krieg auch  finanziell völlig auf sich allein gestellten Aufgabe, die zertrümmerte Stadt von den Schuttmassen zu befreien und  die Voraussetzungen für den Neuaufbau zu schaffen, nimmt die Beschreibung der dafür ergriffenen Initiativen und ohne vorheriges Beispiel erbrachten Leistungen einen breiten Raum in meinen Ausführungen ein.

 

Leider sind die Stasiakten rudimentär überliefert. So waren mir nur die Überwachungsunterlagen nach der Haftentlassung meines Vaters zugänglich. Auch seine Personalakten sind nicht auffindbar.

 

Für ihre Unterstützung bei der Erstellung meines Manuskripts bin ich der Historikerin Frau Dr.Beatrix Herlemann dankbar.  Auch meiner im Verlagswesen tätigen Schulfreundin Waltraut Hermuth, die als erste mit großem Interesse und starker Anteilnahme meine Schilderung  über eine von ihr nicht miterlebte Zeit las und mir Ratschläge gab, und Herrn Edmund Wollenburg für das abschließende Lesen des Manuskripts danke  ich.

 

Sehr erfreut bin ich, daß mein  am 9.Mai 1985  geborener Enkel  Axel Meyer das Andenken an seinen Urgroßvater Rudolf Eberhard bewahren will.  Er hat das Buch im Internet veröffentlicht und zur Neuauflage einen starken Beitrag geleistet.  Es ist ihm dafür zu danken.

 


Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort 3

Inhaltsverzeichnis. 5

Nachkriegszeit in Dessau. 9

Ehrenamtliche Arbeit nach Kriegsende. 9

Begegnung mit dem sowjetischen Generalmajor Kotikow.. 10

Otto Grotewohl bei Generalmajor Kotikow.. 11

Wer ist den Schwierigkeiten gewachsen?. 13

Oberbürgermeister von Bernburg. 17

Umzug von Dessau nach Bernburg. 17

Aufnahme der Amtsgeschäfte in Bernburg. 17

Bernburger Kripo und NKWD *) 18

Verbundenheit mit den Bernburgern. 24

Magdeburger Oberbürgermeister in der SBZ. 26

Berufung zum Oberbürgermeister von Magdeburg. 26

Magdeburger Stadträte im Jahr 1946. 33

Kontakt mit der Bevölkerung. 39

Gründung des Neuaufbauamtes. 41

Arbeitsgemeinschaft ausgebombter Städte. 44

Arbeit bis in die frühen Morgenstunden. 46

Möglichst keine Belastung der Familie. 48

Einladung beim sowjetischen Finazbeauftragten. 51

Unterhaltung mit Gästen. 52

Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED.. 53

Sekretärin muß Dem NKWD berichten. 58

Angriffe der Stalinisten gegen Rudolf Eberhard. 59

Rechenschaftsbericht der Stadtverwaltung am 27. Juli 1946 *) 62

Gründung der Neuaufbau GmbH.. 64

Gemeindewahl am 8. September 1946. 65

Die neue Gemeindeverfassung – Der Glaube an Magdeburg *) 69

Erste öffentliche Sitzung der Gemeindevertreter der Stadt Magdeburg *) 75

Wahl des Oberbürgermeisters und der Gemeinderatsmitglieder *) 76

Abschlussrede nach der Wahl des Gemeinderats. 81

Bildung der Provinzialregierung Sachsen-Anhalt *) 83

Verabschiedung der ausscheidenden Mitglieder, Einführung der neu gewählten Mitglieder des Rates der Stadt Magdeburg. 86

Grundsatz der Dezentralisation. 88

Oberbürgermeister Eberhard gibt über die Schwierigkeiten der Verwaltung Aufschluß  89

Schwierige Finanzsituation und unzureichender Personalbestand. 89

Mangelnder Wohnraum.. 92

Glaube an die Jugend. 94

Solidarhaftung nimmt allmählich Gestalt an. 95

Sorge um die wirtschaftliche Situation. 98

Bau des Theaters. 101

Bedrückende Ernährungslage durch Raubbau am Boden *) 101

Demontage von Betrieben der Ölproduktion. 102

Hoffnung auf Völkerverständigung über die Deutsche Frage. 103

Ungewöhnlich kalter Winter und extrem trockener Sommer 104

Gründungsversammlung der VVN *) 105

Arbeitstagung des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumplanung am 14. und 15. April 1947 in Köln *) 106

Rudolf Eberhards Wirken als Landtagsabgeordneter 110

Walter Ulbricht: Was ist das für ein Landtagsabgeordneter?. 113

Großkundgebung am 7. Juni 1947 *) 114

Wanderausstellung der Arbeitsgemeinschaft kriegszerstörter Städte, Ausstellung „Magdeburg lebt!“ 118

Weitere schlechte Wirtschaftslage im Jahr 1947, Befehl Nr. 234. 120

Entschließung zur Behebung der Not im Bauwesen. 124

Errichtung der technischen Anlagen aus Mitteln der Neuaufbau GmbH   125

Silberne Hochzeit 127

Volkskongressbewegung und Volksbewegung für einen Volksentscheid über die Einheit Deutschlands  129

Neubebauung hält auch 1948 mit der Enttrümmerung nicht Schritt 131

Pläne für den Neuaufbau Magdeburgs. 132

Wandlung der SED zur „Partei neuen Typus“, Umbau der Gesellschaftsordnung  133

Gegen kommunale Selbstverwaltung. 134

Auswirkungen der Wandlung zur „Partei neuen Typus“ und der Einengung der kommunalpolitischen Handlungsfreiheit auf Magdeburg. 136

Zentrale Kontrollkommission bei der Deutschen Wirtschaftskommission  141

Finanzielle Notlage der kriegszerstörten Städte spitzt sich zu. 143

Zusammenhalt ehemaliger Sozialdemokraten. 145

Lehrgang an der Deutschen Verwaltungsakademie. 146

Verbreitung von Unwahrheiten über Stadtbaurat Koß. 147

Struktur- und Stellenplan. 148

Wohnungsbauprogramm im Rahmen des Volkswirtschaftsplanes 1949  149

Magdeburgs Oberbürgermeister in der DDR.. 152

Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), Militärkommandantur übergibt Verwaltungsfunktionen  152

Organe der staatlichen Kontrolle *) 153

Strukturplan für das Dezernat Bauwesen. 154

Die ersten Neubauwohnungen werden in Magdeburg im Jahr 1949 bezogen *) 156

Tod des Stadtbaurats Gauger 160

Magdeburger bereiten mit Blick auf das ganze Deutschland den Wiederaufbau ihrer Stadt vor 163

Walter Kaßner versucht, mehr in Erscheinung zu treten. 164

Bespitzelung *) 164

Bebauungsplan für Magdeburgs Innenstadt 165

Ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit 167

Erster großer Schauprozeß nach sowjetischem Muster 167

Immer größere Sorge um meinen Vater 168

Angriffe gegen Rudolf Eberhard werden verstärkt 169

„Eberhard hatte Zivilcourage“, schrieb das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ *) 174

Walter Ulbricht entscheidet *) 175

„Ich werde demnächst zurücktreten“ 178

Verhaftung und Verurteilung. 180

Haussuchung. 180

Erich Koß und Frau Ilse Dietrich verhaftet 181

Landesleitung der SED erklärt sich mit den Maßnahmen der Landeskontrollkommission einverstanden  181

„Magdeburger Schumacherclique trieb Sabotage“ *) 182

Vom Polizeigefängnis ins Gerichtsgefängnis. 183

Wir werden eines Abends angeleuchtet 185

Zum Umzug nur einen Tag Zeit 185

Erste persönliche Nachricht von meinem Vater 186

Wir sehen meinen Vater 187

„Ulbricht erträgt keine intelligenten Menschen neben sich“ 187

Gespräche im Justizministerium und bei der Generalstaatsanwaltschaft 188

Angeblich keine Familienhaftung. 189

„Ich bin ja nur ein Staatsanwalt“ 190

Anklageschrift *) 192

Nur ausgesuchte Funktionäre werden zum Gerichtstermin eingelassen  193

Schlag gegen den „Sozialdemokratismus“ 193

Belastungszeuge. 194

Plädoyers. 195

Das schriftliche Urteil *) 196

Georg Dietrichs Stellungnahme zu dem Urteil *) 200

Bericht über den Prozeß In der „Volksstimme“ *) 208

Unzulässigkeit und Rechtsstaatswidrigkeit des Urteils. 209

Unglaubliche Anschuldigung in der „Geschichte der Stadt Magdeburg“ 210

Schlimme Jahre im Magdeburger Zuchthaus. 211

Im Haftarbeitslager in Mecklenburg. 212

Nach der Haft in Magdeburg. 214

Mein Vater kommt nach Hause. 214

Vom Staatssicherheitsdienst beobachtet 215

Zurückfinden in das wirkliche Leben. 215

Aussprache beim Staatsanwalt in Magdeburg. 216

Für die Familie da. 218

Letzte Lebensjahre in Wiesbaden. 220

In Wiesbaden finden wir ein neues Zuhause. 220

Rudolf Eberhard charakterisiert Walter Ulbricht 220

Die Gedanken schweifen zurück. 221

Mein Vater schließt seine Augen für immer 224

Worte zum Tod von Rudolf Eberhard. 224

Lebenslauf Rudolf Eberhards. 226

 

 


Nachkriegszeit in Dessau

 

Ehrenamtliche Arbeit nach Kriegsende

 

Für meinen Vater, Rudolf Eberhard, war es nach dem Zusammenbruch der Hitlerdiktatur eine Selbstverständlichkeit, sich sofort wieder im öffentlichen Leben zu engagieren. Seine reichen Erfahrungen, die er in Dessau während der Jahre von 1919 bis 1933 als Bezirksleiter des Zentralverbandes der Angestellten für das Land Anhalt, als Vorsitzender des Anhaltischen Siedlerverbandes und bei seiner Arbeit für die Sozialdemokratische Partei gewonnen hatte, wollte er für den Aufbau einer neuen demokratischen Ordnung zur Verfügung stellen. Mitbestimmend für seinen Einsatz war die Denkweise von Heinrich Peus, *[2]) dem geistigen Repräsentanten der Anhaltischen Sozialdemokratischen Partei. Peus' wohnungspolitische Ideen hatte er im Anhaltischen Siedlerverband mit dem Bau geschlossener Siedlungen verwirklicht.

 

Nachdem er 1933 zuerst verhaftet worden und es für ihn als aktiv tätig gewesenem Sozialdemokraten nach Auflösung der Angestelltengewerkschaft unmöglich war, eine andere Anstellung zu bekommen, hatte er eine orthopädische Praxis aufgebaut. Er war damit sehr erfolgreich und wollte diese auch nach 1945 zunächst weiterführen. Jedoch erwies sich das als schwierig, weil seine Mitarbeit am Aufbau der Verwaltung in Dessau und dem Land Anhalt viel Zeit in Anspruch nahm. Seine Patienten in der Praxis mußten oft warten oder umbestellt werden.

 

Als die Sowjetische Besatzungsmacht im Juni 1945 politische Parteien zuließ, war er maßgeblich an dem Aufbau der Sozialdemokratischen Partei (SPD) im Bezirk Dessau beteiligt.

 

Er sprach auf Veranstaltungen und Kundgebungen. Durch die Gabe, seine Reden völlig frei zu sprechen, konnte er unmittelbar auf die Zuhörer eingehen.

 

Ein öffentliches Amt wollte er jedoch erst nach freien, demokratischen Wahlen übernehmen, obwohl seine politischen Freunde ihn dazu drängten.

 

Begegnung mit dem sowjetischen Generalmajor Kotikow

 

Als mein Vater Generalmajor Kotikow, einem sehr autoritären Chef bei der Sowjetischen Militär-Administration Deutschland (SMAD) der Provinz Sachsen (später Sachsen-Anhalt), zum ersten Mal 1945 in Dessau begegnete, konnte er nicht erahnen, welche Bedeutung für ihn dieser später bei der Berufung zum Oberbürgermeister von Magdeburg gewinnen würde.

Mir liegen einige handschriftliche Aufzeichnungen meines Vaters vor, die für ein Buch gedacht waren. Leider verstarb er, als er gerade erst am Anfang dieser Arbeit stand.

 

Darin ist über seinen von Kotikow gewonnenen Eindruck zu lesen:

 

"Dem sowjetischen General Kotikow, der bis zu seiner Berufung als Stadtkommandant von Berlin diktatorisch über die Provinz Sachsen-Anhalt herrschte, begegnete ich das erste Mal bei der Bildung der Bezirksverwaltung des kleinen Anhaltlandes in der Stadtkommandantur Dessau im Sommer 1945. Sein imponierendes Auftreten in einer funkelnagelneuen, zweifellos von einem deutschen Uniformschneider angefertigten Uniform unterschied sich in nichts von der eines ehemaligen Offiziers der deutschen Adelsklasse der kaiserlichen Zeit. In der Uniform aber steckte, wie sich sogleich herausstellte, ein Bolschewist reinsten Wassers, der unmißverständlich zu verstehen gab, daß es für alle in die Führung der öffentlichen Verwaltung Berufenen nicht nur unerläßlich sei, die Schriften von Lenin und Stalin zu lesen, sondern auch eine selbstverständliche Pflicht, danach in ihrer politischen Tätigkeit zu handeln."

 

Diese für den Stalinismus typische Aussage Kotikows wird meinen Vater in dem Entschluß bestärkt haben, kein öffentliches Amt zu übernehmen. Die in diesem Zusammenhang zu sehenden späteren verhängnisvollen Auswirkungen waren jedoch in vollem Umfang noch nicht vorhersehbar. Mein Vater bekam sie bitter zu spüren.

 

Otto Grotewohl bei Generalmajor Kotikow

 

Mit großen Erwartungen waren die Dessauer im Sommer 1945 der Einladung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) zu einer Rede ihres Vorsitzenden, Otto Grotewohl, gefolgt. Aus vorausgegangenen Reden Grotewohls war der Eindruck zu gewinnen, daß er sozialdemokratisches Gedankengut verwirklichen wollte und gegen die von sowjetischer und kommunistischer Seite her angesteuerte Vereinigung von Sozialdemokratischer Partei (SPD) und Kommunistischer Partei (KPD) war. Als sich Grotewohls Kommen verzögerte, weil er zuvor zu dem sowjetischen General Kotikow nach Halle fahren mußte, ergriff mein Vater mehrmals das Wort, um die Menschen zum Bleiben zu veranlassen.

 

Mein Vater schreibt:

 

"Otto Grotewohl hatte schon vorher die Bekanntschaft des Generals gemacht. Er sollte in Dessau in einer öffentlichen SPD - Versammlung sprechen, durfte dies aber auf Anordnung des Generals erst, nachdem er sich vorher bei ihm in Halle, dem Sitz der Kommandantur für die Provinz Sachsen, zu einer Unterredung eingefunden hatte. Grotewohl traf erst kurz vor Versammlungsbeginn in Dessau ein. Mit einem ihm von seinen politischen Dessauer Freunden mitgegebenen Begleiter fuhr er in seinem Wagen sofort nach Halle zum General weiter. Die über 2000 Versammlungsteilnehmer, die ihre ganze Hoffnung auf den Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei gesetzt hatten, harrten in den beiden größten Kinos Dessaus, die den Bombenkrieg überstanden hatten, fast 2 Stunden aus. Sie konnten nicht ahnen, daß der General dem mitgegebenen Dessauer Begleiter eröffnete, daß er mit Grotewohl noch allein zu sprechen wünsche. Meine Freunde wurden von Grotewohl über seine Unterhaltung mit dem General unter vier Augen nicht unterrichtet. Sie wollten und konnten damals noch keinen bösen Verdacht schöpfen, vertrauten vielmehr auf die Charakterstärke Grotewohls, der aber, was keiner Beweisführung bedarf, die Sozialdemokraten in der Zone systematisch dem Kommunismus ausgeliefert hat. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hat er den 'sowjetischen Genossen' für ihre Beratung der Sozialdemokraten, die in Anweisungen über die politische Linie bestanden, gedankt."

 

Im Anschluß an die öffentliche Versammlung waren sozialdemokratische Freunde mit Otto Grotewohl in der Wohnung des Wiederbegründers der SPD in Dessau, Fritz Jungmann *[3]), zusammen. Ich persönlich gewann damals den Eindruck, daß Grotewohl ein sehr eitler Mensch war. Sein späteres Eintreten für eine Vereinigung von SPD und KPD erklärte ich mir auch damit, daß er öffentliche Anerkennung brauchte und diese nur finden konnte, indem er sich den Vorstellungen der Sowjets anpaßte.

 

Grotewohl sprach zwar in seiner Rede auf einer SPD-Versammlung am 14. 9. 1945 *[4]) noch für die Selbständigkeit und die Abgrenzung zur KPD; die Kommunisten forderte er auf, in den Sozialdemokraten nicht mehr den Verräter zu sehen. Jedoch bekannte er sich in der Rede zum Jahrestag der Novemberrevolution 1918 zum Ziel der Einheit der Arbeiterbewegung. Diese dürfe jedoch keinesfalls das Ergebnis "eines äußeren Drucks oder direkten Zwanges" sein. Wir erfuhren nichts von den Aussagen Grotewohls. Die Veröffentlichung der Novemberrede 1945 wurde durch die sowjetische Zensur verboten. Der Druck der Sowjets auf Otto Grotewohl nahm offensichtlich immer mehr zu. Bei der Vereinigung wurde er, gleichgestellt mit Wilhelm Pieck, Vorsitzender der SED und nach Gründung der DDR Ministerpräsident.

 

Die Möglichkeit, die politische Entwicklung in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) und späteren Deutschen Demokratischen Republik (DDR) aufzuhalten, hatte Otto Grotewohl zweifellos nicht, denn das war von den Sowjets vorgeschrieben. Damals ahnte das aber kaum jemand. Auch Rudolf Eberhard konnte nicht voraussehen, daß die Sowjets lange Zeit über einen Teil Deutschlands ihre Macht ausüben und dadurch ihre politischen Ziele verfolgen konnten, als er seinen Entschluß, kein öffentliches Amt zu übernehmen, nicht aufrecht erhalten konnte.

 

Wer ist den Schwierigkeiten gewachsen?

 

Im Juli 1945 war für das Gebiet der Provinz Sachsen und den das Land Anhalt umfassenden Raum eine vorläufige Provinzialverwaltung mit Sitz in Halle gebildet worden, deren Präsident Professor Dr. Hübener (LDP) *[5]) wurde. Die Bezirksverwaltungen Magdeburg, Halle-Merseburg und Dessau wurden gebildet. Der Bezirk Dessau umfaßte die Stadtkreise Aschersleben, Bernburg, Dessau-Köthen, Quedlinburg und Zerbst.

 

Bezirkspräsident wurde der sozialdemokratische ehemalige anhaltische Ministerpräsident Heinrich Deist. *[6]) Seine Vizepräsidenten waren der Kommunist Besser, später auf der Landesdelegiertenkonferenz vom 30. 6. bis 2. 7. 1950 in Halle des "Trotzkismus" und "Sektierertums" bezichtigt, und der Liberaldemokrat Fritz Hesse. *[7]) *[8])

 

Für die Bezirksverwaltung in Dessau erwies es sich als schwierig, das Amt des Oberbürgermeisters von Bernburg zu besetzen. Die in Bernburg herrschenden Verhältnisse waren nur mit einer starken Persönlichkeit zu lösen. Bezirkspräsident Deist (SPD), Vizepräsident Besser (KPD) und Vizepräsident Hesse (LDP) traten für die Besetzung des Amtes durch meinen Vater ein, der erstmals am 11. August 1945 davon erfuhr. Er hatte eine längere Aussprache mit dem Vizepräsidenten Besser, der auch Major Dimidow von der Militär-Administration in Halle beiwohnte. Mein Vater lehnte die Übernahme des Postens ab. Die politische Arbeit in Dessau fortzusetzen, war ihm ein großes Anliegen.

 

Nachdem mein Vater wochenlang von der Angelegenheit nichts mehr gehört hatte, erklärte ihm Vizepräsident Besser am 6. September, daß er sich sofort bei der Kommandantur in Bernburg vorzustellen habe. Trotz seiner Einwendungen, die er auch dem Bezirkspräsidenten Deist gegenüber erhob, erhielt er am 7. September den schriftlichen Bescheid, entsprechend der von der Provinzialverwaltung und der Militär-Administration erteilten Genehmigung sofort die Oberbürgermeistergeschäfte in Bernburg zu übernehmen.

 

Mein Vater schreibt:

 

"Anfang September 1945 flatterte mir ein Schreiben der Bezirksverwaltung Dessau auf den Tisch, nach dem ich dem sowjetischen Willen entsprechend sofort die Amtsgeschäfte des Oberbürgermeisters der Stadt Bernburg zu übernehmen hätte. Ich war entschlossen, dies abzulehnen, nahm das Amt aber schließlich an, weil meine politischen Freunde der einmütigen Auffassung waren, daß ich dasselbe aus politischem Verantwortungsgefühl übernehmen sollte, weil nur dadurch verhindert werden könne, daß ein Kommunist auf den Amtsstuhl in Bernburg gesetzt wird. Sie gaben sich der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß die Kommunisten in eine bedeutungslose Minderheit gedrängt und in der Bevölkerung keine Vertrauensbasis erreichen werden. Die allgemeine Auffassung war, daß die Bevölkerung die Ablösung der nazistischen Diktatur durch eine kommunistische ablehnen würde. Die Menschen hofften auf eine echte Demokratie."

 

Einige Tage nach der Amtsübernahme erhielt Rudolf Eberhard die Urkunde, vom Präsidenten der Provinz Sachsen Prof. Dr. Hübener mit Datum vom 5. September 1945 unterzeichnet, daß gemäß _ 41 der deutschen Gemeindeordnung vom 30. 1. 1935 das Einverständnis zu seiner Berufung zum Oberbürgermeister der Stadt Bernburg erklärt werde.



Oberbürgermeister von Bernburg

 

Umzug von Dessau nach Bernburg

 

Die Familie Rudolf Eberhards konnte sich mit dem Gedanken, von Dessau nach Bernburg zu ziehen, schwer anfreunden. Meine Eltern hatten sich in Dessau 1930 ein Einfamlienhaus ganz nach ihrem individuellen Geschmack aus ihren Ersparnissen bauen lassen. Der Architekt dieses Hauses hatte seine Ausbildung in dem bekannten Dessauer Bauhaus bei Walter Gropius gehabt. Mit großen Schwierigkeiten konnten meine Eltern den erworbenen Besitz halten, als mein Vater 1933 arbeitslos wurde. Nach dem Krieg konnten wir in unserem Heim trotz einigem Bombenschaden wohnen bleiben, worüber wir sehr glücklich waren. Der Vater und die Schwester meines Vaters wohnten mit bei uns, nachdem sie zuerst in Hagen und dann in Köln durch Bombenangriffe ihr Heim verloren hatten. Sie konnten in Dessau nicht zurückgelassen werden und mußten mit nach Bernburg ziehen.

 

Im Dezember 1945 bezogen wir dann eine Etagenwohnung in Bernburg. Daß wir nie wieder in unser geliebtes Dessauer Haus zurückkehren würden, konnten wir uns jedoch nicht vorstellen. Mit uns - so lustig das klingen mag - zogen auch unsere Kaninchen mit ihren von meinem Großvater gebauten Ställen nach Bernburg. Zu der dortigen Wohnung gehörte ein Stück Garten, wo die Ställe aufgestellt werden konnten. Die Kaninchen hielten wir, um unsere damals sehr dürftige Ernährung zu verbessern.

 

Aufnahme der Amtsgeschäfte in Bernburg

 

Wenn es auch Rudolf Eberhards Wunsch gewesen war, erst nach freien, demokratischen Wahlen ein Amt zu übernehmen, so entsprach die Aufgabe, die Verwaltung in Bernburg aufzubauen, ganz seinem Interesse und erfüllte ihn sehr. Ich kann mich besinnen, daß mein Vater während seiner orthopädischen Tätigkeit in der Zeit des Nationalsozialismus in einer besinnlichen Stunde mir einmal anvertraute, der Beruf, den er jetzt gezwungen sei auszuüben, würde ihn trotz zu verzeichnender Erfolge nicht voll befriedigen.

 

Sofort nach Übernahme der Dienstgeschäfte in Bernburg am 10. September 1945 konnte mein Vater beim sowjetischen Stadtkommandanten völlige Handlungsfreiheit bei der Besetzung der zu vergebenden Ämter erreichen.

 

Während des Krieges waren die Gemeinden mehr und mehr zu nachgeordneten Instanzen staatlicher Auftragsverwaltung herabgesunken. Das Element kommunaler Hoheit und Selbstverwaltung war zu einem spärlichen Rest verkümmert. Der Neuaufbau kommunaler Verwaltungen in der Sowjetischen Besatzungszone stand aufgrund dessen zunächst ganz im Zeichen der Wiederherstellung des Prinzips demokratischer Selbstverwaltung und der Reorganisation parlamentarischer Gremien in Städten, Kreisen und Gemeinden.[9]

 

Bernburger Kripo und NKWD *[10])

 

Doch sehr bald nach seiner Amtsübernahme mußte mein Vater durch die Bernburger Polizei verursachte unhaltbare Zustände feststellen. Der Leiter der Polizei wurde vom NKWD (Narodny Kommissariat Wnutrenich Djel) unterstützt. Als Träger der sowjetischen Geheimpolizei war der NKWD außerordentlich gefürchtet. Selbst der sowjetische Generalmajor Kotikow war, wie mein Vater erlebte, ihm gegenüber machtlos.

 

Über die dramatischen Ereignisse schreibt mein Vater:

 

"Meine erste Amtshandlung in Bernburg war die Vorstellung der Magistratsmitglieder beim sowjetischen Stadtkommandanten, wobei ich dem von den Kommunisten festgelegten Konzept widersprach, daß die Polizei meinem Stellvertreter, dem der kommunistischen Partei angehörenden Bürgermeister, zu unterstellen sei. Der Kommandant erklärte, daß dieses und andere Ämter so zu besetzen seien, wie ich es für richtig halte. Gleich danach mußte ich feststellen, wie berechtigt es war, daß ich die Aufsicht über die Polizei ausübe. Meine zweite Amtshandlung bestand nämlich in dem Anhören einer Frau, die sich bei mir über polizeiliche Beschlagnahmungen beschwerte. Ihre Beschwerde veranlaßte mich, sofort den Chef der Polizei, wie ihn der NKWD bezeichnete, zu mir zu beordern, der dieses Amt seit dem Einzug der Sowjets innehatte. Ich gewann von diesem einen niederschmetternden Eindruck, so daß ich mir als nächstes von meiner Sekretärin die Personalakten holen ließ, die höchst unvollständig waren. Der Polizeichef Rieck hatte mir erklärt, daß alle seine Handlungen von dem NKWD angeordnet seien. Ich wollte mit ihm zur Klärung der Dinge in das Haus des NKWD gehen. Er aber sagte mir, daß der NKWD dann sagen würde, daß die Polizei für alles verantwortlich sei, tatsächlich aber er, der "Chef" nur auf ausdrückliche Anweisung der Geheimpolizei gehandelt habe. So sei unsere gemeinsame, von mir vorgeschlagene Unterredung absolut zwecklos.

 

Nachdem ich an meinen ersten Diensttagen mir ein Bild über nächtliche Verhaftungen gemacht hatte, besuchte ich das in einer Villa untergebrachte Kellergefängnis der Kriminalpolizei, das ich erstaunlicherweise unbelegt vorfand. Ich war mir sofort darüber klar, daß das Haus vor meinem Erscheinen geleert worden war, um bei mir den Eindruck zu erwecken, daß alles in bester Ordnung sei. Ich stellte alsbald aber fest, daß alle Verhafteten in das sowjetischer Befehlsgewalt unterstehende Gerichtsgefängnis eingeliefert worden waren und den Angehörigen keinerlei Mitteilungen gemacht wurden.

 

Die Kripo unter Riecks Leitung führte ein nächtliches Schreckensregiment, dem ein Ende zu bereiten, ich für meine Pflicht hielt. Die Bevölkerung war ohnmächtig, da alle Handlungen der Kripo von dem NKWD bestimmt wurden. Er unterstand einem Major, wurde aber entscheidend von einem Leutnant (Silenkov) beherrscht. Es wurde erzählt, daß dieser enge persönliche Beziehungen zu Stalin habe.

 

Ich setzte alles daran, Klarheit über alles zu schaffen, und erbat zu diesem Zwecke die Hilfe der Landespolizei- verwaltung in Dessau. Diese entsandte zuverlässige Kriminalisten nach Bernburg, und es gelang diesen, binnen einiger Tage über den Umfang der Beschlagnahmungen und Verhaftungen Klarheit zu bringen, worüber ich mich laufend unterrichten ließ.

 

Irgendwie war dem kommunistischen Vizepräsidenten des Bezirks Dessau das verbrecherische Handeln der Kripo zu Ohren gekommen, der davon den sowjetischen Ortskommandanten verständigte. Ich wurde zur Ortskommandantur gerufen, wo im Dienstzimmer derselben neben dem Vizepräsidenten des Bezirks der Bernburger Sekretär der KPD, Rieck, und dessen Stellvertreter saßen. Ich wurde gefragt, wie ich über Rieck denke. Da meine Ermittlungen noch nicht abgeschlossen waren, beschränkte ich mich darauf, Zweifel an Riecks Glaubwürdigkeit zu äußern. Der Ortskommandant erklärte Rieck für abgesetzt, bestellte dessen Stellvertreter zu seinem Nachfolger. Rieck aber ging von der Kommandantur aus direkt zum NKWD, und was weder der Ortskommandant noch ich erwartete, geschah. Der NKWD erklärte die Absetzung Riecks für null und nichtig. Eine Stunde später erschien Rieck bei mir und gab mir von der Entscheidung des NKWD Kenntnis. Ich fand mich mit dieser nicht ab und wurde bei dem NKWD vorstellig. Leutnant Silenkov mit seinem bleichen Gesicht, das einer Maske glich und eine Kaltblütigkeit ausstrahlte, die alles, aber auch alles vermuten ließ, fragte mich zynisch, was ich denn bisher getan hätte, um Nazis dem NKWD zuzuführen, sagte schließlich: Rieck sehr gut, Schnaps ist Schnaps, Gold ist Gold. Ein paar Tage danach ging Silenkov in Heimaturlaub.

 

Rieck hatte sich mit einer Reihe verbrecherischer Elemente umgeben. Jeder hatte von dem NKWD eine komfortabel eingerichtete Villa zugewiesen erhalten, deren Besitzer sich wegen der ihnen drohenden Verhaftungsgefahr damit abgefunden hatten.

 

Nach ein paar Tagen ließ ich mir von den beiden Kripos abschließend über ihre Ermittlungen berichten und erfuhr, daß diesen auf einer Tagung von ehemaligen Konzentrationslagerinsassen in Leipzig bei Vorzeigen von Bildern Riecks erklärt worden sei, es handele sich bei diesem um einen Kriminellen - einen Berufsverbrecher -, der sich bei den Kommunisten in Bernburg als politischer Häftling ausgegeben hatte. In diesem, aber auch in einer Reihe anderer Fälle, die unerläßlich eine Nachprüfung erforderten, wurde von einer solchen abgesehen. Es genügte den verantwortlichen Leuten in der KPD, so seltsam das klingt, sich als alter Kommunist auszugeben. Solche Erfahrungen aber habe ich auch an anderen Orten gemacht.

 

Als ich dann dem Ortskommandanten Kenntnis gab, ließ er Rieck im Keller der Ortskommandantur einsperren. Das erfuhr der NKWD durch die verbrecherischen Gehilfen Riecks, und zum zweiten Male mußte Rieck auf freien Fuß gesetzt werden und hatte seine polizeiliche Funktion wieder zu übernehmen. So fanden die nächtlichen Beschlagnahmungen und Verhaftungen ihre Fortsetzung.

 

In Dessau hatte der Allgewaltige des NKWD in der Provinz Sachsen, Oberstleutnant Stachowich, eine Besprechung der örtlichen Polizeileiter angesetzt. Ich bin mit zu dieser gefahren, um zu sehen, welches Spiel dort getrieben wird. Von den örtlichen Polizeileitern ließ sich Stachowich berichten, aber Bernburg nahm er davon mit dem Bemerken aus "Bernburg beste Polizei, braucht nicht zu berichten." Ich war im wahrsten Sinne des Wortes erschlagen, weil ich meine Erfahrungen mit den verbrecherischen Elementen unter Riecks Führung gemacht hatte, gab aber meinen Kampf zur Wiederherstellung einer einwandfreien Handhabung der polizeilichen Geschäfte nicht auf.

 

Ein paar Wochen lang sah und hörte ich nichts von Leutnant Silenkov. Ich glaube, daß sein wirklicher Name ein anderer war. Da das ihm von Rieck zugewiesene Haus wochenlang unbewohnt war, wurde von seiten der Stadt wieder darüber verfügt und zwar gerade an jenem Tage, als Silenkov von einem mehrwöchigen Heimaturlaub zurückgekehrt war. Er erschien gleich nach seiner Rückkehr in meinem Dienstzimmer und stellte mich zur Rede, weil das Haus von seinem Besitzer in Anspruch genommen war. Anspielend auf Rieck sagte er, ich sei auch Berufsverbrecher. "So ein Oberbürgermeister! Ich zum General nach Halle fahren."

 

Ein paar Tage später war Dr. Dr. Gereke *[11]) bei mir. Er hatte in der Kommunalabteilung des Innenministeriums in Halle den Posten eines Ministerialrats übernommen. Er zeigte mir einen handgeschriebenen Zettel, den er bei seiner Amtsübernahme auf seinem Schreibtisch vorfand: "Oberbürgermeister Eberhard telegrafisch oder telefonisch abberufen." Die Anweisung stammte von der NKWD-Kommandantur in Halle. Nachdem ich Dr. Dr. Gereke auseinandergesetzt hatte, daß meine Abberufung im Zusammenhang mit dem verbrecherischen Polizeichef Rieck zu sehen sei, erklärte sich Dr. Dr. Gereke bereit, in die Höhle des Löwen gehen zu wollen, um zu verhindern, was am nächsten Tag ja auch jedem anderen passieren könne. Ich wurde dann auch tatsächlich nicht abberufen.

 

Bei einer kommunalpolitischen Konferenz mit Regierung, Oberbürgermeistern und Landräten in Schierke sagte General Kotikow: "Jagen Sie Rieck, wo Sie können!" Der NKWD befahl, und der General mußte sich seinem Willen unterordnen. So groß seine Machtfülle mir bei der Bildung der Bezirksverwaltung Dessau erschien, so ohnnmächtig war er dem NKWD gegenüber, der sich immer und immer wieder vor den Bernburger Polizei"chef" Rieck stellte. Ja, gleiche Brüder, gleiche Kappen.

 

Ich holte zu einem großen Schlage aus, erreichte einen deutschen Haftbefehl, um Rieck und seine Gefolgschaft durch einen deutschen Oberstaatsanwalt verhaften zu lassen. Auf dem Schloßhof in Bernburg stand ein Polizeiauto, um die verbrecherische Kripo Bernburgs abzuholen. Während des Vorgangs saß ich beim Bernburger Staatsanwalt in dessen Dienstzimmer, und da tauchte der Major des NKWD auf. Einer der Gefährten Riecks war entwischt und hatte dem NKWD Meldung erstattet. Es gelang mir im letzten Augenblick, die Abfahrt des Polizeiautos nach Dessau zu veranlassen. Was aber tat der NKWD? Er sperrte den Oberstaatsanwalt und den ihn begleitenden Kriminalisten im Keller seiner Kommandantur ein und verlangte die Rückführung der Kripo von Dessau nach Bernburg. Bis diese erfolgt ist, so sagten sie, bliebe der Oberstaatsanwalt und der Kriminalbeamte in Bernburg in Haft."

 

Bis dahin geht die Schilderung meines Vaters. Er konnte sie nicht zu Ende führen. Der Tod ereilte ihn. Ich weiß aber, daß es nach einigen weiteren Schwierigkeiten mit dem NKWD schließlich gelang, Rieck und seine Gefährten unschädlich zu machen. Die Bevölkerung Bernburgs, die wie unter einem Alptraum gestanden hatte, atmete auf.

 

Mit Wirkung vom 1. 1. 1946 wurde Alfred Rieck wegen Mißbrauchs der Dienstgeschäfte aus dem Polizeidienst entlassen. Heinrich Rasche wurde unter Ernennung zum Hauptmann der Schutzpolizei mit der Leitung beauftragt. *[12])

 

Mein Vater hatte ja während der Ereignisse um Rieck in großer Gefahr geschwebt. Darunter litt auch die Familie sehr. Wir bangten um ihn. Eines Abends, als es der Jahreszeit entsprechend draußen schon dunkel war und er in seinem Dienstzimmer noch arbeitete, flog ein Stein durch das Fenster an ihm vorbei, traf ihn aber zum Glück nicht. Das war offensichtlich beabsichtigt. Mein Vater rief uns an, um uns das vorsichtshalber mitzuteilen. Er konnte ja nicht wissen, was noch geschehen würde. Sonst war mein Vater immer bestrebt, Aufregungen von uns fernzuhalten, und trug seine Sorgen allein.

 

Verbundenheit mit den Bernburgern

 

Da die Sorgen der Bernburger schon allein durch die Zeitumstände und insbesondere durch die beängstigenden Willkürhandlungen der Polizei sehr groß waren, suchten viele Rat und Hilfe bei Rudolf Eberhard. Es sprach sich natürlich auch sehr bald herum, daß er für jeden ein offenes Ohr hatte und jeden empfing, der ihn zu sprechen wünschte. Kein Brief blieb unbeantwortet. In dem kleinen Bernburg konnte sich Rudolf Eberhard sehr bald allgemeiner Beliebtheit erfreuen.

 

Es bestand damals noch Hoffnung, daß sich die SPD frei entfalten könnte, wenn sie auch schon Repressalien von Seiten der KPD, unterstützt von den Sowjets, ausgesetzt war. Mein Vater widmete sich auch in Bernburg der Parteiarbeit. In der am 30. September 1945 stattgefundenen Unterbezirkskonferenz sprach er über die Aufgaben der SPD und sagte:

 

"Als Hilfe für die Ausgebombten und Flüchtlinge müssen wir Taten sehen, Worte helfen da nicht. Wir dürfen nicht mit dem Ellenbogen, sondern müssen mit dem Geist arbeiten. Wir sind nicht Arbeiterpartei, sondern Partei der Arbeit. Für unsere Partei müssen wir alle Kreise der Bevölkerung gewinnen. Wir müssen uns mehr denn je mit der Masse verbunden fühlen, an allen Stellen müssen wir Charaktere zu stehen haben, dann braucht uns um unsere Zukunft nicht bange zu sein!" *[13])

 

Politische Gesinnungsgenossen kamen zu ihm, gebürtige Bernburger, die sehr gut mit den internen örtlichen Verhältnissen vertraut waren. Ich erinnere mich noch an einen Herrn Walter Jakobi, einen "alten" Sozialdemokraten. Er hatte während der Nazizeit, als er arbeitslos geworden war, ein Lumpengeschäft eröffnet und wollte das auch weiterführen, der politischen Arbeit aber treu bleiben. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein Original. Zu jeder sich bietenden Gelegenheit hatte er einen Spruch bereit und sagte ihn auf. Das brachte die Zuhörer oft zum Lachen, war aber auch sehr geistreich. Mein Vater bekam in diesem schlichten aber weisen Menschen einen echten Freund.

 

 

So wuchs meinem Vater das Städtchen Bernburg sehr ans Herz, und das übertrug sich auch auf seine Familie. Wir fühlten uns in Bernburg sehr wohl, vor allem als klare Verhältnisse bei der Bernburger Polizei geschaffen worden waren.


Magdeburger Oberbürgermeister in der SBZ

 

Berufung zum Oberbürgermeister von Magdeburg

 

Nachdem Rudolf Eberhard in zäher, unermüdlicher Arbeit die Verwaltung in Bernburg aufgebaut hatte, wurde er am Sonnabend, dem 26. Januar 1946, nachmittags, in seiner Wohnung angerufen und von der Mitteilung überrascht, daß er am Montag, dem 28. Januar 1946, als Oberbürgermeister von Magdeburg eingeführt werden solle. Mein Vater sprach sich energisch gegen die Amtsübernahme aus. Doch es wurde ihm keine Ruhe gelassen, das Telefon klingelte unaufhörlich. Vertreter der SPD und der Provinzialverwaltung Sachsen wollten ihn bewegen, das Oberbürgermeisteramt in Magdeburg anzunehmen.

 

Otto Baer *[14]) war auf Befehl von Generalmajor Kotikow aus seinen Ämtern als Präsident des Bezirkes Magdeburg und als Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg entlassen worden und beide Aufgabengebiete mußten neu besetzt werden.

 

Auf Drängen der Kommunisten sollte ihr kommunistischer Lokalheld Walter Kaßner *[15]) Oberbürgermeister werden.

 

In seinem Buch "Von Rot zu Schwarz-Rot-Gold" schreibt Ernst Thape *[16]), der bis zu seiner Flucht in die Bundesrepublik 1948 Minister in Halle war, über die Vorgeschichte der Berufung meines Vaters nach Magdeburg. *[17])

 

In einem Brief Ernst Thapes an den sowjetischen Generalmajor Kotikow vom 25.Januar 1946 heißt es:

 

"Ich halte es nicht für richtig, den Genossen Kaßner zum Oberbürgermeister und den Genossen Eberhard zum zweiten Bürgermeister zu machen. Es gibt zwei Gesichtspunkte, unter denen man die Frage beurteilen kann.

1. Wenn der Grundsatz angewendet wird: Der beste Mann an den wichtigsten Platz, unbekümmert um die Parteizugehörigkeit, dann muß Eberhard Oberbürgermeister werden und Kaßner dort bleiben, wo er jetzt ist. Das wird jeder objektive Politiker und jeder Menschenkenner sagen, ganz gleich, ob er Kommunist oder Sozialdemokrat ist. (Außerdem weiß ich im Augenblick noch gar nicht, wie ich Eberhard unter die Parteidisziplin zwingen soll, wenn er schon nicht auf Befehl der Partei nach Magdeburg als Oberbürgermeister gehen wollte.)

2. Wenn der Grundsatz bei der Wahl maßgebend ist, daß unbekümmert um die Qualifikation ein Funktionär der Kommunistischen Partei Oberbürgermeister werden muß, dann ist das eine politisch unkluge Entscheidung, weil dadurch die Gründe, die Ihnen zur Absetzung des Bezirkspräsidenten Veranlassung gaben, vor der sozialdemokratischen Arbeiterschaft weniger glaubhaft werden. Man wird sagen: 'Der Schlag gegen Baer richtet sich gegen die Sozialdemokratische Partei, das beweist die Einsetzung des kommunistischen Oberbürgermeisters in der Stadt, die immer unter sozialdemokratischer Führung stand."

 

Generalmajor Kotikow tobte über die Anmaßung von Ernst Thape und sagte ihm, er habe die Absicht gehabt, ihn verhaften zu lassen.

 

Trotzdem erließ er am 26. Januar 1946 den Befehl, "als Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg den bisherigen Oberbürgermeister von Bernburg, Herrn Eberhard, der zu diesem Amt vom Präsidenten der Provinz und vom Provinzialvorstand der SPD vorgeschlagen wurde, zu bestätigen".

 

Der sowjetischen Besatzungsmacht schien es klar zu sein, daß die Kommunisten nicht fähig waren, nach dem Zusammenbruch der Hitlerdiktatur den Staat neu aufzubauen. So sah sie in den größten Städten der SBZ offenbar bewußt davon ab, das Amt des Oberbürgermeisters mit Repräsentanten der KPD zu besetzen, sondern ließ kommunalpolitisch erfahrenen Sozialdemokraten, Liberaldemokraten oder Parteilosen den Vortritt. *[18]) So ist es wahrscheinlich auch zu verstehen, daß Generalmajor Kotikow nach anfänglichem Sträuben Rudolf Eberhard und nicht Walter Kaßner als Oberbürgermeister einsetzte.

 

Ich sehe noch heute, wie mein Vater an diesem 26. Januar l946 immer ernster und nachdenklicher wurde. Zum zweiten Mal sollte er auf sowjetischen Befehl ein Amt übernehmen? Es war ja schon ein schwerer Entschluß für ihn gewesen, nach Bernburg zu gehen.

 

Auch die Familie war äußerst betroffen. Erst vor einem Monat waren wir nach Bernburg gezogen.

 

Ich kann mich nicht entsinnen, daß wir an dem Wochenende viel miteinander gesprochen haben. Wir wußten, welchen schweren Entschluß mein Vater treffen mußte. Er wollte die Stadt selbstverständlich nicht im stalinistischen Sinne leiten und mußte so von vornherein im Widerspruch zur sowjetischen Administration und den deutschen Kommunisten stehen. Er und seine sozialdemokratischen Freunde wollten die Verwaltung jedoch auf keinen Fall kommunistischen, der Sowjetmacht hörigen Politikern überlassen. Rudolf Eberhard sah die Notwendigkeit, die schwere Aufgabe zu übernehmen.

 

 

Magdeburg war die Geburtsstadt Rudolf Eberhards. Er war am 10. Juli 1891 in Magdeburg-Buckau geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Nach den Grundschuljahren in Buckau hatte er in der Innenstadt Magdeburgs die Bürgerschule besucht. Dann verließ die Familie Magdeburg, um nach Elberfeld zu ziehen, wo Rudolf Eberhard eine kaufmännische Lehre absolvierte.

 

Ein grauenvolles Bild der Zerstörung hatte Magdeburg am Ende des zweiten Weltkrieges geboten. Eine alte, mächtige Stadt war zerstört worden. Die Menschen sahen sich vor weite trostlose Trümmerfelder gestellt. Magdeburg stand vor Aufgaben ohne Beispiel in der Geschichte. Der Krieg hatte Scherbenhaufen auf allen Lebensgebieten hinterlassen. Die Lähmungserscheinungen des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens mußten überwunden werden.

 

Am 28. Januar l946 wurden von dem Präsidenten der Provinz Sachsen, Dr.Hübener, der bisherige Vizepräsident der Provinz Sachsen, Werner Bruschke, *[19]) als Bezirkspräsident und Rudolf Eberhard als Oberbürgermeister von Magdeburg in ihre Ämter eingeführt.

 

Präsident Dr.Hübener schilderte in seiner Ansprache das große Erbe, das Rudolf Eberhard anzutreten habe, und gab einen Überblick der wechselvollen Geschichte Magdeburgs. Nun stehe die größte Stadt der Provinz wieder vor einem neuen Anfang. Die jetzige Lage Magdeburgs sei schlimmer als nach den Schrecknissen des 3Ojährigen Krieges und l9l8 nach dem Ersten Weltkrieg.

 

Nicht ersparen konnte sich Präsident Dr. Hübener den Hinweis, daß Voraussetzung für eine erfolgreiche Aufbauarbeit das richtige Verhältnis zur Besatzungsmacht sei und den Weisungen der Sowjetischen Militär-Administration Folge geleistet werden müsse. Das waren Worte, die Rudolf Eberhard hart trafen, obwohl es ihm klar war, was nach dem für Nazideutschland verlorenen Krieg erwartet wurde.

 

In einem persönlichen Gespräch sagte Dr. Hübener später meinem Vater, er habe bei der Einführung befürchtet, mein Vater würde die Übernahme des Amtes noch ablehnen, weil er sehr, sehr ernst und nachdenklich gewesen sei.

 

Sich voll der Schwierigkeiten bewußt, die ihm durch die Anwesenheit der Sowjets bei der schweren Aufgabe, Magdeburg aus Not und Elend zu führen, bevorstanden, nahm Rudolf Eberhard das Amt jedoch an.

 

"Die vor uns stehenden Aufgaben sind ungeheuerlich! Wenn wir aber alle den Mut und die Kraft aufbringen, das Vergangene zu überwinden, dann erfüllen wir die Mission, die wir der heranwachsenden Generation gegenüber zu erfüllen haben. Wir müssen der Jugend die Kraft geben, die mit der Vergangenheit endgültig bricht, und die einem den Frieden liebenden Deutschland den Weg bahnt. Möge uns der Mut nie verlassen, wenn es gilt, Schwierigkeiten zu überwinden!"

 

sagte er in seiner Einführungsrede. *[20])

 

In der ersten Zeit nach der Übernahme der Magdeburger Amtsgeschäfte war Rudolf Eberhard zusätzlich noch an seiner vorangegangenen Wirkungsstelle in Bernburg tätig. Die Bernburger waren ja ganz abrupt vor die Tatsache gestellt worden, daß ihr Oberbürgermeister sie verlassen würde. Auf einer Sitzung des Blocks der antifaschistisch-demokratischen Parteien Bernburgs am 1. 2. 1946 wurde einstimmig beschlossen, je einen Vertreter der Parteien zur Provinzialverwaltung und zur SMAD nach Halle zu entsenden und folgende Entschließung vorzulegen:

 

"Die heute versammelten Mitglieder des Blocks der antifaschistisch-demokratischen Parteien bitten dringend, Herrn Eberhard in seinem Amte als Oberbürgermeister der Stadt Bernburg zu belassen.

Begründung:

Herr Eberhard hat sich in seiner 4 1/2-monatigen Tätigkeit als Oberbürgermeister der Stadt Bernburg nicht nur das Vertrauen sämtlicher Mitglieder des Blockes der antifaschistisch-demokratischen Parteien, sondern der gesamten Bevölkerung erworben. Es bedeutet für die Stadt Bernburg einen nicht wiedergutzumachenden Verlust, wenn Herr Oberbürgermeister Eberhard Bernburg verlassen müßte.

Er ist insbesondere infolge seiner über 25jährigen Tätigkeit im Bezirk Anhalt mit sämtlichen wirtschaftlichen Fragen des Dessauer Bezirks völlig vertraut und hat sich insbesondere für die sehr wichtigen wirtschaftlichen Belange der Stadt Bernburg energisch eingesetzt.

Wir halten es für sehr schwierig, an seine Stelle einen Nachfolger zu finden, der in gleicher Weise im Interesse der Stadt und ihrer wirtschaftlichen Entwicklung tätig sein könnte, zumal große Probleme für die Wiedererrichtung einer lebenswichtigen Industrie zu meistern sind.

Durch die Berufung des Herrn Eberhard zum Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg würden zwar die Schwierigkeiten in Magdeburg behoben, dafür aber für die Stadt Bernburg solche bereitet, die sie erstmalig vor 4 1/2 Monaten durch die Berufung des Herrn Eberhard überwunden hat." *[21])

 

Doch die Bemühungen der Bernburger Delegation hatten keinen Erfolg. Rudolf Eberhard blieb Oberbürgermeister von Magdeburg.

 

Magdeburger Stadträte im Jahr 1946

 

Bei seiner Amtsübernahme hatte Rudolf Eberhard in Magdeburg mehrere sehr zuverlässige Stadträte und Mitarbeiter angetroffen, die der SPD und den bürgerlichen Parteien angehörten.

 

Der Sozialdemokrat Georg Dietrich *[22]) war als Stadtrat für die

- durch die Besatzungsmacht bedingt - überaus schwierige Aufgabe der Finanzwirtschaft und der Rechtsfragen zuständig. In seinem Rechenschaftsbericht über die im ersten Jahr nach dem Hitlerkrieg geleistete Arbeit würdigte Oberbürgermeister Eberhard ihn mit folgenden Worten: "Der Zentralpunkt der Stadtverwaltung lag zu allen Zeiten in der Finanzwirtschaft. Alle Aufbaupläne sind zum Scheitern verurteilt, wenn nicht in einem geordneten Finanzwesen die Voraussetzungen für die Durchführung der vielfachen Aufgaben geschaffen werden." *[23])

 

Auf dem Gebiet der Volksbildung stand der sozialdemokratische Stadtschulrat Oskar Linke *[24]) Rudolf Eberhard zur Seite. Er war beim Aufbau des Schulwesens erfolgreich tätig. Die Schüler mußten von nazistischem Gedankengut, mit dem sie während der Hitlerdiktatur konfrontiert worden waren, befreit werden.

 

Dieses Problem war meinem Vater auch aus persönlicher Erfahrung wohlbekannt, wie sicher auch Stadtschulrat Linke, der eine Tochter etwa in meinem Alter hatte. Wir hatten unsere Schulausbildung während der Nazizeit gehabt. Obwohl wir damals zum Teil auch noch Lehrer hatten, die, wie zu merken war, keine "Nazis" waren, kam es mitunter vor, daß etwas gesagt wurde, was ich nicht akzeptieren konnte, weil es ganz im faschistischen Sinn war. Ich erzählte das zu Hause, und mein Vater erklärte mir den wahren Sachverhalt. Gut erinnerlich ist mir noch, daß mein Vater mitunter einige Stellen aus Hitlers "Mein Kampf" vorlas. Während die Familie des Abends zusammensaß und mitunter Gesellschaftsspiele machte, saß mein Vater dabei und las, und so auch Hitlers "Mein Kampf". Wenn er darin eine interessante Stelle fand, aus der schon klar die späteren Absichten zu erkennen waren, die unausweichlich zum Krieg führen mußten, unterbrach er unser Spiel und las uns diese vor. Er hielt es für wichtig, mich über den Faschismus aufzuklären. Er wußte aber auch, daß für die meisten jungen Menschen diese Möglichkeit nicht bestand.

 

Starke Probleme bereiteten in der Nachkriegszeit fehlende Räume. Von 67 Magdeburger Schulen waren nur noch 7 vollkommen erhalten.

 

Mit zum Verdienst Oskar Linkes gehörte es, daß das kulturelle Leben in Magdeburg neue Impulse erhielt. Organisatorisch wurden diese Aufgaben dem Kulturdienst übertragen. Er gab sich selbst seinen Namen, weil er das Dienen an der Kultur als obersten Grundsatz betrachtete. Die Städtischen Bühnen nahmen durch den Kulturdienst einen bedeutenden Aufschwung. Nach dem Krieg waren alle Theatergebäude zerstört. Im früheren Vereinshaus, dem späteren "Haus der Kunst" in der Otto-von-Guericke-Straße, wurde eine neue Stätte geschaffen. Insgesamt bespielten später die Städtischen Bühnen vier Häuser und gaben im Bezirk Magdeburg

Gastspiele. Durch diese organisatorischen Maßnahmen besaß Magdeburg schon die größte Theatergemeinde, bevor mit dem Theaterbau begonnen wurde. *[25]) Ein wesentlicher Beitrag wurde zur Lösung der Frage geleistet, die Werktätigen an die Stätten der Kunst zu führen.

 

Stadtrat Willi Plumbohm *[26]), ein alter sozialdemokratischer Kommunalpolitiker, leitete das Wohnungsdezernat. Durch sein Wirken im gemeinnützigen Wohnungsbau, insbesondere im Verein für Kleinwohnungswesen, war er vielen Magdeburgern schon aus der Zeit vor 1933 bekannt. Bei der großen Zerstörung und dem dadurch ungeheuren Mangel an Wohnraum leitete er das Amt unter den schwierigsten Bedingungen mit seiner bekannten Energie und Umsicht, wie Rudolf Eberhard es ausdrückte. *[27])

 

Für das Gesundheits- und Krankenhauswesen war Stadtmedizinalrat Dr. Hans Schmidt, der Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) war, zuständig. Das Gesundheitswesen der Stadt Magdeburg hatte sich beim Einrücken der alliierten Truppen auf allen Gebieten in einem trostlosen Zustand befunden, dem mit viel Umsicht zu begegnen war. Oberbürgermeister Eberhard führte in seinem Rechenschaftsbericht über ein Jahr Aufbauarbeit als einen Hinweis auf die geleistete Arbeit der Gesundheitsverwaltung aus, daß am l8. 4. l945 in Magdeburg 298 Krankenhausbetten zur Verfügung standen, während es am 22. 7. l946 bereits 2365 Betten waren. *[28])

 

Der erfahrene Stadtbaurat Gerhard Gauger, Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei (LDP), der schon unter dem bekannten in Magdeburg als Stadtbaurat von 1921 bis 1924 tätigen Bruno Taut gearbeitet hatte, war bei Rudolf Eberhards Amtsübernahme für das Bauwesen verantwortlich. Die Bauverwaltung legte das Hauptgewicht auf die Wiederinstandsetzung des beschädigten Wohnraums, wobei sich der Mangel an Baumaterial hier wie auch bei der Wiederinstandsetzung der zerstörten städtischen Gebäude, der Verwaltungsräume, der Krankenhäuser, Schulen und vielem anderen sehr hinderlich auswirkte. Das eigentliche Problem, ein neues Magdeburg zu schaffen, wurde trotz aller Schwierigkeiten bei der Aufgabe, die noch erhaltbaren Häuser vor weiterem Verfall zu schützen, nicht vernachlässigt. *[29]) Als eine der ersten deutschen Städte schrieb Magdeburg l946 einen gesamtdeutschen Städtebauwettbewerb aus.

 

Im April l946 wurde ein besonderes Dezernat für die Enttrümmerung und den Neuaufbau geschaffen, für das der aus der Bauhüttenbewegung kommende langjährige Sozialdemokrat Erich Koß *[30]) als Stadtbaurat gewonnen werden konnte.

 

Große Schwierigkeiten hatte Rudolf Eberhard vor allem in politischer Hinsicht mit den Kommunisten in der Stadtverwaltung. Bürgermeister und damit sein Vertreter war bei seinem Amtsantritt der Kommunist Walter Kaßner. Er war für die städtischen Betriebe und den Verkehr zuständig. Walter Prinsky, ein völlig unfähiger Kommunist, war als Stadtrat für das Fürsorgewesen und der Kommunist Richard Weiß als Stadtrat für das Umsiedlerwesen zuständig.

 

Rudolf Eberhard konnte erreichen, für alle neu zu besetzenden Stellen fachlich qualifizierte und politisch für ihn zuverlässige Mitarbeiter zu gewinnen. Natürlich wurde von kommunistischer Seite her das zu verhindern versucht. Seine Vorstellungen der Stellenbesetzungen hatte Rudolf Eberhard schon gleich nach seiner Amtsübernahme offen angesprochen. So sagte er bei seiner Vorstellung am 11. Februar 1946 vor den Parteien des antifaschistischen Blocks, wie sie genannt wurden, daß er für die Erfüllung seiner Aufgaben einen Stab von fähigen Mitarbeitern benötige, zu denen er unbedingtes Vertrauen haben könne. *[31])

 

Am l5. März l946 nahm der Sozialdemokrat Richard Freisleben seine Arbeit in der Stadtverwaltung als Stadtrat für das Dezernat Handel und Versorgung auf. Er führte die Organisation des Amtes unter schwierigsten personellen und sachlichen Voraussetzungen durch. In seinem Rechenschaftsbericht über die im ersten Jahr nach dem Hitlerkrieg geleistete Arbeit sagte Oberbürgermeister Eberhard zu den Schwierigkeiten dieses Amtes: "Wer nicht täglich in dieser Arbeit steht, wer sich nicht stündlich mit dieser Aufgabe zu befassen hat, kann nicht die Aufgaben ermessen, die zu lösen den leitenden Männern des Amtes Handel und Versorgung obliegt. Welcher Anstrengungen es bedurfte und bedarf, den ärgsten Feind, den Hunger, aus dem Felde zu schlagen und das gesamte Wirtschaftsleben wieder zu stabilisieren, können nur wenige beurteilen. Es ist die Aufgabe des Amtes, sich vom Samenkorn bis zum Endprodukt um alle einschlägigen Dinge zu kümmern. Dazu gehört neben der Planung und Lenkung auch eine gesunde Vorratswirtschaft. Sie muß geübt werden, um bei irgendwelchen Störungen, die sich durch Versagen des Transportsystems oder sonstige Umstände ergeben können, aus angelegten Vorräten eine Versorgung vornehmen zu können." *[32])

 

Einen versierten Fachmann für das Aufgabengebiet von Industrie und Wirtschaft als Stadtrat zu gewinnen, der in seinem Sinn arbeitete, war Oberbürgermeister Eberhard ein starkes Anliegen. Ewald Erfurth, ein Sozialdemokrat, erklärte sich bereit, diese Tätigkeit zu übernehmen. Rudolf Eberhard war überzeugt, daß Erfurth, den er aus der politischen Arbeit in Dessau vor 1933 kannte, aufgrund seiner Fachkenntnisse, seiner Gewandtheit und seiner politischen Einstellung die unter der Besatzung äußerst schwierige Aufgabe, Verbindung zwischen den Industrie-, Bau-, Handels-, Gewerbebetrieben und den deutschen Verwaltungsstellen sowie der SMAD herzustellen, bewältigen würde. Das stellte Stadtrat Erfurth in den folgenden Jahren auch unter Beweis.

 

Kontakt mit der Bevölkerung

 

Die Stadtverwaltung hielt ständig engen Kontakt mit der Bevölkerung. *[33]) Rudolf Eberhard war es ein Anliegen, den Menschen nach der l2jährigen Hitlerdiktatur neue moralische und geistige Werte zu vermitteln. Schon in den ersten Wochen seiner Amtstätigkeit suchte er die Belegschaften der großen Werke auf, um mit ihnen die gewaltigen Verpflichtungen der Zeit zu besprechen. In persönlichen Gesprächen lernte er die Sorgen und Nöte der Magdeburger kennen. Es war klar zu erkennen, daß der überwiegende Teil der Bevölkerung keinerlei Sympathie für die sowjetische Besatzungsmacht hatte. Die Menschen hofften auf ein baldiges Ende der Besatzungszeit. Rudolf Eberhard schreckte nicht davor zurück, die Bevölkerung auf den Ernst der Lage hinzuweisen und rief sie auf, mitzuhelfen, die schwierige Lage zu überwinden. "Der Oberbürgermeister fand immer wieder den richtigen Ton, um Mißverständnisse zu zerstreuen und Anregungen für die gemeinsame Aufbauarbeit zu geben," schrieb das Volksblatt am 2l. 3. l946. *[34]) Auch leitende Männer der Stadt machten in Betriebsversammlungen die Werktätigen mit der Gemeindepolitik vertraut. Der enge Kontakt mit der Bevölkerung zeigte sich eindrucksvoll in den von der Stadtverwaltung veranstalteten großen Kundgebungen.

 

Sehr bald war Rudolf Eberhard nach seiner Amtsübernahme klar geworden, daß bei dem hohen Zerstörungsgrad, den die Stadt Magdeburg aufwies, der Neuaufbau mit besonderen Mitteln erfolgen müßte. Althergebrachte Erfahrungen konnten bei den ungeheuren Problemen, die zu bewältigen waren, nichts nutzen. Er erkannte, daß die neue Stadt nur mit Hilfe der Bevölkerung und deren Ge


Zerstörte Straße in Magdeburg-Neustadt

 

Oberbürgermeister Eberhard spricht zur Bevölkerung


meinsinn geschaffen werden konnte. Die Gesamtheit der Magdeburger Einwohnerschaft für die großen Aufgaben der Stadt zu interessieren, hielt er für äußerst wichtig. Er wollte den hohen sittlichen Wert der zu leistenden Arbeit den Menschen nahe- bringen, ihr vor allem Fortschritte in den Arbeiten zeigen und so Mut zum Wiederaufbau und Freude daran geben. Von Anfang an vertrat er die Meinung und sprach darüber auch zu den Magdeburgern, daß der Aufbau Magdeburgs die Aufgabe der gesamten Bevölkerung der Provinz sein müsse. *[35])

 

Gründung des Neuaufbauamtes

 

In dem SBZ-Handbuch, herausgegeben von Martin Broszat und Hermann Weber, wird darauf hingewiesen, daß es auf der Ebene der erst im Aufbau begriffenen Landes- und Provinzialverwaltungen zunächst keine Rahmenpläne zum Neuaufbau der Städte gab. Trümmerbeseitigung und Wiederaufbau blieben Aufgabe der einzelnen Kommunalverwaltungen. *[36])

 

Die Magdeburger städtische Bauverwaltung unter der Leitung von Stadtbaurat Gauger stand mit den Arbeiten zur Wiederinstandsetzung der Gebäude vor riesengroßen Aufgaben. Die Kräfte der Bauverwaltung waren durch ihre Bautätigkeit so stark angespannt, daß ihnen nicht auch noch die riesenhafte Aufgabe der Enttrümmerung und des planvollen Neuaufbaues übertragen werden konnte. Rudolf Eberhard hielt es darum für dringend erforderlich, ein besonderes Dezernat für die Enttrümmerung und den Neuaufbau zu schaffen. Äußerst wichtig war es, hierfür den geeigneten Fachmann zu finden.

 

Rudolf Eberhard war überzeugt, daß der erfahrene Baufachmann Erich Koß, ein Sozialdemokrat von Jugend an, dessen Leistungen in der Bauhüttenbewegung ihm durch seine wohnungspolitische Tätigkeit in Anhalt in der Weimarer Republik bekannt waren, seine Vorstellungen in die Tat umsetzen und eigene Initiativen entwickeln würde.

 

Zufällig war ich dabei, als mein Vater an einem Sonntag Herrn Koß aufsuchte, der in Dessau eine Baufirma betrieb. Mein Vater unterhielt sich mit ihm über die schweren Aufgaben in Magdeburg und über seine Vorstellungen für die Inangriffnahme des Wiederaufbaus, wozu es eines klaren Planes bedürfe. Er sprach auch darüber, daß für den Neuaufbau Magdeburgs die Bevölkerung des ganzen Landes aufgerufen werden müsse.

 

Dann sagte mein Vater zu Herrn Koß, daß er für die überaus schwere Aufgabe der Enttrümmerung und des Neuaufbaus Magdeburgs an ihn gedacht habe und es sehr begrüßen würde, ihn als Stadtbaurat in Magdeburg zu haben. Ich sehe heute noch Herrn Koß, wie er äußerst interessiert meinem Vater zugehört hatte und dann zu seiner Frau sagte, daß er in Magdeburg eine Aufgabe sehe, für die es lohne zu arbeiten.

 

Weil es äußerst wichtig war, daß Erich Koß seine Arbeit in Magdeburg bald aufnahm, trat er das Amt des Stadtbaurats bereits am l. April l946 an.

 

Stadtbaurat Erich Koß 1946

Im Mai l946 wurde das Neuaufbauamt unter Leitung von Stadtbaurat Koß gebildet. Es sah seine Aufgabe darin, durch eine planvolle Enttrümmerung und durch die Schaffung von geeigneten Anlagen die Voraussetzungen für einen planmäßigen Aufbau Magdeburgs zu erreichen.

 

In einer Kundgebung am l2. Mai l946 wurden die Magdeburger über den Plan für den Aufbau der Stadt und die erforderlichen bauwirtschaftlichen Maßnahmen unterrichtet.

 

Unter Heranziehung der wenigen zur Verfügung stehenden Baustoffe stand zunächst weiter die Wiederinstandsetzung der Wohnungen im Vordergrund. Sehr erschwerend wirkten sich die Reparationslieferungen an die Sowjetunion aus. So mußte die Zuteilung von Zement zeitweise eingestellt werden.

 

Mit bewundernswerter Tatkraft und Entschlossenheit hatte die Magdeburger Bevölkerung in den Sommer- und Herbstmonaten des Jahres 1945 Aufräumungs- und Enttrümmerungsarbeit geleistet. Doch mußte bedenklich stimmen, daß nach dem begonnenen System dieser Pflichtarbeit die Enttrümmerung Jahrzehnte in Anspruch genommen hätte. Nach einem neuen Aufbauplan wurde die Pflichtarbeit in Aufbauarbeit umgewandelt. Sie schuf die sonst fehlenden zusätzlichen Arbeitskräfte und war gleichzeitig auch die Finanzquelle, aus der Mittel für die Abfuhr des unbrauchbaren Schuttes flossen. Als Einnahmequellen dienten der Verkauf von Baustoffen und Bauteilen, die aus den Trümmern geborgen und für eine Wiederverwendung aufbereitet werden konnten, sowie das Entgelt, das die Betriebe für Arbeitskräfte bezahlten, die für den Wiederaufbau ihrer Unternehmen von der Enttrümmerungsarbeit freigestellt wurden.

 

Werktätige in den Betrieben und der Verwaltung arbeiteten freiwillig einige Monate hindurch 54 Stunden, was nach den Worten von Rudolf Eberhard bei der grundsätzlichen und geschichtlichen Bedeutung der 48stündigen Arbeitswoche, des 8-Stunden-Tages, um den jahrzehntelang gekämpft wurde, nicht hoch genug bewertet werden konnte.

 

Die ersten Pläne für den Aufbau Magdeburgs, die das Ergebnis eines Ideenwettbewerbs waren, wurden in einer Ausstellung im Mai 1946 der Magdeburger Bevölkerung gezeigt. An die praktische Ausführung neuer Bauwerke war in absehbarer Zeit natürlich nicht zu denken. Die Neugestaltung der Stadt bedurfte einer weitschauenden Planung. Der Leitgedanke, entsprechend der geschichtlichen Verpflichtung eine Stadt kultureller Werke und regen geistigen Lebens neu erstehen zu lassen, drückte sich in den Plänen aus.

 

Der Schaffenswille der Magdeburger Architekten zeigte sich.

43 Architekten waren die unentgeltlichen Helfer des Neuaufbauamtes bei der Prüfung von Baustoffanträgen. Ohne ihre Mitarbeit wäre es nicht möglich gewesen, über die Baustoffanforderungen sachgemäß zu entscheiden. *[37])

 

Entgegen allen Vorbehalten der KPD/SED gegenüber der demokratischen Selbstverwaltungstradition gab es angesichts der massiven Zwänge der Notbewältigung vor allem in den kriegszerstörten Städten wie Magdeburg kaum eine andere Möglichkeit, als kommunale Eigeninitiative zu tolerieren. *[38])

 

Arbeitsgemeinschaft ausgebombter Städte

 

Als alter Gewerkschafter war Rudolf Eberhard ein Anhänger der Idee, daß sich in Not geratene Schicksalsgefährten durch gemeinsames Handeln helfen müssen. Als er bei seinem Amtsantritt die Trümmer seiner Vaterstadt Magdeburg sah, hatte er sofort erkannt, daß eine Stadt in dieser Not sich auf eine Gemeinschaft, die den gleichen Kampf zu führen hat, stützen muß. Er setzte sich darum zunächst mit den drei Städten Sachsen-Anhalts Halberstadt, Dessau und Zerbst in Verbindung, die neben Magdeburg zu den schwerstbeschädigten zu rechnen waren. Dort fand er sogleich Verständnis für seinen Plan.

 

Im Mai l946 konnte die Arbeitsgemeinschaft für die vier kriegszerstörten Städte der Provinz Sachsen gegründet werden, der sich später noch die Städte Merseburg und Eilenburg anschlossen. Die Gründung sei erfolgt, so führte Oberbürgermeister Eberhard in der ersten Sitzung der Arbeitsgemeinschaft aus, um nicht einzeln, sondern mit gemeinsamen Vorschlägen an die Provinzialverwaltung heranzutreten. Die Bildung der Arbeitsgemeinschaft verfolge nicht irgendwelche egoistischen Motive zugunsten einzelner Städte. Triebfeder des Handelns sei vielmehr die Verpflichtung gegenüber der Bevölkerung der vier Städte, mit einheitlichem Willen an den systematischen Aufbau heranzugehen.

 

Als Aufgaben der Arbeitsgemeinschaft wurden die Einflußnahme auf die Lenkung der Baustoffe unter besonderer Berücksichtigung der Notlage der kriegszerstörten Städte, Lenkung des Einsatzes der Arbeitskräfte, Umschulung, Normung der Bauteile und andere Probleme der Rationalisierung bezeichnet. Erörtert wurden ferner Aufgaben der Bauforschung, technische, wirtschaftliche und organisatorische Probleme einer rationellen Enttrümmerung und besitzrechtliche Fragen.

 

Die Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte nahm den von Rudolf Eberhard seit Beginn seiner Amtstätigkeit in Magdeburg vertretenen Gedanken der Gesamtverantwortlichkeit für den Aufbau der zerstörten Städte auf und strebte die Solidarität der gesamten Bevölkerung der Provinz an.

 

Die Erstellung einer Aufbauverordnung wurde für notwendig gehalten, damit der Aufbau an wichtigen Stellen beginnen könne. Die Arbeitsgemeinschaft war sich aber darüber einig, daß diese Verordnung einer späteren gesamtdeutschen gesetzlichen Regelung nicht vorgreifen dürfe. *[39])

 

Von Anfang an wurde die Arbeitsgemeinschaft von der Provinzialverwaltung und später von der Landesregierung Sachsen-Anhalt als die Vertreterin der kriegszerstörten Städte des Landes anerkannt. Der Leiter der Abteilung Bau-, Wohnungs- und Siedlungswesen des Ministeriums für Arbeit und Sozialfürsorge nahm regelmäßig an den Konferenzen der Arbeitsgemeinschaft teil. Dadurch war die Möglichkeit einer aktivem Zusammenarbeit mit der Landesregierung, eines ständigen Gedankenaustausches über die Lage und die besonderen Bedürfnisse der kriegszerstörten Städte gegeben, die bei der Organisation der Baustofflenkung und Baustoffzuteilung Berücksichtigung fanden.

 

Mit dem Vertreter der Landesregierung wurden außerdem Probleme besprochen, die sich auf die gesetzliche Regelung von Boden- und Aufbaurecht bezogen. Die auf praktischen Erfahrungen gegründeten Vorschläge der Arbeitsgemeinschaft fanden bei der Landesregierung die gebührende Beachtung. Es wurde davon ausgegangen, daß sie bei endgültigen gesetzgeberischen Entscheidungen, die bei der allgemeinen Bedeutung der Materie über Landesgrenzen hinausführten, mit großem Nutzen zu verwerten seien. *[40])

 

Arbeit bis in die frühen Morgenstunden

 

Häufig war es Rudolf Eberhard nicht möglich, die eingegangene Post während seiner Dienstzeit zu erledigen. Er nahm sie von seiner Dienststelle, die sich in einem Gebäude in der Gerhart-Hauptmann-Straße befand, weil das Rathaus durch Kriegseinwirkung eine Ruine war, mit nach Hause. In Stichworten schrieb er seine gewünschte Antwort oder seine Entscheidungen unter die Briefe. Die Zeit, die er sonst am nächsten Tag zum Diktieren benötigt hätte, war kostbar. Er hatte eine sehr tüchtige, hochgebildete Sekretärin, Frau Timme, die nach den Notizen meines Vaters gewissenhaft die Post erledigte, um sie daraufhin ihm zur Unterschrift vorzulegen. Sie hatte sehr viel


Rudolf Eberhard mit Ehefrau Käthe und Tochter Gerda 1946


Geschick, im Sinne meines Vaters die richtige Formulierung zu finden. Kein Brief blieb unbeantwortet. Es ging viel Post aus der Magdeburger Bevölkerung ein, die Rudolf Eberhard sehr ernst nahm. Sie trug doch mit dazu bei, die Ängste und Nöte der Menschen kennenzulernen und Wege einzuleiten, Abhilfe zu schaffen, wenn dies möglich war.

 

Er bereitete in den Abend- und Nachtstunden zu Hause auch seine Reden vor, die er zu den verschiedensten Anlässen hielt. Ich hörte am liebsten, wenn er völlig frei aus der Situation heraus zu der Bevölkerung sprach. Die Menschen spürten, daß er sich mit großer Hingabe für sie einsetzte. Das machte ihn sehr beliebt.

 

Im Winter saß unsere Familie, meine Mutter, mein Großvater, meine Tante und ich, solange ich noch zu Hause wohnte oder zu Besuch in meinem Elternhaus war, im Wohnzimmer zusammen. Es herrschte ja ein ungeheuerer Kohlenmangel, und wir heizten nur einen Raum, das mitunter auch nur notdürftig. "Macht Ihr es Euch gemütlich", munterte uns mein Vater auf, "und gönnt Euch auch einmal ein Gläschen Schnaps". Das war damals das Getränk, was es mitunter zu kaufen gab, manchmal war auch Saale-Unstrut-Wein erhältlich. "Mich laßt aber bitte arbeiten, Ihr stört mich nicht," sagte er. Er konnte ganz konzentriert seine Dienstgeschäfte erledigen, während wir dabei saßen und erzählten. Wenn wir uns hinlegten, arbeitete er weiter, nicht selten bis in die frühen Morgenstunden.

 

Möglichst keine Belastung der Familie

 

Es war zu spüren, daß mein Vater versuchte, möglichst die von der stalinistisch geprägten Besatzungsmacht und ihren deutschen Helfershelfern verursachten Widerwärtigkeiten von der Familie fernzuhalten. Seine Arbeit war sehr aufreibend, die zu treffenden Entscheidungen mußten gut durchdacht sein, damit die sowjetische Besatzung sie nicht verwarf. Oft mußte auch Verschwiegenheit herrschen, um die Resultate nicht zu gefährden. Über solche grundlegenden Angelegenheiten sprach mein Vater schon mitunter zu uns, während er über das, was uns wahrscheinlich aufgeregt hätte, schwieg. Wenn etwas gut gelungen war, berichtete er davon, ohne daß wir vorher wußten, mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen gehabt hatte.

 

So erzählte er einmal eine recht lustige Begebenheit. Er war mit einem sowjetischen Offizier in seinem Dienstwagen in Richtung Elbe gefahren, um eine Brückenangelegenheit zu regeln. Ich habe leider vergessen, um welche Brücke und um welche genauen Umstände es sich handelte. Der Offizier war von dem Radio im Wagen meines Vaters ganz beeindruckt und sagte, daß er sich ein solches auch wünsche. Mein Vater bot an, es ihm zu schenken. Der Offizier war begeistert und nahm das Geschenk an. Bei den anschließenden Verhandlungen war er zu allem bereit, was mein Vater sich vorstellte, und mein Vater hatte wieder etwas für Magdeburg erreicht.

 

Ein anderes Mal war er wieder mit einem sowjetischen Offizier unterwegs, um in einem Werk über Reparationsleistungen zu verhandeln. Um diese abzuwenden oder möglichst gering zu halten, nahm mein Vater oft eine sehr harte Position ein. Leider gibt es darüber ja keine Unterlagen. Wir wissen nur, wie groß die Reparationsleistungen waren. Das, was aber von deutscher Seite trotz allem abgerungen wurde, ist nicht bekannt. Mein Vater hatte mit dem Offizier schon zuvor heftig verhandelt. Als mein Vater mit ihm darauf durch die Stadt fuhr, sagte der Offizier, während sie an einem Denkmal vorbeikamen: "Hier wird einmal ein Denkmal von Oberbürgermeister Rudolf Eberhard stehen."

 

Manche Anekdote, so könnte man es nennen, mit den ehemaligen Kommunisten mutete fast grotesk an. Mein Vater erzählte uns öfter davon, und wir hatten nur ein Lächeln dafür übrig. Wir waren der Meinung, daß deren Machenschaften keinen Bestand haben würden, und es nur eine Frage der Zeit sein könne, bis dieses Ränkespiel zu Ende ging. Doch leider irrten wir sehr.

 

Meiner Mutter erzählte mein Vater einmal, daß der kommunistische Stadtrat Prinsky ihn so in Wut gebracht habe, daß er ausrief: "Du bist ja dümmer, als es die Polizei erlaubt." Meine Mutter, die mir das


Oberbürgermeister Eberhard übergibt Elbbrücke dem Verkehr, Frühjahr 1946


wiedererzählte, war wie ich der Meinung, daß es ganz ungewöhnlich für meinen Vater war, so etwas zu sagen. Prinsky muß ihm so auf die Nerven gegangen sein, daß er sich zu einer solchen Bemerkung hinreißen ließ. Später rächte sich Prinsky dafür sehr.

 

Im allgemeinen war mein Vater sehr beherrscht und diplomatisch.

Das waren Eigenschaften, bestimmt notwendig, um mit der Besatzungsmacht umzugehen und sich nicht ihrem Willen zu unterwerfen, wenn das nur irgendwie möglich war.

 

Bei Theaterbesuchen im "Haus der Kunst" in der Otto-von-Guericke-Straße fand mein Vater des öfteren Entspannung. Die Theater hatten ja Bombenschäden erlitten. Er konnte sich für Kunst sehr begeistern. Besonders gern sah er gute Schauspiele, aber auch Konzerte und Opern genoß er. Erheiterung fand er in der sich damals durch einen ausgezeichneten Operettenregisseur sehr im Aufwind befindenden Operette. Sie war in einem ehemaligen Kino untergebracht.

 

Einladung beim sowjetischen Finazbeauftragten

 

Bei Besprechungen in der Kommandantur ließen die sowjetischen Offiziere meistens in bereitgestellte Wassergläser laufend Schnaps eingießen. Die Gesprächspartner waren gezwungen, ständig zu trinken. Mein Vater haßte das. Er wollte ja einen klaren Kopf bei den Verhandlungen behalten und durchsetzen, was er nur konnte. Er erzählte uns, daß er nach Möglichkeit mit dem Bedienungspersonal absprach, ihm anstelle von Schnaps Wasser einzugießen. Gelang das nicht, kippte er den Schnaps unbemerkt unter den Tisch.

 

Bei einem Theaterbesuch traf mein Vater den sowjetischen Finanzbeauftragten. Ich hatte meinen Vater begleitet, meine Mutter war plötzlich erkrankt und mußte zu Hause das Bett hüten. Der Finanzbeauftragte schien erfreut zu sein, auch die Tochter des Oberbürgermeisters kennenzulernen. Er lud meinen Vater zu sich nach Hause zum Essen ein.

 

Meine Mutter war wieder gesund, als mein Vater der Einladung folgte. Ich war an diesem Abend zu Hause, als ich von der Wohnung des sowjetischen Finanzbeauftragten aus angerufen und gebeten wurde, doch auch zum Essen zu kommen. Als ich dort eintraf, stellte ich fest, daß mit dem Beginn des Essens gewartet worden war, bis ich kam. Für mich war es dann sehr interessant, die russische Küche und russische Gewohnheiten kennenzulernen. Die sowjetische Familie hatte mehrere noch kleine Kinder, die alle mit uns aßen. Außer meinen Eltern war noch der damalige Bezirkspräsident, spätere Minister und Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Werner Bruschke, mit seiner Frau eingeladen. Nicht zuletzt auch durch die Kinder wurde es ein sehr unterhaltsamer und vergnüglicher Abend.

 

Auf dem Nachhauseweg sagte mir dann mein Vater, daß ich mich durch die Freundlichkeit nicht täuschen lassen solle. Der Finanzbeauftragte sei ein äußerst radikaler Verfechter der sowjetischen Finanzinteressen, und es habe schon viele Auseinandersetzungen mit ihm gegeben. Wollte der sowjetische Offizier meinen Vater gefügiger stimmen?

 

Über das Verhältnis Werner Bruschkes zur Besatzungsmacht gibt allein schon dessen Aufstieg 1949 zum Ministerpräsidenten Aufschluß, zu einer Zeit, als die SED sich zur Partei nach dem Vorbild der kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) entwickelt hatte.

 

Unterhaltung mit Gästen

 

Bei der starken Arbeitsbelastung blieb Rudolf Eberhard natürlich wenig Zeit für Geselligkeit. Es lag ihm überhaupt an einer solchen nur, wenn sie sich sinnvoll gestaltete. Oberflächliche Unterhaltungen schätzte er nicht. Seitdem ich ihn bewußt erlebte, war das schon so gewesen. Das bedeutete nicht, daß er andere nicht gewähren ließ, wenn sie daran Spaß hatten, er selber beteiligte sich dann aber nicht. Dabei war er sehr humorvoll und konnte eine Gesellschaft sehr zum Lachen bringen. Blitzschnell konnte er Gedichte verfassen. Immer war er führend im Gespräch. Er bestimmte das Thema der Unterhaltung. Vielleicht war ihm das gar nicht bewußt. Ich meine, es ergab sich einfach so. Die anderen kamen dadurch natürlich nicht so stark zur Geltung. Man könnte annehmen, daß das auf diese befremdend wirkte. Das habe ich aber nie erlebt; das Gegenteil war eher der Fall. Interessiert hörte man ihm zu. Ich kann mich besinnen, daß wir einmal mit sehr sympathischen Bekannten zusammen waren, deren Interessen aber auf ganz anderem Gebiet als die meines Vaters lagen. Bei der Verabschiedung hatten sie offensichtlich das Bedürfnis, ehrlich auszusprechen, daß sie einen geselligen Abend dieser Art noch nie erlebt hätten. Sie seien von dem, was ihnen die Unterhaltung an diesem Abend gegeben habe, sehr beeindruckt. Meistens hatten die Bekannten ja gleiche Interessen, und so war dadurch schon der Gegenstand der Unterhaltung gegeben.

 

Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED

 

Meinem Vater war schon von der Zeit vor l933 das, wie er es nannte, "Heil Moskau" der Kommunisten in abstoßender Weise in Erinnerung. *[41])

 

Willi Brundert *[42]), der wie mein Vater unter dem SED-Regime sehr litt und zum Freund meines Vaters wurde, schreibt in seinem im Jahr 1958 herausgegebenen Buch "Es begann im Theater": *[43])

 

"Zwischen dem demokratischen Sozialismus und dem Kommunismus besteht ein unüberbrückbarer Gegensatz. Sie haben nichts gemeinsam: weder im Ziel noch im Weg. Die Kommunisten bejahen die 'Diktatur des Proletariats'. Ihre Staatsordnung ist entsprechend den Grundsätzen moderner Einparteienstaaten totalitär bis zur letzten Konsequenz. Sie geben weder dem Einzelmenschen das Recht zur individuellen Entwicklung, noch respektieren sie den Mehrheitswillen des Volkes als Grundlage staatlicher Entscheidung. Gerade diese Forderungen aber gehören zu den wesentlichen Bestandteilen des sittlichen Fundaments einer sozialistischen und demokratischen Gesellschaftsordnung. Das Fundament des bolschewistischen Staates ist demgegenüber amoralisch. Hier gibt es keine Erziehung freier Menschen; hier wird das Volk als Masse angesprochen und gedrillt. Echte Erziehung ist die Forderung jeder demokratischen Ordnung, Drill dagegen das Kennzeichen aller totalitären Systeme."

 

Die sowjetische Besatzungsmacht hatte ja offensichtlich erkannt, daß die Kommunisten nicht in der Lage waren, die katastrophale Lage nach Kriegsende zu bewältigen. Wahrscheinlich zeigten sie sich darum gegenüber den anderen Parteien zunächst kompromißbereit. Ihre Absicht wird es gewesen sein, Hoffnungen zu erwecken, daß mit der Zeit immer mehr von deutscher Seite her durchzusetzen sei.

 

Erschreckend war jedoch, mit welcher Hartnäckigkeit und Brutalität von der sowjetischen Besatzungsmacht und ihren deutschen Helfershelfern Druck auf Sozialdemokraten ausgeübt wurde, um die Vereinigung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) mit der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) zu erzwingen.

 

Wir hörten schon 1945, zu der Zeit, als wir noch in Dessau wohnten, und dann auch in den Monaten von Dezember 1945 bis Mai 1946 in Bernburg, als dieses Städtchen unser Wohnort war, daß Sozialdemokraten zur sowjetischen Kommandantur bestellt und bearbeitet wurden, für den Zusammenschluß von SPD und KPD einzutreten. Sie konnten sich nur bei zuverlässigen Freunden aussprechen, die einzige Möglichkeit bestand darin, sich untereinander auf dem laufenden zu halten. Ich habe die damaligen Gespräche im vertrauten Kreis als sehr bedrückend in Erinnerung. Diese Situation ist heute, wo wir über das aktuelle Geschehen auf dem laufenden sein können, kaum vorstellbar. Es gab sicher eine große Anzahl von Sozialdemokraten, die nicht informiert waren, wie ihre Gesinnungsgenossen von der Besatzungsmacht bedrängt wurden, für die Vereinigung einzutreten. Die Gefahr bestand ja, daß diejenigen, die darüber sprachen, unter irgend einem Vorwand verhaftet wurden. Von vielen, die dieses Schicksal traf, wurde nichts mehr gehört, sie verschwanden einfach.

 

Schmerzlich war es für meinen Vater, daß Menschen, die er sehr schätzte, mit denen er nach Zerschlagung der Hitlerdiktatur ein demokratisches Leben aufbauen wollte, in den Westen gingen, keine Möglichkeit sahen, sich unter der sowjetischen Besatzungsmacht zu behaupten. Darunter waren Redakteure der alten Dessauer sozialdemokratischen Zeitung "Volksblatt".

 

In Dessau war mein Vater sehr bekannt und war dadurch gut unterrichtet. Zum Glück funktionierte das dann aber auch in Bernburg. Die führenden Bernburger Sozialdemokraten habe ich noch als sehr bodenständige, aufrechte Menschen in Erinnerung. Es bedurfte für sie keiner Frage, daß ein Zusammenschluß mit der KPD vermieden werden sollte. Die Magdeburger Sozialdemokraten mußte mein Vater erst genau kennenlernen, um abschätzen zu können, ob es darunter nicht auch jemanden gab, zu dem er nicht ganz offen sein konnte. Es war darum für ihn aus politischer Sicht sehr wichtig, daß er sich mit Sozialdemokraten umgab, die er kannte und zu denen er Vertrauen haben konnte.

 

Uns wurde klar, daß eine Vereinigung von SPD und KPD nicht abzuwenden war und sie nach stalinistischer Methode, wenn nicht anders zu erreichen, erzwungen werden würde. Hoffnung setzten die Sozialdemokraten darauf, daß sie nicht nur zahlenmäßig, sondern auch intellektuell den Kommunisten weit überlegen waren. Sie glaubten, in einer Einheitspartei sich gegenüber den Kommunisten durchzusetzen, wenn auch die Macht der sowjetischen Besatzung zu berücksichtigen war, die ja die Kommunisten unterstützte. Die geistige Unterlegenheit der Kommunisten hatte sich in Anhalt schon bei den sogenannten Antifa-Ausschüssen, denen alle Parteien angehörten, gezeigt, während in Magdeburg der Einfluß der Sowjets und Kommunisten in diesen Ausschüssen wohl stärker gewesen sein muß.

 

Daß mein Vater von der Besatzungsmacht bearbeitet wurde, für die Vereinigung einzutreten, ist mir nicht bekannt. Der massive Druck, der auf Sozialdemokraten ausgeübt wurde, fiel ja gerade in die Zeit, als mein Vater auf sowjetischen Befehl zuerst Oberbürgermeister von Bernburg und dann von Magdeburg wurde. Er wurde zum Aufbau der Verwaltung gebraucht. Darum sollte das Risiko, ihn unter Druck zu setzen, wahrscheinlich nicht eingegangen werden. Es war ja bekannt, wie stark er sich gegen den NKWD in Bernburg behauptete.

 

Es gab einige, wenn auch nicht viele Sozialdemokraten, von denen man annehmen konnte, daß sie sich aus Überzeugung für ein Zusammengehen der beiden Parteien aussprachen. Das von ihnen angeführte Argument, daß durch die Spaltung der Arbeiterklasse schon einmal der Faschismus zur Macht gelangte, war einleuchtend.

 

Eine Anzahl Sozialdemokraten stimmten einer Vereinigung von SPD und KPD aber nur aufgrund des starken Drucks der Besatzungsmacht zu. Mir wurde das bei einem Telefongespräch mit einer Dessauer Bekannten, Frau Pönisch *[44]), vor einiger Zeit wieder sehr deutlich. Sie war in der ersten Nachkriegszeit sehr viel bei der Familie Jungmann gewesen. Fritz Jungmann war damals der Parteivorsitzende der SPD in Dessau. Frau Pönisch erzählte mir, sie erinnere sich deutlich, daß Fritz Jungmann einmal sehr aufgeregt nach Hause gekommen sei und erzählt habe, daß er beim NKWD eine ganze Nacht hindurch sowohl psychisch als auch physisch bearbeitet worden sei, seine Zustimmung zur Vereinigung von SPD und KPD zu geben. Er sei so erschöpft gewesen, daß er schließlich zugestimmt habe. Er wolle sich ja doch nicht verhaften lassen, habe er gesagt. Es sei ihm deutlich anzumerken gewesen, daß er in der Nacht beim NKWD Schreckliches durchgemacht haben mußte.

 

In Magdeburg wurde auf der Bezirksdelegiertenkonferenz am 3O. und 3l. März l946 der Vereinigung von SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zugestimmt. Rudolf Eberhard nahm daran nicht teil. Er wohnte bis Mai l946 noch in Bernburg und gehörte bis dahin der Bernburger SPD an. In Bernburg fand keine SPD-Veranstaltung den Zusammenschluß von SPD und KPD betreffend statt.

 

Auf dem Parteitag in Berlin am 21./22. April 1946, an dem Rudolf Eberhard ebenfalls nicht teilnahm, wurde die Bildung der SED beschlossen. Als gleichberechtigte Vorsitzende wurden der aus der SPD kommende Otto Grotewohl und der aus der KPD kommende Wilhelm Pieck gewählt.

 

Automatisch wurde Rudolf Eberhard wie alle Sozialdemokraten ohne eigenes Zutun nach der Vereinigung am 21./22. April l946 in Berlin in die SED übernommen.

 

Das Ziel der aufrechten Sozialdemokraten nach der Zwangsvereinigung war, innerhalb der SED sozialdemokratischen Einfluß auszuüben, die SED nicht zu einer stalinistischen Partei werden zu lassen. Das erschien anfangs möglich, weil die SED sich zunächst als eine neue Partei ohne Fortsetzung der Politik der KPD darstellte. Auf dem Vereinigungsparteitag am 2l./22. April l946 war der Ausbau der Selbstverwaltung auf der Grundlage demokratisch durchgeführter Wahlen gefordert worden. *[45])

 

Dennoch war zu erwarten, daß eine Amtsführung nach Rudolf Eberhards sozialdemokratischem Verständnis von kommunistischer Seite her auf Widerstand stoßen würde. Stalinisten konnten Menschen, die eigene Gedanken und Vorstellungen entwickelten, nicht akzeptieren. Ohne diese war die schlimme Situation nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch nicht zu bewältigen, waren die Trümmer nicht zu beseitigen.

 

Mein Vater war von der Aufgabe des Wiedererstehens Magdeburgs so erfüllt, daß er mit Ausdauer und Standfestigkeit die von kommunistischer Seite her auftretenden Schwierigkeiten überwinden wollte. Es entsprach nicht seiner Lebenseinstellung, sich der Verantwortung zu entziehen, wenn er gebraucht wurde. Er glaubte nicht, daß sich der SED-Staat, der das Volk nicht hinter sich hatte, sehr lange halten würde. Sein Wirken war auf ein demokratisch vereintes Deutschland ausgerichtet.

 

Sekretärin muß Dem NKWD berichten

 

Ein sozialdemokratischer Redakteur der ersten Nachkriegsjahre aus Magdeburg, der im Rahmen eines größeren Projektes der Friedrich-Ebert-Stiftung interviewt wurde, *[46]) berichtet, daß er vom NKWD nach der Zwangsvereinigung als Spitzel eingesetzt werden sollte. Er habe sich an sozialdemokratische Freunde gewandt, von denen er glaubte, daß ihnen vertraut werden könne, und um Rat gefragt, wie das abzuwenden sei. Der damalige Oberbürgermeister habe erzählt, daß seine Sekretärin ihn auch bespitzele. Sie würde die Berichte, die sie abgebe, in Absprache mit ihm so schreiben, daß nichts Negatives über ihn drinstehen würde. Das sei bisher gut gegangen. Der Oberbürgermeister habe ihm gesagt, er solle seine Berichte doch auch in dieser Weise abfassen. Der Redakteur wollte dieses Risiko aber nicht eingehen. Er gab zu bedenken, müsse er in den Westen flüchten, er dort politisch ein toter Mann sei, wenn seine Arbeit für den NKWD bekannt würde.

 

Als ich das las, erinnerte ich mich, daß zu meinem Vater in Dessau kurz nach Kriegsende äußerst bedrückt zwei Lehrerinnen kamen, um von ihm Rat zu holen. Sie sollten beim NKWD über ihren Schwager berichten. Mein Vater riet ihnen, ruhig zum NKWD zu gehen, aber sehr viel Nebensächliches zu erzählen, wodurch der Schwager nicht belastet würde. Sie sollten sich so verhalten, daß der NKWD nichts mit ihnen anfangen könne. Dann würde er sie auch nicht mehr bestellen. Das klappte dann auch tatsächlich. Mein Vater hatte aber damals darüber geschwiegen. Er erzählte mir das erst, als wir nach Wiesbaden gezogen waren.

 

Angriffe der Stalinisten gegen Rudolf Eberhard

 

Mit primitivsten, aber oft schwer durchschaubaren Mitteln wurden von ehemaligen Kommunisten in der SED Intrigen gegen Rudolf Eberhard gesponnen mit der Absicht, ihn aus dem Amt des Oberbürgermeisters zu entfernen.

 

Ein Beispiel dafür bietet die SED-Kreisvorstandssitzung in Magdeburg am 5. Juli l946, deren Bericht mir vorliegt. Dieser war offensichtlich von kommunistischer Seite her ein starkes Intrigenspiel vorausgegangen, das der aus der SPD kommende spätere Stadtverordnetenvorsteher Weigelt *[47]) im Laufe der Sitzung mit folgenden Worten treffend charakterisierte: "Hinsichtlich des Intrigenspiels kann gesagt werden, daß das Spiel so groß ist, daß niemand mehr weiß, wo es und wer da spielt. Man müßte hier mit dem Hammer dazwischenschlagen."

 

Ich habe die damalige Situation und die Aufregung in der Familie noch in Erinnerung. Was stand meinem Vater bevor?

 

Zum Anlaß der Angriffe gegen Rudolf Eberhard wurde die Situation bei den Städtischen Bühnen herangezogen. Vor Rudolf Eberhards Amtsantritt war klargestellt worden, daß eine Aufnahme der Theaterarbeit nur möglich sei, wenn ehemalige Mitglieder der NSDAP übernommen würden. Als Rudolf Eberhard Oberbürgermeister war, verfaßte die kommunistisch geprägte Betriebsgruppe der Städtischen Bühnen jedoch eine Resolution, die Nazis sofort zu entlassen, was zu einer Schließung des Theaters geführt hätte. Besonderes Gewicht wurde auf den zur Spitzenklasse deutscher Dirigenten zählenden Generalmusikdirektor Erich Böhlke *[48]) gelegt. Böhlke war der Aufstieg Magdeburgs zu einem überregional beachteten Musikzentrum der 30er Jahre im wesentlichen zu verdanken. Er hatte aber leider eine nazistische Vergangenheit. Die Resolution wurde dem Oberbürgermeister zugeleitet, der sie in einer Dezernentenbesprechung behandelte. Letzteres wurde von kommunistischer Seite her beanstandet. Sie verlangten, daß der Oberbürgermeister die Forderung der Betriebsgruppe ausführe, ohne dazu selbst gehört worden zu sein.

 

Bürgermeister Kaßner sagte in der Vorstandssitzung, die Betriebsgruppe sei die wichtigste Einheit der Partei, und ihm als ehemaligen Kommunisten gehe die Parteidisziplin über alles. In der KPD sei man das anders gewohnt gewesen als in der SPD.

 

Rudolf Eberhard verwahrte sich dagegen, daß die Handhabungen der KPD automatisch in die SED übergehen sollten. Nach den Statuten könne er nicht erkennen, daß die Betriebsgruppen das A und O der SED seien, sie hätten eine beratende Funktion. Wenn die Betriebsgruppe der Städtischen Bühnen auf einer Versammlung zu den Geschehnissen am Theater Stellung genommen hätte, so hätte er, der die Verantwortung trüge, daran teilnehmen müssen.

 

Das Protokoll der Kreisvorstandssitzung vom 18. April l946 belegte, daß Rudolf Eberhard für eine Entnazifizierung am Theater eintrat. Er war jedoch der Meinung, daß erst Ersatz für die Ausscheidenden gefunden werden müsse. Er konnte es nicht verantworten, eine Kulturstätte zum Erliegen zu bringen.

 

Rudolf Eberhard informierte die Sitzungsteilnehmer darüber, daß er am ersten Tag, nachdem er in Magdeburg war, den Bürgermeister Kaßner gefragt habe, ob die Entnazifizierung erfolgt sei. Kaßner mußte das zugeben.

 

Die Kommunisten behaupteten, bei einer Aussprache habe Rudolf Eberhard gesagt, wenn verlangt würde, daß der Generalmusikdirektor Böhlke ginge, ginge er auch, er klebe ja nicht an seinem Platze. Rudolf Eberhard sagte zu diesen Vorwürfen: "Darf ich klarstellen. Es ist mir gesagt worden, maßgebend ist nicht die Stellungnahme, sondern die Betriebsgruppe. Daraufhin habe ich gesagt, wenn ihr mich zwingt, aufgrund dieses Beschlusses Böhlke zu entlassen, gehe ich auch."

 

Hätte er der Forderung der Kommunisten nachgegeben, sich dem Willen der Partei zu unterwerfen, wären ihm alle Möglichkeiten genommen worden, in der Stadtverwaltung Entscheidungen zu treffen, die seinen Vorstellungen entsprachen und die er verantworten konnte. Nur zwei Alternativen gab es für ihn: Sich gegen die Kommunisten durchzusetzen oder zurückzutreten.

 

Die Kommunisten waren so weit gegangen, bei der Sowjetischen Administration zu behaupten, Rudolf Eberhard schütze den Nationalsozialisten Böhlke mit seiner Person. Rudolf Eberhard wurde zur Kommandantur bestellt und dort aufgefordert, den Generalmusikdirektor zu entlassen. Die ehemaligen Kommunisten hatten alles daran gesetzt, Material aus der Nazizeit gegen Böhlke vorzubringen. Rudolf Eberhard wurde klar, daß die Kommandantur nicht zulassen würde, ihn auf Dauer zu halten. Er konnte nur erreichen, daß Böhlke so lange bleiben konnte, bis Ersatz gefunden wurde.

 

In der Sitzung sprach Rudolf Eberhard sein Mißfallen darüber aus, daß die Administration mit der Angelegenheit befaßt worden war, und betonte, daß die Kommandantur bei Differenzen in der Partei nicht eingeschaltet werden solle.

 

Erich Böhlke ging 1947 als Generalmusikdirektor nach Oldenburg und war von 1950 bis zu seinem Tod im Jahre 1976 als freischaffender Dirigent international bekannt.

 

Rudolf Eberhard konnte sich in der Kreisvorstandssitzung nach der harten Auseinandersetzung behaupten. Der Kreisvorstand, dem noch viele ehemalige Sozialdemokraten angehörten, stellte fest, daß Oberbürgermeister Eberhard sich nicht in Gegensatz zur Auffassung des Kreisvorstandes gestellt hat.

 

Rechenschaftsbericht der Stadtverwaltung am 27. Juli 1946 *[49])

 

Die Provinzialregierung Sachsen beschloß im Juli l946 eine Verordnung, Beratende Versammlungen bei allen Selbstverwaltungsorganen zu bilden. In Magdeburg trat die Beratende Versammlung, die als Vorparlament bis zur Wahl der Gemeindevertretung wirkte, erstmals am 27. Juli l946 zusammen. Oberbürgermeister Eberhard erstattete den Rechenschaftsbericht der Stadtverwaltung über die im ersten Jahr nach dem Hitlerkrieg geleistete Arbeit. Er legte dar, wie Magdeburg durch den Krieg zerschlagen wurde und wie es sich in gemeinsamer Arbeit der Stadtverwaltung und der Bürgerschaft im ersten Jahr nach Kriegsende wieder aufrichtete.

 

"Die Männer, die nach dem totalen militärischen Zusammenbruch Deutschlands vor diesem Trümmerhaufen standen und die Führung der Stadtverwaltung übernahmen, ließen sich nicht von den Folgen des Hitlerwahnsinns niederdrücken, ließen sich nicht durch sie entmutigen, sondern empfanden sie als jene heilsame Bitterkeit, die unserem Volke die Energie verleihen muß, die allein über die deutsche Zukunft entscheiden wird,"

 

gab er zu bedenken. Besonders aus seinen letzten Worten in dem Rechenschaftsbericht geht hervor, daß seine Arbeit auf eine Zeit ausgerichtet war, in der nach freien, demokratischen Wahlen das deutsche Volk selbst über sein Schicksal entschieden hatte. Er sagte:

 

"Die Stadtverwaltung appelliert an alle verantwortungstreuen und verantwortungsbewußten Bürgerinnen und Bürger, sich mutig und tatkräftig in den Erneuerungsprozeß unseres staatlichen und wirtschaftlichen Lebens einzuschalten. Die Frauen und Männer, die durch ihre wahrhaft demokratische Haltung vor und während des nationalsozialistischen Reiches keine Schuld auf sich geladen haben, aber gleich den Schuldigen die Folgen des faschistischen Krieges auf sich nehmen müssen, werden mit allen aufbauwilligen Kräften Deutschlands trübste Vergangenheit überwinden, alles aufbieten, um das ganze Volk für den demokratischen, den Krieg hassenden, dem Frieden dienenden Staatsgedanken zu gewinnen. Die Welt wird uns dann auch einen Lebensstandard zubilligen, der dem Schaffenswillen eines fleißigen Volkes entspricht, das bereit ist, sich vorbehaltlos dem Wohlstand der ganzen Menschheit zur Verfügung zu stellen."

 

Der Rechenschaftsbericht wurde als Druckschrift mit dem Titel "Ein Jahr Aufbauarbeit in Magdeburg" herausgegeben. In der Versammlung war der Wunsch geäußert worden, das gesprochene Wort durch das gedruckte zur Urkunde werden zu lassen.

 

"Die Schrift soll späteren Geschlechtern den Aufbauwillen ihrer Vorfahren übermitteln,"

 

schrieb Rudolf Eberhard im Vorwort der Druckschrift. Die Ausrichtung auf ein vereintes Deutschland zeigen auch die Sätze auf, die unter einer Porträtzeichnung des bekannten Künstlers Bruno Beye stehen:

 

"Wir haben den Weg beschritten, der zur Solidarhaftung aller Bevölkerungsschichten nicht nur unserer Provinz, sondern ganz Deutschlands gegenüber den kriegszerstörten Städten führen muß. Der Aufbau der vom Kriege besonders heimgesuchten Gemeinden kann und darf nicht deren alleinige Aufgabe bleiben, sondern muß die des gesamten deutschen Volkes werden."

 

Damals bestand noch berechtigte Hoffnung auf den Abschluß eines Friedensvertrages und die Herstellung der Einheit Deutschlands.

Die Vorstellungen der Sowjets und der echten demokratischen deutschen Politiker, wie dieses Deutschland gestaltet werden sollte, und der Begriff der Demokratie klafften jedoch zweifellos stark auseinander.

 

Gründung der Neuaufbau GmbH

 

Im September 1946 wurde die Neuaufbau GmbH., Magdeburg, mit einem Gesellschaftskapital von 500.000 RM gegründet, deren Träger die Stadt, die gemeinnützigen Siedlungsgesellschaften und der Konsum-Verein waren. Die Neuaufbau GmbH. begann, die Abräumungsarbeiten zu intensivieren. Während es den privaten Unternehmungen, die im Stadtkern eingesetzt waren, nur möglich war, 4,5 km Gleis und höchstens 2 Kippwagen zur Verfügung zu stellen, führte die Neuaufbau GmbH. weitere 10 km Gleis und einige hundert Wagen für die Abräumung der Schuttmassen heran. Mit Hilfe der durch die Aufbauarbeit zur Verfügung gestellten Mittel, begann die Neuaufbau GmbH. planmäßig an dem Aufbau der übrigen unerläßlichen technischen Voraussetzungen zu arbeiten. *[50])

 

Gemeindewahl am 8. September 1946

 

Mit der Ausarbeitung einer neuen Gemeindeordnung war man den Prinzipien des Potsdamer Abkommens gefolgt, in dem (Protokoll Ziff.IIIA9,I und III) die Wiederherstellung der regionalen und lokalen Selbstverwaltung durch die Wahl von Vertretungskörperschaften für ganz Deutschland proklamiert worden war. *[51])

 

Die in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR einzigen wirklich demokratischen Gemeinde-, Kreis- und Landtagswahlen fanden im Herbst l946 statt. Die sowjetische Besatzungsmacht legte Wert darauf zu zeigen, daß man in ihrem Machtbereich demokratisch verfuhr und den Prinzipien des Potsdamer Abkommens gefolgt wurde. Alle am Krieg gegen den deutschen Nationalsozialismus beteiligten Länder hatten die Zerschlagung des Faschismus mit der Forderung nach Selbstbestimmung der Völker geführt. Hätten die Sowjets keine freien Wahlen zugelassen, wären sie in Konflikt mit den anderen Staaten gekommen.

 

Weil den Sowjets und ihren deutschen Gefolgsleuten klar war, daß die Kommunisten bei einer freien Wahl sehr schlecht abgeschnitten hätten, hatten sie die Zwangsvereinigung zwischen SPD und KPD brutal vorangetrieben. Sie hofften, nun durch die in der SED aufgegangene SPD, die sehr stark war, die absolute Mehrheit der SED bei den Wahlen zu erreichen.

 

Nach der neuen Gemeindeordnung war die Gemeindevertretung, die auf Grund der Bestimmungen der Wahlordnung in geheimer, gleicher und direkter Wahl nach den Grundsätzen der Verhältniswahl auf die Dauer von zwei Jahren gewählt wurde, oberstes Willens- und Beschlußorgan. Das ausführende Organ der Gemeindevertretung war der Gemeinderat. Er war in vollem Umfang der Gemeindevertretung verantwortlich und an ihre Beschlüsse gebunden.

 

Die Bestimmungen der Gemeindeordnung waren völlig demokratisch ausgerichtet, was damals trotz der Grenzen, die von der Besatzungsmacht bei der Durchführung demokratischer Vorstellungen gesetzt wurden, Hoffnung auf Demokratisierung zuließ. Es war zunächst nicht vorstellbar, auf welche Weise später die Sowjets mit ihren deutschen Helfershelfern das demokratische Mitspracherecht der Bevölkerung zu umgehen wußten, um ihre politischen Vorstellungen durchzusetzen.

 

In Magdeburg fand die Gemeindewahl am 8. September l946 statt. Das Gemeindewahlprogramm der SED für die Stadt Magdeburg hatte die bisher geleistete Arbeit des Aufbaus und der Ausgestaltung der bis dahin sozialdemokratisch geprägten Stadtverwaltung und deren Fortführung als Inhalt. Es war eine Kommunalkommission gebildet worden, die das Programm eingehend vom verwaltungstechnischen Standpunkt aus prüfte und für die nächsten zwei Jahre für realisierbar hielt. *[52]) Natürlich gab es bis zur Verabschiedung des Programms und Aufstellung der Kandidaten Auseinandersetzungen zwischen ehemaligen Sozialdemokraten und ehemaligen Kommunisten. Man sei "reaktionär" behaupteten die Kommunisten, womit sie auch Rudolf Eberhard treffen wollten, weil er bei der Aufstellung der Kandidaten nicht ihre Meinung vertrat. *[53]) Aber die Sozialdemokraten, die in der Mehrheit und von der Intelligenz her überlegen waren, konnten sich durchsetzen. Die Kommunisten hatten dagegen den Vorteil, die Sowjets hinter sich zu haben, was sie, wenn sie anders nicht weiter wußten, stets deutlich zu verstehen gaben.

 

Zur Weiterführung seines bisherigen Wirkens für Magdeburg war es für Rudolf Eberhard bei seiner demokratischen Grundeinstellung wichtig zu wissen, ob die Bevölkerung die bisherige Aufbauarbeit der Magdeburger Verwaltung anerkannte und weiter unterstützen wollte, was sie mit ihrer Stimmabgabe bestätigen konnte. *[54]) Gezwungenermaßen mußte er diese Frage im Namen der SED, in die ja die SPD eingeflossen war, stellen. Er war der Spitzenkandidat der SED.

 

In dem Wahlprogramm der SED für Magdeburg hieß es an erster Stelle:

 

"Die durch den Hitler-Krieg verursachten schweren Zerstörungen unserer Heimatstadt erfordern mehr als in vielen anderen Städten Deutschlands die demokratische Volksinitiative in jeder Form. Aus Gerechtigkeitsgründen fordern wir die

 

 reichseinheitliche Solidarhaftung.

 

Sie muß Gemeingut aller Deutschen werden, mit dem Ziel eines gerechten materiellen und finanziellen Ausgleiches zwischen den kriegsgeschädigten und den unversehrt gebliebenen Städten und Gebieten.

 

Die von Männern der Magdeburger SED gegründete

 

 Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte

 

in der Provinz Sachsen soll und muß zum Wohle der Bevölkerung wirken. Ihr erster Erfolg ist die Erhöhung der Baustoffzuteilung an die angeschlossenen Städte durch die Provinzialverwaltung.

 

Die SED tritt für den Neuaufbau unserer Stadt mit allen Mitteln ein."

 

Es folgten dann die zur Erreichung dieses Zieles gestellten Aufgaben, die näher ausgeführt wurden. Es betrafen dies

 

 a) Neuaufbau

 b) Wohungswesen

 c) Wirtschaft, Handwerk, Verkehr

 d) Handel und Versorgung

 e) Fürsorge- und Jugendwesen

 f) Gesundheitswesen

 g) Kunst und Kultur

 h) Innere Verwaltung

 

Dann wurde darauf hingewiesen, daß das Programm die Mindestforderung für die nächsten zwei Jahre darstelle, und es folgte der Satz: "Die Zielklarheit und Planmäßigkeit, mit der die Vertreter der SED bisher in der Stadtverwaltung gearbeitet haben, verbürgt den Aufbau und Aufstieg unserer so schwer zerstörten Stadt."

 

Die Wähler konnten bei dieser Wahl wirklich noch geheim in Wahlkabinen wählen, wie es in demokratischen Staaten üblich ist.

 

Das Wahlprogramm mußte jedoch von der sowjetischen Militäradministration genehmigt werden, was zu berücksichtigen ist, wenn man das Programm liest. Es war keinesfalls einfach, das zum Ausdruck zu bringen, was man sagen wollte, und doch zu beachten, daß das Geschriebene die Zensur durchlaufen mußte. Das machte alle Veröffentlichungen äußerst schwierig, was natürlich die Bevölkerung nicht wußte.

 

Beachtenswert scheint mir in dem Wahlprogramm zu sein, daß es an die gesamte Magdeburger Bevölkerung gerichtet war und nicht nur an die Arbeiterklasse, was von den Sowjets sonst gefordert wurde. Aber vielleicht ließen sie das durchgehen, weil ihnen ja daran lag, daß die SED die absolute Mehrheit erhielt.

 

In Magdeburg erreichte die SED bei einer Wahlbeteiligung von 89,9 Prozent die absolute Mehrheit mit 51,3 Prozent, während die LDP 29,6 Prozent, die CDU 18,4 Prozent und der Antifaschistische Frauenausschuß O,7 Prozent erhielten. *[55]) Von 7O Mandaten bekam die SED im Stadtparlament 36 Sitze, die LDP 21 Sitze und die CDU 13 Sitze. *[56])

 

Die neue Gemeindeverfassung – Der Glaube an Magdeburg *[57])

 

Nach der Kommunalwahl sprach Rudolf Eberhard am 17. September l946 im Magdeburger Rundfunk über das Thema "Die neue Gemeindeverfassung - Der Glaube an Magdeburg".

 

Die Chance, die nun die neue Gemeindeverfassung für eine Demokratisierung bot, wollte er der Bevölkerung bewußt werden lassen. Er hielt es für zwingend notwendig, nach der l2jährigen Hitlerdiktatur und der darauf folgenden Befehlsgewalt der sowjetischen Besatzungsmacht den Menschen demokratisches Verständnis zu vermitteln. Dabei ging er davon aus, daß verhindert werden könne, eine neue Diktatur der alten folgen zu lassen.

 

In seiner Rundfunkrede hob er hervor, daß durch die neue Gemeindeverfassung eine weitgehende und unmittelbare Anteilnahme aller Gemeindeangehörigen an der Gemeindeverwaltung möglich sei und betonte die dadurch sich ergebende stärkere Verantwortung der Bürger. Er sagte: "Durch die neue Gemeindeverfassung wird eine Wahl mehr als jemals zuvor zur Handlung, die das Schicksal der Gemeinde mitbestimmt. Die Notlage der deutschen Städte verlangt die Weckung aller geistigen und moralischen Kräfte als einer Art verpflichtender Demokratie." Er dankte den Bürgern für ihre Teilnahme an der Wahl am 8. September l946 und gab das Wahlergebnis bekannt.

 

Der Bevölkerung, ohne die derartige gewaltige Aufgaben unter der sowjetischen Besatzungsmacht nicht zu bewältigen waren, vertraute er sehr. Bestärkt wurde dies durch die große Sympathie, die ihm zuteil wurde.

 

"Es wird in Deutschland wenig Städte geben, deren arbeitsfähige Bevölkerung im gleichen Umfang und mit derselben Beharrlichkeit wie in Magdeburg unmittelbar praktische Arbeit für die Gemeinde verrichtet," führte er weiter aus. Er ging auf die freiwillige Verpflichtung der Bürger zur 54-Stunden-Woche ein und gab zu bedenken, daß das Ergebnis der freien und geheimen Wahl bei den starken Anforderungen, die an die Bevölkerung gestellt werden müßten, besonders zu würdigen sei.

 

Weiter fuhr er fort:

"Das Urteil der großen Mehrheit der wahlberechtigten Männer und Frauen am 8. September 46 war: Es soll, wie es im ersten Aufbaujahr geschehen ist, weiter in straffer Zusammenfassung und planmäßigem Einsatz aller Kräfte am Neuaufbau der Stadt Magdeburg gearbeitet werden.

 

Das große Zusammenklingen von Planung und praktischer Arbeit in den Ruinenstraßen, auf den Werkplätzen, in den Arbeitssälen und Verwaltungsstellen wäre nicht denkbar gewesen, wenn die schöpferisch konstruierenden und führenden Kräfte in der Stadt und in der Wirtschaft nicht etwas vorgefunden hätten, das weder durch Brutalität der Hitler-Regierung noch durch den Bombenkrieg vernichtet werden konnte: Die innere Fähigkeit der schaffenden Menschen zum organisierten Handeln, der Sinn für planmäßiges Zusammenwirken, die große Bereitschaft, sich mit Schicksalsgefährten zu verbinden, um das zu erfüllen, was die Zeit verlangt.

 

Auch diese inneren Werte, die ein Gemeinwesen mit bilden helfen, sind uns nicht geschenkt worden, sie sind im wesentlichen die Frucht eines jahrzehntelangen Ringens schaffender Menschen um soziale Erkenntnisse und Rechte und das Ergebnis der Erziehungs- und Schulungsarbeit, die in den Organisationen geleistet wurden, bevor der Hitler-Wahnsinn seine Herrschaft antrat. Grundsätze und Lebensgebote sozialer Organisationen von damals werden jetzt zu zwingenden Gesetzen für die Allgemeinheit. Nur wenn in ihrem Sinne gehandelt wird, in der Planung und in der praktischen Ausführung, können die Aufgaben erfüllt werden, die uns das Schicksal gestellt hat.

 

Nach einer Wahl liegt es nahe, Betrachtungen anzustellen über die Anteilnahme der Parteien an der öffentlichen Verwaltung. In unserer jetzigen Lage muß die Erkenntnis bestimmend sein, daß über jeder Rechenkunst die Forderung der praktischen Vernunft steht, daß ein Verwaltungsorganismus, der sich aus geschichtlichen Gegebenheiten entwickelt hat, dessen erfolgreiche Arbeit für die Allgemeinheit von den Vertretern der drei antifaschistischen Parteien uneingeschränkt anerkannt worden ist, und der bei Fortsetzung der bisherigen Zusammenarbeit auch Zukunftserfolge gewährleistet, weiter ausgebaut werden muß."

 

Er ging dann auf die vor l933 schroffe Abgrenzung der Parteien ein, die Eigenziele verfolgten und ihre Ansprüche stellten, und sagte weiter:

 

"Heute ist aus allen Zielen und Ansprüchen die eine große und beherrschende Verpflichtung geworden, die Stadt von Grund auf wieder neu zu schaffen. Ihr Wiederaufbau ist die Voraussetzung für alles Planen und alles Wirken, es gibt den einzelnen die Möglichkeit, in der Gesamtheit zu wirken und gibt der Gesamtheit den Lebensraum. Alle sozialen Leistungen und jedes aus privater Initiative geschaffene Unternehmen bedürfen der Stadt zur gesunden Entfaltung. Darum muß über allen Erwägungen und Berechnungen die zwingende Notwendigkeit stehen, alle Kräfte so praktisch und zweckmäßig zum Einsatz zu bringen daß der denkbar höchste Erfolg gewährleistet wird, weder Hemmungen, noch Störungen eintreten beim Neuaufbau der Stadt.

 

Am Fortgang der Enttrümmerung im Stadtinnern können die Magdeburger mit eigenen Augen den Erfolg einer planmäßig geführten Arbeit im großen Umfange sehen. Es wird Raum geschaffen für eine neue Stadt. Es geht dabei nicht um die Wiederherstellung des zerstörten, sondern um die Schaffung eines neuen Stadtbildes.

 

Die Großstadt, die in der Zeit der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung mit der übermäßigen Zusammenballung von Menschen gewachsen war, hat viele Widersacher gefunden. Es wurde von einer Auflockerung, ja sogar von der Auflösung der Großstadt, mindestens aber von einer durchgreifenden Sanierung derselben gesprochen. Gegen diese Gedankengänge wenden sich moderne Städtebauer, die in der Großstadt die Trägerin einer neuen Kultur, die Basis wirtschaftlicher Ordnung sehen. Aber die Stadt, die dort entstehen soll, wo heute noch Trümmer der alten liegen, muß nach neuen Gedanken und Bedürfnissen gestaltet sein. Magdeburg hat bekanntlich einen Ideenwettbewerb für den Aufbau der Innenstadt ausgeschrieben. Nach den preisgekrönten Plänen wird das neue Magdeburg vom alten wesentlich abweichen, aber doch Magdeburg bleiben, die mächtige Stadt auf hohem Elbufer.

 

Bei der Stadterneuerung müssen zuerst die Bauwerke in Angriff genommen werden, die unbedingt lebensnotwendig sind für alle: Wohnstätten, Arbeitsstätten, Krankenhäuser, Gebäude der sozialen Fürsorge, der Schulen und der öffentlichen Verwaltungen. Die Beschaffung der Geldmittel und des Materials für den Neuaufbau dieses lebensnotwendigen Teiles der Stadt wird zu einem finanzwirtschaftlichen Problem, wie es in dieser Größe ohne Beispiel ist. Und doch kann das Magdeburg der Zukunft so wenig wie das der Vergangenheit nur aus Bauwerken der Arbeit und der Werktagspflicht bestehen, es muß auch Stätten der Erholung und der Erbauung für festliche Stunden und Feiertage bekommen. Unvergänglich und in ewiger Erneuerung wird in jedem geistig und körperlich regsamen Menschen der Drang, über den Alltag hinaus das Schöne und Wahre der Kunst, Wissenschaft und Natur zu suchen, um damit den Feierabendstunden den besten Inhalt zu geben und das Leben lebenswert zu machen.

 

Magdeburg hat seine Theater, seine drei Museen, die meisten seiner schönen Bauwerke verloren, die Gartenanlagen haben großen Schaden erlitten. Die Magdeburger können sich ihre Stadt nicht denken ohne Einrichtungen und Güter dieser Art. Diese haben in der Vergangenheit den Charakter des schönen und stolzen Magdeburgs und dabei der lebensfrohen und geistig regsamen Heimatstadt mitbestimmt. Sie haben der alten Elbestadt die große Anziehungskraft gegeben, die an Sonn- und Feiertagen viele Tausende aus den Orten des Magdeburger Landes in die Großstadt führten. Ein Magdeburg der Kultur und der Schönheit soll darum wieder entstehen, eine Tradition soll gewahrt werden bei der Erneuerung der Stadt.

 

Magdeburg soll auch im weiten Lande, in Deutschland, wieder die bedeutende und hochangesehene Stadt werden. Das ist begründet in der großen Vergangenheit der Stadt und ihrer Lage in der Mitte einer reichen Landschaft und an dem mächtigen Elbestrom. Vieles kann durch die Entwicklung einer großen Gemeinde im Laufe der Zeiten geschehen durch die Tüchtigkeit und den kühnen Unternehmungsgeist ihrer Bewohner. Aber fördernd und anspornend und ewig sind die Gesetze, die erwachsen aus der geschichtlichen Entwicklung und geographischen Lage einer Stadt. Magdeburg war die große und bedeutende Stadt im Mittelalter und wurde nach ihrer Zerstörung im l7.Jahrhundert ein wirtschaftliches Zentrum Mitteldeutschlands. In den großen revolutionären Bewegungen, die ausgelöst wurden durch die Reformation, war Magdeburg Zentralhort der geistigen Erneuerung. Von hier aus gehen auch in späteren Zeiten stärkste Impulse für das geistige und künstlerische Leben.

 

Magdeburg war die Stadt in Norddeutschland, Berlin eingeschlossen, wo im l8.Jahrhundert zuallererst die Musik in öffentlichen Konzerten als Volkskunst gepflegt wurde. Im Winter l784 wurde in Magdeburg das erste öffentliche Konzert unter der Leitung von Johann Heinrich Rolle abgehalten. Berlin brachte erst l5 Jahre später die Kunst dem Volke in dieser Form. Von Magdeburg aus gingen starke geistige Strömungen im l9. Jahrhundert, die die Sangeskunst zu hoher Kultur brachten. In Magdeburg wurde der erste preußische Männergesangverein gegründet, die Gesangspflege der Lehrerschaft ging gleichfalls von Magdeburg aus.

 

Es ist sicherlich kein Zufall, sondern begründet in der geschichtlichen Entwicklung und einer starken Tradition, daß Magdeburg im l9. Jahrhundert, als die Arbeit neue Formen annahm und der Mensch die Maschine zu seiner mächtigen Gehilfin machte, die große Verkehrsstadt wurde, die im Handel an zweiter Stelle in Preußen stand und später die große Industriestadt, die in der Herstellung von Maschinen bahnbrechend war und auch produktionsmäßig an der Spitze stand.

 

Magdeburg muß wieder bedeutend werden in der Arbeit, in der sozialen Organisation und in der Pflege der Kunst. Hier verpflichtet die Vergangenheit und eine starke Überlieferung. Die Zuversicht, daß sich Hoffnungen und Entwürfe verwirklichen werden, ist begründet in der Tüchtigkeit der Magdeburger Bevölkerung, die schon im ersten Jahr nach dem Zusammenbruch die besten Beweise dafür geliefert hat.

 

Volksstätten für Volksspiele und Volkskultur, für Theater und Kunst werden entstehen. Für Gesundheitspflege und Kindererziehung soll alles geschaffen werden, was in unserer Kraft steht. Alle meine Mitarbeiter in der Stadtverwaltung sehen in dieser Erneuerung Magdeburgs ihre Lebensaufgabe. Die Wahl am 8. September, die ein Bekenntnis der Wählerschaft zur Stadt war, wurde auch ein Bekenntnis zum Werk des Aufbaues, sie hat gezeigt, daß die Verpflichtung und der Opferwille für das Gemeinwesen Allgemeingut geworden sind.

 

Auf diese Gemeinschaftsarbeit, auf dieses Wirken und Streben, stützt sich mein Glaube an das Gelingen unseres Werkes, der Glaube an Magdeburg."

 

Erste öffentliche Sitzung der Gemeindevertreter der Stadt Magdeburg *[58])

 

Die erste öffentliche Sitzung der Gemeindevertreter der Stadt Magdeburg am 8. Oktober l946, zu der sich alle 7O Mitglieder der Gemeindevertreterversammlung eingefunden hatten, eröffnete Oberbürgermeister Eberhard im Sitzungssaal des Altersheimes, Leipziger Straße, mit einem Hinweis auf die Bedeutung der neuen demokratischen Gemeindeverfassung.

 

Oberbürgermeister Eberhard ging auf die hohen Verdienste von Oberbürgermeister Hermann Beims nach dem Ersten Weltkrieg ein. Ein Jahrzehnt habe damals genügt, um dem alten Magdeburg ein neues Gesicht zu geben. Wesentlich schwerere und umfangreichere Aufgaben seien heute zu bewältigen. Noch keine Generation habe vor der Aufgabe gestanden, den Menschen nicht nur materielle Güter zu ersetzen, sondern auch neue innere, moralische und geistige Werte zu schaffen. Die Gemeindeverwaltung müsse, nachdem viele Städte zu Ruinenfeldern geworden seien, mehr denn je eine Angelegenheit der Allgemeinheit sein. Die große Vergangenheit Magdeburgs in der Geschichte der deutschen Städte bedeute für die Gemeindeverwaltung eine Verpflichtung.

 

Unter Punkt 1 der Tagesordnung der Sitzung wurde als Vorsitzender der Gemeindevertretung der Gemeindevertreter Walter Weigelt (SED, zuvor SPD), als erster stellvertretender Vorsitzender Gemeindevertreter Ludwig Münz (LDP), als zweiter stellvertretender Vorsitzender Gemeindevertreter Georg Greve (CDU), als Schriftführer Gemeindevertreter Jakob Draisbach (SED) und als stellvertretende Schriftführerin Gemeindevertreterin Frieda Fiedler (SED, zuvor SPD) *[59]) gewählt.

 

Vorsitzender Weigelt hob nach seinem im Namen des Vorstandes ausgesprochenen Dank für das durch die Wahl bewiesene Vertrauen hervor, daß eine ersprießliche Arbeit der Gemeindevertretung zum Wohle der Bevölkerung eine vertrauensvolle Zusammenarbeit auf dem Boden der Demokratie erfordere.

 

Wahl des Oberbürgermeisters und der Gemeinderatsmitglieder *[60])

 

In der zweiten Sitzung der Gemeindevertreter am 29. 11. l946 erfolgte die Wahl des Oberbürgermeisters, lO besoldeter und 4 unbesoldeter Gemeinderatsmitglieder. Der Vorsitzende Walter Weigelt wies auf die Bedeutung der Wahlen hin und hob hervor, daß damit ein bedeutsamer Abschnitt des Weges zu einer demokratischen Stadtverwaltung zurückgelegt worden sei. Auch er ahnte nicht und konnte wie alle demokratisch eingestellten Politiker nicht ahnen, daß dieser Beginn einer Demokratisierung so bald von den Sowjets und den ihnen hörigen deutschen Kommunisten auf brutalste Weise beendet werden würde.

 

Im "SBZ-Handbuch" von Broszat und Weber heißt es: "Wo die SED auf kommunaler und Kreisebene eine Mehrheit erlangte, brachte sie häufig verwaltungserfahrene ehemalige Sozialdemokraten in die Position von Bürgermeistern und Landräten oder ließ schon vorher berufene Sozialdemokraten weiter amtieren. In Leipzig war dies z.B. Erich Zeigner, in Magdeburg Rudolf Eberhard." *[61])

 

Gemeindevertreter Paul *[62]) gab in der Sitzung der Gemeindevertreter die Erklärung ab, daß die Fraktion der SED als stärkste Fraktion in der Gemeindevertretung der Stadt Magdeburg für die Stelle des Oberbürgermeisters der Stadt Magdeburg den bisherigen Oberbürgermeister Rudolf Eberhard benenne.

 

Gemeindevertreter Sieverling (LDP) führte folgendes aus:

"Im Einvernehmen der Fraktionen aller 3 Parteien, der SED, der LDP und der CDU habe ich folgende gemeinsame Erklärung abzugeben:

Die Leitung unserer Stadt lag bisher in den bewährten Händen des Herrn Oberbürgermeisters Eberhard, und wir alle sind der Meinung, daß diese Leitung auch weiterhin in seinen Händen verbleiben soll. Die Gemeindevertreter aller Parteien bringen mit diesem Wunsche auch gleichzeitig einstimmig ihre Wahl für Herrn Oberbürgermeister Eberhard zum Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg zum Ausdruck. Wir glauben, Herr Oberbürgermeister, es kann keine bessere Anerkennung Ihrer bisherigen Tätigkeit geben, als das Vertrauen, das Ihnen hierdurch alle Gemeindevertreter aussprechen. Der gemeinsamen Anstrengung und Arbeit aller, Gemeindevertreter wie Gemeinderäte, unter Ihrer Führung wird dann trotz der großen Schwierigkeiten der Erfolg hoffentlich nicht versagt bleiben. Das ist unsere feste Überzeugung."

 

Es erfolgte hierauf ein lebhafter Beifall. Der Vorsitzende stellte fest, daß durch diese Erklärung der Parteien des antifaschistischen Blocks dem Oberbürgermeister das Vertrauen für die zukünftige Arbeit ausgesprochen und daß Oberbürgermeister Eberhard einstimmig für das Amt des Oberbürgermeisters berufen worden sei.

 

Dann berichtete Vorsitzender Weigelt, daß der Präsident der Provinz Sachsen mit Erlaß vom 28. Oktober 1946 die Zahl der Mitglieder des Gemeinderats der Stadt Magdeburg auf 1O besoldete und 4 unbesoldete Magistratsmitglieder festgesetzt habe. Nach _ 3 Abs. 2 der 1. Durchführungsverordnung zur Gemeindeverfassung vom 7. Oktober 1946 würden die Gemeinderäte durch den Oberbürgermeister vorgeschlagen.

 

Oberbürgermeister Eberhard schlug die besoldeten Gemeinderäte vor, die darauf wie folgt gewählt wurden:

 

Für die städtischen Betriebe und den Verkehr

Bürgermeister Walter Kaßner (SED, zuvor KPD)

mit 61 gültigen Stimmen, 1 ungültigen Stimme und

5 Stimmenthaltungen,

 

für Finanz- und Rechtsfragen

Stadtkämmerer und Stadtrechtsrat Georg Dietrich (SED, zuvor SPD)

mit 67 gültigen Stimmen und 1 ungültigen Stimme,

 

als Stadtbaurat

Stadtbaurat Erich Koß (SED, zuvor SPD)

mit 62 gültigen Stimmen und 6 Stimmenthaltungen,

 

als weiteren Stadtbaurat

Stadtbaurat Gerhard Gauger (LDPD)

mit 57 gültigen Stimmen und 11 Stimmenthaltungen,

 

als Stadtschulrat

Stadtschulrat Oskar Linke (SED, zuvor SPD)

mit 54 gültigen Stimmen und 14 Stimmenthaltungen,

 

für das Gesundheits- und Krankenhauswesen

Stadtmedizinalrat Dr. Hans Schmidt (LDPD)

mit 57 gültigen Stimmen und 11 Stimmenthaltungen,

 

für das Sozialwesen (Jugend- und Fürsorgeamt)

Stadtrat Walter Prinsky (SED, zuvor KPD)

mit 36 gültigen Stimmen und 31 Stimmenthaltungen,

 

für Industrie und Wirtschaft

Stadtrat Ewald Erfurth (SED, zuvor SPD)

mit 64 gültigen Stimmen und 3 Stimmenthaltungen,

 

für das Wohnungswesen

Stadtrat Ludwig Münz (LDPD)

mit 33 gültigen Stimmen und 33 Stimmenthaltungen.

 

Die Wahl wurde durch Stimmzettel in Einzelwahlgängen vorgenommen. Die Vorgeschlagenen waren bei den Einzelwahlgängen nach _ 21 der Gemeindeverfassung im Sitzungssaal nicht anwesend.

 

Der Stadtrat für das Dezernat Handel und Versorgung konnte noch nicht gewählt werden, weil über die Besetzung noch keine Verständigung unter den Parteien stattgefunden hatte. Oberbürgermeister Eberhard teilte mit, daß er das Amt bis zur Einigung unter den Parteien kommissarisch verwalten lassen wolle.

 

Gemeindevertreter Paul (SED, vorher SPD) stellte den Antrag, daß aufgrund _ 31 der Gemeindeverfassung die ständige Vertretung des Oberbürgermeisters dem Mitglied des Gemeinderats Walter Kaßner (SED, vorher KPD) übertragen würde, der die Amtsbezeichnung Bürgermeister der Stadt Magdeburg tragen solle. Die Gemeindevertretung stimmte dem Antrag mit 59 Stimmen bei 6 Stimmenthaltungen zu. Bürgermeister Kaßner hatte während der Verhandlung dieses Punktes den Sitzungssaal verlassen.

 

Der Antrag des Gemeindeverteters Paul, die Regelung der weiteren Vertretung des Oberbürgermeisters bzw. des Bürgermeisters dem Gemeinderat zu übertragen, wurde einstimmig angenommen.

 

Ebenfalls einstimmig beschloß die Gemeindevertretung, im Anschluß an die Sitzung gemäß _ 31 der Gemeindeverfassung einen Beschluß über die Besoldungs- und Anstellungsbedingungen des Oberbürgermeisters und der besoldeten Gemeinderäte zu fassen. Ich weiß, daß deren Gehälter nur denen von höheren Angestellten in der sowjetisch besetzten Zone entsprachen. Die sowjetische Besatzungsmacht vertrat die Meinung, daß Politiker ihr Amt nicht des Geldes, sondern der Aufgabe wegen übernehmen sollten. Mein Vater fand diese Regelung bei der katastrophalen wirtschaftlichen Lage akzeptabel.

 

Rudolf Eberhard hätte die Zusammensetzung der Stadtverwaltung natürlich lieber anders gesehen. Ehemalige Kommunisten mit aufzunehmen, war selbstverständlich unvermeidlich. Wenn die Bevölkerung auch demokratisch gewählt hatte, die sowjetische Besatzungsmacht war geblieben und ließ den Deutschen keine völlige Entscheidungsfreiheit. Über das, was sich im Hintergrund abspielte, sind natürlich keine Unterlagen vorhanden. Mein Vater könnte dazu viel sagen. Ich weiß aus seinen Erzählungen, daß er manchen harten Kampf mit den Sowjets geführt hat, sich zum Teil auch durchsetzen konnte, aber manches war ganz ausgeschlossen zu erreichen. So war Rudolf Eberhard gezwungen, den Kommunisten Walter Kaßner als seinen Stellvertreter und den Kommunisten Walter Prinsky als Stadtrat hinzunehmen.

 

Aufgrund des Wahlergebnisses standen der LDPD und der CDU die Besetzung je eines Stadtratamtes zu. Dadurch mußte Rudolf Eberhard sich von sozialdemokratischen Stadträten trennen, was ihm sicher sehr schwer fiel. Das schlechte Wahlergebnis von Stadtrat Ludwig Münz (LDPD) war sicher darauf zurückzuführen, daß die Gemeindevertreter nicht auf Herrn Willi Plumbohm als Stadtrat für das Wohnungswesen verzichten wollten. Er wurde unbesoldetes Gemeinderatsmitglied.

 

Oberbürgermeister Eberhard gab dann der Gemeindevertretung bekannt, daß als unbesoldete Gemeinderatsmitglieder nach dem Verhältnis der bei der Gemeindewahl abgegebenen Stimmen von den drei Fraktionen der Gemeindevertretung

 

Stadtrat Willi Plumbohm (SED, vorher SPD)

Arbeitsschutzinspektorin Cläre Schellheimer (SED, vorher KPD) *[63])

Rektorin Erna Wenk (LDPD)

Stadtrat Franz Weichsel (CDU)

 

vorgeschlagen worden seien.

 

Die Gemeindevertretung beschloß einstimmig, die Wahl durch Zuruf vorzunehmen, da nur ein Wahlvorschlag vorlag. Daraufhin wurden die vier vorgeschlagenen unbesoldeten Gemeindemitglieder einstimmig gewählt.

 

Einstimmig wurde beschlossen, für den Gemeinderat die Behördenbezeichnung "Rat der Stadt Magdeburg" festzulegen.

 

Abschlussrede nach der Wahl des Gemeinderats

 

In seiner Abschlußrede nach der Wahl des Gemeinderates wies Oberbürgermeister Eberhard darauf hin, daß die Gemeindevertretung oberstes Willens- und Beschlußorgan sei, die von der Gemeindevertretung demokratisch gefaßten Beschlüsse und ortsgesetzlichen Bestimmungen aber leere Formen blieben, wenn sie keinen lebensverbundenen Inhalt durch den Gemeinderat bekämen.

 

Er verwies auf neue Erfolge seit seinem am 27. Juli 1946 erstatteten Rechenschaftsbericht wie die Neueinrichtung von Fachschulen und auf Fortschritte im kulturellen Bereich wie die Ausstellungen der bildenden Kunst und der hygienischen Aufklärung in den wiederhergestellten Räumen des städtischen Museums an der Otto-von-Guericke-Straße.

 

Deutlich sichtbar würde die fortschreitende Entwicklung in der Enttrümmerung der Stadt. Durch die Ruinenfelder führen jetzt die stählernen Wege der Förderbahnen. Das wilde Getrümmer im Inneren der Stadt lichte sich und ließe schon freie Räume erkennen. Die Verkehrseinrichtungen der Stadt hätten sich verbessert. Die Hauptverkehrsstraße, der Breite Weg, der noch vor wenigen Wochen an einigen Stellen bis zum Fahrdamm mit Schutt bedeckt war, sei für den Straßenverkehr wieder frei geworden.

 

Eindringlich wies er auf die Bemühungen um Hilfe für die kriegszerstörten Städte hin:

 

"Unsere Auffassung, daß der Neuaufbau der kriegszerstörten Städte eine Verpflichtung der Bevölkerung aller Gemeinden ist, wird von den maßgebenden Stellen in der Provinz, mit denen unsererseits darüber eingehend verhandelt worden ist, anerkannt. Es sind nunmehr Maßnahmen eingeleitet, die eine Verwirklichung des von Magdeburg ausgehenden Gedankens der Solidarhaftung gewährleisten."

 

Rudolf Eberhard gab zu bedenken, daß die Deutschen die Gegenrechnung für Hitlers Eroberungspläne zu begleichen hätten. Sei es ihnen durch die Besatzungsmacht auch nicht vergönnt, ihre Angelegenheiten uneingeschränkt nach eigenem Ermessen, nach eigenen Entwürfen zu regeln, so seien doch neue Arbeitsmöglichkeiten gegeben. Die großen Städte in Deutschland, in denen sich Kultur und gesellschaftliches Leben zur höchsten Form entwickeln könnten, würden die Pfeiler eines neuen glücklichen und demokratischen Deutschlands werden. Es sei notwendig, ohne Ermüdung und ohne Frage nach dem persönlichen Gewinn zu arbeiten.

 

Seine Gedanken gingen auch zu den deutschen Männern, die von der Hitler-Regierung zum Kriegsdienst gezwungen wurden, in Gefangenschaft gerieten und noch nicht in die Heimat zurückkehren durften. Seine Überzeugung war:

 

"Es sind viele darunter, die trotz ihrer unversöhnlichen Feindschaft gegen den Nationalsozialismus in den Wirbel des furchtbaren Krieges gerissen wurden. Ungezählte, die noch fern der Heimat in Gefangenschaft leben müssen, sind unter guten politischen Einflüssen zu bewußten Gegnern des Faschismus und Militarismus geworden und würden sich einreihen in den Kampf um ein demokratisches und friedliches Deutschland. An die Kriegsgefangenen denken wir daher, wenn wir vom Aufbau unserer Stadt und eines neuen Deutschlands reden. Unser sehnlichster Wunsch ist es, daß sie baldigst in die Heimat zurückkehren dürfen, um mitzuarbeiten am großen Werk der Demokratie."

 

Der Rede folgte ein lebhafter Beifall.

 

Bildung der Provinzialregierung Sachsen-Anhalt *[64])

 

Im Juli l945 war für das Gebiet der Provinz Sachsen und den das Land Anhalt umfassenden Raum eine vorläufige Provinzialverwaltung mit dem Sitz in Halle gebildet worden. Zum Präsidenten hatte die sowjetische Besatzungsmacht den 64 Jahre alten Professor Dr. Erhard Hübener, einen ehemaligen preußischen Geheimrat und bis l933 Landeshauptmann der Provinz Sachsen in Merseburg, ernannt. Er war Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei und früher Mitglied der Demokraten gewesen. Als Vizepräsidenten wurden der Sozialdemokrat Ernst Thape *[65]) , der Kommunist Robert Siewert, der städtische Schulrat aus Dessau, Willy Lohmann, der zur LDP gehörte, und der parteilose Professor Dr. Walter Hülse, der Dozent für innere Medizin an der Universität Halle und Chefarzt eines großen Krankenhauses war, berufen. Willy Lohmann starb 1O Wochen nach der Ernennung an den Folgen eines Autounfalls. An seine Stelle trat der damalige SPD-Landessekretär Werner Bruschke bis zu seiner Ernennung zum Bezirkspräsidenten für den Bezirk Magdeburg.

 

Bei den l946 stattgefundenen Landtagswahlen erreichte die SED in keinem der fünf Länder der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) eine absolute Mehrheit. In der Provinz Sachsen, zu der auch Anhalt gehörte, erhielten die SED 51, die LDP 32, die CDU 24 und die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) 2 Sitze.

 

Die in Potsdam vereinbarte Demokratisierung Deutschlands konnte bis zur Länderebene mit der Konstituierung der Landtage in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) im November 1946 zumindest formal und institutionell als abgeschlossen angesehen werden. Es waren nun auch gesetzgebende Körperschaften gewählt worden, deren erste Aufgabe die Beratung und Verabschiedung von Verfassungen sein sollte. *[66])

 

Nach der Landtagswahl erteilte die sowjetische Militäradministration ihre Zustimmung zur Umwandlung der bisherigen Provinzialverwaltung Sachsen in eine Provinzialregierung, was alle drei Parteien beantragt hatten.

 

In der zweiten Sitzung des Landtags am 3. Dezember 1946 gab Rudolf Eberhard zu dem Antrag eine Erklärung ab. Er wies darauf hin, daß zur Wiederherstellung des normalen staatlichen und wirtschaftlichen Lebens im Juli 1945 für die Provinz Sachsen die vorläufige Provinzialverwaltung gebildet worden sei. Nach der demokratischen Wahl der Volksvertretung für die Provinz Sachsen ergebe sich die Notwendigkeit, die provisorische Verwaltung durch eine festere Ordnung, die Bildung einer Regierung, zu ersetzen. Die notwendige Regierungsbildung könne keinerlei Vorentscheid über die künftige Struktur Deutschlands bedeuten. Es müsse Sache des gesamten deutschen Volkes sein, durch eine geheime Volksabstimmung über die Gestaltung des einheitlichen Deutschlands zu entscheiden. Die Ausführungen Rudolf Eberhards fanden den Beifall aller Parteien.

 

Der Landtag nahm den Antrag auf formelle Umwandlung der bisherigen Provinzialverwaltung in eine Provinzialregierung einstimmig an. Danach stimmte er ebenfalls einstimmig der Umbenennung der Provinz Sachsen in Provinz Sachsen-Anhalt zu.

 

Für das Amt des Ministerpräsidenten lag nur eine Kandidatur vor, die des bisherigen Präsidenten der Provinz Sachsen, Professor Dr. Erhard Hübener, der einstimmig gewählt wurde. In seiner Antrittsrede drückte Prof. Hübener seine Freude darüber aus, daß von keiner Partei irgendwelche Zusicherungen oder Bedingungen von ihm gefordert worden seien. Im antifaschistischen Blockgeist habe die Provinzialverwaltung zusammengearbeitet und alle eigenen Forderungen zurückgestellt, um die gemeinschaftliche Linie finden zu können. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß diese Politik sich auch in Zukunft durchsetzen möge.

 

Sodann verlas er die Liste der Minister, mit denen er das Kabinett bilden wollte, vor. Es waren dies:

 

Robert Siewert als Innenminister und Stellvertreter des Ministerpräsidenten,

(SED, vorher KPD),

Ernst Thape als Minister für Volksbildung und Wissenschaft,

(SED, vorher SPD),

Willi Dieker als Wirtschaftsminister,

(SED, vor 1933 SPD, nach 1945 KPD)

Werner Bruschke als Finanzminister,

(SED, vorher SPD),

Dr. Damerow als Minister für Landwirtschaft, Handel und Versorgung, (LDP),

Dr. Leo Herwegen als Sozialminister, (CDU).

Das Justizwesen wollte Ministerpräsident Dr. Hübener selbst übernehmen.

 

Der Landtag gab einstimmig seine Zustimmung zu dieser Ministerliste. Nach altem demokratischen Brauch vereidigte der Landtagspräsident Bruno Böttge *[67]) die neugewählten Regierungsmitglieder.

 

Verabschiedung der ausscheidenden Mitglieder, Einführung der neu gewählten Mitglieder des Rates der Stadt Magdeburg

 

In der Gemeindevertreter-Sitzung am 3O. Dezember l946 *[68]) wurden die neu gewählten Mitglieder des Rates der Stadt feierlich in ihre Ämter eingeführt und verpflichtet.

 

Oberbürgermeister Eberhard dankte im Namen des Gemeinderates der Gemeindevertetung für das durch die Wahl ausgesprochene Vertrauen und drückte seinen Wunsch nach einer reibungslosen und fruchtbringenden gemeinschaftlichen Arbeit aus.

 

Er hieß den in der Sitzung am 29. November l946 neugewählten Stadtrat Ludwig Münz (LDP) und den am 3O. Dezember l946 gewählten Stadtrat Paul Gold (CDU) im Kreise der Kollegen willkommen.

 

Er dankte dem ausscheidenden Stadtrat Richard Freisleben (SED, zuvor SPD) für seine in den letzten 1O Monaten bei der Leitung des Dezernats Handel und Versorgung geleistete selbstlose, tatkräftige und zielbewußte Arbeit, von deren Umfang und Verantwortung nur wenige Menschen eine klare Vorstellung haben könnten.

 

Sein Dank galt des weiteren dem der Bevölkerung als langjährigen Kommunalpoliker bekannten Willi Plumbohm (SED, zuvor SPD), der das unter den bedrückenden Verhältnissen schwierige Wohnungsdezernat mit großer Umsicht geleitet hatte. Oberbürgermeister Eberhard gab seiner Freude Ausdruck, daß die reichen Erfahrungen und der stets kluge Rat Willi Plumbohms durch seine Wahl zum ehrenamtlichen Stadtrat erhalten bleiben würden.

 

Des weiteren schied im Zuge der Neuwahl des Gemeinderates Stadtrat Richard Weiß (SED, zuvor KPD), der für das Umsiedlerwesen zuständig gewesen war, aus dem Ratskollegium aus.

 

Zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt Magdeburg erhielten aufgrund der Gemeinderatswahl am 29. November l946 Frauen Dezernate in der Stadtverwaltung. Rudolf Eberhard begrüßte die Mitarbeit von Frauen im Ratskollegium und sagte: "Ich beabsichtige, den beiden Kolleginnen Aufgaben zu übertragen, in denen sich die Mitarbeit von Frauen besonders bewähren kann. Daneben wird es sich bei der Bedeutung, die den Frauen im politischen Leben zukommt, für die Verwaltung glücklich auswirken, daß zwei Stadträtinnen ihren Rat in die Waagschale werfen und ihren Einfluß geltend machen können."

 

Am 4. Januar 1947 gab Oberbürgermeister Eberhard in der Sitzung des Rats der Stadt bekannt, daß er den neu gewählten Stadträten folgende Dezernate zugeteilt habe:

 

Stadtrat Münz erhielt das Wohnungsamt, das bisher Stadtrat Plumbohm geleitet hatte.

 

Stadtrat Plumbohm wurde als ehrenamtlichem Stadtrat die Aufgabe der Wohnungsinstandsetzungen und des Wohnungsbaus übertragen.

 

Stadtrat Gold bekam das Amt für Handel und Versorgung und das Landwirtschaftsamt.

 

Stadträtin Schellheimer unterstand künftig das Versicherungsamt und das Dezernat für Frauenfragen. Sie sollte in allen Angelegenheiten, die das Gebiet der Frau betrafen, von den anderen Dezernenten herangezogen werden.

 

Stadträtin Wenk erhielt das Umsiedlungsamt. *[69])

 

Grundsatz der Dezentralisation

 

Rudolf Eberhard führte in seiner Rede am 3O. Dezember 1946 aus, daß nach dem jetzt in der Sowjetzone geltenden Recht, die Gemeinden nach dem Grundsatz der Dezentralisation allein zur Lösung aller örtlichen Aufgaben berufen seien und danach eine der wichtigsten Funktionen im Staatsorganismus zu erfüllen hätten. Die Staatsaufsicht mit ihren vielfachen Weisungen sei in Wegfall gekommen und auf die Überwachung der Gesetzmäßigkeit der Handlungen der Verwaltung beschränkt. Die Gemeindevertretung als die richtungsweisende Körperschaft habe sich also nicht mehr den staatlichen Aufsichtsbehörden, sondern ausschließlich dem Volke gegenüber zu verantworten.

 

Wer konnte damals ahnen, daß nur wenige Jahre danach der Zentralisierungsprozeß in der sowjetisch besetzten Zone Gestalt annahm und die Handlungsfreiheit der Kommunen davon stark betroffen wurde? Rudolf Eberhard mußte das bitter erfahren.

 

Vor jeder praktischen Arbeit, die von einer Körperschaft in Angriff genommen werde, sei eine ordnunggemäße Planung notwendig, führte Rudolf Eberhard am 30. Dezember 1946 aus. Ausführlich begründete er die Notwendigkeit der Erstellung einer Verwaltungsordnung, was Aufgabe der Gemeindevertretung war. Sie sollte als Hauptgeschäftsordnung der Stadt dienen. Des weiteren sei die Neuschaffung des Magdeburger Ortsrechts, das einer völligen Neuordnung bedurfte, notwendig. Nach Vorhandenseins der Verwaltungsordnung habe der Gemeinderat die Aufgabe, eine Geschäftsordnung für den inneren Dienst festzusetzen, die den Ablauf der Verwaltungsgeschäfte des Gemeinderats und der städtischen Dienststellen regele.

 

Oberbürgermeister Eberhard gibt über die Schwierigkeiten der Verwaltung Aufschluß

 

Eingehend zeigte Rudolf Eberhard den Gemeindevertretern in seiner Rede die Aufgaben der Verwaltung auf und wies auf die Probleme hin, mit denen sie sich nicht zuletzt durch die Verfahrensweise der Besatzungsmacht stark auseinandersetzen mußte.

 

Wenn Rudolf Eberhard von den durch die sowjetische Besatzungsmacht hervorgerufenen Schwierigkeiten, wie den Demontagen und Reparationsleistungen, sprach, verwies er gern auf die ursprüngliche Ursache, den unheilvollen, für Nazideutschland verlorenen Krieg. Auf diese Weise wurden die für die Sowjets sicher belastenden Aussagen von ihnen nicht beanstandet.

 

Rudolf Eberhard war jetzt durch die einzige freie Wahl in der SBZ und späteren DDR demokratisch gewählt worden, was von Beginn seiner Oberbürgermeistertätigkeit an sein Wunsch gewesen war; aber die Gefährlichkeit dieser Aufgabe war in dem hohen Maße, das später erfahren werden mußte, damals noch nicht erkennbar.

 

Schwierige Finanzsituation und unzureichender Personalbestand

 

Die Verwaltung war gezwungen, unter äußerster Einschränkung ihrer finanziellen Mittel zu arbeiten. Das traf eine so stark zerstörte Stadt wie Magdeburg natürlich ganz besonders.

 

Auf Anordnung der SMAD waren vierteljährige Haushaltspläne *[70]) mit dem Ziel eingeführt worden , daß möglichst hohe Überschußbeträge an die Provinz abgeführt werden mußten, die dann den Sowjets als Reparationsleistungen zuflossen.

 

Der damalige Stadtrechtsrat und Stadtkämmerer Georg Dietrich schreibt dazu: *[71])

 

"Als Mitglied des Magistrats für das Finanz- und Rechtswesen habe ich seit Mai 1945 die Amerikaner, die Engländer und zuletzt die Russen als Besatzungsmächte erlebt. Die sowjetische Militäradministration hat im Gegensatz zu den beiden anderen Besatzungsmächten es darauf angelegt, mit aller Macht Reparationsleistungen zu erlangen. Nicht nur die Magdeburger Wirtschaft hat durch Demontage wertvoller Industrieanlagen und den Abtransport in die Sowjetunion darunter zu leiden gehabt, sondern auch die Verwaltung wurde davon hart betroffen.

Wir wurden einer strengen Haushaltskontrolle unterworfen. Statt der üblichen Jahreshaushaltspläne wurde die Vorlage von Vierteljahreshaushaltsplänen verlangt, wobei das Tückische dabei war, daß erst nach Genehmigung durch die Militäradministration über die Haushaltsmittel verfügt werden durfte. Die SMAD nahm sich dabei viel Zeit mit der Zustimmung, so daß in der Regel erst nach sechs bis acht Wochen eines Vierteljahres eine Ausgabemöglichkeit bestand. Durch die Kürze der verbleibenden Zeit sollte eine Verwendung der eingeplanten Mittel in vollem Umfang unmöglich gemacht werden, so daß, da eine Übertragung in das nächste Vierteljahr unzulässig war, die nicht ausgeschöpften Haushaltsmittel der Abführung unterlagen. Es bedurfte großer Geschicklichkeit, Wege zu finden, um die jeweils abzuführenden Beträge möglichst klein zu halten, zumal die ständigen Kontrollen durch den sowjetischen Finanzbevollmächtigten Woropajew streng waren.

Bei allen unseren Handlungen mußte dabei mit Bedacht vorgegangen werden, da die Kommunisten jedes falsche Taktieren dazu genutzt hätten, mit politischen Argumenten die Aufbauarbeit zu stören und illusorisch zu machen."

 

Im Haushaltsjahr 1947 traten noch zwei zusätzliche große Schwierigkeiten auf. Der Bevollmächtigte der Bezirkskommandantur für die Finanzverwaltung nahm starke Streichungen der finanziellen Mittel vor. Außerdem wurden nicht weniger als 569 Verwaltungsstellen gestrichen. Das war umso einschneidender, weil die Aufgaben durch die Vielzahl der Probleme besonders für die leidende Bevölkerung ungeheuer groß waren.

 

Oberbürgermeister Eberhard schaltete den Verwaltungs- und Finanzausschuß der Stadtverordnetensitzung ein, an dessen Sitzungen er teilnahm. Für diesen berichtete in der vierten öffentlichen Stadtverordnetensitzung am 20. 1. 1947 *[72]) der Stadtverordnete Dr. Klewitz (LDP), der Ausschuß sei nach eingehender Arbeit zu dem Ergebnis gekommen, die von dem Bevollmächtigten der Bezirkskommandantur für die Finanzverwaltung im Haushaltsplan vorgenommenen Streichungen seien nicht tragbar, da sie zum Teil gegen andere Anordnungen der SMAD sowie gegen gesetzliche und vertragliche Verpflichtungen der Stadt verstießen und insbesondere die Aufrechterhaltung einer geordneten Verwaltung gefährden würden.

 

Die Stadtverwaltung beantragte bei der Provinzialregierung, die Provinzial-Kommandantur zu bewegen, die Streichungen auf ein erträgliches Maß herabzusetzen.

 

Es war wichtig, der sowjetischen Besatzungsmacht verstehen zu geben, daß von den deutschen Stellen sowjetische Anordnungen nicht einfach hingenommen wurden. Wenn auch die Tendenz bestehen blieb, möglichst hohe deutsche Geldsummen abzuziehen, so konnte doch in einzelnen Fällen eine Erleichterung erreicht werden.

 

Doch auch die durch die Streichungen hervorgerufene Situation mußte bewältigt werden. "Es ist unsere Aufgabe, die Verwaltung mit den gekürzten Mitteln so zu organisieren, daß die Betreuung der Bevölkerung weiterhin gesichert ist", sagte Rudolf Eberhard. *[73])

 

Es hatte schon oft harte Auseinandersetzungen mit dem sowjetischen Finanzbeauftragten gegeben. Manche Härten konnten Oberbürgermeister Eberhard und Stadtkämmerer Dietrich abwenden. Der Finanzbeauftragte unterlag aber natürlich den Weisungen seiner übergeordneten Stellen, und diese gingen von ihrer vorgegebenen Linie nicht ab.

 

Von den schwierigen Verhandlungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht konnte Rudolf Eberhard unter deren Zensur natürlich nicht öffentlich sprechen. Er versuchte jedoch, die Umstände in seinen Reden so darzustellen, daß sie von den mit den Verhältnissen Vertrauten verstanden wurden. In persönlichen Gesprächen ging er konkreter auf die Schwierigkeiten mit den Sowjets ein.

 

In der Stadtverordnetensitzung rief er die Anwesenden dazu auf, aufklärend zu wirken und allen Kritisierenden die großen personellen und sachlichen Schwierigkeiten aufzuzeigen, die sich ständig den Bemühungen der Stadtverwaltung entgegenstellten.

 

Mangelnder Wohnraum

 

Eine der Hauptnöte der Magdeburger Bevölkerung war die Sorge um den Wohnraum. Durch die Luftangriffe, besonders durch die Zerstörungen in der Nacht des 16. Januar 1945, waren nach den Ermittlungen bis Ende 1946 in Magdeburg von je 1OO Wohnungen nur 29 unbeschädigt geblieben, wobei die fast in allen Wohnungen zu verzeichnenden kleineren Fenster- und Türschäden, die das Leben auch in diesen Wohnungen unter den damaligen Verhältnissen unangenehm beeinflußten, nicht gerechnet worden waren.

 

In der Bombennacht vom 16. Januar 1945, aber auch schon nach den vorhergehenden Angriffen, hatte eine allgemeine Flucht der nervengepeitschten Bevölkerung aus der Stadt auf das nicht so bedrohte Land eingesetzt. Die Zahl der Magdeburger Bevölkerung war von rund 348.OOO Einwohnern vor dem Kriege auf rund 9O.OOO Einwohner zusammengeschmolzen. Nach dem Krieg kamen viele Einwohner wieder zurück. Doch war es angesichts der katastrophalen Wohnungsverhältnisse unmöglich, allen, die zurückkehren wollten, ihren Wunsch zu erfüllen. Zu bedenken war dabei auch, daß es sich bei dem als noch vorhanden bezeichneten Wohnraum zum größten Teil

um ganz primitive Unterkünfte handelte.

 

Die Verhältnisse waren mit der Wohnungsnot nach 1918 auf keinen Fall vergleichbar. Damals reichte zwar infolge Ruhens der Bautätigkeit während des Weltkrieges 1914 bis 1918 und der in diesen Jahren vorgenommenen Eheschließungen die Zahl der selbständigen Wohnungen nicht aus, der Wohnraum selbst aber wies überhaupt keine Beschädigungen auf und war auch weitaus geringer belegt als nach 1945. Der damals sofort einsetzende Bau von Notwohnungen und die wenig später in Angriff genommenen großen Bauvorhaben der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften ließen eine baldige Besserung der Zustände erhoffen.

 

Ganz anders sah es nach 1945 in Magdeburg aus. Viele Menschen fragten: "Wann werden wir wieder normale Zustände auf dem Gebiet des Wohnungswesens haben?" Rudolf Eberhard gab ehrlich Antwort. Die Bevölkerung sollte die Wahrheit über die bestehenden Probleme erfahren.

 

Er sagte in der Gemeindevertreterversammlung am 30. 12. 1946:

 

"Mit offenen Augen und gesundem Menschenverstand wollen wir an die Lösung der Gegenwartsprobleme herangehen. Wir müssen den Mut haben, alle Dinge beim Namen zu nennen, müssen die Menschen vor der Illusion bewahren, daß wir ihnen nach einem Programm über Nacht gute Zeiten verschaffen können."*[74])

 

Voraussetzung für den Neuaufbau war die Enttrümmerung der Stadt. Rudolf Eberhard ließ keinen Zweifel daran, daß diese Jahre in Anspruch nehmen würde.

 

Doch bis an den Wiederaufbau der Stadt zu denken war, mußte weiterhin alles daran gesetzt werden, den beschädigten Wohnraum, der noch zu erhalten war, instandzusetzen. Es war äußerst dringend, die Wohnungen winterfest herzurichten. Die Reparatur der Dächer stand an erster Stelle. Baustoffe und Arbeitskräfte, die nur unzureichend zur Verfügung standen, mußten systematisch an die Stellen des dringendsten Bedarfs gelenkt werden. Aus den Trümmermassen wurden planmäßig alle noch brauchbaren Baustoffe gewonnen und der Wiederverwertung zugeführt. Außerdem wurde durch die Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte in Zusammenarbeit mit der Provinzialregierung erreicht, daß die bombardierten Städte zusätzlich Baustoffzuteilungen erhielten.

 

Obwohl der eigene Bedarf ungeheuer groß war, mußten Baustoffe an die Sowjetunion und die Ostblockstaaten geliefert werden.

 

Trotzdem wurden bis zum 31. Dezember 1946 7.75O Wohnungen, kleinere Reparaturen der ständig bewohnten Wohnungen nicht eingeschlossen, wieder instandgesetzt.

 

Glaube an die Jugend

 

"Wir Alten wollen der Jugend zeigen, wie man in frischem Zupacken das Schicksal meistern und auch die geistige Enttrümmerung vornehmen kann," munterte Rudolf Eberhard die Gemeindevertreter in seiner Rede am 30. Dezember 1946 auf. Er sprach von einer "ge-nazi-führten Jugend", die im Kern gesund und kraftvoll genug sei, um die schwerste Aufgabe, die je dem deutschen Volke gestellt wurde, zu meistern. *[75])

 

Er sagte:

"Die Trümmer unserer Städte sind Mahnzeichen für die heranwachsende Generation, es nicht ihren Vätern gleichzutun, die in politischer Gedanken- und Machtlosigkeit dem Militarismus und Faschismus das Werk der Zerstörung ermöglicht haben. Die alte Generation muß aus ihrer Sünde wider die Jugend ihre Verpflichtung erkennen, den militaristischen und faschistischen Geist mit Stumpf und Stiel auszurotten, alle Voraussetzungen zu schaffen, die es der heranwachsenden Generation ermöglichen, eine Nation aufzubauen, der die Welt mit der Überzeugung begegnen kann, daß sie sich ehrenhaft an internationale, dem dauerhaften Frieden dienende Vereinbarungen hält. Keine Aufgabe darf uns zu schwer, keine Anstrengung zu groß, kein Ziel zu hoch sein, um die Grundlagen für die Errichtung eines Reiches des Friedens durch die deutsche Jugend zu schaffen."

 

Der Ausbildung der Jugend maß er hohe Bedeutung bei. Nicht zuletzt mußte der zahlenmäßige Mangel an Arbeitskräften besonders der jüngeren und mittleren Jahrgänge beseitigt werden. Die Magdeburger Berufs- und Fachschulen waren weitbekannt, die Ingenieurschule wurde wiedereröffnet. Das in Magdeburg entwickelte Fachschulwesen übte auch seine Anziehungskraft auf weitere Bezirke aus.

 

Solidarhaftung nimmt allmählich Gestalt an

 

Der Winter warf in den zerstörten Städten andersartige und wesentlich härtere Probleme als in den übrigen Gemeinden auf. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung hatte hier alles verloren, so daß es an allen Dingen des täglichen Bedarfs, insbesondere aber an Bettzeug, warmer Kleidung und Schuhwerk fehlte. Mit der Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte forderte Magdeburg unablässig, daß die betroffenen Städte in der Versorgung mit diesen Gebrauchsartikeln stärker berücksichtigt werden sollten als die unzerstörten Städte und Gemeinden.

 

Der von Magdeburg aus propagierte Gedanke der Solidarhaftung nahm immer mehr Gestalt an.

 

In der Gemeindevertretersitzung am 30. Dezember 1946 sagte Oberbürgermeister Eberhard:

 

"Sie haben aus den verschiedensten Berichten bereits entnehmen können, in welcher Weise einzelne unserer Forderungen verwirklicht worden sind. Bei der Baustoffzuteilung wirkt die Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte maßgebend mit. Es bleibt nur zu hoffen, daß recht bald größere Mengen an Baustoffen zur Verteilung gelangen, damit der Fortschritt unserer Wohnungsinstandsetzung für jeden deutlich sichtbar wird. Wegen einer Sonderzuteilung von Kleidung und Schuhwaren hat Präsident Bickel vom Hilfswerk der Provinz kürzlich auf einer Tagung in Magdeburg erklärt, daß die kriegszerstörten Städte mit der doppelten Quote berücksichtigt werden sollen. Es mehren sich überhaupt die Anzeichen, daß man in weiteren Kreisen auf die Verpflichtung zur Hilfeleistung für die Bevölkerung in den zerstörten Städten aufmerksam geworden ist. Ich hoffe, daß das Ziel unserer Arbeit in der Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte, die gesamte Bevölkerung zum solidarischen Zusammenstehen, zur Hilfe für die zerstörten Städte anzuregen, in naher Zukunft erreicht wird."

 


Einweihung der Strombrücke im April 1946, in der Mitte Oberbürgermeister Eberhard, ganz links Stadtbaurat Gauger


Sorge um die wirtschaftliche Situation

 

Eine weitere große Sorge lag auf dem Gebiet der Wiederingangsetzung der Wirtschaft. Der Zwang zur Kriegsproduktion hatte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zu einer fast völligen Abkehr von der Herstellung exportwichtiger Erzeugnisse in Magdeburg geführt. Schon in den letzten Phasen der Kriegswirtschaft war auf wirtschaftlichem Gebiet ein völliges Trümmerfeld entstanden. Durch weitgehende Verlagerung und Umsetzung wichtiger Betriebe hatte die Magdeburger Wirtschaft stark gelitten. Lange vor den schweren Zerstörungen des Luftkrieges war im Irrgarten der Überschneidungen der Dringlichkeitsstufen kein Durchfinden mehr gewesen. *[76])

 

Die Verluste des Krieges, die Veränderungen territorialer Art und der völlige Umbruch der politischen Verhältnisse nach dem Krieg hatten im Gefüge der Wirtschaft Strukturwandlungen von säkularer Bedeutung bewirkt. Noch nie sei der Zusammenbruch eines Wirtschaftssystems so verhängnisvoll wie das des Hitlerreiches gewesen, hatte Rudolf Eberhard vor der Beratenden Versammlung gesagt. *[77])

 

Ein Zentralproblem des Wiederaufbaus der Magdeburger Wirtschaft war im Jahr 1945 die Instandsetzung der völlig zerstörten Benzin-Synthese "Brabag" im Industriegelände Rothensee, Magdeburgs damals größte und wichtigste Produktionsstätte. Kaum mit erheblichen städtischen Mitteln auf sowjetischen Befehl aufgebaut, erfolgte die Demontage durch die Besatzungsmacht. Die Wiederingangsetzung von Betrieben der verschiedenen Industriezweige war gemäß Befehl Nr. 9 des Marschalls Schukow gefordert worden.

 

Das zweite wichtige Problem in den ersten Monaten des Wiederaufbaus war die Rekonstruktion der im Krieg zerstörten Brücken über die Elbe. Die Eisenbahnbrücke über die Elbe konnte am 12. 3. 1946 und die Strombrücke über die Elbe am 29. 4. 1946 eingeweiht werden. Auch die Hubbrücke in der Nähe des Domes wurde wieder hergestellt und so eine provisorische Eisenbahnverbindung zwischen dem westlichen und östlichen Gebiet geschaffen.

 

Diese Maßnahmen waren, wie Oberbürgermeister Eberhard in seinem Rechenschaftsbericht ausgeführt hatte, von überörtlichen Erwägungen bestimmt, kamen aber auch der Allgemeinheit, nicht nur dem engeren Magdeburger Raum, zugute. Andererseits nahmen sie material- und arbeitsmäßig fast die gesamten Kräfte und wirtschaftlichen Möglichkeiten Magdeburgs viele Monate hindurch in Anspruch.

 

Etwa zwei Drittel der Magdeburger Wirtschaft war zerstört worden. In entsagungsvoller Arbeit unter oft kaum zu beschreibenden Schwierigkeiten beseitigten die Belegschaften der Magdeburger Werke die Verwüstungen. Rudolf Eberhard sagte hierzu:

 

"Die hierbei geleistete mühselige Aufbauarbeit verdient hohes Lob. Die beteiligten Arbeiter haben mit seltener Zähigkeit und Entschlossenheit einen unübertroffenen Beweis ihrer Heimatliebe und ihrer Schaffenskraft erbracht und mit ihrer Arbeit zugleich auch einen bisher kaum richtig gewürdigten Beitrag für die wirtschaftliche Entwicklung des gesamten Bezirkes und Landes geleistet - und das oft unter mißlichen Lebensbedingungen in zerstörten Wohnräumen, wie solche sich die Bevölkerung unzerstörter Städte und Gemeinden kaum vorstellen kann. Alle diese durch den Bombenkrieg verursachten Zerstörungen und die Erschwernisse durch die sich als Folge des Hitler-Eroberungskrieges ergebenden Demontagen von Produktionsstätten haben den Mut der Magdeburger schaffenden Bevölkerung zur Selbstbehauptung nicht gebrochen."

 

Die Planung von Produktionsstätten, um den noch nie dagewesenen Mangel an den einfachsten Gebrauchsartikeln zu beseitigen, dränge sich von selbst auf, führte Rudolf Eberhard vor den Gemeindevertretern am 30. Dezember 1946 aus. Es fehle den breitesten Schichten an allen Gegenständen des täglichen Lebens. Besonders wichtig sei auch die Produktion für den Bedarf des Baugewerbes. Magdeburg, das seit jeher nicht nur für die eigene Bevölkerung, sondern auch für einen großen Bezirk produziert habe, verfüge über eine besonders qualifizierte Arbeiterschaft. Auch für die Bevölkerung der nichtzerstörten Kleinstädte und Dörfer des Landes sei der Aufbau Magdeburgs wichtig.

 

Er gab zu bedenken, daß die Neubildung des Wirtschaftlebens nicht ohne Mitwirkung der Stadtverwaltung durchgeführt werden könne. Eine klare Lenkung sei erforderlich, um bei dem großen Warenbedarf so wirtschaftlich und sinnvoll wie nur irgend möglich zu produzieren.

 

Ende Mai 1946 hatte die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Wirtschaft in der Bildung der Industrie- und Handelskammer Ausdruck gefunden. Im Anschluß daran war eine neue Handwerkskammer ins Leben gerufen worden.

 

Durch die mit der Wiedergutmachung der gewaltigen Vernichtungen weiter Gebiete der Sowjetunion durch die Hitler-Armee begründete im Frühjahr l946 einsetzende Demontage verschiedener Werke der Magdeburger Großindustrie und auch mittlerer Betriebe sowie zahlreicher Teildemontagen in anderen Werksanlagen erlitt die Erzeugungskapazität der Magdeburger Wirtschaft eine starke Einbuße. In den meisten Fällen gab die Sowjetische Militäradministration (SMAD) den betreffenden Firmen später die Erlaubnis zur Wiedereinrichtung der Produktionsanlagen. Die wichtigsten Großbetriebe gingen in die Hand der nach eigenem Plan wirtschaftenden sowjetischen Aktiengesellschaften (SAG) über. Diese Großbetriebe arbeiteten ausschließlich im wirtschaftlichen Interesse der Sowjetunion und hatten umfangreiche Reparationslieferungen zu leisten.

 

Ein gewichtiges Problem der industriellen Großproduktion stellten die Reparationslieferungen der Firma Krupp dar, die in Erfüllung des Befehls Nr. 5O der Sowjetischen Militäradministration in Gemeinschaft mit mehreren großen und kleineren Unterlieferanten - darunter Maschinenfabrik Buckau R.Wolf AG, Otto Gruson, Polte, Schäffer & Budenberg, A.W.Mackensen - ein äußerst umfangreiches, auf mehrere Jahre berechnetes Fertigungsprogramm zur Erstellung von Zementfabrikeinrichtungen durchzuführen hatte.

 

Andere Großbetriebe waren Volkseigentum geworden. So ging das Krupp-Grusonwerk am 17. Mai 1946 in den Besitz der Provinzialverwaltung über. *[78])

 

Bau des Theaters

 

Sehr unterschiedliche Meinungen bestanden über den Bau eines Theaters. Beim Verzicht auf den Bau wären jedoch die dafür vom sowjetischen Finanzbevollmächtigten genehmigten Beträge nicht anderen Ausgaben-Titeln zugeflossen, so daß der Stadt die Gelder verloren gegangen wären. Zähe Verhandlungen von Oberbürgermeister Eberhard und seinen Stadträten mit dem Finanzbevollmächtigten hatten erst dazu geführt, daß dieser die Mittel bewilligte. Rudolf Eberhard vertrat die Meinung, daß es äußerst wichtig sei, den Menschen im zerstörten Magdeburg eine Stätte der Erholung und Erbauung zu geben, damit sie den Mut zum Leben behielten.

 

Bedrückende Ernährungslage durch Raubbau am Boden *[79])

 

Die Kriegseinwirkungen waren in der Landwirtschaft in vollem Ausmaße zu verspüren. Der jahrelange Raubbau am Boden, die geringe Düngung und andere Faktoren führten neben ungünstigen Witterungsbedingungen im Jahre 1946 zu einer Mißernte, wie es sie in den letzten 4O Jahren nicht gegeben hatte. Es bestand Klarheit darüber, daß es Jahre dauern würde, bis die Kriegsfolgen überwunden werden konnten. Aussicht, daß dann in der SBZ das zum Leben Notwendige produziert werden konnte, bestand nicht.

 

In seiner Rede vor den Stadtverordneten am 30. Dezember 1946 führte Rudolf Eberhard aus:

 

"Einen Ausweg können wir nur darin erblicken, daß man uns gestattet, wieder industrielle Produkte für die Ausfuhr zu fertigen und dafür Lebensmittel einzuführen. Die Erzeugnisse der Magdeburger Industrie genossen früher einen guten Ruf in der Welt, den sich die Magdeburger Wirtschaft wieder erwerben kann und wird, wenn man ihr die Wiederaufnahme der Produktion für die Ausfuhr gestattet."

 

Demontage von Betrieben der Ölproduktion

 

Eine besonders fühlbare Lücke in der Ernährungswirtschaft war der große, entscheidend durch die Demontage von einschlägigen Betrieben verursachte Fettmangel. Oberbürgermeister Eberhard versuchte die Demontage abzuwenden, indem er der sowjetischen Besatzungsmacht die Wichtigkeit der Fettversorgung für die arbeitende Bevölkerung darlegte. Als er damit erfolglos blieb, setzte er sich für den Neubau eines entsprechenden Werkes anstelle der abgegebenen Betriebe ein, wozu die Sowjets ihre Zustimmung geben mußten.

 

Auch in der Stadtverordnetensitzung am 30. 12. 1946 wies Oberbürgermeister Eberhard ausdrücklich auf die dringend erforderliche Überwindung des Fettmangels hin, damit die Leistungsfähigkeit der Menschen erhalten werden könne. Um die Sowjets, die ja seine Reden in der Stadtverordnetensitzung verfolgten, zum Einlenken zu bewegen, sagte er ebenfalls vor diesem Gremium, wie er es schon direkt in der sowjetischen Kommandantur dargelegt hatte, in ihrem Interesse sei es wichtig, die Bevölkerung durch ausreichende Ernährung und durch Schaffung gesunden Wohnraumes arbeitsfähig zu erhalten, damit sie den ihr aufgegebenen Wiedergutmachungsverpflichtungen nachkommen könne.

 

Weiter führte er aus, daß die Einfuhr von Ölfrüchten die Ernährungsgrundlage wesentlich stärken könne.

 

Hoffnung auf Völkerverständigung über die Deutsche Frage

 

Oberbürgermeister Eberhard gab vor der Stadtverordnetenversammlung im Dezember 1946 zu bedenken, daß die deutschen maßgebenden Stellen mit Anregungen an die alliierten Mächte erst herantreten könnten, wenn das in deren Ländern bestehende starke, durch die 12 Jahre Faschismus hervorgerufene Mißtrauen gegen Deutschland überwunden sei.

 

Zur Lösung der deutschen Wiedereingliederung in die Völkergemeinschaft gab er zu bedenken:

 

"Die Hilfe, die man uns jetzt geben würde, um die Lebensgrundlage unseres Volkes zu sichern und ihm wieder ein bescheidenes, aber menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, würde sich als ein Baustein für die Demokratie, für die Völkerversöhnung und Völkerverständigung erweisen."

 

Zunächst zeigten noch auf der Außenministerkonferenz in Moskau vom 1O. 3. bis 24. 4.l 947 die UdSSR, die USA, Großbritannien und Frankreich ihre Bereitschaft, eine gesamtdeutsche Regierung einzusetzen, die einen Friedensvertrag unterzeichnen sollte. Doch eine Einigung wurde durch die deutlich werdenden Gegensätze der vier Mächte damals wie in den darauffolgenden vielen Jahren in der deutschen Frage nicht erreicht.

 

Während für die westlichen Besatzungszonen im Jahr 1947 durch die USA mit dem Marshallplan wertvolle Aufbauhilfe einsetzte, war die sowjetische Besatzungszone gezwungen, ohne fremde Hilfe mit den vielen Problemen fertig zu werden. Die Trennung zwischen den westlichen Besatzungszonen und der Sowjetzone wurde, während sie politisch von Anfang an klar sichtbar war, auch wirtschaftlich sehr deutlich.

 

Ungewöhnlich kalter Winter und extrem trockener Sommer

 

Die Sorge um die wirtschaftliche Situation wurde durch einen ungewöhnlich harten Winter noch größer. Von Dezember 1946 bis in den Monat März 1947 hinein hielten strenge Fröste an. Die Elbe fror zwischen Dresden und Magdeburg zu. Am 18. März 1947 mußte der Eispanzer der Elbe bei Magdeburg gesprengt werden. Die Bevölkerung litt unter der strengen Kälte besonders, weil das Heizmaterial äußerst knapp war. Die Lieferung von Steinkohle aus Westdeutschland fehlte, die Braunkohle konnte den Bedarf nur unzureichend decken. Aus Verzweiflung versuchte ein Teil der Bevölkerung in der sowjetisch besetzten Zone wie auch in den Westzonen, sich durch Diebstahl Brennmaterial zu besorgen. Durch Plünderungen von Kohlezügen wurde die Engergieversorgung der Wirtschaft gefährdet.

 

Am 21. Februar 1947 wurde durch den Ältestenrat des Landtags Sachsen-Anhalt im Einvernehmen mit der Regierung eine Provinzialkohlenkommission mit außerordentlichen Vollmachten gebildet. Die Landräte und Oberbürgermeister wurden für ihren örtlichen Bereich zu Kohlenkommissaren ernannt. Zur Durchführung ihrer Aufgaben mußten sie sich von Kommissionen beraten lassen, denen die Fraktionsführer der Kreistage bzw. Stadtparlamente oder die Parteivorsitzenden und ein Vertreter des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes angehörten. Der Kommissar hatte im Einvernehmen mit seiner Kommission das Recht, alle verfügbaren Reserven an festen Brennstoffen festzustellen und gegebenenfalls nach eigenem Ermessen zu verteilen. Industriebetriebe waren von der Erfassung ausgenommen. Die freigemachten Brennstoffe sollten Bäckereien, Molkereien, Fleischereien und Krankenhäusern zugeteilt werden. Für Theater, Kinos, Kabaretts und andere Vergnügungsstätten mußte ein Heizverbot ausgesprochen werden. Um den Kohlendiebstahl zu verhindern, sollten zur Unterstützung der Polizei mit Hilfe der Gewerkschaften Kohlenwachen gebildet

werden. *[80])

 

Dem harten Winter folgte ein spätes heißes, regenloses Frühjahr und ein extrem trockener Sommer. Grünflächen und Parkanlagen wurden umgepflügt und darauf Gemüse, Kartoffeln und Getreide angebaut, um die Versorgung der Bevölkerung ein wenig verbessern zu können.

 

Gründungsversammlung der VVN *[81])

 

Zur Gründungsversammlung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) am 3O. März 1947 versicherte Oberbürgermeister Eberhard, daß der Rat der Stadt Magdeburg bestrebt sein werde, den Betroffenen jede nur erdenkliche Unterstützung zu gewähren. Alle Menschen, die dem Frieden und der Menschlichkeit den Weg bahnen wollten, sollten sich denen anschließen, die als Verfolgte bitteres Elend über sich ergehen lassen mußten.

 

Er gedachte auch der Kriegsgefangenen, die gegen ihren Willen in die Uniform gepreßt wurden, und richtete den Ruf an die Nationen:

"Gebt uns die antifaschistisch eingestellten Kriegsgefangenen frei, damit sie mit uns gemeinsam für das neue und bessere Deutschland kämpfen."

 

Arbeitstagung des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumplanung am 14. und 15. April 1947 in Köln *[82])

 

Am 14. und 15. April 1947 nahmen Oberbürgermeister Eberhard, Stadtbaurat Gauger und Stadtbaurat Koß an der Arbeitstagung des deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumplanung in Köln teil.

 

In Köln lebte die Schwester meines Vaters mit ihrer Familie, und mein Vater hatte Gelegenheit, sie zu besuchen. Wegen der familiären Verbindung zu Köln erinnere ich mich bei Betrachtung der Geschehnisse der ersten Nachkriegsjahre offensichtlich noch besonders gut an meines Vaters Schilderung der in Köln gewonnenen Eindrücke.

 

Er erzählte uns, daß er und seine Stadtbauräte zunächst teilweise sehr distanziert von den westdeutschen Tagungsteilnehmern empfangen wurden. Mir war dieses Verhalten damals unverständlich. Mein Vater gab aber der Hoffnung Ausdruck, daß es gelungen sei, Vorurteile ihm und den beiden Stadtbauräten gegenüber aus dem Weg zu räumen. Er hoffte, daß erkannt worden war, daß sie mit dem SED-Regime nicht gleichgestellt werden konnten. Doch wurde bei der Tagung deutlich, daß die Ostdeutschen vor Problemen standen, die den westdeutschen Tagungsteilnehmern fremd waren.

 

Die Erlebnisse der in Unfreiheit gelebten Jahre haben sich in mir eingeprägt, und durch meine Erfahrungen danach habe ich Zusammenhänge klarer erkennen gelernt. 1947 war mein Zuhause in der von den Sowjets besetzten Zone, und aus dieser Sicht wurden die problematischen Geschehnisse betrachtet. Erst nach der Flucht aus der DDR im Jahr 1958 lernte ich den Kontrast zwischen Ost und West und die unterschiedliche Betrachtungsweise kennen. Mir wurde allmählich klar, daß es fast unmöglich für den Westdeutschen war, nachzuvollziehen, unter welchem Druck die Menschen in der Sowjetzone standen. Ich begriff, daß es jenen, die das Glück hatten, die Unfreiheit im Osten nie kennenzulernen, nicht zu verübeln ist, daß sie das, was die besonders schlimm von der Ulbricht-Herrschaft Betroffenen erzählten, nicht für möglich hielten, weil es oft widersinnig anmutete. Die Menschen in den Westzonen und der späteren BRD konnten immer das aussprechen, was sie dachten, es sei denn, sie unterließen es ihrer materiellen oder sonstigen Vorteile wegen. Sie stoßen im allgemeinen auf ein Problem, wenn sie sich in die Verhaltensweise der Menschen einfühlen wollen, die Gefahr liefen, Inhaftierungen bis hin zu Todesurteilen zu erleiden, wenn sie etwas äußerten, was nicht in die politische Landschaft der Stalinisten paßte. Die Schwierigkeit, das zu verstehen, bestand wohl auch für die westdeutschen Tagungsteilnehmer und erklärt ihre anfängliche Reserviertheit den Ostdeutschen gegenüber. Aus meiner heutigen Sicht ist ihnen das nicht vorzuwerfen, wenn es auch deprimierend für die Tagungteilnehmer aus der sowjetisch besetzten Zone war.

 

Mein Vater schrieb einen Bericht über den Verlauf der Kölner Arbeitstagung und die dort von westdeutschen Experten erfolgten Referate. Über seinen in die Diskussion eingebrachten Beitrag schreibt er:

 

"Die anschließende Diskussion gab mir Veranlassung, den Teilnehmern an der Tagung zu sagen, daß die behandelten Fragen Teilprobleme seien, die nur im Rahmen des Gesamtaufbaues unseres Staats- und Wirtschaftlebens gesehen werden könnten. Die entscheidende Voraussetzung für alle städtebaulichen Maßnahmen, die zu einer Einheitlichkeit zwingen, sei das einheitliche Deutsche Reich. Uns beschäftigen, so habe ich dargelegt, in der sowjetischen Zone dieselben Probleme. Wir seien nach Köln zu der Tagung des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen gekommen, weil wir die Auffassung vertreten, daß der Städtebau ein gesamtdeutsches Problem sei, dessen Regelung den Fortfall der Zonengrenzen und die Bildung einer deutschen Zentralverwaltung bedinge. Ich empfahl der Versammlung, in der Entschließung zum Bau- und Bodenrecht die Forderung des einheitlichen Reiches zu verankern."

 

Die Arbeitstagung nahm in die Entschließung auf, daß sie die Überzeugung vertrete, der Aufbau der Städte und Landgemeinden sei Angelegenheit sowohl des ganzen deutschen Volkes, wie er auch der Selbstverwaltung der Gemeinden unterliege. Ein für alle deutschen Länder geltendes Rahmengesetz für den Aufbau der deutschen Stadt- und Landgemeinden wurde empfohlen.

 

Zur Ausarbeitung der sich aus der Entschließung ergebenden Pläne wurde eine Kommission gebildet. Die Versammlungsleitung schlug zu dieser nur Mitglieder aus der amerikanischen und englischen Zone vor. Von Tagungsteilnehmern wurde angeregt, Vertreter der sowjetisch besetzten Zone mit einzubeziehen. Die Versammlung stimmte sodann zu, daß der Kommission auch Stadtbaurat Koß und der Vertreter für die Stadt Berlin angehören sollten.

 

Rudolf Eberhard und Erich Koß nahmen die Entscheidung an, ohne vorher die Zustimmung des Zentralsekretariats der SED einzuholen, wie es linientreue Stalinisten für notwendig gehalten hätten.

 

Um aber späteren Schwierigkeiten für Erich Koß bei der Teilnahme an Besprechungen in den westlichen Besatzungszonen vorzubeugen, teilte Rudolf Eberhard am 22. April 1947 der Abteilung für Kommunalpolitik beim Zentralsekretariat der SED in Berlin die Wahl von Erich Koß in die Kommission mit und übersandte den von ihm erstellten Bericht.

 

Im Umgang mit der SED gebrauchte der Oberbürgermeister schon manchmal deren Vokabular, ohne mit ihren Zielen übereinzustimmen. Auch er konnte eben nicht umhin, seine wahre Meinung in den vorherrschenden Jargon zu kleiden. Sein Ziel war nach wie vor, Magdeburg nicht den Stalinisten zu überlassen, und da blieb nichts weiter übrig, als seine wahre Meinung nicht unnötig preiszugeben.

 

Vom Zentralsekretariat der SED erhielt Oberbürgermeister Eberhard ein Schreiben vom 6. Juni 1947, das von Walter Ulbricht und Max Fechner unterzeichnet war. Es wurde ihm mitgeteilt, daß seine Anfrage wegen Zustimmung zur Mitarbeit von Erich Koß im Ausschuß für Bau- und Bodenrecht in Köln dem Zentralsekretariat von der kommunalpolitischen Abteilung übermittelt worden sei. Die SED habe in der Ostzone Institutionen, die eine Tätigkeit entfalten wie früher etwa der Städtetag oder der Kreistag ausgeschaltet. Bei der wahren Volksdemokratie, die geschaffen worden sei, läge das Schwergewicht jedes Handelns in den Volksparlamenten, deren demokratische Rechte weitgehendst in den Ordnungen der Gemeinden, der Kreise und Länder verankert seien. Wenn es sich trotzdem, was eintreten könne, als notwendig herausstelle, fachliche Fragen zu klären, sollten solche Besprechungen grundsätzlich in Berlin stattfinden.

 

Die Teilnehmer der westlichen Besatzungszonen hatten die aufrichtige demokratische Einstellung und das ehrliche Bemühen von Oberbürgermeister Eberhard und seinen Stadträten um einen Gedankenaustausch über einheitliche städtebauliche Maßnahmen in allen Besatzungszonen erkannt. Wie die Sowjets über die SED-Führung unter Walter Ulbricht die im Juni 1947 stattfindende gesamtdeutsche Ministerpräsidentenkonferenz in München zum Scheitern brachten, die den Weg zu einer Zusammenarbeit aller Länder Deutschlands im Sinne wirtschaftlicher Einheit und künftiger politischer Zusammenarbeit ebnen sollte, unterbanden sie auch die Zusammenarbeit und den Gedankenaustausch der Magdeburger Stadtverwaltung über den Aufbau der deutschen Städte mit den Westzonen.

 

Mit dem Schreiben des Zentralsekretariats der SED wurde deutlich, daß ein Deutschland nach stalinistischen Vorstellungen gemeint war, wenn die sowjetische Besatzungsmacht, die als Sprachrohr Ulbricht und seine Gefolgsleute benutzte, die Einheit Deutschlands lautstark verkündete.

 

Rudolf Eberhard hielt es damals noch für unmöglich, daß ein Machtinstrument, wie es Ulbricht vertrat, und das nur von einer Minderheit, den Stalinisten, anerkannt wurde, sich lange halten konnte. Er und Erich Koß setzten weiter alle Kräfte zur Vorbereitung für den Wiederaufbau Magdeburgs in einem freien demokratischen Gesamtdeutschland ein.

 

Rudolf Eberhards Wirken als Landtagsabgeordneter

 

Nach der Konstituierung der Landtage schien ein demokratisches Parlament seine Arbeit aufgenommen zu haben. Adam Wolfram *[83]) , von 1948 bis 1950 Präsident des Landtags von Sachsen-Anhalt, schreibt in seinem Buch "Hammer und Sichel über Mitteldeutschland", daß der Landtag eine gute Verfassung verabschiedete, aber schon nach kurzer Zeit festgestellt werden mußte, daß Theorie und Praxis weit auseinanderklafften. *[84]) Rudolf Eberhard hatte jedoch als Abgeordneter des Landtags der Provinz Sachsen-Anhalt die Möglichkeit, seine die Probleme der zerstörten Städte betreffenden Vorstellungen auch auf Landesebene öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Er wirkte in verschiedenen Ausschüssen des Landtags mit *[85]) und konnte versuchen, dort sozialdemokratisches Gedankengut mit einzubringen. Maßgebend war er an dem am 13. 2. 1947 beschlossenen Gesetz über die Abräumung von Grundstücken, die einen Kriegsschaden erlitten hatten, beteiligt. Dadurch sollte eine planmäßige Abräumung der Ruinen und Trümmer ermöglicht werden. *[86]) Er begründete Anträge der SED, wie u.a. die Aufforderung an die Landesregierung, Maßnahmen zu ergreifen, die durch die Hochwasserkatastrophe im Frühjahr 1947 hervorgerufenen dringendsten Notstände zu beheben. [87])

 

Der Gedanke der Solidarität war ihm auch im Landtag ein großes Anliegen. Er forderte, daß ein gerechter Ausgleich zwischen nicht zerstörtem und zerstörtem Besitz gefunden werden müsse. Die endgültige Lösung bedürfe einer gesamtdeutschen Regelung, weshalb die Zonengrenzen fallen müßten, betonte er. *[88])

 

In der Landtagssitzung am l7. April l947 *[89]) sprach Rudolf Eberhard als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte über die Hilfsaktion "Wir schaffen Wohnraum". Diese Aktion für die Provinz Sachsen-Anhalt war auf das Wirken der Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte zurückzuführen und hatte den von Magdeburg ausgehenden Gedanken der Solidarhaftung aufgenommen. Die Hilfsaktion wollte die Pläne der Arbeitsgemeinschaft kriegszerstörter Städte unterstützen. *[90])

 

Rudolf Eberhard wies in seiner Rede auf die Not der Menschen hin, die in Trümmerfeldern hausen müßten. Zu bedenken gab er, daß die Aufgabenstellung anderer Gemeinden nicht zu vergleichen sei mit der kriegszerstörter Städte und der Landgemeinden, die durch einen enormen Zustrom von Flüchtlingen vor Aufgaben stehen würden, wie sie in der deutschen Geschichte noch nicht dagewesen waren. Er sagte:

"Die Menschen, die in den kriegszerstörten Städten Sonntag für Sonntag ihre Pflicht der Gesamtheit gegenüber erfüllt haben, sind zu dem Rufe an die Gesamtheit berechtigt: Laßt uns nicht allein! Erkennt die Verpflichtung, daß das ganze Volk denen beizustehen hat, denen der Krieg alles genommen hat. Wenn diese Erkenntnis in die Massen getragen wird, dann muß der große Gedanke der Solidarität Angelegenheit des ganzen Landes werden und zum Erfolg führen."

 

An anderer Stelle sagte er:

"Mit dem Mittel einer neuen steuerlichen Belastung ist die Frage nicht zu lösen, sondern nur durch zusätzliche Arbeit, die von der Bevölkerung der ganzen Provinz geleistet werden muß, sollen die Menschen in den kriegszerstörten Städten nicht verzweifeln, sollen die Menschen, die als Umsiedler in unsere Provinz gebracht worden sind, den Glauben an das deutsche Volk nicht verlieren. Wir müssen die Menschen unserer Provinz für die große Idee der Solidarität begeistern. Sie müssen nicht nur gewonnen werden, sie müssen erkennen, worum es geht. Zu der Beeinflussung durch das Wort muß der sichtbare Erfolg des Werkes kommen. Wir müssen dafür sorgen, daß auch der letzte begreift, daß der Wiederaufbau unserer zerstörten Städte, unseres ganzen Wirtschaftslebens, von dem Willen unseres Volkes abhängt."

 

Rudolf Eberhard war, als er diese Rede im Landtag hielt, gerade erst von der Arbeitstagung des deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumplanung aus Köln zurückgekommen. Er stand sicher noch unter dem Eindruck dieser Tagung, bei der er bewirkt hatte, daß in der Entschließung die Forderung nach der Einheit Deutschlands mit einbezogen wurde. Den Bescheid des Zentralsekretariats der SED, daß Erich Koß nicht in der gebildeten Kommission mitwirken solle, erhielt er erst Wochen später.

 

Er beschloß die Rede mit folgenden Worten:

"Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Wiederaufbau der zerstörten Städte nur ein Teilproblem der gewaltigen Aufgaben ist, die wir in der gesamten Provinz zu leisten haben. Er steht zeitlich und unter dem Gesichtspunkt sozialer Notwendigkeit an erster Stelle. Deshalb begrüßen wir die Hilfsaktion "Wir schaffen Wohnraum". Der Landtag muß heute einen Appell an die gesamte Bevölkerung unseres Landes richten. Alle müssen begreifen, daß es gilt, der deutschen Not Herr zu werden. Wenn einer für alle und alle für einen einstehen, muß das große Werk gelingen, wird die deutsche Zukunft gemeistert werden."

 

Walter Ulbricht: Was ist das für ein Landtagsabgeordneter?

 

Weil ich die Arbeit eines Landtags kennenlernen wollte, begleitete ich meinen Vater einmal zu einer Landtagssitzung nach Halle. Ehemalige Sozialdemokraten, Liberaldemokraten und Christdemokraten setzten sich sehr engagiert mit den anstehenden Problemen des täglichen Lebens auseinander. Dann trat Walter Ulbricht ans Rednerpult. Ich wußte damals noch nicht, wer das war, und war entsetzt über einen solchen Redner ohne jegliche Ausstrahlung. An den genauen Inhalt der Rede kann ich mich nicht mehr erinnern. Mein Eindruck aber war, daß er inhaltsschwach daherredete. Wahrscheinlich verkündete er irgendwelche Parolen. Er wirkte auf mich abstoßend.

 

Auf der Nachhausefahrt sprach ich mich darüber bei meinem Vater aus. Er sagte mir, daß es sich bei Ulbricht um einen mit großer Vorsicht zu genießenden Politiker handele. Er habe die volle Unterstützung der Sowjets und sehe seine Aufgabe in der Erfüllung der von dort kommenden Anordnungen. Die Zusammenarbeit mit ihm sei äußerst schwierig. Leider bliebe ja aber nichts weiter übrig als zu versuchen, mit ihm "fertig zu werden".

 

Wenn mir damals jemand gesagt hätte, daß dieser Walter Ulbricht später so entscheidend das Schicksal meines Vaters und damit auch seiner Familie mitbestimmen würde, wäre mir das absurd vorgekommen.

 

Großkundgebung am 7. Juni 1947 *[91])

 

Um die Bevölkerung über die Arbeit der Stadtverwaltung am Wiedererstehen Magdeburgs zu informieren und ihr Interesse daran verstärkt zu wecken, fand am 7. Juni 1947 im Palast-Theater Sudenburg in der Braunschweiger Straße wieder eine Großkundgebung statt. Es sprachen auf ihr Oberbürgermeister Eberhard und Stadtbaurat Koß.

 

"Die Aufgaben und Verpflichtungen, die uns das Schicksal gestellt hat, sind so gewaltige, daß sich ihnen keiner entziehen kann", sagte Rudolf Eberhard. Voller Anerkennung sprach er über das alte Magdeburg, ging aber auch kritisch auf die Lebensumstände ein, mit denen sich viele Menschen in der Vergangenheit auseinandersetzen mußten.

 

Als ich die Rede jetzt wieder las, erinnerte ich mich, daß mir mein Vater schon als Kind und dann auch später öfter die Sorgen und Nöte der Menschen in der Zeit der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung geschildert hatte. Er erzählte von Magdeburgs Stadtteil Buckau, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Für die Maschinenarbeit seien dort gewaltige Fabrikhallen entstanden; für die Menschen, die darin ihr Geld verdienen mußten, wurden aber nur spärlich bemessene Wohnungen gebaut. Sehr bedrückend war für mich seine Schilderung, daß an die Häuser in den Industriestädten immer mehr Hinter- und Nebengebäude gebaut wurden, in die meistens aufgrund der engen Bauweise keine Sonne dringen konnte. Das traf besonders auch für Magdeburg zu.

 

In seiner Rede auf der Großkundgebung wies er darauf hin, daß durch die Zerstörung Magdeburgs Mauerwerk freigelegt wurde, das Aufschlüsse über die Frühgeschichte der Stadt gäbe und Wissenschaftlern wertvolle Forschungsmöglichkeiten böte. Das Steingetrümmer offenbare aber auch, daß im Industriezeitalter neben großen prunkvollen Häusern enge lichtarme Hinterhäuser entstanden.

 

Als seine Aufgabe nach dem Ersten Weltkrieg hatte es Rudolf Eberhard betrachtet, sich für die Durchsetzung besserer Lebensverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung einzusetzen. Er sagte:

"Ich bin stolz darauf, daß ich an dem großen, vom Nationalsozialismus 12 Jahre unterbrochenen Ringen der deutschen schaffenden Menschen um eine neue und bessere Lebensordnung teilnehmen konnte. Die Hitlerzeit, die Zeit der großen Demütigung der Menschheit, hat uns die Erkenntnis gebracht, daß wir in unserem Kampf für eine gerechte Lebensordnung wachsam und zu noch größeren Opfern bereit sein müssen."

 

Rudolf Eberhard hob hervor, daß Magdeburg im Kampf um neue Wohn- und Lebensstätten eine bedeutende Rolle gespielt habe und vor etwa vier Jahrzehnten hier die ersten Arbeitersiedlungsgenossenschaften gegründet wurden. Er führte aus:

"Die Magdeburger Gartenstädte gehören zu den ersten Gründungen dieser Art in Deutschland. Von den Männern, die im genossenschaftlichen Siedlungswesen erfolgreich tätig waren, dienen viele auch heute noch unserem Gemeinwesen. Die Magdeburger Wohnkolonien am Stadtrand waren zu einem Teil schon der Beginn einer Planmäßigkeit im Städtebau."

 

Er sprach den Magdeburgern großes Lob und Dank für ihre Einsatzbereitschaft in den ersten beiden Nachkriegsjahren besonders bei den Enttrümmerungsarbeiten aus. Er sagte ihnen, daß es gegen alle Begriffe der Volksgemeinschaft verstoßen würde und eine Mißachtung aller demokratischen und sittlichen Gebote sei, wenn sie und die Frauen und Männer der anderen kriegszerstörten Städte ihr Unglück allein tragen müßten. Bei seinem Amtsantritt Ende Januar 1946 sei ihm sofort klar geworden, daß zur Lösung des Neuaufbaus Magdeburgs die Bevölkerung der ganzen Provinz aufgerufen werden müsse.

 

Dann ging er auf die Gründung der Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte und deren von Magdeburg ausgehenden Forderung der Solidarhaftung ein und berichtete, daß vom Landtag für den Wiederaufbau beschlossene Gesetze unter unmittelbarer Mitwirkung der Arbeitsgemeinschaft erfolgt seien.

 

Magdeburg habe als einzige der zerstörten deutschen Städte schon einmal durch einen Krieg verursacht vor der Frage des Neuaufbaus gestanden, führte er weiter aus. Nach der großen Zerstörung am 10. Mai 1631 sollte auch nach einem neuen Plan, den Otto von Guericke entworfen hatte, gebaut werden. Die Magdeburger hätten den Plan dieses wahrhaft revolutionären Städtebauers unbeachtet gelassen. Das Gemeinwesen sei damals noch zu unentwickelt gewesen, um eine geschichtliche Notwendigkeit gegen die Neigungen und Absichten der einzelnen durchzusetzen. Magdeburg könnte heute für alle Städte, die eine neue Gestaltung suchen, das mahnende Beispiel sein, den Städtebauern als Studienobjekt dienen.

 

"Wir haben eine Stadt verloren und die Freiheit gewonnen, sie nach unserem Willen und unseren Plänen neu zu bauen",

 

rief er den Magdeburgern zu. Die neue Stadt müsse nach einem großen Plan gestaltet, den Grundsätzen der Allgemeinverantwortung entsprechend gebaut werden. In der Stadt der Zukunft solle das Gemeinwesen, die Gemeinschaft in der ganzen Vielfalt ihrer sozialen, geistigen und kulturellen Formen und Bestrebungen in den Bauwerken sichtbar werden. Die Erhebungen und statistischen Berechnungen über die Verluste des Krieges würden fortgeführt, seien aber auch heute noch nicht beendet. Berechnungen und Zahlen seien notwendig für reale Feststellungen, aber sie vermittelten noch nicht die rechten Vorstellungen von den Gütern, die verloren gingen. Die praktische Arbeit, die immer wieder an Verluste und Mängel erinnere, zeige an jedem Arbeitstag die Not in all ihrer Vielfältigkeit. Wenn Werkzeuge, Arbeitsgerät, Arbeitsmittel, Räume und Material in bescheidenstem Ausmaß für die Betriebe und die Verwaltung fehlen und der Mangel an neuem Schaffen hindere, dann würden die Verluste zur schmerzlichsten Erfahrung.

 

Obgleich die Wohnungsinstandsetzung als die vordringlichste Aufgabe angesehen würde, seien auch eine Reihe von Betrieben wieder instandgesetzt und die Arbeitsformen und Arbeitsziele den Erfordernissen der Zeit entsprechend umgestellt. Der Neuaufbau der Stadt zeige sich auch in einem neu erwachten Stadtsinn, in dem Bestreben, neue Verpflichtungen freiwillig zu erfüllen. Als Beispiel hierfür nannte Rudolf Eberhard die Brachlandaktion, für die Bürgermeister Kaßner verantwortlich war. Er wies dann auf die Ausstellung "Magdeburg lebt" hin.

 

Stadtbaurat Koß legte auf der Kundgebung die Planung und praktische Arbeit des Neuaufbauamtes Magdeburg dar und ging auf die Schwierigkeiten ein, mit denen das Neuaufbauamt zu kämpfen hatte. Er führte aus, daß es der Neuaufbau GmbH. durch die aus der Aufbauarbeit erwirtschafteten Mittel gelingen konnte, planmäßig die technischen Voraussetzungen für die Abräumungsarbeiten zu schaffen. An der Erzbergstraße würde für jeden sichtbar bereits die erste Ziegelbruchhalde geschüttet, und in der Nähe der Ziegelbruchhalde habe man mit dem Legen der Fundamente für die Aufbereitungsanlage begonnen. Sie solle einmal dazu dienen, mit Hilfe der von ihr hergestellten Splittmassen und der sich ihr anschließenden Betonwarenfabrik die Bauelemente des Aufbaues zu liefern. Erich Koß beschloß seine Ausführungen mit den Worten:

 

"Nicht durch Rückschauen, nur durch Vorwärtsschauen und durch Arbeiten werden wir den Aufbau unserer Stadt meistern, unsere Wohnverhältnisse und damit unsere Lebensbedingungen verbessern. Für ein Werk des Friedens und der wahren Menschlichkeit wollen wir unsere Kräfte in gemeinsamer Arbeit mobilisieren, um für unsere Stadt den ihr in der deutschen Wirtschaft gebührenden Platz zurückzugewinnen. Unsere Tatkraft und unsere Leistungen werden den Leitgedanken unserer Ausstellung unterstreichen: "Magdeburg lebt!".

 

Äußerst schwierig war es, Arbeitskräfte für die Abräumungsarbeiten zu bekommen, weil diese für Aufträge der Industrie und der Demontage beansprucht wurden. Trotzdem kapitulierte man auch vor dieser Schwierigkeit nicht. Die Verwaltungen, die Versicherungen, die Betriebe und Unternehmungen, die infolge Fehlens von Rohstoffen nicht voll ausgelastet waren, stellten freiwillig täglich Arbeitskräfte zur Verfügung. Der Einsatz von Schülerinnen und Schülern im Alter von über 15 Jahren begann.

 

Wanderausstellung der Arbeitsgemeinschaft kriegszerstörter Städte, Ausstellung „Magdeburg lebt!“

 

Die Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte hatte eine Wanderausstellung ins Leben gerufen, um die Bevölkerung auf die schrecklichen Verhältnisse, unter denen die Menschen in den vom Krieg zerstörten Städten leben und arbeiten mußten, aufmerksam werden zu lassen. In ihr wurde auf die Zusammenarbeit der kriegszerstörten Städte der Provinz Sachsen-Anhalt und die Verpflichtung der Gesamtheit hingewiesen, den so tief ins Unglück geratenen Städten zu helfen.

 

Der Wanderausstellung gingen Sonderausstellungen der einzelnen Städte voraus oder wurden daran angeschlossen. *[92])

 

Die unter dem Motto "Magdeburg lebt" stehende Ausstellung in Magdeburg wurde am 8. Juni 1947 in den wiederhergestellten Räumen des Museums an der Otto-von-Guericke-Straße eröffnet. Die Idee der Allgemeinverpflichtung und der Aufklärung über das, was Magdeburg verloren hatte und was durch die Arbeit der Magdeburger gewonnen werden konnte, kam in ihr zum Ausdruck. Pläne, Skizzen und Modelle demonstrierten den Aufbauwillen. Die geschichtliche Bedeutung Magdeburgs wurde deutlich. Magdeburg war in seinem Glanz aber auch in seinem Leid dargestellt worden. Fotografien zeigten das grauenvolle Bild, das die Stadt nach dem 16. Januar 1945 bot, als ein Luftangriff das zerstörte, was in drei Jahrhunderten aufgebaut worden war. Ein Bild, das die Aufschrift "Drei Tage danach" trug und somit zwischen Untergang und Neubeginn Magdeburgs stand, war besonders eindrucksvoll. Von der Stadt, der Ordnung ihrer Straßen und Plätze war darauf wenig zu erkennen. Aus grauen Schatten von Hausruinen züngelten Flammen, schwere dunkle Rauchwolken lagen über der Stadt. Die Türme, die Fabriken, die Straßen waren durch schwelenden Dunst verhüllt.

 

In der Ausstellung wurde gezeigt, wie auf dem Wege über die Aufbauarbeit, durch Verwirklichung der Solidarhaftung und durch Verwendung der aus den Trümmern gewonnenen Materialien und Rohstoffen eine neue Stadt aufgebaut werden konnte. Damit wollte man erreichen, daß die Bevölkerung der Aufbauarbeit mit innerer Anteilnahme gegenüberstand. Aufbaupläne wurden gezeigt. Magdeburger Architekten hatten sich ehrenamtlich für die Bearbeitung von Bebauungsplänen der wichtigsten Punkte der Stadt zur Verfügung gestellt. Auf einem kleinen Freigelände wurden die aus den Trümmern gewonnenen Neubaustoffe, Türen- und Fensterverschlüsse, aus dem Schrottmaterial gebaute Gruden und vieles andere gezeigt. *[93])

 

In einer Versammlung der Blockparteien am 8. Juli 1947 *[94]) sagte Rudolf Eberhard, aus Bildern und plastischen Darstellungen der Ausstellung spreche die Mahnung: "Vergeßt nicht!" Das deutsche Volk dürfe die Ursache seiner Not nicht vergessen, damit es in Zukunft nicht wieder in ein vernichtendes Systems geführt würde.

 

Aber auch positive Geschehnisse, die sich in den Zeiten der Erneuerung zeigten, das Pflichtbewußtsein und die opferwillige nicht nach Gewinn fragende Hingabe an neue Werke, müßten unter die Parole gestellt werden: "Vergeßt nicht!" Der Gemeinschaftsdienst für Magdeburg dürfe nicht vergessen werden. Aus Gemeinschaftsarbeit sei die Demokratie gewachsen.

 

Weitere schlechte Wirtschaftslage im Jahr 1947, Befehl Nr. 234

 

Mit dem Scheitern der Moskauer Außenministerkonferenz im März/April 1947 und der Verkündung des Marshall-Planes wurden die Erwartungen der Sowjetunion, Reparationen aus der Schwerindustrie der Westzonen zum Wiederaufbau des eigenen Landes zu erhalten, zunichte gemacht. Die Sowjetunion mußte ihre Reparationsansprüche ausschließlich aus dem Wirtschaftspotential ihres Besatzungsgebiets befriedigen. *[95]) Das wirkte sich natürlich verheerend auf die wirtschaftliche Lage in der SBZ und besonders in den kriegszerstörten Städten aus.

 

Die Menschen, die mit großer Hingabe geholfen hatten, die Trümmer zu beseitigen, waren über die rücksichtslos geforderten Reparationslieferungen entrüstet. Ihnen selbst fehlte es an dem Notwendigsten. Es war nur zu verständlich, daß Ihr Arbeitseifer nachließ.

 

Die Belegschaften der Magdeburger Betriebe, die nach Kriegsende unter ungeheuren Schwierigkeiten ihre zerstörten Produktionsstätten wieder ingangsetzen konnten, hatten erleben müssen, daß ihre Werke sowjetische Aktiengesellschaften wurden. Meistenteils konnten sie zwar weiterarbeiten, versucht wurde jedoch, sowjetische Arbeitsmethoden durchzusetzen. Von ihnen hergestellte Produkte gingen als Reparationsleistungen in die Sowjetunion.

 

Die Menschen hungerten. Der schwarze Markt blühte. Zu den geschäftigen Dunkelmännern des schwarzen Marktes gesellten sich auch, was besonders erschreckend war, viele Jugendliche. Menschen, die ihrer täglichen Arbeit gewissenhaft nachgingen, waren verständlicherweise darüber äußerst erbost.

 

Es belastete die Menschen besonders in den schwer zerstörten Städten, daß die Wohnungsnot nicht zügiger beseitigt werden konnte und Tausende noch gezwungen waren, in halbzerstörten Unterkünften zu hausen. Indem sie durchblicken ließen, welche Probleme durch die Besatzungsmacht hervorgerufen wurden, mußten Oberbürgermeister Eberhard und Stadtbaurat Koß immer wieder darauf hinweisen, daß der notwendige Bedarf an Baustoffen zur Instandsetzung kriegszerstörter Wohnungen bei weitem nicht gedeckt werden konnte.

 

Die sowjetische Besatzungsmacht erkannte die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Sie sprach von einem Nachlassen der Arbeitsdisziplin und der Arbeitsproduktivität und schob dies außer auf die Folgen des Hitlerkrieges auf eine ungenügende Aufmerksamkeit einiger Verwaltungsorgane, Betriebsdirektoren und demokratischer Organisationen.

 

Die schlimme wirtschaftliche Lage hoffte sie durch einen Befehl, der die arbeitende Bevölkerung zu verstärkter Leistung zwingen sollte, zu verbessern. Am 9. Oktober 1947 erließ sie den Befehl Nr. 234 "Über Maßnahmen zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität und zur weiteren Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiter und Angestellten der Industrie und des Verkehrswesens". Ständig kontrollierte sie, ob dem Befehl Folge geleistet wurde. *[96])

 

Am 16. Oktober 1947 sprach Oberbürgermeister Eberhard in der Stadtverordnetenversammlung über die Durchführung des Befehls Nr. 234. *[97]) Er versuchte, den Befehl so auszulegen, daß er sich für die Menschen nicht nachteilig oder mindestens erträglich gestaltete und die wirtschaftliche Situation positiv beeinflußte.

 

Für Arbeiter und Angestellte der führenden Industriezweige und des Transportwesens war eine Verbesserung der Ernährung in dem Befehl vorgesehen. Oberbürgermeister Eberhard wies darauf hin, daß der Betriebsrat der Stadtverwaltung Magdeburg die Einbeziehung der Arbeiter und Angestellten der öffentlichen Betriebe vermisse, die für das Wohl der gesamten Stadtbevölkerung arbeiten würden. Niemand könne sich wohl dem berechtigten Wunsch dieser Gruppe entziehen, mit einbezogen zu werden, gab Rudolf Eberhard zu bedenken.

 

In einer Versammlung hatte er gehört, wie ein Arbeiter voller Unmut sagte: "Während wir schuften, leben Schieber, Diebe und sonstiges faules Gesindel herrlich und ohne jede Arbeit." Mit aller Energie müßten Polizei und die Justiz gegen diese das Volk schädigenden Elemente vorgehen, legte Rudolf Eberhard klar.

 

Polizeipräsident war 1945 in Magdeburg der Kommunist Willi Wallstab *[98]) geworden. Während Rudolf Eberhard sich in Bernburg gegenüber dem sowjetischen Stadtkommandanten durchsetzen konnte, die Aufsicht über die Polizei auszuüben, war diese in Magdeburg bei seiner Amtsübernahme bereits fest in kommunistischer Hand, was nicht selten zu Auseinandersetzungen führte.

 

Rudolf Eberhard zog in Betracht, daß Arbeitsunlust und verminderte Arbeitsleistung die wirtschaftliche Not verstärken würden. Die völlig ungeklärten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse führten die Werktätigen oft für sinkende Arbeitsmoral an. Dies sei ein sehr ernst zu nehmender Grund. Auf das vordringliche Ziel, die deutsche politische und wirtschaftliche Einheit zu erringen, müsse immer wieder hingewiesen werden.

 

Er stellte fest, daß durch den Befehl Nr. 234 die Entfaltung der eigenen Initiative nicht unterbunden würde. Die arbeitenden Menschen müßten die Sicherung ihrer Lebenslage als gemeinsame Aufgabe ansehen.

Er sagte:

"Es ist durchaus möglich, daß sich das deutsche Volk wieder emporarbeitet und seine politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten so ordnet, daß es von der großen Völkerfamilie wieder geachtet wird und ein menschenwürdiges Leben führen kann. Es kommt auf die Art an, kommt auf die Entschiedenheit an, mit der wir unsere demokratischen Ziele verfolgen. Auch ein demokratisches Staatswesen kann ein Volk nicht glücklich machen, wenn dasselbe kein Verständnis für seine eigene Schöpfung, für seine eigene Sache hat. Die schaffenden Menschen Magdeburgs haben unter Beweis gestellt, daß sie das große Werk, das ihnen ein hartes Schicksal aufgetragen hat, durchzuführen bereit sind. Das Verhalten und die Pflichterfüllung der Magdeburger Hand- und Geistesarbeiter in den 2 1/2 Jahren seit der Beendigung der Kriegshandlungen sind über alles Lob erhaben. Wenn einmal die Geschichte der Stadt Magdeburg den 16. Januar 1945 und damit das ungeheure Leid unserer Bevölkerung schildert, dann wird auch von dem tapferen Gemeinsinn der Magdeburger und von ihrer Pflichterfüllung geschrieben werden. Wir wollen und wir werden unsere Stadt wieder aufbauen und fragen nicht danach, ob unser Werk, die Treue zu unserer Aufbauarbeit gewürdigt wird."

 

Rudolf Eberhard wußte, daß er bei den Verhältnissen in der Sowjetzone, wo Walter Ulbricht im Sinne Stalins wirkte, keine Würdigung seiner Arbeit erfahren konnte.

 

Sein Vertrauen zu der Magdeburger Bevölkerung drückte er immer wieder aus. Für sie war ein Befehl Nr. 234 nicht notwendig, hätte man ihr nur die Möglichkeit zur Eigenentfaltung unter menschenwürdigen Bedingungen gelassen.

 

Die Vertreter der LDP und CDU sprachen sich in der Stadtverordnetensitzung für ihre Fraktionen im Sinne der Ausführungen von Oberbürgermeister Eberhard zum Befehl 234 aus.

 

Entschließung zur Behebung der Not im Bauwesen

 

In einer auf der Sitzung der Stadtverordneten am 13. November 1947 angenommenen Entschließung *[99]) wurde darauf hingewiesen, daß allein mit kommunalen Maßnahmen der Not im Bauschaffen, insbesondere in so stark zerstörten Städten wie Magdeburg, nicht begegnet werden könne. Die Menschen, die gezwungenerweise in Wohnungen leben müßten, in denen sie Witterungseinflüssen ausgesetzt seien, könnten schwere gesundheitliche Schäden erleiden und ihre Arbeitskraft könne dadurch stark beeinträchtigt werden, was im Widerspruch zum Befehl Nr. 234 stehe. Die vom Rat der Stadt aufgestellten "Grundsätze für die Durchführung von Baumaßnahmen" und die "Richtlinien für die Ausführung von Bauarbeiten" wurden von der Stadtverordneten-Versammlung einmütig anerkannt. An die entscheidenden Stellen der SMAD und der Landesregierung wurde die dringende Bitte gerichtet, eine Erhöhung der Baustoffkontingente für Magdeburg herbeizuführen und sich um eine regelmäßige Baustoffzuteilung zu bemühen, die eine wirkungsvolle Planung des Bauschaffens ermögliche. An den Landtag und die Landesregierung Sachsen-Anhalt wurde darüber hinaus wegen festgestellter Mängel die Forderung erhoben, eine Zusammenfassung aller am Bauschaffen beteiligten Stellen zu einer zentralen Stelle zu erreichen sowie eine alleinige Zuteilung der Baustoffe an die Baugenehmigungsbehörden zu veranlassen. Die Entschließung wurde von Stadtverordnetenvorsteher Weigelt, von Vertretern der Stadtverordneten-Fraktionen und für den Rat der Stadt von Oberbürgermeister Eberhard und Stadtbaurat Koß unterzeichnet.

 

Errichtung der technischen Anlagen aus Mitteln der Neuaufbau GmbH

 

Am 20. Dezember 1947 fand auf dem Schroteplatz in Magdeburg das Richtfest für die genial erdachte Aufbereitungsanlage statt. Sie war die Krönung der bisherigen technischen Arbeitsanlagen für den Aufbau Magdeburgs und die größte Aufbereitungsanlage der sowjetischen Besatzungszone und vielleicht auch die größte Deutschlands. Was der Krieg an Trümmern zurückgelassen hatte, sollte wieder Verwertung finden.

 

Gelder aus dem öffentlichen Haushalt waren ja zur Schaffung der für Aufräumungsarbeiten notwendigen Anlagen nicht vorhanden.

Nur mit Mitteln, die der im September 1946 gegründeten Neuaufbau GmbH. durch die von den Magdeburgern geleisteten Aufbauarbeit zur Verfügung standen, war deren Errichtung möglich.

 

Der sowjetische Finanzbeauftragte Woropajew hatte 1947/1948 den Versuch unternommen, diese Aufbaugelder als Haushaltsgelder zu klassifizieren. Das Ziel war dabei, sie an den Landeshaushalt am Ende einer Rechnungsperiode als nicht verbrauchte Haushaltsmittel abführen zu müssen, was durch die unübliche Einführung der vierteljährigen Haushaltspläne, die keine konkrete Kalkulation ermöglichten, eingetreten wäre. Letztendlich wären diese Gelder in die Sowjetunion geflossen. Gegen den Versuch des sowjetischen Finanzbeauftragten schritten Oberbürgermeister Eberhard und Stadtrechtsrat/Stadtkämmerer Dietrich ein. Oberbürgermeister Eberhard sagte dem Finanzbevollmächtigten, daß er dies als rechtswidrige Willkürhandlung ansehen und als Protest von seinem Posten als Oberbürgermeister zurücktreten würde. Der Finanzbevollmächtigte gab seine falsche Ansicht zu und entschuldigte sich. *[100]) Offensichtlich wollten die Sowjets zum damaligen Zeitpunkt noch nicht auf Rudolf Eberhard verzichten.

 

Trotzdem wäre es unklug gewesen, bei öffentlichen Veranstaltungen zu betont darauf hinzuweisen, die Mittel zur Errichtung der technischen Anlagen würden von der Neuaufbau GmbH. aufgebracht, wenn dies auch nicht verschwiegen wurde. Die Sowjets und ihre deutschen Gefolgsleute wollten ja alles Erreichte als ihren Verdienst ausgeben und nicht als den der von einem ehemaligen Sozialdemokraten geführten Magdeburger Stadtverwaltung. Von den Sicherheitsorganen der SBZ wurden natürlich die öffentlich gehaltenen Reden genau geprüft. Die für Magdeburg erreichten Vorteile hätten unter Umständen aufs Spiel gesetzt werden können, wenn nicht sehr überlegt dem Ausdruck gegeben worden wäre, was die Bevölkerung wissen sollte. Daraus ist die oft sehr vorsichtige Ausdrucksweise meines Vaters zu erklären. Ich fragte ihn einmal, warum er das, was er durchgesetzt und was sich zum Wohle Magdeburgs ausgewirkt hatte, nicht deutlicher ausgesprochen habe. Er gab mir zur Antwort, daß dies mitunter einfach notwendig sei, so lange eine sowjetische Besatzung bestand.

 

In seiner Rede zum Richtfest hob Rudolf Eberhard hervor, daß die Anlage durch gemeinsame Arbeit geschaffen worden sei, und auch gemeinsamer Arbeit sei es zu danken, daß die Mittel dafür bereitstanden. Seinen besonderen Dank sprach er denen aus, die in mühevoller, unablässiger Arbeit die technische Anlage erdacht und aufgebaut hatten. Wieder galt sein Dank auch den Frauen und Männern, die in den Trümmerfeldern der Stadt schwere und mühevolle Arbeit verrichteten, um verwendbares Material für den Neuaufbau der Stadt zu sichern und Platz für die neue Stadt zu schaffen.

 

Die Maschinenanlage sei ein Denkmal der Arbeit. Wenn hier die Maschinen Steine zermalmen würden und neues Material für künftiges Bauen sich in dem großen Silo häufe, wenn auf dem anderen Werkplatz Eisenträger wieder gerichtet würden, um sie erneut verwenden zu können, erinnere das mannigfaltige Spiel der Kräfte abermals an die Pflichterfüllung der Magdeburger Frauen und Männer, die im Unglück für ihre Gemeinde zusammenstanden.

 

Die Aufbereitungsanlage solle aber auch ein Zeichen der Zuversicht sein, das stets daran erinnere, daß der Mensch in seinem Willen und in den Kräften seines Verstandes immer wieder Mittel und Wege finde, dort neu zu schaffen, wo alte Werke untergegangen seien.

 

Rudolf Eberhard sprach die Hoffnung aus, daß die wenige Tage vor Weihnachten stattfindende Feierstunde die große Arbeitsgemeinschaft, die alle umfaßt, die in Magdeburg leben und arbeiten, neu bekräftigen würde.

 

Magdeburg solle eine Stadt der Pflichterfüllung und eine Stadt der Lebensfreude werden. Zu diesem Ziele führe die Arbeit des Geistes und führe die Arbeit der Hand. Die Arbeiterinnen und die Arbeiter, die Ziegelsteine aus den Trümmern sicherten und zu neuer Verwendung säuberten, der Techniker, der neuartige Arbeitsgeräte erdenke, der Baumeister, der die neue Stadt in Planungen vorbereite, der Ingenieur, der in der Fabrik den Arbeitsprozeß führe, der Lehrer in der Schule, der Wissenschaftler und der Künstler: Alle bauten an der neuen Stadt. Jeder müsse in täglicher Arbeit und in der Überwindung von Hindernissen und Nöten, die nicht erspart bleiben werden, die Stadt mit bauen helfen.

 

"Mit jeder Faser unseres Herzens und mit allen Kräften wollen wir am gemeinsamen Werk, das der Zukunft gilt, das Deutschland heißt, teilnehmen. In diesem Sinne übergebe ich die Aufbereitungsanlage ihrer Bestimmung", beschloß er seine Rede.

 

Silberne Hochzeit

 

Am 21. April 1948 begingen Rudolf Eberhard und seine Frau Catharine (genannt Käthe), geb. Riedel, ihre Silberne Hochzeit. In Freud und Leid im wahrsten Sinne des Wortes waren sie während ihrer 25jährigen Ehe für einander dagewesen. Meine Mutter hatte gewußt, als sie die Ehe einging, daß ihrem Mann der politische Einsatz ein starkes Anliegen war und sie dafür nicht selten zurückstehen mußte. Sie stand immer zu ihm und meisterte die schlimme Zeit bei Hitlers Machtergreifung 1933 und danach mit viel Entbehrungen aber auch mit großer Tapferkeit. Meine Großmutter, die mit in unserem Hause wohnte, unterstützte damals ihre Tochter und ihren Schwiegersohn, den sie sehr verehrte und liebte.

 

Am Morgen des 21. April wurden meine Eltern mit Musik, gespielt von dem ausgezeichneten Kobin-Quartett der Städtischen Bühnen, überrascht. Besonders der 85jährige Vater Rudolf Eberhards, der mit im Hause wohnte, war sehr gerührt, daß seinem Sohn in dieser aufreibenden Zeit diese Ehrung zuteil wurde.

 

Die sozialdemokratischen engen Mitarbeiter Rudolf Eberhards gedachten an diesem Tag des Ehepaars ganz besonders. Mein Vater hatte das Bedürfnis, sie zusammen einmal zu sich nach Hause einzuladen. Allen war anzumerken, wie befreiend es für sie war, sich unter Gesinnungsgenossen aussprechen zu können. Es wurde ein sehr fröhlicher Abend, denn alle redeten sich sehr humorvoll von der Seele, was sie mit ihren "stalinistischen Kollegen" erleben mußten. Es war häufig geradezu grotesk, wie diese sich benahmen und was sie redeten.

 

Mein Vater konnte sehr gut vortragen. Er hatte während seiner Tätigkeit im Zentralverband der Angestellten von Zeit zu Zeit gesellige Abende, "Vergnügen", wie damals gesagt wurde, in einem großen Saal der SPD in Dessau organisiert, die sich großer Beliebtheit erfreuten und hatte mit Vorträgen zur Unterhaltung beigetragen.

 

Eine mit viel Witz an der Silbernen Hochzeitsfeier vorgetragene Darbietung von dem damaligen Stadtrechtsrat Georg Dietrich ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Herr Dietrich konnte ganz ausgezeichnet den Nazi-Propagandachef Joseph Goebbels imitieren und trug im Tonfall von Goebbels das vor, was die Kommunisten in der damaligen Zeit "von sich gaben". Wir lachten Tränen. Ein politisch nicht aktiver Neffe meiner Mutter, der zu der Feier mit eingeladen war, sagte später zu meinem Vater: "Besser konnte ich gar nicht erfahren, wie kritisch Ihr die Zeitgeschehnisse seht". Wahrscheinlich war es ein Fehler der ehemaligen Sozialdemokraten und sicher auch der von bürgerlichen Parteien, daß sie das, was von stalinistischer Seite her präsentiert wurde, nicht ernst genug nahmen und dadurch die Gefährlichkeit unterschätzten.

 

Volkskongressbewegung und Volksbewegung für einen Volksentscheid über die Einheit Deutschlands

 

Die SED rief im November 1947 zur Bildung eines Volkskongresses auf. *[101]) Auf Initiative des am 17. und 18. März 1948 tagenden 2. Volkskongresses leitete der aus seiner Mitte gewählte "Deutsche Volksrat" für die Zeit vom 23. Mai bis 13. Juni 1948 ein "Volksbegehren für einen Volksentscheid über die Einheit Deutschlands" ein. *[102]) In einem Schreiben an die vier Oberbefehlshaber der Alliierten Mächte wurde darauf hingewiesen, daß das Volksbegehren dem Geist und dem Sinne der Atlantik-Charta, den Beschlüssen der Yalta-Konferenz und den Potsdamer Beschlüssen entspreche, nach denen es dem deutschen Volke und den einzelnen Deutschen gestattet sei, ihre elementarsten Grundrechte wahrzunehmen.

 

Natürlich stellten sich die sowjetische Besatzungsmacht und ihre deutschen Helfershelfer ein Deutschland nach volksdemokratischem Muster in ihrem Sinne vor. Stalin versuchte, seine Macht auszudehnen, während die Mehrheit der Magdeburger Bevölkerung ein Gesamtdeutschland herbeisehnte, in dem sie vom Stalinismus befreit wurde. Die deutsche Einheit war für die Menschen in Magdeburg und der gesamten SBZ lebensnotwendig.

 

In der Stadtverordnetensitzung am 22. April 1948 *[103]) sprachen sich die Vertreter aller drei Fraktionen, der SED-, der LDP- und der CDU-Fraktion, für einen erfolgreichen Abschluß des Volksbegehrens aus. Stadtverordnetenvorsteher Weigelt wies darauf hin, daß alle parteipolitischen Meinungsverschiedenheiten zurückgestellt werden müßten, um das Ziel, ein friedfertiges, fortschrittliches, demokratisches Deutschland, zu erreichen.

 

Als Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg, der er die Treue halten wollte, wurde von Rudolf Eberhard natürlich erwartet, daß er zu dem Volksbegehren in der Stadtverordnetensitzung das Wort ergriff. Er sagte:

"Durch den Hitlerkrieg hat das deutsche Volk seine staatliche Souveränität und die Möglichkeit, über sein politisches Schicksal selbst zu bestimmen, verloren. Es wurde zum Objekt politischer Planungen der Alliierten Mächte, die zu einer politischen Passivität und pessimistischen Stimmung unseres Volkes führten, die für die Erneuerung des Deutschen Staates und Volkslebens zu einer großen Gefahr werden konnte."

 

Er brachte zum Ausdruck, daß das deutsche Volk seine Geschicke nach seinem Willen gestalten, die Gesetze seiner Entwicklung mitbestimmen und wieder sein eigener Gesetzgeber sein wolle. Rudolf Eberhard hatte weiterhin die Hoffnung auf ein wiedervereintes demokratisches Deutschland nicht aufgegeben. Es war für ihn undenkbar, daß die Menschen sich auf Dauer im SED-Staat unterdrücken lassen würden. Er führte aus:

 "Das deutsche Volk gründet seinen Rechtsanspruch auf die deutsche Einheit und auf die Freiheit, seine politischen Geschicke mitzubestimmen, auch auf die Arbeit, die es im Verlauf seiner Geschichte für die Zivilisation und die Kultur der Menschheit geleistet hat. Nur durch die Möglichkeit seiner politischen Eigenentwicklung und die Freiheit, den neuen Staat nach seinem Willen zu formen, ist die Gewähr gegeben, daß unser Volk für Europa und die Welt seine Kräfte für eine friedliche Entwicklung entfalten kann. Wirtschaft und Kultur im Inneren Deutschlands erfordern den freien Verkehr, den ungehinderten Austausch der Gütererzeugung. All unser Wirken wird gehemmt und kann zu keinen positiven Ergebnissen führen, wenn das deutsche Land durch Zonengrenzen zerschnitten, unser Volk in seiner Arbeit und seinen politischen Bestrebungen gespalten ist. Es gibt keine deutsche Zukunft und kein nationales Eigenleben unseres Volkes, solange Ländergrenzen unser Volk trennen. Wenn wir unsere Kräfte für das hohe Ziel, die Einheit Deutschlands, einsetzen, wirken wir damit zugleich für unsere durch den Krieg zertrümmerte Stadt, die wieder neu entstehen soll und muß."

 

In Magdeburg zeichneten sich 93 Prozent in die Listen für die Einheit Deutschlands ein. Darunter waren sicher viele Menschen, die Repressalien der SED und der von ihr abhängigen Organisationen, die vor allem auch in den Betrieben starken Einfluß hatten, aus dem Weg gehen wollten. Andererseits hatten die Menschen in der SBZ ja keine Möglichkeit, ihrer durch die Teilung Deutschlands bedingten Not Ausdruck zu geben. Mit der Einzeichnung in die Listen für die Einheit Deutschlands bot sich ihnen dazu eine Möglichkeit. Sie hofften, daß dies von ihren Landsleuten im anderen Teil Deutschlands und den westlichen Besatzungsmächten verstanden wurde, denen ja nicht geheim geblieben sein konnte, daß sonst eine Meinungsäußerung der Menschen in der DDR nicht nur unterbunden wurde sondern auch Gefahr bedeutete. Ohne die Hoffnung auf die Einheit Deutschlands und die Befreiung von der stalinistischen Befehlsgewalt wäre das Leben der Menschen in der Sowjetzone noch trostloser geworden.

 

Die SED bezeichnete die hohe Beteiligung an dem Volksentscheid als ihren Erfolg. In der Bundesrepublik und im westlichen Ausland war natürlich bekannt, daß die SED nur ihre Ziele verfolgte, die ja die der sowjetischen Besatzungsmacht waren.

 

Neubebauung hält auch 1948 mit der Enttrümmerung nicht Schritt

 

Die vorhandene geringe Menge an Baustoffen reichte auch 1948 kaum aus, um die Wohnungen instandzusetzen. Es war nur ein Kampf gegen eine Verminderung des Wohnraums möglich, vermehrt konnte der Wohnraum nicht werden. *[104])

 

Vor der Stadtverordnetenversammlung am 15. Juli 1948 *[105]) wies Oberbürgermeister Eberhard auf den Notstand hin. Er sagte:

"Die ganz große Not unserer Zeit und unserer Stadt, die uns nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer Beziehung bedrückt, zeigt sich in unserer Ohnmacht, den Wohnungsbau so zu fördern, daß alle fleißigen und pflichtbewußten Arbeiter über ein bescheidenes Heim verfügen können. Trotz aller Hindernisse dürfen wir den Mut nicht verlieren, denn wenn es nicht gelingt, Wohnraum für die arbeitenden Menschen zu schaffen, kann es auch nicht gelingen, Magdeburg von neuem erstehen zu lassen. Der Mangel an Baustoffen und Arbeitskräften für den Wohnungsbau kann, so ungünstig auch zur Zeit die Aussichten sind, kein Dauerzustand bleiben. Alle Stellen, die auf diesem Gebiete zu bestimmen haben, müssen schließlich doch erkennen, daß er überwunden werden muß, weil das Leben unserer Stadt davon abhängt."

 

Pläne für den Neuaufbau Magdeburgs

 

An den Plänen für den Neuaufbau Magdeburgs wurde trotz aller Schwierigkeiten auf dem Bausektor weitergearbeitet. In der außerordentlichen Ratssitzung am 29. September 1948 *[106]) berichtete Stadtbaurat Gauger in einem 1 1/2-stündigen Vortrag über die Entwürfe für den Wiederaufbau der Innenstadt. Er wies darauf hin, daß das wichtigste Gerüst für den Stadtplaner das System der großen Verkehrsstraßen sei. Der alte historische Stadtplan habe den Mangel gehabt, daß die Ost-West-Straße völlig unzureichend entwickelt gewesen sei. Auch Otto von Guericke habe sich mit seinen Plänen hierbei nicht durchsetzen können, und die Verbreiterungen einzelner Straßen seien entweder unzulänglich gewesen oder nicht voll durchgeführt worden. Stadtbaurat Gauger betonte, daß Planungsarbeit immer eine Arbeit auf lange Sicht sein werde. Vor einer Neubebauung werde man das neue Baugesetz des Landes Sachsen-Anhalt abwarten müssen. Die Planungsarbeit müsse aber bis zur Inangriffnahme der in diesem Gesetz vorgesehenen Umlegung im wesentlichen abgeschlossen sein, auch müßten vorher schon die Vermessungen durchgeführt werden. Erhebliche Schwierigkeiten würden dadurch bestehen, daß sämtliche Unterlagen vernichtet seien.

 

Eine lebhafte Aussprache, besonders über die Gestaltung des Bahnhofvorplatzes und den Standort des Rathauses, schloß sich den Ausführungen an.

 

Wandlung der SED zur „Partei neuen Typus“, Umbau der Gesellschaftsordnung

 

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von den sowjetischen Machthabern und ihren deutschen Helfershelfern noch geschickt verborgen, daß die sowjetische Gesellschaftsordnung auf Deutschland übertragen werden sollte.

 

Am 29. und 30. Juni 1948, nur wenige Tage nach den Währungsreformen und zugleich dem Beginn der Berlin-Blockade, beschloß der Parteivorstand der SED die Umformung der SED zu einer Partei nach dem Vorbild der zeitgenössischen KPdSU. Damit wurden faktisch die Grundsätze des Vereinigungsparteitages aus dem Jahre 1946 aufgehoben.

 

Im September 1948 verlangte die SED-Führung vom Parteitheoretiker Anton Ackermann, der 1946 als "Chefideologe" der SED die These vom "besonderen deutschen Weg zum Sozialismus" entwickelt hatte, einen öffentlichen Widerruf dieser Vorstellung. Der Partei wurde die Aufgabe gestellt, sich zur "Partei neuen Typus" zu wandeln, das hieß, sich sowohl in der ideologischen Ausrichtung als auch in den organisatorischen Formen völlig auf das sowjetische Vorbild hin zu orientieren. *[107])

 

Georg Dietrich schreibt dazu: *[108])

"Mit der Einführung des "neuen Typus der Partei" wurde das Leben immer schwerer. Von den Parteimitgliedern wurde verlangt, daß sie sich mit der "Geschichte der kommunistischen Partei der Sowjetunion" vertraut machten und Parteischulen besuchten. Jeden Mittwoch hatte jedes Parteimitglied, gleich an welchem Ort es sich aufhielt, an einer ein- bis zweistündigen Schulung teilzunehmen, wobei versucht wurde, durch eine permanente Gehirnwäsche Funktionäre im marxistisch-leninistischen Sinne zu schaffen."

 

Nach dem als Anlauf und Vorlauf gedachten Halbjahresplan für das zweite Halbjahr 1948 beschloß der Parteivorstand der SED am 30. Juni 1948 den Zweijahrplan für 1949/195O. Dieser wurde am 21. Juli 1948 vom Plenum der Deutschen Wirtschaftskommission angenommen. Damit erfolgte der Übergang zur Planwirtschaft sowjetischen Typs. *[109])

 

Gegen kommunale Selbstverwaltung

 

Bis zum Jahr 1948 bestand berechtigte Hoffnung, daß sich in der SBZ eine kommunale Selbstverwaltung in der demokratischen Tradition der Weimarer Republik entfalten könnte.

 

In der Stadtverordnetensitzung am 15. Juli 1948 *[110]), in der das Thema "Drei Jahre demokratischer Aufbau in der Stadt Magdeburg" behandelt wurde, hatte Oberbürgermeister Eberhard ausgeführt, daß obwohl nach der Gemeindeverfassung die Stadtverordnetenversammlung die gesetzgebende Körperschaft und der Rat der Stadt die ausführende Instanz sei, keineswegs gefolgert werden könne, daß mit der gewissenhaften und pünktlichen Ausführung der Beschlüsse durch die Gemeindevertetung die Aufgaben des Rates erfüllt seien. Die Beschlüsse blieben leere Formen, wenn bei ihrer Ausführung sich nicht der Wille zu einem der Allgemeinheit nützenden Schaffen offenbare. Der Rat der Stadt, der immer unmittelbar vor den Notwendigkeiten der Zeit und ihren Problemen stehe, verkenne seine Aufgaben, wenn er nur Beschlüsse ausführen und nicht selbst konstruktive Vorschläge und Ideen an die Stadtverordnetenversammlung zur Entscheidung herantragen würde. Er dürfe nicht nur verwalten, sondern müsse gestalten.

 

Im Zuge der schnellen zentralistischen Umstrukturierung wurde die kommunalpolitische Handlungsfreiheit, die alle Städte in der SBZ zumindest bis zum Jahr 1948 genossen hatten, in den Jahren 1948/1949 stark eingeengt. Die Eingriffe in die wirtschaftliche Selbstverwaltung waren dabei ausschlaggebend .

 

Dieter Marc Schneider weist in dem Kapitel "Kommunalverwaltung und -verfassung" in dem SBZ-Handbuch darauf hin, daß schon in der Weimarer Republik und im NS-Staat vor allem der Verlust wirtschaftlicher und finanzieller Eigenständigkeit die Aushöhlung der kommunalen Selbstverwaltung bewirkt hatte. Auch in der SBZ habe die Beseitigung der wirtschaftlichen und finanziellen Selbständigkeit der Gemeinden und Kreise letztendlich zur Zerstörung der Grundlagen der kommunalen Selbstverwaltung

geführt. *[111])

 

Auswirkungen der Wandlung zur „Partei neuen Typus“ und der Einengung der kommunalpolitischen Handlungsfreiheit auf Magdeburg

 

Die Magdeburger städtische Wirtschafts- und Verkehrsverwaltung und die Verwaltung Handel und Versorgung mußten nach dem neu eingeschlagenen Kurs ihre Aufgaben nach den Weisungen der Landesregierung wahrnehmen, die wiederum von Berlin angewiesen wurde. Als Hauptaufgabe der Stadtverwaltung wurde die Förderung aller Maßnahmen, die dem Wiederaufbau der Magdeburger Wirtschaft dienten, von den Sowjets verlangt. Weil die Sowjets durch die Magdeburger Großbetriebe Reparationsleistungen erhalten konnten, mußten alle anderen Aufgaben gegenüber der Wiederherstellung der großen Produktionsstätten zurücktreten. Durch die nicht zuletzt auch damit entstandenen großen Finanzschwierigkeiten, den starken Material- und Arbeitskräftemangel konnten Maßnahmen zur Erhaltung des vorhandenen und der Ausbau des leicht beschädigten Wohnraums nur mit großer Mühe erfolgen. Zahlreiche Wohnungen verfielen infolge der schadhaften Dächer. Es wurde trotz dieser durch die Besatzungsmacht verursachten ungeheuer großen Behinderungen von der Stadtverwaltung alles daran gesetzt zu verhüten, daß den schaffenden Menschen weiterer Wohnraum verloren ging. *[112])

Wären Aufzeichnungen der Gespräche Rudolf Eberhards mit der SMAD vorhanden, würden diese zeigen, wie er kämpfen mußte. So weiß ich dies nur aus Gesprächen mit meinem Vater. Er versuchte, den Sowjets klar zu machen, daß schlechte Wohnverhältnisse sich produktionshemmend auswirkten, was dann ja auch die Erfüllung der Reparationsleistungen beeinträchtigen würde. Es müsse darum mit allem Nachdruck verhütet werden, den schaffenden Menschen weiteren Wohnraum verloren gehen zu lassen.

 

Stadtrat Ewald Erfurth bat Oberbürgermeister Eberhard mit Schreiben vom 2. 5. 1948 um die Entbindung von seinem Amt als Stadtrat, um sich, wie er schrieb, zukünftig mit ganzer Arbeitskraft allein der Leitung und dem Ausbau der Dienststelle widmen zu können. Die Hintergründe, die zu diesem Schritt führten, sind mir leider nicht bekannt, doch ist augenscheinlich, daß er wegen der politischen Situation vollzogen wurde. Ich gehe davon aus, daß Ewald Erfurth im Einvernehmen mit meinem Vater handelte, der ihn als Stadtrat auf Druck der Stalinisten nicht mehr halten konnte, aber auf ihn als Fachkraft nicht verzichten wollte. Ich kenne Ewald Erfurth als einen aufrechten Sozialdemokraten, der auch während seiner Tätigkeit in Magdeburg ab 1946 zu seiner Überzeugung stand. Als die Angriffe von Ulbricht-Anhängern gegen meinen Vater sich verstärkten, wurde ihm vorgehalten, Ewald Erfurth nach Magdeburg geholt zu haben. In einem Bericht in der Magdeburger Zeitung "Volksstimme" vom 25. 4. 1950 über die Magdeburger Kreisvorstandssitzung am 28. März 195O ist zu lesen: "Der Genosse Stadtrat Erfurth vertritt die Auffassung, daß unsere Bodenreform falsch durchgeführt ist. Seiner Meinung nach hätten die Großgrundbesitzer und Junker entschädigt werden müssen. Trotz aufklärender Diskussion blieb er auf diesem Standpunkt stehen. In der Frage des Potsdamer Abkommens vertrat Genosse Erfurth die Auffassung, daß dieses Abkommen von den imperialistischen Mächten in der ehrlichen Absicht unterzeichnet worden wäre, es einzuhalten. Das heißt, sie hätten den Willen gehabt, in Westdeutschland die Entmilitarisierung und Demokratisierung durchzuführen, aber sie seien durch die weitere Entwicklung gezwungen worden, von ihrer ehrlichen Absicht abzugehen. *[113])

 

In der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 25. 6. 1948 wurde auf Vorschlag der Ulbricht-Anhänger Hans-Georg Buschang zum Gemeinderat der Stadt Magdeburg gewählt. Er übernahm das bisher von Stadtrat Erfurth geführte Dezernat städtische Wirtschafts- und Verkehrsverwaltung.

 

Auch im Dezernat Volksbildung mußte auf Druck der ehemaligen Kommunisten eine Änderung vorgenommen werden. Mein Vater konnte nur einen Kompromiß erreichen. Das bisher von dem bewährten ehemaligen Sozialdemokraten Stadtschulrat Linke geführte Dezernat wurde aufgeteilt. Stadtrat Germer *[114]) übernahm das Aufgabengebiet Volksbildung. Stadtschulrat Linke behielt das Dezernat Schulamt einschließlich Sportamt. *[115])

 

Stark mußte sich Rudolf Eberhard gegen Angriffe des Landesvorstands der SED Sachsen-Anhalt wehren. In der Sekretariatssitzung am 29. 10. 1948 *[116]) wurde ihm das Verhalten einiger Stadträte - dabei handelte es sich durchweg um ehemalige Sozialdemokraten - vorgeworfen. Es wurde kritisiert, daß die Frage der Fachleute in Magdeburg in den Vordergrund gestellt worden sei. Politisch Geschulte gehörten in die Verwaltungen. Damit waren natürlich Menschen mit strikter leninistischer Ausrichtung gemeint. Man forderte, führende Angestellte auf Parteischulen zu schicken, um so die "Partei neuen Typus" zu stärken.

 

Heftige Angriffe richteten sich gegen Personaldirektor Otto Frühling. *[117]) Ihm wurde von den Ulbricht-Hörigen vorgeworfen, die Personalpolitik im Einvernehmen mit Oberbürgermeister Eberhard nach fachlichen und nicht politischen Gesichtspunkten gesteuert zu haben. Es wurden vor allem von dem aus der KPD kommenden Stadtrat Prinsky Intrigen gegen ihn gesponnen. Otto Frühling mußte im Herbst 1948 sein Amt niederlegen.

 

Neuer Personaldirektor wurde ein junger Mann, der sich 1945 der KPD angeschlossen hatte, Bernhard Krabbenhöft. Er stellte sich zunächst Oberbürgermeister Eberhard freundlich gegenüber, trieb jedoch ein doppeltes Spiel.

 

Weiter wurde in der Sekretariatssitzung des Landesvorstands am 29. Oktober 1948 kritisiert, daß Rudolf Eberhard vor den Ratssitzungen keine SED-Fraktionssitzungen abgehalten habe, wodurch es zwischen ihm und Bürgermeister Kaßner zu politischen Diskrepanzen gekommen sei. Walter Kaßner sprach von einer Zuspitzung der Differenzen.

 

Mit dem Argument, Rudolf Eberhard sei überlastet, wollte man Dezernate, die ihm unterstellt waren, Walter Kaßner übertragen, dessen politische Ausrichtung genehm war, der aber überhaupt nicht die Fähigkeiten für eine ordnungsgemäße Führung dazu besaß. Rudolf Eberhard entkräftete diese Forderungen der SED und stellte klar, daß die wichtigsten Dinge bei ihm zusammenlaufen müßten, er die Dezernate darum nicht abgeben könne. Man solle die Dezernatsverteilung doch einmal mit anderen Städten vergleichen.

 

Das, was überhaupt erst die Neugestaltung in Magdeburg ermöglicht hatte, wurde also von der Partei jetzt verworfen. Ohne daß er die Verwaltung bei vollem demokratischen Bewußtsein fest in der Hand gehabt hätte, und ohne Fachkräfte heranzuziehen, was Rudolf Eberhards großes Anliegen gewesen war, wäre der Aufbau der Verwaltung und wäre die Enttrümmerung der Stadt nicht möglich gewesen, der Neubeginn gescheitert. Aber nun wurde das Hauptgewicht darauf gelegt, die stalinistische Politik durchzusetzen. Wozu das letztendlich geführt hat, ist ja allgemein bekannt.

 

Bedauerlicherweise schlugen sich wenn auch nur wenige ehemalige Sozialdemokraten auf die Seite der ehemaligen Kommunisten, um "ihre Haut zu retten", so Walter Prübenau.

 

Der größte Ränkeschmied in der Stadtverwaltung, der ehemalige Kommunist Stadtrat Prinsky, wurde auf der Sekretariatssitzung am 29. 10. 1948 jedoch auch von seinen ehemaligen KPD-Genossen kritisiert. Es wurde festgestellt, daß die von ihm geführte Betriebsgruppe der Stadtverwaltung bisher schlecht gearbeitet habe und Prinsky zurücktreten müsse. Walter Kaßner hielt dagegen, daß Walter Prinsky ein eifriger Parteifunktionär sei.

 

Rudolf Eberhard führte aus, daß er aufgrund der Art und Weise, wie die Betriebsgruppe der Stadtverwaltung zustande gekommen sei, den Verdacht habe, sie wurde bewußt unter seiner Ausschaltung zusammengesetzt, er vorsätzlich isoliert. Die menschlichen Schwächen des Walter Prinsky seien bei der Zusammenarbeit zum Ausdruck gekommen.

 

Es wurde behauptet, daß in Magdeburg die "Fragen des Staates", wie es im SED-Sprachgebrauch hieß und womit natürlich die stalinistische Ausrichtung gemeint war, nicht diskutiert würden. Rudolf Eberhard sollte verpflichtet werden, eine Parteischule zu besuchen.

 

Über der großen Aufgabe, für die Magdeburger Bevölkerung, die zum überwiegenden Teil ihre Hoffnung auf ihn setzte, alles nur Mögliche zu erreichen, traten die Angriffe der SED zurück. Rudolf Eberhard war der festen Überzeugung, daß ein System, das Unrecht verbreitete, sich nicht lange halten konnte. Das äußerte er auch gegenüber ihm vertrauten Mitarbeitern, die oft verzweifelt zu ihm kamen und über die Machenschaften der sowjethörigen Elemente klagten. Er brachte das auch öffentlich zum Ausdruck. So sagte er auf der 24. Stadtverordnetensitzung am 15. Juli 1948: "Eine Verwaltung, die den obersten Grundsatz der Demokratie 'Gerechtigkeit' nicht respektiert, hat keinen Bestand." *[118])

 

Zentrale Kontrollkommission bei der Deutschen Wirtschaftskommission

 

Auf Befehl der SMAD vom 4. Juni 1947 war die Deutsche Wirtschaftskommission (DWK) gegründet worden. *[119]) Ihr gehörten die Präsidenten verschiedener wirtschaftlicher Zentralverwaltungen an, die lt. Befehl der SMAD vom 27. Juli 1945 gebildet worden waren. Aufgrund ihrer Befugnisse zur zentralen Wirtschaftslenkung erhielt die DWK - auch über das engere Gebiet der Wirtschaft hinausgehend - schnell ein Übergewicht, das sie ab 1948 bald zum Kern der späteren DDR-Regierung werden ließ. Um die von den Zentralstellen in Berlin aufgestellten Pläne erfolgreich durchzuführen und ihrem Regime noch mehr Macht zu verleihen, setzten die Machthaber der SBZ verstärkt Kontrollen ein.

 

In einem grundlegenden Referat über "Die gegenwärtigen Aufgaben unserer demokratischen Verwaltung" auf der ersten staatspolitischen Konferenz der SED am 23./24. Juli 1948 in Werder an der Havel kritisierte Walter Ulbricht zum ersten Mal offen, daß in der SBZ eine kommunale Selbstverwaltung bürgerlich-demokratischer Prägung bestünde. *[120]) Richtlinien für die Personalpolitik in der Verwaltung wurden festgelegt. In diesen hieß es: "In der Verwaltung ist kein Platz für Feinde der Demokratie, Agenten, Schumacher-Leute, Spione, Saboteure usw., die sich in den Verwaltungsapparat eingeschlichen haben. Alle diese Elemente müssen entlarvt und entlassen werden. Um diese Aufgaben durchführen zu können, ist zunächst eine Kontrolle und Überprüfung der Personalabteilungen selbst erforderlich, um qualitativ starke, zentralisierte Personalabteilungen zu schaffen, die in der Lage sind, die richtige Auswahl der Menschen für den richtigen Platz treffen zu können. Der Prüfstein für die fortschrittliche demokratische Gesinnung eines jeden Verwaltungsangestellten ist sein Eintreten für die Verwirklichung der demokratischen Einheit Deutschlands, seine Einstellung zur Sowjetunion und zu den Ländern der Volksdemokratie." *[121])

 

Im Dienstblatt des Rates der Stadt Magdeburg vom 5. Februar 1949 gab Oberbürgermeister Eberhard bekannt, daß aufgrund von Anordnungen des Sekretariats der Deutschen Wirtschaftskommission eine Zentrale Kontrollkommission und Landeskontrollkommissionen bei den einzelnen Landesregierungen eingesetzt worden seien. Die Landeskontrollkommissionen würden in den Stadt- und Landkreisen durch Kontrollbeauftragte vertreten. Für den Stadtkreis Magdeburg habe Martin Henze das Amt des Kreiskontrollbeauftragten übernommen. Die Anordnungen der Deutschen Wirtschaftskommission über die Aufgaben und Vollmachten der Kontrollkommissionen seien im Zentralverordnungsblatt vom 2. Oktober 1948, die Ausführungsbestimmungen über die Tätigkeit der Kreiskontrollbeauftragten im Zentralverordnungsblatt vom 17. Januar 1949 abgedruckt.

 

Nach diesen Anordnungen gehörte zur Aufgabe des Kreiskontrollbeauftragten u.a. wie es hieß "die Durchführung der Wirtschaftspläne zu sichern, den Bürokratismus in Wirtschaft und Verwaltung zu beseitigen, wirtschaftsschädigende, ungesetzliche Handlungen, insbesondere wirtschaftliche Sabotage aufzudecken." Er hatte das Recht, wie es weiter hieß, an den Sitzungen des Rates der Stadt beratend teilzunehmen, "zwecks Aufdeckung ungesetzlicher Handlungen Untersuchungen durchzuführen und Verwaltungsangestellte, bei denen ein begründeter Verdacht ungesetzlicher Handlungen vorliege, bis zu endgültigen Klärung durch die zuständigen Verwaltungs- oder Gerichtsbehörden zur Disposition stellen zu lassen." Die in der Verwaltung Verantwortlichen waren verpflichtet, dem Kreiskontrollbeauftragten "wirtschaftsschädigende Vorgänge mitzuteilen, auf Anforderung die zur Untersuchung notwendigen Unterlagen zugänglich zu machen und über getroffene Maßnahmen zu berichten." Der Kreiskontrollbeauftragte konnte Angestellte der Stadt von ihrer Amtsverschwiegenheit entbinden. Er hatte des Recht, die Polizei bzw. die Justiz zu veranlassen, Personen festzunehmen und Sachen sicherzustellen. *[122])

 

Oberbürgermeister Eberhard und die Mitarbeiter seines Vertrauens ließen die Kontrollen in der festen Überzeugung über sich ergehen, daß sie ihnen nichts anhaben könnten, da die Verwaltung von ihnen ordnungsgemäß geführt wurde. Wie sich jedoch später herausstellte, fühlten sie sich aufgrund ihres korrekten Verhaltens zu sicher.

 

Finanzielle Notlage der kriegszerstörten Städte spitzt sich zu

 

Die wirtschaftliche Lage der Städte und besonders die der kriegszerstörten Städte nahm im Laufe des Jahres 1948 immer katastrophalere Ausmaße an. Schwierigkeiten waren auf allen Gebieten zu verzeichnen.

 

So ordnete der Minister für Arbeit und Sozialpolitik Sachsen-Anhalts zum Beispiel den Abzug von 500 Arbeitskräften des Baugewerbes und des Baunebengewerbes von Magdeburg nach Aue an, wo der Uranerzabbau für die Sowjetunion forciert wurde. *[123]) Das zu verhindern, beschloß der Rat der Stadt Magdeburg, den Minister auf die besondere Lage Magdeburgs hinzuweisen und um die Zurücknahme der Anordnung zu bitten. Oberbürgermeister Eberhard schaltete darüberhinaus die Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte ein. Doch der Erfolg blieb versagt.

 

Die sowjetische Besatzungsmacht nutzte alle Möglichkeiten, um neben sonstigen Reparationsleistungen finanzielle Mittel aus der SBZ zu ziehen, was über die Landesregierung vollzogen wurde, die gezwungen war, diese Gelder auch über Kommunen zu erhalten.

 

Im Namen der Arbeitsgemeinschaft kriegszerstörter Städte schrieb Rudolf Eberhard am 16. Februar 1949 an den Landtag Sachsen-Anhalts:

"Die Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte hat in ihrer letzten Tagung am 12. ds. Mts. in Magdeburg nach eingehender Aussprache über die Finanzierung der Enttrümmerungs- und Aufbauarbeiten folgende Entschließung angenommen:

'Die Arbeitsgemeinschaft kriegszerstörter Städte macht den Landtag auf die finanzielle Notlage aufmerksam, in die insbesondere die kriegszerstörten Städte durch die Senkung der Kommunalrealsteuersätze geraten sind. Durch diese Senkung ist eine Finanzierung der notwendigen Enttrümmerungs- und Aufbauarbeiten unmöglich geworden. Es ist notwendig, daß den kriegszerstörten Städten zur Fortführung dieser lebenswichtigen Arbeiten ein Zuschuß in Höhe von mindestens 10 Millionen Mark gewährt wird. Diese Summe müßte entweder durch das Land selbst oder durch eine von diesem angeordnete Umlage bei den nichtzerstörten Städten und Kreisen aufgebracht und auf die kriegszerstörten Städte verteilt werden. Eine Einstellung der Enttrümmerungs- und Aufbauarbeiten wäre mit nachteiligen politischen Rückwirkungen verbunden, die unter allen Umständen vermieden werden müssen. Da vom Lande mit allem Nachdruck die Einhaltung der gesenkten Steuersätze gefordert worden ist, erwarten die kriegszerstörten Städte für ihre unaufschiebbaren Enttrümmerungsarbeiten die Hilfe des Landes."

Die Arbeitsgemeinschaft kriegszerstörter Städte bittet den Landtag, für die Städte Magdeburg, Dessau, Merseburg, Halberstadt, Zerbst und Eilenburg die notwendigen finanziellen Mittel zur Fortführung ihrer Enttrümmerungsarbeiten bereitzustellen.

 Arbeitsgemeinschaft kriegszerstörter Städte

 gez.Eberhard

 Vorsitzender" *[124])

 

 

Rudolf Eberhard 1949

 

Allen Widrigkeiten zum Trotz konnte am Sonntag, dem 27. Februar 1949, in Magdeburg die Bindemittelmahlanlage eingeweiht werden. Gelder aus dem öffentlichen Haushalt standen nach wie vor zur Errichtung der für Aufräumungsarbeiten unbedingt notwendigen Anlagen und somit auch für die Bindemittelmahlanlage nicht zur Verfügung. Ohne die Mittel der Neuaufbau GmbH. wären die Vorbereitungen für den Aufbau Magdeburgs ins Stocken geraten.

 

Zusammenhalt ehemaliger Sozialdemokraten

 

Ein Kreis aufrechter Sozialdemokraten schloß sich zusammen. Mein Vater schätzte sich glücklich, in der Stadtverwaltung Stadträte und Mitarbeiter zu haben, auf die er sich verlassen konnte. Um den Einfluß auf das politische Geschehen, soweit das nur möglich war, nicht zu verlieren, wollte er gemeinsam mit ihnen den Druck, den die Stalinisten ausübten, aushalten. Ein völliges Auflehnen hätte zu einer Liquidation wenn nicht gar Verhaftung geführt, womit niemandem geholfen gewesen wäre.

 

Von Dienstgeschäften in der Landeshauptstadt Halle zurückkommend, erzählte uns mein Vater, wie beglückend es für ihn sei, dort mit sozialdemokratischen Freunden offen Gedanken austauschen zu können, die wie er durchhalten wollten, bis das SED-Regime zusammenbrechen würde.

 

Lehrgang an der Deutschen Verwaltungsakademie

 

Der Landesvorstand der SED Sachsen-Anhalt wollte von der Forderung, mein Vater solle eine Parteischule besuchen, nicht abgehen. Mein Vater erzählte uns, er habe mit Willi Brundert, der damals Ministerialdirektor und Stellvertreter des Ministers für Wirtschaft und Verkehr in der Landesregierung Sachsen-Anhalt, außerdem Dozent für Wirtschaftsrecht an der Universität Halle war, über die schwierige Situation in der SBZ, besonders der ehemaligen Sozialdemokraten, gesprochen. Er sei derselben Meinung wie er, daß durchgehalten werden müsse. Vorgeschlagen habe Willi Brundert ihm zu versuchen, anstelle des Besuchs der Parteischule einen Lehrgang an der Deutschen Verwaltungsakademie zu absolvieren. Er würde dort Vorlesungen geben, und sie hätten doch dann Gelegenheit, sich unter vier Augen zu unterhalten und Gedanken über ihre Lage auszutauschen.

 

Mein Vater ging dann im März 1949 für vier Monate zu einem Lehrgang der Deutschen Verwaltungsakademie Forst Zinna. Bürgermeister Kaßner übernahm seine Vertretung. Von den einzelnen Dezernaten ließ mein Vater sich jeweils zum Monatsschluß einen kurzen zusammenfassenden Bericht über die wichtigsten Ereignisse und Verwaltungsgeschäfte erstatten, um sich über alle aktuellen Vorgänge zu informieren. Diese Verfügung wurde im Dienstblatt des Rates der Stadt Magdeburg veröffentlicht. *[125])

 

Verbreitung von Unwahrheiten über Stadtbaurat Koß

 

Am 22. März 1949 erhob der Redakteur Hühne von der "Täglichen Rundschau" Halle in einem Artikel Anschuldigungen gegen Stadtbaurat Koß. Zwei Berichte in dem gleichen Stil waren im November 1948 vorausgegangen.

 

Von der Landesregierung Sachsen-Anhalt wurde Oberbürgermeister Eberhard aufgefordert, zu untersuchen, inwieweit die in der "Täglichen Rundschau" gegen Stadtbaurat Koß erhobenen Anschuldigungen zutreffend seien. Rudolf Eberhard wies in seinem Antwortschreiben darauf hin, daß Stadtbaurat Koß nichts geäußert habe, was die Berichterstattung des Artikelschreibers Hühne rechtfertigen könnte. Unmittelbar nach Erscheinen des Artikels habe er sich bei der "Täglichen Rundschau" in Halle beschwert. Außerdem habe er den Kreisvorstand der SED, auf dessen interner Parteiveranstaltung Stadtbaurat Koß die ihm vom Redakteur Hühne unterstellten Äußerungen gemacht haben soll, gebeten, eine Aussprache mit dem Redakteur Hühne herbeizuführen. Hühnes Darlegungen seien, wie von mehreren Teilnehmern an der Parteiveranstaltung bestätigt wurde, eine bewußte Entstellung des Sachverhalts.

 

Auch die Sowjetische Militäradministration in Halle wurde mit der Angelegenheit befaßt. Von der Landesregierung Sachsen-Anhalt erhielt sie am 25. Mai 1949 die Nachricht, daß nach eingehenden Ermittlungen festgestellt worden sei, daß die in dem Artikel der "Täglichen Rundschau" vom 22. März 1949 gegen Stadtbaurat Koß erhobenen Vorwürfe in keiner Weise zutreffend seien. Redakteur Hühne sei allseitig als ein undurchsichtiger Charakter bekannt und genieße bezüglich seiner Wahrheitsliebe und Genauigkeit keinen einwandfreien Leumund, besonders nicht in Parteikreisen der SED. *[126])

 

Dieser Redakteur Hühne trat in dem Prozeß gegen Rudolf Eberhard, Georg Dietrich und Erich Koß im Januar 1952, der zu deren Verurteilung zu fünf bzw. sieben Jahren Zuchthaus führte, als Belastungszeuge auf.

 

Struktur- und Stellenplan

 

Im Januar 1949 wurde auf der Tagung der 1. Parteikonferenz der SED, die sich als "Partei neuen Typus" verstand, das erstmals von Lenin entwickelte Organisationsprinzip des "Demokratischen Zentralismus" festgeschrieben. *[127])

 

Immer deutlicher wurde die Machtposition von Walter Ulbricht. Er war in erster Linie für den Verwaltungsaufbau in der SBZ verantwortlich, dessen Initiative von der SMAD ausging. Walter Ulbricht war ihr Befehlsempfänger. Als Ideologe war er der entschiedenste Vertreter des "Demokratischen Zentralismus", auf den er im Verwaltungsaufbau hinsteuerte. *[128])

 

Während der viermonatigen Abwesenheit Oberbürgermeister Eberhards von Magdeburg legte in der Zeit vom 25. bis 29. April 1949 eine Kommission des Innenministeriums und des Finanzministeriums Sachsen-Anhalt den Struktur- und Stellenplan für die Stadtverwaltung von Magdeburg fest. *[129]) Die Kommission verlangte zum Teil einfach nicht durchführbare Änderungen des bisherigen Geschäftsverteilungsplans. Die Dezernenten und Dienststellenleiter mußten hart dagegen angehen. Es war aber nur teilweise möglich, die Kommission von ihren Forderungen abzubringen, denn der auf den Zentralismus ausgerichtete Plan lag fest und die Kommission erklärte ihn für verbindlich.

 

Wohnungsbauprogramm im Rahmen des Volkswirtschaftsplanes 1949

 

Nachdem in den ersten Jahren der Nachkriegszeit die Kommunalverwaltungen völlig auf sich allein gestellt waren, es ihre alleinige Aufgabe war, die Enttrümmerung, die Beseitigung der Kriegsschäden und die Vorbereitung für den Wiederaufbau vorzunehmen, änderte sich das 1949 im Zuge der zentralistischen Umstrukturierung.

 

Mit Ausdauer und ohne sich entmutigen zu lassen, hatte Rudolf Eberhard ja in Zusammenarbeit mit der Stadtverordnetenversammlung und der Arbeitsgemeinschaft kriegszerstörter Städte die Bereitstellung notwendiger finanzieller Mittel durch die öffentliche Hand gefordert, weil die kriegszerstörten Städte allein nicht in der Lage waren, die Not auf dem Bausektor zu bewältigen.

 

Im Rahmen des Volkswirtschaftsplanes sollten nunmehr 1949 erstmals öffentliche Mittel für die Trümmerbeseitigung und den Wiederaufbau durch die Deutsche Wirtschaftskommission zur Verfügung gestellt werden. Als Bauprogramm für Magdeburg wurde im Investitionsplan die Errichtung von 100 Neubauwohnungen mit einem Finanzbedarf von 1 Mill. DM vorgesehen. In den Richtlinien der Deutschen Wirtschaftskommission war die Trägerschaft durch einen volkseigenen Betrieb Vorbedingung, weshalb die Mitteldeutsche Heimstätte Magdeburg den Auftrag bekam.

 

Die Wohnungen wollte die Stadt in günstiger Lage zu dem SAG-Betrieb R.Wolf-Buckau in der Lindenhofsiedlung am Iglauer Weg und in der Warnsdorfer Straße errichten. Hier waren bereits ausgebaute Straßen und zum Teil auch Fundamente vorhanden. An Baukosten stellte die Deutsche Wirtschaftskommission 10.000 DM für jede Wohnung zur Verfügung. Die Höhe der Baukosten standen in keinem Verhältnis zu der später zu erwartenden Miete, die in Einklang mit den Einkünften der Bewohner gebracht werden sollte.

 

Außerdem wurde im Investitionsprogramm die Wiederinstandsetzung von 1.750 kriegszerstörten Wohnungen, wobei es sich um 290 volkseigene Wohnungen, 852 Wohnungen der gemeinnützigen Siedlungsgesellschaften und -genossenschaften sowie 608 Wohnungen des privaten Hausbesitzes handelte, und die Durchführung von Schutzmaßnahmen zur Erhaltung der Wohnungssubstanz für 1.413 Wohnungen vorgesehen. Im wesentlichen war die Finanzierung hierfür nur durch die Stadt möglich.

 

In der außerordentlichen öffentlichen Stadtverordnetensitzung am 10. Juni 1949, in der die Durchführung des Wohnungsbauprogramms im Rahmen des Volkswirtschaftsplanes 1949 in Magdeburg auf der Tagesordnung stand, *[130]) wies Stadtverordnetenvorsteher Weigelt (ehemals SPD) in seinen einleitenden Worten darauf hin, daß in den Sitzungen des Stadtparlaments bisher immer einmütige Beschlüsse für den Wiederaufbau Magdeburgs gefaßt worden seien. Die Beschlüsse hätten meist Fragen der Enttrümmerung als der Voraussetzung für den Neuaufbau gegolten. Dafür seien Anlagen geschaffen und organisatorische Maßnahmen getroffen worden, die überall als vorbildlich gelten würden. Jetzt könne man zu Fragen des Neuaufbaues Stellung nehmen. Es gelte, neben den bisherigen Einzelmaßnahmen zur Beseitigung von Kriegsschäden in Industriebetrieben und Wohnräumen nun mit der Erstellung von Wohnungen und der planmäßigen Durchführung von Wohnungsinstandsetzungen zu beginnen.

 

Bürgermeister Kaßner (ehemals KPD) hatte die Berichterstattung übernommen. Oberbürgermeister Eberhard war zu dieser Zeit auf der Verwaltungsakademie und Stadtbaurat Koß war plötzlich sehr ernstlich erkrankt. Bürgermeister Kaßner hatte unter Beisein eines Arztes am Krankenbett von Stadtbaurat Koß dessen Ausführungen zu dem Thema zu Papier bringen lassen.

 

Die Sitzung wurde musikalisch eingeleitet. An der Sitzung nahmen der damalige Finanzminister und spätere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Werner Bruschke, Vertreter der Parteien, der Organisationen, der Bauwirtschaft und der freien Architektenschaft teil.

 

Es sei gelungen, aus eigener Kraft auf dem Gebiete der Enttrümmerung unter den schwierigsten Bedingungen Vorbildliches zu leisten, was über die Zonengrenzen hinaus bei Fachleuten große Anerkennung gefunden habe, hob Bürgermeister Kaßner hervor.

 

"Wir stehen nun bei der Durchführung des Volkswirtschaftsplanes 1949 vor neuen Aufgaben, bei deren Erledigung sich zweifellos neue Schwierigkeiten in den Weg stellen werden. Aber zu Beginn unserer ersten Arbeit waren die Schwierigkeiten weit, weit größer, und wir haben sie aus eigener Kraft überwunden," führte er aus.

 

Der Baustoff-, Finanz- und Arbeitskräftebedarf für das gesamte Wohnungsbauprogramm 1949 sei in umfangreichen genauen Arbeits- und Terminplänen aufgestellt und diese seien an die Landesregierung und die Deutsche Wirtschaftskommission weitergegeben worden.

 

Der Berichterstatter des Neuaufbauausschusses, *[131]) wies darauf hin, daß Hypotheken, die auf völlig zerstörten Gebäuden lasteten, sich hemmend ausgewirkt hätten. Oberbürgermeister Eberhard hatte dieses Problem bereits auf der Landtagssitzung in Halle am 20. März 1947 angesprochen, als er für einen gerechten Ausgleich zwischen dem zerstörten und dem nichtzerstörten Besitz eintrat. Er hatte damals hervorgehoben, daß Grundstücksangelegenheiten einer gesamtdeutschen Regelung bedürften und dann ein einheitliches Recht für alle Hypothekenschuldner und Gläubiger geschaffen werden könne. *[132])


Magdeburgs Oberbürgermeister in der DDR

 

Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), Militärkommandantur übergibt Verwaltungsfunktionen

 

Der vom zweiten Volkskongreß im März 1948 gewählte Deutsche Volksrat konstituierte sich am 7. Oktober 1949 als Provisorische Volkskammer. Otto Grotewohl wurde von ihr zur Bildung einer Regierung aufgefordert. Der Volkskongreß wurde in die "Nationale Front des demokratischen Deutschland" umgewandelt, welche die Aufgaben des bisherigen antifaschistisch-demokratischen Blocks übernahm. Somit war die Deutsche Demokratische Republik gegründet worden. *[133])

 

Im November 1949 übergab die Militärkommandantur Magdeburg als Organ der Sowjetischen Militäradministration formell alle Verwaltungsfunktionen an die Stadtverwaltungen Magdeburg und Schönebeck. Der Stadtkommandant Oberst Jarkowoi empfing dazu die Oberbürgermeister und Bürgermeister der Städte Magdeburg und Schönebeck sowie die Stadtverordnetenvorsteher und die Vertreter der vier Parteien. *[134]) Die SMAD wurde durch die Sowjetische Kontrollkommission ersetzt. *[135])

 

Auf der Ratssitzung am 15. August 1949 hatte Oberbürgermeister Eberhard über die Nachforschungen nach dem Verbleib der Amtsketten des Oberbürgermeisters, des Bürgermeisters und des Stadtverordnetenvorstehers sowie der Ehrenringe der Stadt Magdeburg informiert. Die Amtskette des Oberbürgermeisters sei von der Bauverwaltung an das Hauptamt übergeben worden; die Nach-forschungen nach den übrigen Ketten und Ringen seien ergebnislos verlaufen. Der Rat der Stadt beschloß auf Vorschlag Rudolf Eberhards, die Amtskette des Oberbürgermeisters dem Museum zur Aufbewahrung zu übergeben. Für Äußerlichkeiten hatte mein Vater keinen Sinn. *[136])

 

Organe der staatlichen Kontrolle *[137])

 

Mit der Bildung der DDR wurden die Zentrale Kontrollkommission und die Landeskontrollkommissionen verstaatlicht. Der Kreiskontrollbeauftragte wurde der Beauftragte für Staatliche Kontrolle. Seine Aufgaben wurden ihm von der Sonderkommission oder der Zentralen Kommission für Staatliche Kontrolle gestellt. In besonders dringenden Fällen war er berechtigt und verpflichtet, selbständig Kontrollaufgaben an sich zu ziehen.

 

In seinem Rechenschaftsbericht in der Stadtverordnetensitzung am 23. 2. 1950 führte der Beauftragte für Staatliche Kontrolle des Stadtkreises Magdeburg, Martin Henze, aus:

"Die Volkskontrollausschüsse sollen die Durchführung der Gesetze der DDR beobachten und überprüfen, Hilfe bei der Beseitigung von Schwächen und Fehlern sowie durch ihre Vorschläge und durch die Schulung der Vertreter des Volkes ihren Anteil bei der weiteren Demokratisierung leisten....

Wir stehen erst am Anfang unserer Entwicklung. Die Bevölkerung hat die Bedeutung der Volkskontrollausschüsse noch längst nicht erfaßt. Die Volkskontrollausschüsse sind noch nicht das, was sie sein sollen. Noch haben wir nicht die Erfahrungen, die gefährlichen Machinationen der Verbrecher am deutschen Volke rechtzeitig zu erkennen. Manche Kontrolle wird noch mangelhaft durchgeführt..."

 

Strukturplan für das Dezernat Bauwesen

 

Neben fünf anderen Städten wurde Magdeburg im Rahmen des Volkswirtschaftsplans zu einem der Schwerpunkte des Aufbaues erklärt. Die straffe Führung der Planwirtschaft kam in den Investitionsplänen zum Ausdruck, bei deren Durchführung von den Angestellten des Dezernats Bauwesen Aufgaben zu meistern waren, an die vor kurzer Zeit niemand gedacht hatte.

 

Die zunächst im Bereich der Deutschen Wirtschaftskommission und dann bei den Länderregierungen gebildeten Hauptabteilungen Bauwesen hatten die Durchführung der Investitionspläne zu gewährleisten. Zu diesem Zweck unterstellte man ihnen die neu geschaffenen volkseigenen Baubetriebe und beauftragte sie mit der Planung und Lenkung der Produktionstätigkeit dieser Betriebe.

 

Aufgrund der Entscheidung für den Typen- und Serienbau wurde die Planung des Wohnungsbaus in größeren Ebenen zusammengefaßt und volkseigenen Projektierungsbüros übertragen. Für die Bauämter entfielen somit die Planungsaufgaben. Ebenso oblag ihnen nicht mehr die Bauleitung, weil das jetzt Sache des Landesprojektierungsbüros war. Sie erhielten dafür die Aufgabe, für die Erfüllung der Investitionspläne zu sorgen. Dabei sollten sie auch danach trachten, durch besten Einsatz der personellen, materialmäßigen und finanziellen Mittel den Plan überzuerfüllen, wie es hieß.

 

Zwei Baudezernate, die in den vergangenen Jahren die zweckmäßigste Lösung waren und sich sehr bewährt hatten, waren durch die völlig veränderte Aufgabenstellung nicht mehr notwendig.

 

Der Strukturplan des Magdeburger Dezernats Bauwesen sah drei unter Leitung des Dezernenten stehende Säulen vor. Die erste Abteilung umfaßte alle Aufgaben der Baulenkung, die zweite den Tiefbau sowie die technische Überwachung und die dritte die Stadtbauplanung. Dagegen ging die bisherige Entwurfsabteilung des Hochbauamtes in das Landesprojektierungsbüro über.

 

Die Leitung des Dezernats Bauwesen übernahm Herr Stadtbaurat Koß, die Abteilung Baulenkung Herr Baurat Dr. Ing. Mlosch, die Tiefbauabteilung Herr Oberbaurat Menken und die Planungsabteilung Herr Baurat Wölfle.

 

Wegen der großen Wohnraumnot war neben dem Wohnungsbau der volkseigenen Betriebe unbedingt der Bau von Wohnungen durch den privaten Sektor notwendig. Zu diesem gehörten auch die gemeinnützigen Baugenossenschaften und -gesellschaften. Ihre Aufgabe war äußerst schwierig, weil die Baukosten auf das Doppelte gestiegen waren, während die Mieten etwa dem Stand um 1930 entsprachen. Die Leitung dieser besonderen Abteilung übernahm der auf diesem Gebiet sehr erfahrene Stadtrat Plumbohm.

 

In der öffentlichen Stadtverordnetensitzung am 2. März 1950 *[138]), die den Strukturplan für das Dezernat Bauwesen auf die Tagesordnung gesetzt hatte, sagte Rudolf Eberhard zum Schluß seiner Ausführungen:

 

"Voraussetzung für eine erfolgreiche Wohnungspolitik, für eine erfolgreiche deutsche Wirtschaftspolitik ist die Durchführung einer gesamtdeutschen Planung. Solange wir nicht für ganz Deutschland einen gesamtdeutschen Wirtschaftsplan aufstellen können, solange wir nicht die deutschen Vorkommen an Kohle und Eisen, an Stahl und Walzwerkerzeugnissen, an Zellulose usw. für die gesamtdeutsche Wirtschaft planen können, solange wir nicht einen Export- und Importplan für die ganze deutsche Wirtschaft aufstellen können, solange wird unsere Wirtschaftsplanung mit Störungen und Schwierigkeiten belastet sein."

 

Es bedurfte für Rudolf Eberhard keiner Frage, daß eine gesamtdeutsche Wirtschaft von einer aus freien Wahlen hervorgegangenen Regierung gestaltet werden müsse. Das jedoch öffentlich zu äußern, hätte die Gefahr geradezu heraufbeschworen. Die Machthaber der DDR strebten an, daß die Wirtschaftsplanung der Deutschen Demokratischen Republik das Beispiel für ganz Deutschland schaffen würde.

 

Der Zentralisierungsprozeß bedeutete für Oberbürgermeister Eberhard und Stadtbaurat Koß einen gewaltigen Einschnitt in ihre bisherige Arbeit. Sie waren gezwungen, Konzessionen einzugehen, um das, was in mühevoller Arbeit entstanden war, nicht preiszugeben. Sie fragten sich: "Sollen wir weitermachen?" Hinzu kam, daß sie politisch immer mehr angegriffen wurden. Man wollte sie dazu bringen, die "Partei neuen Typus" und die daraus zu ziehenden Konsequenzen mitzutragen.

 

Sehr geschickt mußte mein Vater seine Reden formulieren, damit sie keinen Anlaß zu Beanstandungen gaben. Doch war es ihm immer wieder ein Bedürfnis, den Menschen seine wahre Meinung zu vermitteln, wenn das auch sehr diplomatisch geschehen mußte. Stadtverordnete, die unter den von Ulbricht und seinen Genossen gestalteten Verhältnissen wie mein Vater litten, verstanden seine Aussagen in den Sitzungen sehr genau, konnten nachvollziehen, was er meinte.

 

Die ersten Neubauwohnungen werden in Magdeburg im Jahr 1949 bezogen *[139])

 

Die Investitionsauflagen des Jahres 1949 wurden in Magdeburg voll erfüllt. Zu den wichtigsten Aufgaben gehörten die Instandsetzungs- und Ausbauarbeiten auf den Gebieten des Straßen- und Brückenbaus, des Gesundheitswesens (Wiederaufbauarbeiten im Gustav-Ricker-Krankenhaus und im Krankenhaus Altstadt), die Instandsetzung und der Ausbau von Verwaltungsgebäuden sowie die Weiterführung des Ausbaues der Wohnsiedlung "Friedensweiler". Allgemeine Anerkennung fand die Fertigstellung des Stadtbades. Der verstorbene Stadtbaurat Gauger hatte mit diesem unter seiner Führung durchgeführten Bau seiner Lebensarbeit einen Abschluß gegeben.

 

Die ersten 52 Neubauwohnungen konnten im Jahr 1949 bezogen werden.

Im Wohnungsbauprogramm im Rahmen des Volkswirtschaftsplanes 1949 war ja ursprünglich der Neubau von 100 Wohnungen vorgesehen gewesen. Als diese Neubauten dann im Anfang erfreuliche Fortschritte machten, waren von der Landesregierung weitere 54 Wohnungsneubauten beschlossen worden.

 

Die Zuteilung von Baustoffen reichte für die laufenden Arbeiten an den Wohnungen nicht aus. Vom Landesprojektierungsbüro, dem die Baustofführung unterstand, waren die gegebenen Voraussetzungen nicht berücksichtigt worden. Wiederholt schilderte Magdeburg die großen Probleme. Zur Fertigstellung der 154 geplanten Neubauwohnungen fehlte es an Materialien wie Hobeldielen, Tischlerholz, Ausgüssen, Zapfhähnen und anderen Baustoffen. Durch den Materialmangel konnten dadurch von den begonnenen 154 Neubauwohnungen 1949 erst 52 Wohnungen fertiggestellt werden, während die restlichen 102 Wohnungen sich noch im inneren Ausbau befanden. Auch fehlte das erforderliche Material für die von der Deutschen Wirtschaftskommission vorgesehenen 1.750 kriegszerstörten Wohnungen. Die Durchführungsbestimmungen für die Finanzierung durch die Investitionsbank ließen auf sich warten. Die gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaften befanden sich in einer außerordentlich ungünstigen Finanzlage. Sie hatten mit den Instandsetzungen der Wohnungen frühzeitig begonnen, mußten jedoch auf die Mittel warten. In der Stadtverordnetensitzung am 19. November 1949 mußte berichtet werden, daß den Bauarbeiten aus Finanzierungsschwierigkeiten eine Stillegung drohe. Nach bereits im Oktober 1949 mit der Investitionsbank aufgenommenen Verhandlungen konnten diese dann gegen Ende November behoben worden. Materialsorgen blieben aber weiter bestehen. Der Materialmangel wäre noch stärker in Erscheinung getreten, wenn nicht durch das vom Neuaufbauamt erstellte Betonwerk und die Bindemittelmahlanlage Baustoffe zur Verfügung gestellt worden wären.

 

1.056 kriegszerstörte Wohnungen konnten 1949 wieder bezugsfertig instandgesetzt werden und bei 4.569 Wohnungen wurden Schutzmaßnahmen getroffen, um sie vor dem Verfall zu retten. Um den Aufbau der Wohnungen so wirtschaftlich wie möglich auszuführen, wurden mit Unterstützung von Stadtbaurat Koß die Baustellen nach den Grundsätzen industrieller Fertigungsabläufe organisiert. Durch von Stadtbaurat Koß in der Bauhüttenarbeit entwickelte Hilfsmittel, wie Eck- und Öffnungslehren, konnten die Leistungen der Maurer beim Mauern von Wänden um bis zu 50 Prozent gesteigert werden. Im Einvernehmen mit dem Hauptamt Bauindustrie im Berliner Ministerium für Industrie lud die Stadt Magdeburg die maßgeblichen Baufachleute aus der Republik zu einer Arbeitstagung nach Magdeburg ein, um ihnen die hier gewonnenen Erkenntnisse der gesamten Bauwirtschaft zugänglich zu machen. *[140])

 

Auf der Stadtverordnetensitzung am 2. März 1950, in der Oberbürgermeister Eberhard über den Strukturplan für das Dezernat Bauwesen informiert hatte, zeigte Stadtrat Plumbohm die Schwierigkeiten auf, mit denen die Stadtverwaltung aufgrund des Investitionsplans 1949 zu kämpfen hatte. Zum Wohnungsbauprogramm 1950 teilte er mit, daß für den privaten Sektor 800 Neubauwohnungen vorgesehen seien. Außerdem sollten 750 Wohnungen instandgesetzt werden, so daß durch Neubau und Wiederinstandsetzung 1.550 Wohnungen geschaffen würden. Zunächst habe die Absicht bestanden, die 800 Neubauwohnungen in einem geschlossenen Bauvorhaben vom Hasselbachplatz ausgehend in einem Gebiet zu errichten, das von der Bahnhofstraße, vom Breiten Weg und im Norden von der Anhaltstraße begrenzt würde. Schwierigkeiten beständen aber durch die Besitzverhältnisse, die in kurzer Zeit und ohne Mitwirkung des Gesetzgebers nicht zu überwinden seien. Die verschiedenartigen Größen der Baustellen wirkten sich außerdem hinderlich aus. In diesem Bereich sollten daher nur etwa 100 Wohnungen aus dem volkseigenen Sektor gebaut werden. Die privaten Hausbesitzer seien zur Mitwirkung beim Wiederaufbau ihrer Trümmergrundstücke aufgerufen worden. Sie müßten 20 Prozent der Baukosten aus eigenen Mitteln aufbringen. 80 Prozent stellte ihnen die Investitionsbank zur Verfügung. Stadtrat Plumbohm wies auf die Möglichkeit von Mieterdarlehen hin. Im volkseigenen Sektor sollten aufgrund der erteilten Investitionsauflagen 330 Wohnungen für die Maschinenindustrie und 329 Wohnungen für die Bauindustrie, insgesamt also 659 Neubauwohnungen, errichtet werden. In der Robert-Koch-Straße, der Friedrich-Ebert-Straße, in der Lindenhof-Siedlung und der Spielhagenstraße sei bereits oder würde demnächst mit dem Wohnungsbau begonnen. Er wies abschließend darauf hin, daß nach dem Volkswirtschaftsplan Magdeburg im Jahr 1950 eine wesentlich höhere Steigerung der Anzahl von Neubau- und Instandsetzungswohnungen erfahre, als durchschnittlich vorgesehen worden sei. Der Ruf der Stadt um Unterstützung durch das Land und die DDR sei nicht ungehört verhallt.

 

Nach einer Aussprache über die Ausführungen von Stadtrat Plumbohm beschloß die Stadtverordnetenversammlung einstimmig einen Aufruf an die Bevölkerung, der in der "Volksstimme" veröffentlicht wurde. *[141]) Die Stadtverordneten wiesen darin darauf hin, daß durch gemeinsame Arbeit der Aufbau Magdeburgs 1949 planmäßig beginnen konnte und 1950 fortgesetzt werden solle. Die Stadtverordnetenversammlung und der Rat der Stadt appellierten an alle verantwortungsbewußten Kräfte Magdeburgs, sich dem Aufbau der Wohnungen mit ganzer Hingabe zuzuwenden. Sie forderten die Haus- und Grundstückseigentümer auf, unter Ausnutzung sämtlicher bestehenden Möglichkeiten den Aufbau ihrer zerstörten Häuser sofort in die Wege zu leiten. Sie riefen die gesamte Bevölkerung auf, alle inneren Reserven bereitzustellen und an der Aufbringung des erforderlichen 20prozentigen Eigenkapitals zum Wohnungsbau im privaten und genossenschaftlichen Sektor aktiv mitzuarbeiten.

 

Im Schlußwort der Stadtverordnetensitzung am 2. März 1950 stellte Oberbürgermeister Eberhard fest, daß die Ausführungen von Stadtrat Plumbohm und ihm die volle Zustimmung der Stadtverordneten und der anwesenden Teile der Bevölkerung gefunden hätten. "Wenn unsere Stadt am 16. Januar 1945 in einen Trümmerhaufen verwandelt worden ist, dann ist das eine einmalige Gelegenheit, eine neue Stadt aufzubauen, eine Stadt, die ihr Ansehen in der Welt wieder gewinnen wird," schloß er.

 

Tod des Stadtbaurats Gauger

 

Am 16. Dezember 1949 starb Stadtbaurat Gerhard Gauger an einem Herzleiden. Sein unerwarteter Tod ließ Rudolf Eberhard über alle Alltagssorgen und politisch bedingte Widrigkeiten hinaus vertieft den wahren Sinn des Menschseins erkennen.

 

Beim Besuch der Ehefrau von Stadtbaurat Gauger, der bekannten Schauspielerin Karen Fredersdorf, kam ihm deutlich zum Bewußtsein, daß die äußeren Umstände einer Zeit an dem tiefen Kern in uns wenig verändern. "Das, was unser tiefstes Menschentum ausmacht, unser Glück und Leid, unser Sehnen und Erschauern, unser Bangen in Lebens- und Todesnot wird kaum davon berührt", sagte er im Gedenken an Stadtbaurat Gauger. Frau Gauger-Fredersdorf erzählte ihm, daß ihr Mann sehr darunter gelitten habe, seine Aufgaben für den Aufbau der Stadt durch seine Krankheit nicht wahrnehmen zu können. Sie sprach später sehr bewegt zu mir von dem Besuch meiner Eltern nach dem Tod ihres Mannes. Sie war nicht nur eine sehr gute Schauspielerin, sie war eine tiefgründige Frau, die anderen Menschen viel von ihrer Weisheit vermitteln konnte.

 

In der Unterhaltung mit Frau Gauger-Fredersdorf erkannte Rudolf Eberhard, daß alle Last der Arbeit nicht zu einer Unterschätzung der seelischen Werte führen darf. "Wir haben alle Grund, im Wogenprall des Zeitenrades Einkehr in den Garten der Menschheit zu halten", waren seine Worte.

 

Ein Vierteljahr vor ihrem Tod besuchte ich um die Weihnachtszeit 1984 die hochbetagte Frau Fredersdorf in ihrer Wohnung in Magdeburg. Viele Jahre hatte ich sie nicht gesehen, weil ich in der Bundesrepublik lebte. Es schien ihr ein starkes Bedürfnis zu sein, mir zu sagen, daß sie meinen Vater sehr verehre, er ihr sehr viel bedeute.

 

Den Stadtbaurat Gauger gewidmeten Nachruf in der Ratssitzung am 19. Dezember 1949 leitete Oberbürgermeister Eberhard mit Goethes Worten

 

 "Nach ewigen, ehrnen

 Großen Gesetzen

 Müssen wir alle

 Unseres Daseins Kräfte

 vollenden",

 

ein.

 

Er sagte: "Der Höllenwahn des Faschismus, der unser Volk in Tod, Ruinen und Not führte, hat uns alle, die wir an verantwortlicher Stelle wirken, vor Aufgaben gestellt, wie sie keiner Verwaltung vor uns oblagen. Unser Pflichtbewußtsein unserem Volke gegenüber verleitet dazu, unseren eigenen Pulsschlag unbeachtet zu lassen, obwohl uns die Größe unserer Aufgaben mahnen müßte, zur Erhaltung unserer Schaffenskraft in unserer Lebensfahrt Ruhepausen einzufügen. Stadtbaurat Gauger hat mit uns gemeinsam unserer vorwärts und aufwärts strebenden Zeit gedient. Er war von dem glühenden Willen beseelt, dem durch den Faschismus in Trümmer und Scherben versunkenen Magdeburg ein neues Antlitz zu geben. Wenn über die Wege, die wir zur Erfüllung der uns gestellten Aufgaben bahnen müssen, manchmal Meinungsverschiedenheiten bestanden, so wurden diese in sachlicher Aussprache geklärt. Unser Kollege, Stadtbaurat Gauger, gehörte zu den nach Höhenwegen suchenden Menschen, die sich nach 1945 vorbehaltlos zur Überwindung des trostlosen faschistischen Erbes zur Verfügung gestellt haben. Das für die Stadtverwaltung umgebaute frühere Postscheckamt, das Museum an der Otto-von-Guericke-Straße, das Hallenbad an der Spielgartenstraße, die Krankenhausbauten und das Wilhelmshaus sind neben einer Fülle anderer Baulichkeiten Zeugen seines Schaffenswillens. Das im Wiederaufbau befindliche Zentraltheater, dem er sich, der Kunst verbunden, mit ganzer Hingabe widmete, ist ein besonderer Beweis seines ausgeprägten Willens, unserer Heimatstadt zu dienen."

 

Im November war er mit Herrn Gauger noch zu Verhandlungen über die bühnentechnische Ausgestaltung des im Entstehen begriffenen Zentraltheaters, dessen Eröffnung im Herbst 1950 bevorstand, gefahren. Er konnte nicht ahnen, daß Stadtbaurat Gauger nicht vergönnt sein würde, die Krönung seines künstlerischen Schaffens zu erleben, weil er voller Zuversicht gewesen war, nach überstandener Krankheit sich voll und ganz seinen Bauaufgaben widmen zu können.

 

Oberbürgermeister Eberhard sagte:

 

"Unsere Trauer um unseren verstorbenenen Stadtbaurat Gauger soll sich in Dankbarkeit wenden, unsere Klage um seinen Verlust sich in die Mahnung umsetzen, daß jeder wirke, zur Erfüllung seines eigenen Lebenssinns zu kommen.

 

Wir danken unserem durch den unerwarteten Tod aus unserer Mitte gerissenen Stadtbaurat Gauger für alles, was er durch sein Wirken der Stadt Magdeburg, die seiner Seele Heimat wurde, geleistet hat. Sein Leidensweg aber, seine Gedanken auf dem Krankenbett, die ihn bis zu seinem Tod beschäftigten, verpflichtet uns, die Worte Kants zu beachten:

 

'Die größte Angelegenheit des Menschen ist, zu wissen, wie er seine Stellung in der Schöpfung gehörig und recht versteht, was man sein muß, um ein Mensch zu sein.'

 

In diesem Geiste gedenken wir ehrfurchtsvoll unseres Kollegen, unseres Stadtbaurats Gerhard Gauger."

 

Stadtbaurat Gauger wurde auf dem Westfriedhof beigesetzt. Oberbürgermeister Eberhard sprach an seinem Sarg.

 

Magdeburger bereiten mit Blick auf das ganze Deutschland den Wiederaufbau ihrer Stadt vor

 

Nachdem 1948 die Aufbereitungsanlage am Schroteplatz und im Februar 1949 die Bindemittelmahlanlage in der Rogätzer Straße ihren Bestimmungen übergeben worden waren, wurde im Februar 1950 mit der Inbetriebnahme des Betonwerkes am Schroteplatz der erste Aufbauplan erfüllt. *[142]) Das Betonwerk war von den Fundamenten bis zur Traufe aus Trümmern gebaut worden, denn nur Ziegelsplitt und Magdeburger Bindemittel wurden für den Rohbau verwendet.

 

Stadtbaurat Koß führte bei der Einweihung des Werkes aus, daß das Betonwerk für die nun beginnende Zeit des tatsächlichen Wiederaufbaus nicht nur aus Trümmern geschaffene Bausteine , sondern auch Balken, die das so knappe Bauholz ersetzten, und Fertigteile, die für den Wiederaufbau nach neuen, rationellen Baumethoden erforderlich seien, fertigen würde.

 

Oberbürgermeister Eberhard dankte allen Frauen und Männern, die bei Wind und Wetter zum Gelingen der Enttrümmerungs- und Aufbereitungsanlagen beigetragen hatten. Nicht engstirniger Stadtpartikularismus habe die Magdeburger geleitet, sondern sie hätten mit dem Blick auf das ganze geeinte Deutschland ihre Werke geschaffen, um mit ihren Erfahrungen des friedlichen Aufbaues allen zu helfen.

 

Walter Kaßner versucht, mehr in Erscheinung zu treten

 

Bürgermeister Kaßner erhob den Anspruch, sich die Veranstaltungen herauszusuchen, bei denen er sprechen wollte. *[143]) Besonders lag ihm daran, die Begrüßungsansprachen zu halten, *[144]) was ja eindeutig dem Oberbürgermeister zukam. Natürlich wurde er von den ehemaligen Kommunisten bestärkt.

 

Bespitzelung *[145])

 

Gegen meinen Vater setzte eine verstärkte Bespitzelung ein. Es war allgemein bekannt, daß bei der Überwachung die Gruppe der ehemaligen Kommunisten, zu denen Bürgermeister Kaßner und die Stadträte Prinsky und Weiß, später noch Stadtrat Buschang, gehörten, eine große Rolle spielte. Sie bediente sich Kreaturen, die oft mit einfachen Mitteln, wie zum Beispiel mit Zigaretten, zu bestechen waren. Es wurde genau beobachtet, wer beim Oberbürgermeister ein- und ausging und wie lange sich die Besucher bei ihm aufhielten. In die einzelnen Dienststellen wurden Vertrauensleute geschoben, die der Gruppe um Kaßner und Prinsky alles zutrugen, was in deren Sinn für Rudolf Eberhard belastend sein konnte.

 

Nach Beseitigung der politisch für die SED nicht zuverlässigen Angestellten, wurden in jeder Dienststelle der Stadtverwaltung ein oder zwei neue Mitarbeiter untergebracht. Überwiegend handelte es sich dabei um jüngere Frauen, die in Betrieben gearbeitet hatten und von Parteischulen kamen. Ohne dazu gehört zu werden, wurde Oberbürgermeister Eberhard eine Sekretärin zugewiesen, die eine scharfe Kontrolle ausübte. Sie entfernte im Vorzimmer das Bild des früheren sozialdemokratischen Oberbürgermeisters Beims und ersetzte es durch ein Bild von Wilhelm Pieck. Sie forderte von Oberbürgermeister Eberhard, das in seinem Zimmer hängende Bild von Beims ebenfalls abzunehmen. Die Posteingangsstelle wurde mit einer Frau besetzt, die alle ihr interessant erscheinenden Sachen zuerst Stadtrat Prinsky zeigte.

 

Leider sind ja bis jetzt die Stasiakten, die während der Oberbürgermeistertätigkeit meines Vaters entstanden, nicht auffindbar. Sie würden bestimmt noch sehr viel mehr offenlegen.

 

Das Bespitzelungssystem wirkte sich natürlich auf die ganze Atmosphäre in der Stadtverwaltung aus. So gab es leider auch Angestellte, die ihres Vorteils wegen sich der neuen politischen Linie anschlossen und mitunter in Versammlungen im stalinistischen Sinn das Wort ergriffen. Diejenigen, die nicht zu beeinflussen waren und charakterlich stark blieben, wurden von der Gruppe der Kommunisten unterdrückt.

 

Bebauungsplan für Magdeburgs Innenstadt

 

Im Januar 1950 stellte ein Preisgericht die Ergebnisse eines Ideenwettbewerbs zur Gestaltung der Magdeburger Innenstadt fest. In einer Ausstellung waren die Pläne zu besichtigen. Der Bevölkerung wurde die Möglichkeit gegeben, in öffentlichen Diskussionen ihre Meinung dazu zu äußern.

 

In der Stadtverordnetensitzung am 2. Juni 1950 *[146]) wurde der neue Bebauungsplan der Innenstadt Magdeburgs beschlossen. Baurat Wölfle hatte zuvor ausgeführt, daß dieser Plan das Ergebnis der Überarbeitung der Städtebauwettbewerbe der Jahre 1946 und 1949 sei. Als Grundlage habe sein im Städtebauwettbewerb 1946 mit dem ersten Preis ausgezeichneter Plan gedient, der in dreijähriger Arbeit weiterentwickelt worden sei. Der Plan müsse dem Ministerium für Aufbau in Berlin zur Genehmigung vorgelegt werden. Erst nach Zustimmung des Ministeriums besitze der Plan Gesetzeskraft.

 

Nach der Wende konnte ich 1992 im Stadtarchiv Magdeburg nochmals Einblick in die damaligen Bebauungspläne nehmen, nachdem ich sie zur Amtszeit meines Vaters schon einmal bei einer Ausstellung gesehen hatte. Sie waren noch immer beeindruckend. Als ich danach durch die Stadt ging, erfaßte mich Trauer darüber, was unter dem Einfluß Walter Ulbrichts aus Magdeburg geworden war, und ich stellte mir vor, wie Magdeburg aussehen würde, wenn die vor 1950 entstandenen Pläne verwirklicht worden wären.

 

Das Ziel des SED-Generalsekretärs und stellvertretenden Ministerpräsidenten Ulbricht war in den 50er Jahren gewesen, den sowjetischen Städtebau durchzusetzen, und er entschied, Magdeburg zur sozialistischen Modellstadt werden zu lassen.

 

Die Vorbereitungen für eine kontinuierliche Enttrümmerung waren ja abgeschlossen, die Voraussetzung für den Wiederaufbau der Stadt war geschaffen. Eberhard, Koß und Dietrich, die hier Verdienste erworben hatten, waren aus der Verwaltung entfernt worden, weil sie den Ulbricht-Kurs nicht stützten.

 

Die aus den Städtebauwettbewerben der Jahre 1946, 1949 und 1950 hervorgegangenen Ideen wurden in wesentlichen Teilen verworfen. Lediglich die an der Elbe vorgesehene Grünanlage blieb in den Grundzügen unangefochten.

 

Jetzt haben die Verantwortlichen die schwere Aufgabe, Magdeburg ein ihm gebührendes Aussehen zu verleihen, wobei sie auf große Schwierigkeiten durch die in der SED-Zeit entstandene Gestaltung stoßen werden.

 

Ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit

 

In der Einwohnerversammlung am 17. März 1950, in der über den beabsichtigten Standort des neuen Magdeburger Rathauses diskutiert wurde, sagte Rudolf Eberhard einleitend:

 

"Wer sich heute an die Tage nach dem Zusammenbruch des Hitlerreichs erinnert, wer sich vergegenwärtigt, wie unsere Menschen die Ruinen, die der Bombenkrieg in unserer Stadt zurückgelassen hat, systematisch enttrümmert und aufgeräumt haben, wer sich alle Einrichtungen, die wir durch die zusätzliche und freiwillige Arbeit unserer Magdeburger Menschen errichten konnten, im Geiste vorstellt, wird mir bestätigen, daß das nur möglich war, weil wir für unser Magdeburg in dieser Situation keine Parteifahnen kannten, sondern nur eins: unsere Heimatstadt! So wie wir uns in Magdeburg ohne Rücksicht auf unsere Parteizugehörigkeit zusammengefunden haben, um unserer Stadt ein neues Antlitz zu geben, so muß sich - darin werden Sie mit mir übereinstimmen - das ganze Volk zusammenfinden, um endlich die Erfüllung seines berechtigten Verlangens auf Abschluß eines Friedensvertrages und um die ihm zugesicherte Wiederherstellung der deutschen Einheit zu erreichen. Es erfüllt uns mit bitterem Schmerz, wenn wir die Zerreißung Deutschlands beobachten, wenn wir 5 Jahre nach diesem furchtbaren Kriegsgeschehen immer noch auf den Abschluß eines Friedensvertrages warten."

 

Erster großer Schauprozeß nach sowjetischem Muster

 

Vom 24. bis 29. April l950 fand in der DDR der erste große Schauprozeß nach sowjetischem Muster statt. Als Ort des Geschehens wurde das Dessauer Theater gewählt. Hauptangeklagte dieses Prozesses, der sich gegen den Energie-Konzern "Deutsche Continentale-Gas-Gesellschaft" richtete, waren der ehemalige Minister in Sachsen-Anhalt, Herwegen, und der ehemalige Ministerialdirektor und stellvertretende Minister, Professor Dr. Willi Brundert. Herwegen wurde als Opfer im Kampf gegen die CDU ausgewählt. Willi Brundert war aus der Magdeburger Sozialdemokratie hervorgegangen. Für ihn entschied man sich als Opfer in der Bekämpfung sozialdemokratischer Grundvorstellungen. Ulbricht proklamierte den schonungslosen Kampf gegen den "Sozialdemokratismus". Willi Brundert wurde als "Reformist, Arbeiterverräter und Agent des Monopolkapitals" in der Propaganda gebrandmarkt. Er schreibt in seinem Buch "Es begann im Theater" über den Prozeß: *[147]) "Die Darstellung eines strafrechtlichen Tatbestandes ist im Grunde nicht möglich, da keiner der Angeklagten des großen Schauprozesses im Sinne des damals geltenden Rechts staffällig geworden war. Die strafrechtliche Konstruktion der sowjetzonalen Anklagebehörde war lediglich der Vorwand für die Erreichung eines politischen Zweckes. Gerade an diesem Faktum wird deutlich, wie im bolschewistischen Unrechtsystem Scheintatbestände zur Durchsetzung politischer Machtansprüche geschaffen werden."

 

Immer größere Sorge um meinen Vater

 

In meinem damaligen Wohnort in Eisenach hörte ich die Radioübertragung des Dessauer Schauprozesses. Ich war äußerst bestürzt, zumal ich Willi Brundert persönlich kannte. Sofort kam mir der Gedanke, daß der Kampf gegen die ehemaligen Sozialdemokraten mit diesem Prozeß verstärkt einsetzen würde. Die Sorge um meinen Vater stieg. Ohne offiziell Urlaub am Theater beantragt zu haben, fuhr ich nach Magdeburg und wollte meinen Vater bewegen, sich nach Westdeutschland abzusetzen. Er war natürlich über den schrecklichen Prozeß und die Verurteilung Willi Brunderts zu 15 Jahren Zuchthaus erschüttert. Zu intensiv war er wohl aber in seine Arbeit verwoben und brachte es einfach nicht fertig, sich seiner ihm zur Zeit gestellten Aufgaben zu entledigen und seine Mitarbeiter im Stich zu lassen. Er wollte in der Hoffnung auf eine zwar noch nicht absehbare Änderung der Verhältnisse die jetzige bestialische Zeit durchstehen. Leider unterstützte meine Mutter mich nicht, obwohl sie ungeheuer unter der schrecklichen Situation, in der mein Vater sich befand, litt. Auch wegen meines Engagements am Theater wollte mein Vater nicht illegal die DDR verlassen. Hätte er mich zurückgelassen, hätte ich mit Repressalien rechnen müssen. Ich war jedoch bereit, meine Stellung als Schauspielerin in Eisenach aufzugeben und mitzugehen.

 

Mein Vater genoß in allen Bevölkerungskreisen, abgesehen natürlich von den Ulbricht-Anhängern, große Hochachtung und war in Magdeburg ausgesprochen beliebt. Sein starker Einsatz für die Stadt war allgemein bekannt. Er meinte, daß Ulbricht und seine Anhänger wissen mußten, daß sie bei der Bevölkerung unglaubwürdig erschienen, wenn sie ihn verhafteten. Er zog wohl auch in Betracht, daß es nicht möglich war, ihn wie Willi Brundert an einen Prozeß, der gegen einen Konzern gerichtet war, anzuhängen. Meine Mutter erzählte mir, daß der damalige Stadtrechtsrat Dietrich gesagt habe, wenn sie - gemeint waren die ehemaligen Sozialdemokraten in der Stadtverwaltung - auch verhaftet würden, man müsse sie wieder freilassen, denn Unrechtmäßigkeiten könnten nicht gefunden werden. Auch er steckte wohl zu sehr in seiner Arbeit, die sich nach noch bestehendem Recht richtete. Es war ja offiziell von dem SED-Staat noch nicht widerrufen worden. Er konnte nicht glauben, daß sogenannte "Schuld" im Ulbricht-Regime einfach konstruiert wurde. Dennoch verkannte mein Vater die Gefahr, in der er schwebte, nicht vollkommen. In Gesprächen mit für ihn zuverlässigen Bekannten brachte er mehrfach zum Ausdruck, wenn er merken lasse, daß er den Anordnungen der Besatzungsmacht und den ihnen hörigen Deutschen Widerstand leiste, er mit seiner Verhaftung durch die Sowjets rechnen müsse. *[148])

 

Angriffe gegen Rudolf Eberhard werden verstärkt

 

In der SED-Landesvorstandssitzung am 23. April 1950 *[149]), einen Tag vor Beginn des Dessauer Schauprozesses, griff der Vorsitzende Bernard Koenen *[150]) wiederum Rudolf Eberhard heftig an. Er gebrauchte dazu Schlagworte der "Partei neuen Typus" und sprach von "Reaktionären und waschechten Opportunisten" in der Stadtverwaltung, die an entscheidenden, mitbestimmenden Positionen stünden. Geradezu absurd war es ja, daß Menschen, die zu ihrer Überzeugung standen und dadurch oft erhebliche Schwierigkeiten bekamen, im Gegensatz zu denen, die sich nur ihres Vorteils wegen anpaßten, als Opportunisten bezeichnet wurden. Koenen sagte in seiner typischen SED-Ausdrucksweise, der Genosse Eberhard als Oberbürgermeister habe es geduldet, daß sich "staatsfeindliche Elemente" ungeniert bewegen und betätigen konnten. Trotz wiederholter Diskussionen sei es von ihm unterlassen worden, die Verwaltung zu einem, wie er sich ausdrückte, "wirklichen Instrument des Staates" zu formieren, womit natürlich ein stalinistisch ausgerichteter Staat gemeint war. In der gesamten Verwaltung seien nur sieben Angestellte aus Arbeiterkreisen vertreten. Diese Dinge hätten Rudolf Eberhard vollkommen unberührt gelassen.

 

Während des Dessauer Prozesses erschien in der Magdeburger Volksstimme am 25. April 1950 *[151]) ein Artikel mit der Überschrift "Magdeburger Kreisvorstand beseitigt ernste Hindernisse", in dem auf die Magdeburger Kreisvorstandssitzung der SED am 28. März eingegangen wurde, in der wiederum die personelle Zusammensetzung der Stadtverwaltung und "partei- und volksfeindliche Einstellungen" bei Genossen in der Verwaltung angegriffen wurden. Es handelte sich dabei ausschließlich um ehemalige Sozialdemokraten. Eberhard sei für die Berufung der Mehrzahl dieser Genossen in die Stadtverwaltung verantwortlich. Trotz wiederholter eingehender Diskussion über diesen Zustand habe er festgelegte Maßnahmen nicht durchgeführt oder die Durchführung verzögert. Diese Haltung sei "parteischädigend" und fördere den Einfluß "parteifeindlicher Elemente".

 

Diese Tatsachen zeigten, so hieß es weiter, daß die auf der Landesdelegiertenkonferenz im Dezember 1949 aus der Affäre Herwegen-Brundert gezogenen Schlußfolgerungen von den Genossen in der Stadtverwaltung nicht beachtet wurden. Damals wurde beschlossen, "die Klassenwachsamkeit gegenüber Partei und volksfeindlichen Elementen schnell zu entwickeln".

 

Fettgedruckt wurden in dem Artikel diejenigen aufgeführt, gegen die Überprüfungen der Parteikontrollkommission Magdeburg vorgenommen werden sollten. Darunter befanden sich neben Eberhard die drei weiteren ehemaligen Sozialdemokraten Weigelt, Erfurth und Koß.

 

Die SED hatte sich im September 1948 durch Bildung der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) und entsprechenden Institutionen auf Kreis- und Landesverbandsebene ein Instrument geschaffen, mit dem sie gegen innerparteiliche Opponenten, gegen den "Sozialdemokratismus" ebenso wie gegen opponierende Kommunisten, vorging. *[152])

 

Zum Schluß des Artikels wurde unter der Überschrift: "Aus Fehlern lernen" ausgeführt:

"Da Magdeburg in der Deutschen Demokratischen Republik ein Hauptangriffspunkt des anglo-amerikanischen Imperialismus ist, sich hier die verschiedensten reaktionären Kräfte konzentrieren und Schumacher auf die alte sozialdemokratische Tradition in Magdeburg große Hoffnungen setzt, hat die SED, die Führerin der deutschen Arbeiterklasse, durch die hier erzielte Wendung einen entscheidenden Erfolg erzielt. Das gleiche muß geschehen, wo sich sonst noch im Lande Schumacher-Elemente und sonstige Partei- und Volksfeinde befinden. Auf diese Weise wird es uns gelingen, den auch in einigen anderen Kreisen eingedrungenen Opportunismus zu überwinden. Nur auf der Grundlage dieser Arbeit kann der Dritte Parteitag richtig vorbereitet und die Partei in den Stand versetzt werden, die vor ihr stehenden Aufgaben zu lösen."

 

Bei der SED-Kreisdelegiertenkonferenz am 24. und 25. Juni 1950 warf der Sekretär im Kreisvorstand Erich Eichholz Rudolf Eberhard vor, keine Selbstkritik geübt zu haben.

 

Kritik und Selbstkritik galt als Entwicklungsgesetz der SED. *[153]) Vor allem ehemalige Sozialdemokraten sollten gedrängt werden, sich der stalinistisch geprägten Parteilinie unterzuordnen. In der Zeitung wurde anerkennend über Genossen berichtet, die Selbstkritik geübt hatten. Wurde Selbstkritik verlangt und die Betroffenen übten sie nicht im Sinne des Stalinismus aus, oder wie es hieß, im Sinne des Marxismus-Leninismus, erfuhren sie eine psychische Folter. Es wurde kein Mittel gescheut, zu demütigen und Drohungen auszusprechen. Mir ist die damalige abscheuliche Situation noch lebhaft in Erinnerung.

 

Woran sollte Rudolf Eberhard denn Selbstkritik üben? Konkret warfen ihm seine Gegner aus dem Ulbrichtschen Lager lediglich die Personalpolitik vor. Sonst bestand die Kritik an Rudolf Eberhard ja nur aus allgemein üblichen Redewendungen der von Stalin geprägten Parteilinie. Sollte er Selbstkritik daran üben, daß er Fachleute nach Magdeburg geholt hatte, die dafür sorgten, die Stadt aus Not und Elend herauszuführen? Er tat das für die gesamte Bevölkerung und nicht zuletzt für die Arbeiter. Jeder vernünftige Arbeiter wird eingesehen haben, daß Sachkenntnis bei den zu erfüllenden Aufgaben unbedingt erforderlich war, die von ihnen erst erarbeitet werden mußte. Rudolf Eberhard hatte ja schon während seiner politischen Arbeit vor 1933 bewiesen, daß er für die Fortbildung der Bevölkerungsschicht eintrat, der dazu die Möglichkeiten versagt gewesen waren. Beachtenswert war zudem, daß Führungskräfte in den ersten Nachkriegsjahren keine hohen Gehälter erhielten. Ich erwähnte ja schon, daß damals die Meinung bestand, bei Menschen, die Verantwortung übernahmen, müßte das aus innerer Einstellung geschehen und nicht des Geldes wegen.

 

Der für die Parteischulung zuständige Kommunist Fred Oelssner *[154]) kritisierte auf der SED-Kreisdelegiertenkonferenz am 24. und 25. Juni 1950, daß führende Genossen nicht wirklich den Marxismus-Leninismus studiert hätten und beanstandete, daß Rudolf Eberhard keine Parteischule besucht habe, sondern lediglich vier Monate auf der Verwaltungsakademie Forst Zinna war. *[155])

 

In der Sekretariatssitzung der SED-Landesleitung Sachsen-Anhalt am 14. Juni 1950, in der eine Aussprache über das "Herwegen-Brundert-Komplott" auf der Tagesordnung stand, wurde auch auf Rudolf Eberhard eingegangen. *[156]) Es wurde hervorgehoben, daß Rudolf Eberhard die Vorstellungen der Gewerkschaftssekretäre von vor 1933 noch vertreten habe. "Politisch ging das dahin, die Fachkräfte in ihren Stellungen zu belassen", wurde gesagt. Nochmals wurde beanstandet, daß Rudolf Eberhard die Notwendigkeit, Otto Frühling als Personalchef zu entfernen, nicht eingesehen habe. Das hätten dann andere Genossen erledigen müssen. Auch wurde vermerkt, daß schon vor zwei Jahren gefordert worden sei, Rudolf Eberhard solle Dezernate abgeben. Wiederum wurde auf die Diskrepanzen zwischen Rudolf Eberhard und dem Bürgermeister Walter Kaßner hingewiesen.

 

„Eberhard hatte Zivilcourage“, schrieb das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ *[157])

 

In der Bundesrepublik erschien am 11. Mai 1950 im Nachrichten-magazin "Der Spiegel" ein Bericht über die politische Situation in Magdeburg. Es ist darin zu lesen:

 

"Was Otto Grotewohl zu Ostern 1946 im Berliner Admiralspalast künstlich zusammenfügte, will der Magdeburger Altkommunist Bürgermeister Walter Kaßner wieder scheiden. Sogar seinen Oberbürgermeister-Kollegen Rudolf Eberhard hat er vor die Kontrollkommission gebracht. Jetzt läßt er nicht mehr locker, bis alle ehemaligen Sozialdemokraten aus den Spitzenstellungen entfernt und die schlimmsten Oppositionellen unter ihnen verhaftet sind. Drei sitzen bereits im Kerker.

Walter Kaßner, 51, robuster Draufgänger, handelt nicht aus spontaner radikalistischer Anwandlung, sondern weil ihn der letzte Beschluß des SED-Politbüros, der eine verschärfte Selbstreinigung befiehlt, dazu ermunterte. Bis zum dritten Parteitag der SED am 20. Juli sollen noch viele Späne fallen."

 

In dem Artikel wird auf die menschlichen Schwächen des ehemaligen Sozialdemokraten Hermann Prübenau *[158]) eingegangen. Als SPD-Bezirks-Vorsitzender hatte dieser 1946 in Magdeburg zur Vereinigung von SPD und KPD wesentlich beigetragen.

 

Weiter heißt es in dem Artikel:

"Wenn schon August Bebel abermals verraten war, dann wollten wenigstens einige mit Anstand auf dem Posten bleiben. Dazu gehörten Magdeburgs 1946 gewählter Oberbürgermeister Rudolf Eberhard, alter Heimstättenmann und Gewerkschaftssekretär mit großen Qualitäten, und sein Freund Stadtbaurat Koß. Ihnen verdanken 250.000 Magdeburger, daß ihre zu 80 Prozent kriegszerstörte Stadt heute zu den bestaufgeräumten deutschen Schuttplätzen gehört. Tausende von Ausgebombten bekamen wieder Wohnungen.

Eberhard organisierte den Bund der ausgebombten Städte und kurbelte die Solidaritätshilfe im ganzen Land an: 'Die nicht ausgebombten Gemeinden sollen Bauhandwerker, Material und Geldmittel für die Ruinenstädte stellen! Jede Woche eine Stunde Mehrarbeit und der Erlös dafür in unseren Aufbaufonds!'

Als die Russen kein Bauholz freigaben, wurde es bei Nacht und Nebel aus der Altmark und dem Harz nach Magdeburg hereingestohlen. Eberhard hatte Zivilcourage. Die größte Schuttaufbereitungsanlage der Zone wurde auf sein Betreiben konstruiert. Endlich verschwanden die Tropfsteinhöhlen. "Unter einem Bild von Rudolf Eberhard ist zu lesen: "Liegt dem Politbüro seit langem im Magen."

 

Nachdem in dem Artikel darauf hingewiesen wird, daß gegen 14 Funktionäre, Stadträte und Abgeordnete, einschließlich Oberbürgermeister Eberhard, Untersuchungsverfahren schweben, heißt es, daß der Landgerichtspräsident in Magdeburg darüber brüte, "wie er die Anklagepunkte gegen die Rebellen formulieren soll". Walter Kaßner würde aber in seinem Bericht an das Politbüro triumphieren:

"Nur durch solche Maßnahmen kann der 3. Parteitag richtig vorbereitet werden."

 

Walter Ulbricht entscheidet *[159])

 

Die Landesdelegiertenkonferenz vom 30. Juni bis 2. Juli 1950 war nach den Worten Walter Ulbrichts der Ausdruck des Willens der SED, wirklich zu einer "Partei neuen Typus" zu kommen. Sie sollte in der Lage sein, ihre Aufgaben als Vortrupp des deutschen Volkes zu erfüllen, und nicht nur in der DDR sondern auch in Westdeutschland, wie er betonte.

 

Es wurde zum Kampf gegen den "Sozialdemokratismus" aufgerufen und abermals sollten die Lehren aus dem Herwegen-Brundert-Prozeß gezogen werden. Der Landesvorsitzende Bernard Koenen rief die Delegierten auf, von dem Glauben abzukommen, der Fall Brundert sei der einzige gewesen.

 

Die Kreiskonferenz der SED Magdeburg hatte Rudolf Eberhard nicht als Delegierten für die vom 30. Juni bis 2. Juli 1950 stattfindende Landesdelegiertenkonferenz aufgestellt. Ulbrichts Gefolgsleute dominierten jetzt. Der 1. Kreissekretär Erich Eichholz sagte lt.Protokoll dazu auf der Landesdelegierten-konferenz: "Der Genosse Bernard Koenen stellte beispielsweise gestern die Frage, warum der Genosse Eberhard nicht delegiert wurde. Nun, ein Delegierter kann nur sein, der die Linie der Partei tatsächlich vertritt. Beim Genossen Eberhard ist erwiesen, daß er die Linie der Partei nicht vertritt, und deshalb konnte die Magdeburger Parteiorganisation den Genossen Eberhard nicht delegieren."

 

Der Landesvorsitzende Bernard Koenen führte lt. Potokoll wörtlich aus: "Es wäre gut und richtig gewesen, wenn der Genosse Eberhard hier vor der Landeskonferenz seine falsche Politik hätte aufzeigen können und hätte aufzeigen können, auf welche Weise er angefangen hat, seine, der Partei entgegenstehende Linie aufzugeben und zu liquidieren, aber er ist nicht gewählt worden, er ist nicht delegiert in der Landeskonferenz, und das ist schon ein äußerst bedenkliches Zeichen, daß ein Oberbürgermeister einer solchen wichtigen Stadt, daß er auf der Kreiskonferenz nicht das Vertrauen als Delegierter zur Landeskonferenz erhalten hat, das ist für unsere Genossen von Magdeburg von besonderer Bedeutung, daß sie sich mit diesem Vertrauensgelöbnis zu dem Genossen Eberhard gründlich zu beschäftigen haben, worauf dieses Mißtrauen beruht, so daß darüber schnellstens Klarheit geschaffen wird. Ein solcher Zustand kann unter keinen Umständen dauern. Das gilt nicht nur für Genossen Eberhard, das gilt auch für alle, um genau zu sagen, wie ist das Vertrauen der Parteifunktionäre und Mitgliedschaft zu Euerem Oberbürgermeister, wie ist deren Einstellung zur Partei?"

 

Erich Eicholz wies in der Delegiertenkonferenz auf die 12 Bedingungen hin, die Stalin für die Entwicklung einer Partei neuen Typus für notwendig halten würde. Er habe darin erklärt, daß die Partei die soziale Zusamensetzung ihrer Organisation verbessern müsse, womit Eichholz auf Magdeburg zielte. Auf die Selbstkritik eingehend sagte er: "Es hat sich gezeigt, daß es Genossen innerhalb der Partei gibt, die einfach nicht begreifen können, daß die Kritik und Selbstkritik das Entwicklungsgesetz unserer Partei ist. Hierzu gehört auch der Genosse Rudolf Eberhard, unser Oberbürgermeister in Magdeburg." Eichholz wies darauf hin, daß von der Stadtverwaltung in Magdeburg die Linie der Partei entwickelt wurde.

 

Das wirkte sich natürlich aus Sicht der Ulbricht-Anhänger hemmend auf die "Partei neuen Typus" aus, und darum mußte Rudolf Eberhard verschwinden, wenn er sich nicht völlig der von Ulbricht geforderten stalinistischen Parteilinie unterwarf. Alles das, was die Verdienste des Magdeburger Oberbürgermeisters Rudolf Eberhard waren, was sich über Magdeburg hinaus ausgewirkt hatte, sollte verschwiegen werden.

 

Bernard Koenen führte auf der Landesdelegiertenkonferenz aus, zur Ideologie des Sozialdemokratismus gehöre die "Arbeitsgemeinschaftspolitik" in den Gewerkschaften vor 1933. "Das ist kein revolutionäres Denken von dem Bewußtsein der Richtigkeit der Linie Lenins und Stalins und der Sowjetunion", sagte er. Demgegenüber war auf dem Wahlprogramm der SED für Magdeburg 1946 die von Männern der Magdeburger SED gegründete Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte in der Provinz Sachsen hervorgehoben worden. Aber die "Partei neuen Typus" hatte ja die Aufgabe, sich sowohl ideologisch als auch organisatorisch auf das sowjetische Vorbild auszurichten. Das, was diesem nicht entsprach, wurde verworfen. Keine Rolle spielte dabei, ob das, was zurückgewiesen wurde, erfolgreich gewirkt hatte, was ja zweifellos bei der Arbeitsgemeinschaft der kriegszerstörten Städte der Fall war.

 

Weiter führte Eichholz aus, daß Rudolf Eberhard die stärkste Stütze einer Gruppe gewesen wäre, die jetzt zerschlagen worden sei. Es handelte sich hierbei um Mitarbeiter mit unverzichtbaren Fachkenntnissen, deren Fehler in den Augen der stalinistisch ausgerichteten Genossen war, daß sie ehemalige Sozialdemokraten waren, denen es widerstrebte, sich dem neuen Kurs anzupassen. Eichholz nannte die Stadträte Dietrich und Koß und wies darauf hin, daß Ewald Erfurth, den Rudolf Eberhard nach Magdeburg geholt hatte, bereits aus der SED ausgeschlossen sei. Nach dem Wortlaut des Protokolls sagte Eichholz zum Verhalten Rudolf Eberhards: "Und hier hätte seine Selbstkritik ansetzen müssen. Hier hätte er sagen müssen, für welche Teile er verantwortlich ist. Keiner hat mit ihm über diese Frage diskutiert. Es ist jetzt so, aufgrund dessen, daß der Genosse Eberhard immer wieder aufgefordert werden mußte, daß innerhalb der Parteiorganisation unseres Kreises jetzt bereits solche Auffassungen auftreten: Wann wollt Ihr denn nun endlich richtige Schlußfolgerungen ziehen?" Darauf erfolgte der Einwurf von Walter Ulbricht: "Natürlich müßt Ihr Schlußfolgerungen daraus ziehen." Nachdem Walter Ulbricht am Sonntag, dem 2. Juli 1950, das zugerufen hatte, wurde man sofort in Magdeburg aktiv.

 

„Ich werde demnächst zurücktreten“

 

Ende Juni hatte die Spielzeit am Theater in Eisenach geendet, und ich wollte meinen dann beginnenden Urlaub bis zur nächsten Spielzeit bei meinen Eltern zu Hause in Magdeburg verbringen. Gleich am ersten Abend, als ich zu Hause war, unterhielt ich mich eingehend mit meinem Vater über seine Situation. Er erzählte mir sehr gefaßt in seiner mir gut bekannten besonnenen Art, was er in den letzten Tagen und Wochen alles über sich ergehen lassen mußte. Die politische Entwicklung sei nicht aufzuhalten. Die neu eingesetzten Ratsmitglieder wolle er aber noch einarbeiten. Im Interesse Magdeburgs und seiner Bevölkerung halte er das für wichtig. Dann wolle er auf alle Fälle zurücktreten.

 

Ich konnte dieser Auffassung nicht widersprechen, obwohl ich ja schon seit einiger Zeit der Meinung gewesen war, daß er in die Bundesrepublik flüchten solle. Ich habe noch gut in Erinnerung, daß mich seine Worte beruhigten.

 

Am Abend des 1. Juli 1950 erzählte uns mein Vater, von einer Dienstfahrt zurückkommend, daß Hermann Prübenau ihm und seinem Fahrer im Auto nachgefahren sei und sie zum Halten aufgefordert habe. Prübenau kam von der Landesdelegiertenkonferenz in Halle zurück. Er habe auf die Gefahr der Verhaftung meines Vaters hingewiesen, weil Ulbricht in Halle gesagt habe, man müsse in Magdeburg zugreifen, ehe dort noch mehr "abhauen" würden. War die Warnung Prübenaus ehrlich gemeint, oder handelte er im Auftrag? Meinem Vater war klar, daß er ganz intensiv überwacht wurde und eine Flucht dadurch so gut wie ausgeschlossen war.

 

Am Sonntag, dem 2. Juli, fuhr der unangenehmste und gefährlichste Genosse, der damalige Stadtrat Walter Prinsky, in dem Dienstwagen meines Vaters an unserem Wohnhaus vor und sagte, daß mein Vater zu einer Besprechung in seinem Dienstgebäude erwartet würde.

 

Wir warteten und warteten zu Hause auf die Rückkehr meines Vaters. Wir riefen im Dienstgebäude mehrmals an, bekamen aber immer nur ausweichende Antworten. Wir wußten überhaupt nicht, woran wir waren und wo mein Vater sich befand. So verging die Nacht. Am nächsten Morgen kam der Fahrer meines Vaters, um ihn wie gewohnt abzuholen, wie er uns sagte. In Wirklichkeit wußte er, wo mein Vater sich befand. Als wir ihn nach vielen Monaten einmal trafen, erzählte er uns, er habe an diesem Montagmorgen den Auftrag bekommen, zu meiner Mutter und mir zu fahren und vorzugeben, meinen Vater abholen zu wollen.


Verhaftung und Verurteilung

 

Haussuchung

 

Die Situation, in der wir uns befanden, war zermürbend. Natürlich zerbrachen wir uns den Kopf, was zu veranlassen sei. Wir konnten nachts kein Auge zutun. Die Aufregung griff, wie das wohl nicht anders zu erwarten war, auch die Gesundheit meiner Mutter und meine an. Ich wollte deshalb einen Arzt aufsuchen. Als ich von zu Hause wegging, bemerkte ich, daß jemand mich beobachtete und mir dann folgte. Als ich kurze Zeit im Wartezimmer des Arztes war, wurde die Tür geöffnet und der Mann, der mir vorher aufgefallen war, schaute hinein. Nachdem er mich gesehen hatte, ging er wieder zurück. Beim Arzt wurde ich ohnmächtig, weil ich sehr schwach war. Ich hatte vor Aufregung überhaupt nichts essen können, nachdem wir nichts über meinen Vater hörten. Als ich mich von der Ohnmacht etwas erholt hatte, ging ich nach Hause und sah zu meiner Überraschung durch unser Wohnzimmerfenster, daß fremde Männer unsere Sachen durchsuchten. Ich fragte, wie sie denn in die Wohnung gekommen seien. Sie antworteten, sie hätten durch das Fenster einsteigen müssen, weil niemand geöffnet habe. Meine Mutter hatte jedoch kein Klingeln gehört und war von den fremden Männern im Haus völlig überrascht worden. Verschiedene Sachen nahmen sie mit, unter anderem "Mein Kampf" von Hitler. Ich sagte, daß mein Vater daraus in seinen Reden öfter zitiert habe, um die Bevölkerung über den Faschismus aufzuklären. Dazu sei nicht Hitlers "Mein Kampf" nötig gewesen, erwiderten sie. Ja, freilich: Stalin schrieb ja vor, was zu sagen war. Menschen, die eigene Gedanken entwickelten, waren unerwünscht.

 

Unter großen Schwierigkeiten konnten wir dann nach einigen Tagen erfahren, daß mein Vater sich im Polizeigefängnis befand. Wir nahmen sofort einen Rechtssanwalt. Ihm wurde aber nicht erlaubt, mit meinem Vater zu sprechen.

 

Erich Koß und Frau Ilse Dietrich verhaftet

 

Bei einem Besuch seiner Familie erfuhren wir, daß auch Erich Koß verhaftet worden war. Georg Dietrich war mit seiner Frau bei seinen Schwiegereltern, als er von Beamten in Zivil von zu Hause abgeholt werden sollte. Weil die Verhaftungsaktion von Berlin gesteuert wurde und die Berliner Beamten in Magdeburg fremd waren, wußten sie nicht, daß die Schwiegereltern in der gleichen Straße wie die Familien Koß und Dietrich in der Siedlung Reform wohnten. Frau Dietrich konnte beobachten, daß Herr Koß aus dem Hause geführt und in eine schwarze Limousine gezerrt wurde. Herr Dietrich schreibt: *[160])

"Das war für uns das Alarmzeichen. Meine Frau brachte mich sofort zu der Nachbarin in Sicherheit, von wo ich bei Eintritt der Dunkelheit zu Herrn Plumbohm und von dort zu einem weiteren Bekannten ging. Am Montagmorgen verließ ich Magdeburg. Noch am Sonntag wurde meine Frau verhaftet, unsere beiden vier und acht Jahre alten Töchter wurden in privaten Gewahrsam genommen. Im Polizeipräsidium wurde meine Frau pausenlos von acht Kriminalbeamten verhört, wobei man wissen wollte, wo ich mich aufhalte. Sie wurde unter Druck gesetzt mit der Drohung, "der Teilnahme an dem Komplott beschuldigt zu werden, das im Rathaus geschmiedet worden sei", wenn sie nicht meinen Aufenthaltsort bekannt geben würde. Nachdem meine Frau nach zwei Tagen und Nächten wieder freigelassen war und ihre Töchter wieder abgeholt hatte, blieb sie weiter unter strengster Beobachtung und Telefonterror. Drei Tage später gelang es ihr, in einer abenteuerlichen Flucht mit den Kindern Magdeburg zu verlassen."

 

Landesleitung der SED erklärt sich mit den Maßnahmen der Landeskontrollkommission einverstanden

 

Auf der Sekretariatssitzung der SED-Landesleitung am 4. Juli 1950 *[161]) erklärte der Vorsitzende Bernard Koenen, daß das Sekretariat mit der von der Landeskontrollkommision eingeleiteten Untersuchung gegen Eberhard als Oberbürgermeister, Koß als Stadtbaurat und Dietrich als Stadtrechtsrat und -kämmerer in der Stadtverwaltung Magdeburg einverstanden sei.

 

Koenen sagte: "An Hand des Materials der Landeskontrollkommission, das uns vorliegt, handelt es sich ganz offenkundig um die Durchführung einer ausgesprochen bürgerlichen, beziehungsweise Schumacherpolitik unter Verantwortung von Eberhard, die sich einerseits darin ausdrückt, daß sie die ganze Politik in engster Zusammenarbeit mit bürgerlichen Kreisen im Interesse bürgerlicher Kreise gemacht haben und dabei ausgesprochene Schumacheragenten dienstlich begünstigt, beziehungsweise unterstützt haben."

 

Von der SED-Landesleitung wurde genau festgelegt, was die Zeitung über die "Schumachergruppe in der Stadtverwaltung Magdeburg" schreiben sollte.

 

„Magdeburger Schumacherclique trieb Sabotage“ *[162])

 

Über die Verhaftungen von Rudolf Eberhard und Erich Koß sowie die geglückte Flucht Georg Dietrichs wurde die Bevölkerung von der Presse nicht unterrichtet.

 

Unter der Überschrift "Magdeburger Schumacherclique trieb Sabotage" schrieb dann am 10. Juli 1950 die "Volksstimme", daß der bisherige Oberbürgermeister Eberhard gemeinsam mit den beiden früheren Stadträten Koß und Dietrich eine Politik betrieben hätte, die unmittelbar dem Aufbau Magdeburgs und damit der Aufbaupolitik der DDR entgegenlief. Die Schumacheragenten Eberhard, Koß und Dietrich hätten sich mit ihrer Schumacherpolitik in krassen Widerspruch zur Bevölkerung, besonders zu den Mitgliedern der SED gebracht. In dem Artikel wurde dann auf gegebene Kredite eingegangen, worüber der Stadtverordnetenversammlung angeblich falsche Informationen gegeben worden seien. Es hieß weiter: "Die aufgedeckte volksfeindliche, die Politik der amerikanisch-englischen Kriegspartei zur Schwächung der Deutschen Demokratischen Republik und zur Anzettelung eines neuen Weltbrandes unterstützende Tätigkeit muß jedes Mitglied der Partei und darüber hinaus die gesamte Bevölkerung zur verstärkten Wachsamkeit gegenüber jeglicher Agententätigkeit und Sabotagebestrebungen volksverräterischer Elemente anspornen und verpflichten."

 

Unter den Überschriften "Entschlossener Kampf gegen Schumachertum" und "Gegen Sabotage demokratischer Aufbauarbeit" erschienen am 11. und 14. Juli 1950 in Zeitungsartikeln noch Zuschriften von Parteimitgliedern und, wie es hieß, "fortschrittlichen Kräften" über das "Treiben der Schumacher-Clique Eberhard, Koß und Dietrich".

 

Nach dieser in der Presse versuchten Verunglimpfung mußte die Parteispitze wohl erfahren, daß die Mehrheit der Bevölkerung Magdeburgs die gegen Oberbürgermeister Rudolf Eberhard und seine beiden Stadträte erhobenen Anschuldigungen für unwahr hielt. Die Menschen kannten die Parolen der "Partei neuen Typus", mit denen der Artikel geradezu überhäuft wurde. Die Verfasser des Artikels und ihre SED-Auftragsgeber ignorierten, Beweise für die mit Schlagworten ausgedrückten Behauptungen zu erbringen, weil sie diese auch überhaupt nicht hatten. Das, was in dem Artikel über Rudolf Eberhard, Georg Dietrich und Erich Koß geschrieben wurde, war an den Haaren herbeigezogen, Beweise dafür gab es nicht im geringsten.

 

Vom Polizeigefängnis ins Gerichtsgefängnis

 

Haftbefehle wurden gegen meinen Vater sowie Erich Koß und Georg Dietrich tagelang nicht erlassen. Wir machten beim Polizeipräsidenten darauf aufmerksam, daß ohne Haftbefehl mein Vater und Herr Koß ja nicht weiter inhaftiert bleiben durften. Das nützte aber nichts. Sie blieben weiter in Haft.

 

Meine Mutter und ich setzten alles in Bewegung, Verbindung mit meinem Vater aufnehmen zu können. Wir erfuhren nach einigen Tagen vom Polizeipräsidium, daß mein Vater vom Polizeigefängnis in das Gerichtsgefängnis gelegt worden sei und die Zuständigkeit nunmehr beim Landgericht läge. Natürlich gingen wir sofort dorthin. Wir konnten nur erfahren, daß jetzt ein Haftbefehl erlassen wurde. Mit meinem Vater zu sprechen, wurde uns nicht erlaubt.

 

Wir setzten dann durch, den Oberstaatsanwalt zu sprechen. In der Folgezeit empfing er uns immer, wenn wir ihn aufsuchen wollten. Vielleicht hatte er dazu die Anweisung bekommen, um von uns für die Staatsanwaltschaft Wichtiges zu erfahren. Sprecherlaubnis, die Untersuchungsgefangenen zusteht, erteilte er uns jedoch auch nicht. Als wir ihn nach dem Grund dafür fragten, gab er uns zur Antwort, daß wir die politische Bedeutung meines Vaters berücksichtigen müßten. Es wäre bekannt, daß mein Vater einer der fähigsten Köpfe in der DDR sei, aber er habe eben die politische Entwicklung nicht vollzogen. Unternehmen wären Kredite bewilligt worden, anstatt sie zu enteignen. Ich entgegnete, daß dafür ja noch gar nicht die gesetzlichen Vorschriften vorlägen. Ob wir denn nicht wüßten, wie alt die Gesetze seien, fragte er uns. Wir konnten darauf nur antworten, daß sie ja noch nicht widerrufen wurden. Einmal sagte uns der Oberstaatsanwalt, daß ein Schauprozeß für die Angeklagten Eberhard, Dietrich, Koß vorgesehen sei.

 

Mein Vater erzählte uns, nachdem er wieder zu Hause war, daß er während seiner Haft Gelegenheit hatte, "Die Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU)" zu lesen. Das war die wohl einzige "Lektüre", die er erhalten konnte. Diese habe ihm sehr viel Aufschluß über die Entwicklung in der SBZ/DDR gegeben und er bedauere sehr, daß er sie nicht schon vor der sowjetischen Besatzungszeit genau gelesen habe. Aber wer hätte denn damals geglaubt, daß sie so wichtig für einen Teil Deutschlands werden würde?

 

Wir werden eines Abends angeleuchtet

 

Als meine Mutter und ich eines Abends nach einem Besuch bei Bekannten auf dem Nachhauseweg waren und uns auf der rechten Straßenseite befanden, fuhr ein entgegenkommendes Auto plötzlich auf uns zu und leuchtete uns an. Daraufhin wurde das Fahrzeug wieder auf die andere Seite der Straße gelenkt und fuhr weiter. Natürlich war das für uns in dieser für uns aufregenden Zeit ein unheimliches Gefühl. Wir dachten: "Was wird jetzt zu Hause auf uns zukommen?" Aber dort war nichts geschehen. Wahrscheinlich hatte man beobachtet, daß wir nicht zu Hause waren, und darum wurde nach uns gesucht.

 

Zum Umzug nur einen Tag Zeit

 

Meine Mutter und ich bemühten uns um eine andere Wohnung, aber das wollte zunächst nicht klappen. Im September 1950 wurde Philipp Daub *[163]) Oberbürgermeister von Magdeburg. Er sah sich das Haus mit seiner Frau an, in dem wir wohnten. Es handelte sich um eine Dienstwohnung. Meine Mutter und ich bekamen danach eines Tages den Bescheid, daß wir am nächsten Tag auszuziehen hätten. Ein Möbelwagen sei für uns bestellt. Die für uns vorgesehene Wohnung könnten wir uns vorher ansehen, was wir dann auch taten. Wir glaubten nicht, daß wir es schaffen würden, bis zum nächsten Tag alle unsere Sachen einzupacken. Aber da war plötzlich viel Hilfe da. Mehrere hilfsbereite Menschen halfen uns beim Einpacken. Auch die Schwester meiner Mutter, die immer da war, wenn sie gebraucht wurde, reiste an. Wir konnten es kaum fassen, der Umzug wurde geschafft. Die Wohnung, die uns zugewiesen worden war, stand natürlich voll mit all den Möbeln, denn sie war ja bedeutend kleiner als die Dienstwohnung.

 

Die neuen Nachbarn waren erschüttert, wie mit uns verfahren wurde. Sie waren alle sehr nett und halfen uns.

Es kam uns von allen Seiten viel Sympathie entgegen. Meine Mutter und ich fühlten uns in Magdeburg keineswegs ausgestoßen. Menschen kamen auf uns zu, die wir vorher kaum oder gar nicht gekannt hatten. Sie fragten, ob sie uns in irgendeiner Weise helfen könnten. Wir wurden eingeladen, um uns zu zeigen, daß wir nicht allein gelassen werden sollten. Alle waren davon überzeugt, daß meinem Vater ein großes Unrecht zugefügt wurde.

 

Erste persönliche Nachricht von meinem Vater

 

Eines Tages kam unsere Flurnachbarin ganz aufgeregt zu meiner Mutter, die gerade von einer Besorgung nach Haus gekommen war und erzählte ihr, daß ein junger Mann sie zu sprechen gewünscht habe. Als sie ihn gefragt habe, ob sie meiner Mutter etwas ausrichten könne, habe er zunächst nichts sagen wollen. Als sie ihm dann aber versichert habe, daß meine Mutter ihr vertrauen würde, habe er ihr gesagt, daß er von Herrn Eberhard etwas ausrichten solle. Er wolle am nächsten Tag noch einmal vorbeikommen.

 

Meine Mutter und ich warteten mit großer Spannung, ob der junge Mann kommen würde. Und tatsächlich, er kam. Er erzählte, daß er aus der Haft entlassen worden sei und vorher mit meinem Vater zusammen in einer Zelle war. Mein Vater sei ihm ein sehr guter väterlicher Freund gewesen und habe ihn immer aufgerichtet, wenn er verzweifelt war. Er erfülle den Wunsch meines Vaters, uns aufzusuchen. Seiner Tochter, so habe mein Vater gesagt, solle er ausrichten, daß sie recht gehabt habe, als sie ihn bewegen wollte, in den Westen zu flüchten.

 

Es war das nun das erste Mal nach der Inhaftierung meines Vaters, daß wir direkt etwas von ihm hörten. Das war so ein kleiner Trost in dieser Zeit der Ungewißheit und beruhigte uns ein klein wenig. Wir waren dem jungen Mann, der es gewagt hatte, uns aufzusuchen, sehr, sehr dankbar.

 

Wir sehen meinen Vater

 

Am 10. Juli 1951 wurde mein Vater 60 Jahre alt. Er war nun schon über ein Jahr in Untersuchungshaft. Zum ersten Mal wurde meiner Mutter und mir zugesagt, ihn sprechen zu können. Wir sollten dazu in das Vorzimmer des Oberstaatsanwaltes kommen. Als wir dort einige Zeit gewartet hatten, wurde mein Vater, von Polizeibeamten bewacht, durchgeführt und in das Amtszimmer des Oberstaatsanwaltes gebracht. Es dauerte eine ganze Zeit, bis meine Mutter und ich hineingerufen wurden. Wir waren glücklich, meinen Vater wiederzusehen nach allem, was wir im letzten Jahr durchgemacht hatten. Nur mein Vater war für uns da. Ja, wir bemerkten schon, daß im Zimmer außer dem Oberstaatsanwalt noch ein Staatsanwalt Rodewald von der Generalstaatsanwaltschaft der DDR und mehrere Polizeibeamte waren und genau darauf geachtet wurde, was wir sprachen. Aber wer waren diese Leute schon für uns gegenüber meinem Vater?

 

Es war dies das einzige Mal, daß wir meinen Vater bis zu dem Prozeß, der erst nach 1 1/2 Jahren Untersuchungshaft stattfand, sehen konnten.

 

„Ulbricht erträgt keine intelligenten Menschen neben sich“

 

Natürlich kreisten unsere Gedanken dauernd darum, wie wir meinen Vater aus seiner Haft befreien könnten. Keine Mühe scheuten wir. So führte uns der Weg auch einmal zu Prübenaus. Hermann Prübenau und seine Frau empfingen uns sehr bewegt. Ich glaube, daß das sogar echt war, wenn Prübenau auch eine undurchsichtige Rolle spielte. Er sagte meiner Mutter und mir, daß mein Vater doch sehr viel für Magdeburg getan habe, ihm große Verdienste zuzuschreiben seien. Darum könne er überhaupt nicht begreifen, daß er verhaftet worden sei. Das ginge ja offensichtlich von Ulbricht aus. Er kenne Ulbricht als jemanden, der keine intelligenten Menschen neben sich ertragen könne. So sei ihm wahrscheinlich mein Vater unbequem gewesen.

 

Gespräche im Justizministerium und bei der Generalstaatsanwaltschaft

 

Wir bemühten uns intensiv um ein Gespräch beim Justizminister der DDR, Fechner *[164]) , und konnten erreichen, dafür einen Termin zu erhalten. Als wir uns im Vorzimmer anmeldeten, wurde gesagt, daß der Justizminister wegen dringender Dienstgeschäfte nicht im Hause sei, uns aber sein persönlicher Referent empfangen würde. Ich hatte mich gut vorbereitet und trug diesem unser Anliegen vor. Er hörte mich sehr interessiert an, war offensichtlich von meinen Ausführungen beeindruckt, was er auch meiner Mutter gegenüber zum Ausdruck brachte. Es war ihm aber nicht möglich, uns zu helfen. Er konnte nur sagen, daß die Ermittlungen von der Generalstaatsanwaltschaft der DDR durchgeführt würden, und der Justizminister in ein schwebendes Verfahren nicht eingreifen könne.

 

Die Oberste Staatsanwaltschaft der DDR war im Dezember 1949 als eigenständige Behörde gebildet worden. Der Generalstaatsanwalt der DDR hatte die Leitung der Staatsanwaltschaft übernommen, die dadurch definitiv aus der Justiz herausgelöst worden war. Der schon vor 1949 angebahnte Prozeß der Übernahme des sowjetischen Rechtssystems war mit Gründung der DDR in eine neue Phase getreten. *[165])

 

Später einmal erfuhr ich, daß sich der persönliche Referent Fechners in die Bundesrepublik abgesetzt hatte. Meine Mutter und ich fuhren mehrmals nach Berlin, um mit dem Staatsanwalt Rodewald, der die Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft durchführte, zu verhandeln. Einmal unterbrach er das Gespräch mit uns und ging, wie er sagte, zu seinem Vorgesetzten, wahrscheinlich dem Generalstaatsanwalt Melsheimer. Er kam etwas bedrückt zurück und ließ sich über die gehabte Unterredung nicht aus. Offensichtlich hatte Melsheimer den Vorschlag Rodewalds über den weiteren Gang des Verfahrens nicht akzeptiert.

 

Angeblich keine Familienhaftung

 

Bei unseren Unterredungen in den öffentlichen Ämtern wurden meine Mutter und ich immer höflich behandelt. Es wurde betont, daß keine Familienhaftung vorgenommen würde.

 

Das wurde auch gesagt, als ich nach einer Überprüfung der SED-Mitglieder in Eisenach im Jahr 1951 auf eine Parteischule geschickt werden sollte. Ich war 1945 in Dessau gleich nach Gründung in die SPD eingetreten und wurde 1946 zwangsläufig in die SED übernommen. Bei der Überprüfung 195l hatte ich nach Meinung der Prüfer die mir gestellten Fragen über die von der SED vertretene Politik sehr gut beantwortet. Um meinem Vater nicht zu schaden, wollte ich meine wahre Einstellung natürlich nicht preisgeben. Das war auch überhaupt nicht nötig, die Fragen, die mir gestellt wurden, waren rein theoretisch.

 

Man drängte mich sehr stark, auf die Parteischule zu gehen, um dann die Parteihochschule zu besuchen, weil ich angeblich dafür die Voraussetzungen mitbrächte. Einige SED-Genossen kamen sogar zu mir nach Hause, um mich zu überreden. Ich fragte sie, ob sie denn wüßten, wer mein Vater sei. Darauf antworteten sie, daß es keine Familienhaftung gebe. Ich erwiderte ihnen darauf, daß ich aus Überzeugung in die Partei eingetreten sei (damals ja in die SPD) und nur aktiv in der SED tätig sein könne, wenn ich von deren Politik überzeugt sei. Nach meiner Meinung würde aber mein Vater zu Unrecht belastet. Bevor er keine Gerechtigkeit erfahren würde, könnte von mir nicht erwartet werden, eine Parteischule zu besuchen.

 

Meine Wirtin, die gezwungenermaßen die Unterredung mit angehört hatte, sagte mir später, daß sie meinen Mut bewundert habe. Ich konnte aber gar nicht anders reagieren. Mir war klar, daß man mich nur binden wollte, um mich eines Tages attackieren zu können. Vielleicht wäre ich auch gezwungen worden, gegen meinen Vater das Wort zu ergreifen und wäre damit ein anerkanntes SED-Mitglied gewesen. Stattdessen beantragte ich, meine Mitgliedschaft in der SED ruhen zu lassen, bis nach meiner Meinung meinem Vater Gerechtigkeit zuteil werden würde. Nach mehreren Auseinandersetzungen mit SED-Funktionären wurde ich schließlich aus der SED ausgeschlossen.

 

„Ich bin ja nur ein Staatsanwalt“

 

Als wir einige Wochen vor dem Gerichtstermin in der Generalstaatsanwaltschaft in Berlin bei Staatsanwalt Rodewald waren, sagte er uns, daß mein Vater und Herr Koß wohl nach dem Termin entlassen werden könnten, weil ihnen die Zeit der bisherigen Inhaftierung auf die Strafe angerechnet würde.

 

Über das, was sich dann bei der Generalstaatsanwaltschaft abgespielt hat, besitze ich keine Unterlagen. Die Gerichtsakten sind ja ebenso wie die Stasiakten die Amtszeit meines Vaters betreffend nicht auffindbar. Aus ihnen ginge sicherlich hervor, wie sich einzelne SED-Genossen meinem Vater, Erich Koß und Georg Dietrich gegenüber benommen haben. Diese Personen werden zum größten Teil nicht mehr leben. Sie mußten mit ihrer Schuld sterben. Mir sind ihre Namen nicht so wichtig. Viel wichtiger ist mir, die Handlungsweise in einem Unrechtssystem aufzuzeigen, dessen Opfer mein Vater und viele andere wurden.

 

Aus allem, was der Verhaftung vorausging, ist zu erkennen, daß Rudolf Eberhard, Erich Koß und Georg Dietrich aus politischen Beweggründen verurteilt wurden. Der Prozeß Eberhard/ Dietrich/ Koß ist ein Beispiel dafür, daß im SED-Unrechtssystem nach sowjetischem Vorbild Scheintatbestände konstruiert wurden, um politisch Unbequeme zu verurteilen.

 

Für das Strafmaß waren selbst die Scheintatbestände nicht ausschlaggebend, denn obwohl der die Untersuchungen führende Staatsanwalt von einem viel geringeren Strafmaß gesprochen hatte, wurden später mehrjährige Haftstrafen von der Staatsanwaltschaft gefordert und vom Gericht verhängt.

 

Nach der Verkündung des Urteils gegen meinen Vater, Georg Dietrich und Erich Koß ging ich im Gerichtssaal zu Staatsanwalt Rodewald und hielt ihm vor, daß er nun mehrjährige Zuchthausstrafen gefordert habe, obwohl er uns doch die Hoffnung machte, mein Vater und Herr Koß würden nach dem Termin freigelassen. Er antwortete mir: "Ich bin ja nur ein Staatsanwalt."

 

Walter Ulbricht dürfte wie bei Willi Brundert *[166]) das letzte Wort gesprochen haben. Bei den Unterredungen, die meine Mutter und ich bei allen von uns aufgesuchten Stellen hatten, wurde immer wieder auf die politische Bedeutung Rudolf Eberhards hingewiesen.

 

Wenn der Landesvorsitzende der SED Sachsen-Anhalt am 4. Juli 1950 bekanntgab, daß das Sekretariat mit den von der Landeskontrollkommission eingeleiteten Untersuchungen gegen Eberhard, Koß und Dietrich einverstanden sei, so haben die SED und staatliche Kontrollorgane zusammengearbeitet, wahrscheinlich bekamen letztere ihre Anweisungen von der SED. Die Parteikontrollkommission war ja schon auf der Sitzung des Kreisvorstandes der SED am 28. März 1950 beauftragt worden, die politischen Vorwürfe gegen Eberhard, Koß und andere zu überprüfen.

 

Unter dem Kapitel "Die Zweckbindung der Justiz" in dem Buch von Helmut Bärwald/Rudolf Maerker "Der SED-Staat" *[167]) heißt es: "Gegen die Allmacht des SED-Staates gibt es keine Instanz. Die klassische Gewaltenteilung, die in der Demokratie der Justiz als dritter Säule die Möglichkeit schafft, Machtmißbrauch von Exekutive oder Legislative zu verhindern und gegebenenfalls zu ahnden, ist zwei Prinzipien zum Opfer gefallen: Einmal dem Prinzip der einheitlichen Staatsgewalt, durch das die Justiz von vorgesetzten staatlichen Stellen abhängig gemacht wird, zum anderen aber durch den "demokratischen Zentralismus" der die in der Justiz tätigen Richter, Staatsanwälte und Justizangestellten zur Erfüllung von Parteiaufträgen auch in ihrer amtlichen Tätigkeit zwingt. Als oberster Grundsatz der Justiz gilt dabei die "Parteilichkeit". Parteilichkeit der Justiz bedeutet, daß die Gerichte der DDR ihre Tätigkeit und ihre Urteile daran zu orientieren haben, was in einer gegebenen Situation dem SED-Staat und seinen Zielen nützt und was nicht."

 

Anklageschrift *[168])

 

Am 5. November 1951 wurde die Anklageschrift zugestellt und mitgeteilt, daß der Gerichtstermin am 17. und 18. Januar 1952 stattfinden würde. Der Rechtsanwalt meines Vaters konnte jetzt das erste Mal mit meinem Vater sprechen, obwohl er vorher laufend darum bemüht gewesen war. Wenn ich mich recht entsinne, wurde er im ganzen nur zweimal vor dem Termin zu meinem Vater gelassen. Eine ausreichende Besprechung der Anklageschrift mit meinem Vater war überhaupt nicht möglich. Erich Koß erging es ähnlich.

 

Nur ausgesuchte Funktionäre werden zum Gerichtstermin eingelassen

 

Ein Schauprozeß gegen meinen Vater, Erich Koß und den nicht anwesenden Georg Dietrich wurde nicht veranstaltet. Der Termin fand sehr stark abgeschirmt in einem kleinen Saal des Gerichtsgebäudes von vormittags, 9.00 Uhr, am 17. Januar 1952, bis 5.00 Uhr morgens, am 18. Januar 1952, mit nur kurzen Unterbrechungen statt. Eintritt bekamen nur ausgewählte SED-Funktionäre mit einem für sie ausgestellten Ausweis.

 

Selbst die Familienangehörigen sollten an dem Termin nicht teilnehmen dürfen. Ich lief zum Oberstaatsanwalt und sagte ihm, ich könne nicht verstehen, daß selbst uns als Angehörige die Teilnahme verweigert würde, wo doch ursprünglich ein Schauprozeß vorgesehen gewesen sei. Meine Mutter, ich und die 67jährige Schwester meiner Mutter, die an meinem Vater wie einst ihre Mutter, die Schwiegermutter meines Vaters, sehr hing, bekamen dann "Eintrittskarten" zu dem Prozeß. Ebenso erhielten Frau Koß, ihre Tochter und ihre beiden Söhne die Erlaubnis, dem Prozeß beizuwohnen.

 

Schlag gegen den „Sozialdemokratismus“

 

Im Verhandlungssaal war ein Spruchband "Kampf den Saboteuren" angebracht. Mein Vater und Erich Koß wurden dann in Handschellen auf die Anklagebank geführt.

 

Während der Verhandlung wurde ihnen laufend das Wort entzogen. Es wurde versucht, Eberhard und Koß gegeneinander auszuspielen. Aber das gelang nicht. Man operierte mit Behauptungen und Entstellungen. Anträge der Rechtsanwälte auf Ladung von Entlastungszeugen oder Beibringung entlastenden Materials wurden mit der Begründung der Prozeßverschleppung abgelehnt. So war eine Klärung der Anschuldigungen überhaupt nicht möglich. Sie wurde ja auch nicht gewollt, denn das Urteil stand von vornherein fest.

 

Das Gericht hatte die Aufgabe, indem die wahren Ursachen der schlechten wirtschaftlichen Lage in der DDR verschwiegen wurden, politisch nicht genehme Führungskräfte dafür verantwortlich zu machen. Unwahre Behauptungen und Verfälschungen sollten die Zuchthausstrafen begründen. Dazu waren ehemalige Sozialdemokraten passend, um auch dem "Sozialdemokratismus" einen Schlag zu versetzen.

 

Möglicherweise ist ein Schauprozeß unterblieben wegen der krassen Unglaubwürdigkeit der geradezu absurden Anschuldigungen. Die Anklagepunkte hätten vor einem großen Publikum nicht standgehalten. Statt dessen wurde versucht, bei den ausgewählten Zuhörern den Anschein einer persönlichen Bereicherung zu erwecken. Auf die konkrete Frage des Rechtsanwaltes meines Vaters räumte Staatsanwalt Rodewald jedoch ein, daß eine Bereicherung bei allen drei Angeklagten nicht gegeben sei.

 

Belastungszeuge

 

Als Belastungszeuge trat im Prozeß der Redakteur Hühne auf, der Rudolf Eberhard und Erich Koß ja schon bekannt war, weil er in den Jahren 1948 und 1949 in Artikeln Unwahrheiten über Erich Koß behauptet hatte. Damals hatte die Landesregierung Sachsen-Anhalt an die SMAD in Halle geschrieben: "Redakteur Hühne ist allseitig als ein undurchsichtiger Charakter bekannt und genießt bezüglich seiner Wahrheitsliebe und Genauigkeit keinen einwandfreien Leumund, besonders nicht in Parteikreisen der SED." *[169])

 

Dieser Redakteur Hühne wiederholte seine in den Artikeln gemachten Anschuldigungen in dem Prozeß verstärkt. Das wurde ausführlich im schriftlichen Urteil wiedergegeben. Hühne sagte aus, daß Eberhard während seiner Amtszeit in jeder Hinsicht die Mitangeklagten Dietrich und Koß gedeckt habe.

 

Plädoyers

 

Wahrscheinlich um den Anschein zu erwecken, daß es sich um einen fairen Prozeß handele, wurden Plädoyers der Rechtsanwälte und Angeklagten zugelassen. Aber das erst in den frühen Morgenstunden des 18. Januars, nachdem der Prozeß mit kurzen Erfrischungspausen über fünfzehn Stunden geführt worden war. Es konnte damit gerechnet werden, daß die Zuhörer viel zu müde waren, um zuhören zu können. Die Plädoyers der Rechtsanwälte gingen wohl dennoch nicht ungehört vorüber. Als danach Rudolf Eberhard das Wort ergreifen konnte, herrschte im Saal eine fast unheimliche Stille. Rudolf Eberhard wies darauf hin, daß Magdeburg bei seinem Amtsantritt im Januar 1946 vor der äußerst schwierigen Situation gestanden hatte, finanziell völlig auf sich allein gestellt zu sein. Er schilderte überzeugend die in dieser Lage ergriffenen, zum Erfolg geführten Maßnahmen. Die deswegen erhobenen widersinnigen Anschuldigungen gegen ihn und seine Stadträte konnte er völlig entkräften. Die Unhaltbarkeit der Anklage in den Einzelfällen wurde ebenso deutlich ersichtlich. Gespannt verfolgten die Zuhörer seine Ausführungen. Selbst die stalinistisch geschulten Funktionäre horchten auf. Durch das Plädoyer von Erich Koß wurde in der gleichen Weise die ehrliche, erfolgreiche Arbeit der nunmehr Beschuldigten deutlich.

 

Dennoch lautete das Urteil für Georg Dietrich 7 Jahre Zuchthaus und für Rudolf Eberhard und Erich Koß je 5 Jahre Zuchthaus bei Vermögensentzug wegen Sabotage gemäß SMAD-Befehl 160/45 in Verbindung mit _ 1 Wirtschaftsstrafverordnung.

 

Der Anteil meines Vaters an dem meinen Eltern gehörenden Einfamilienhaus in Dessau ging in das "Eigentum des Volkes" über. Es wurde nach ein paar Jahren mit der Begründung zurückgegeben, daß nach geänderten DDR-Bestimmungen Vermögensentzug nur bei persönlicher Bereicherung vorgenommen werden könnte.

 

Das schriftliche Urteil *[170])

 

Zunächst wurde im schriftlichen Urteil die entsetzliche Lage der Stadt Magdeburg im Jahr 1945 beschrieben, die ja in den Jahren zuvor häufig geschildert und veröffentlicht worden war.

Es hieß im Urteil:

"So stand nach dem Einzug der Besatzungstruppen die Magdeburger Stadtverwaltung zunächst vor der Aufgabe, die Bevölkerung mit Wasser, elektrischem Strom und Gas zu versorgen, Wohnraum zu beschaffen, Umsiedler und Heimkehrer unterzubringen, die werktätigen Menschen in Arbeit und Lohn zu bringen, die Bevölkerung mit den lebensnotwendigen Gebrauchsgütern zu versorgen, die beschädigte Industrie in Gang zu bringen, das Fürsorge- und Gesundheitswesen zu organisieren. Daneben aber all die Maßnahmen zu ergreifen, die zur Umgestaltung des politischen und wirtschaftlichen Lebens des deutschen Volkes auf demokratischer Grundlage notwendig waren.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Lösung dieser Aufgaben war die zweckmäßigste und sorgfältige Verwendung öffentlicher Gelder.

Das gemeinsame Aufbauwerk konnte nur gelingen, wenn ein geordnetes Finanzwesen die Grundlage für die Durchführung der vielfachen Aufgaben bildete.

Dazu war weiter erforderlich, daß in der Magdeburger Stadtverwaltung Menschen tätig wurden, die sich der mit ihrer Funktion verbundenen Pflicht bewußt waren und dazu beitrugen, den wirtschaftlichen Fortschritt zu fördern.

Solche Menschen waren jedoch die Angeklagten nicht."

 

Der dargestellte Lebenslauf meines Vaters im schriftlichen Urteil sollte ihn schon diskriminieren. Das geschah in geradezu grotesker Weise. Es heißt in dem Urteil: "Man gab ihm die Möglichkeit, sich in Dessau als selbständiger Unternehmer niederzulassen. Er setzte sich damit selbst in Widerspruch zu den von ihm zuvor nach außen vertetenen Auffassungen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung beweist, daß die Bourgeoisie ständig darauf ausgeht, Werkzeuge zu finden, die ihre Interessen innerhalb der Arbeiterbewegung vertreten. Diese stempeln sich damit selbst zu Agenten des Imperialismus. Und die später aufgezeigten Handlungen beweisen, daß er zu diesen Werkzeugen der Bourgeoisie zu zählen ist." Verschwiegen wurde, daß Rudolf Eberhard wie alle 1933 aus ihren Anstellungen vertriebenen Gewerkschaftsfunktionäre gezwungen war, sich eine neue Existenz zu schaffen und daß er keinen einzigen Angestellten in seinem "Betrieb" hatte.

 

In der Art wie der Lebenslauf meines Vaters geschildert wurde, waren auch die einzelnen Anklagepunkte dargestellt worden.

 

Offensichtlich, um der Bevölkerung einen propagandistisch wirksamen Begriff präsentieren zu können, wurde im Urteil von einem "schwarzen Fonds" gesprochen, der bei der Neuaufbau GmbH. bestanden haben soll. In Wirklichkeit hat es diesen Fonds überhaupt nicht gegeben. Die Zuführung von vor allem aus der Aufbauarbeit erwirtschafteten und als Abgeltungszahlung geleisteten Mitteln an die Neuaufbau GmbH. war juristisch gesehen einwandfrei und wurde bei Finanzprüfungen von deutscher und sowjetischer Seite anerkannt.

 

Im Urteil wird es als strafbare Handlung bezeichnet, daß diese Mittel bis 1947 nicht in den Landeshaushalt abgeführt und danach nicht in den allgemeinen Haushaltsplan eingeplant wurden, wovon Überschüsse an das Land hätten abgeführt werden müssen. Es wurde natürlich nicht gesagt, daß bei Abgabe der Gelder an das Land diese dem Zugriff der Sowjets ausgesetzt gewesen wären. Vielmehr wurden die Tatsachen völlig entstellt wiedergegeben und behauptet, Magdeburg sei um diese Gelder betrogen worden. Das, was im Urteil als verbrecherisches Verhalten gebrandmarkt wurde, geschah in Wirklichkeit zum Wohle der Stadt und war rechtlich völlig korrekt. Nur durch die dem Neuaufbauamt zur Verfügung stehenden Mittel war es ja überhaupt möglich gewesen, Einrichtungen für die Enttrümmerung und den Wiederaufbau zu schaffen.

 

Die Vergabe von Krediten für die Kristallpalast GmbH., die Übernahme des Bauunternehmens Jacobs, Darlehen zum Aufbau der Rennwiesen, Kredite für den Wiederaufbau auf dem Gebiete des Wohnungswesens, Entschädigung enteigneter Kinobesitzer und der Kauf von Glühbirnen und Autoreifen in Westberlin (als ungesetzliche Ausfuhr von Zahlungsmitteln nach Westberlin und Schwarzhandel deklariert) wurden zu Anklagepunkten. Eine im Urteil vorgeworfene angebliche Hypothekenrückzahlung nach Westdeutschland war offensichtlich aus der Luft gegriffen, denn dafür bestand für die Stadtverwaltung überhaupt keine Möglichkeit.

 

Wie aus den im Stadtarchiv Magdeburg in 20 Bänden vorliegenden Protokollen über die Ratssitzungen und Stadtverordneten-versammlungen zu entnehmen ist, wurden alle anstehenden Fragen während der Amtszeit meines Vaters eingehend besprochen.

 

In der Ratssitzung am 6. September 1948 *[171]) war eine Information über die finanzielle Situation der Kristallpalast GmbH. sowie der Baufirma Jacobs gegeben worden. Daran erfolgte eine Aussprache über die Zweckmäßigkeit der Vergabe von Krediten. An der Ratssitzung nahmen selbstverständlich auch die ehemals zur KPD gehörenden Stadträte teil, die meinen Vater später wegen seiner politischen Einstellung attackierten.

 

Nach der Besprechung in der Ratssitzung setzte die 27. Stadtverordnetensitzung der Stadt Magdeburg am 9. September 1948 die Beteiligung der Stadt an der Kristallpalast-Theater GmbH. und die Übernahme der Firma Jacobs auf die Tagesordnung. *[172]) Die Stadtverordneten wurden über die finanzielle Lage der Kristallpalast GmbH. und der Baufirma Jacobs informiert. Mit 43 Stimmen der SED- und CDU-Fraktion bei 21 Stimmenthaltungen der LDP-Fraktion und einer Stimme der CDU-Fraktion stimmte die Stadtverordnetenversammlung der Beteiligung der Stadt an der Kristallpalast-Theater GmbH. und der Übernahme der Firma Jacobs zu.

 

Es wurde im Urteil gesagt, daß von der Kristallpalast GmbH. am 1. Juli 1950 Konkurs angemeldet worden ist, man verschwieg aber, daß die Stadt durch die bessere als bankmäßige Verzinsung der städtischen Gelder und durch die bessere Ausnutzung des erbauten Gebäudes in steuerlicher Hinsicht finanzielle Vorteile erzielte, so daß durch die Finanzierung kein Verlust für die Stadt eingetreten ist. Als die Kredite bewilligt wurden, war nicht vorauszusehen, daß die Kristallpalast GmbH. später zufolge der gegen Privatunternehmen gerichteten SED-Politik Konkurs anmelden würde. Ebenso wurde auf die wahren durch die SMA herbeigeführten Umstände im Fall der Baufirma Jacobs im Urteil nicht eingegangen.

 

Nach der Gemeindeverfassung war ja die Gemeindevertretung, also die Stadtverordnetenversammlung, die örtlich gesetzgebende Körperschaft, der Rat der Stadt die ausführende Instanz. Für die Kreditgabe an die Kristallpalast-Theater GmbH. und die Firma Jacobs wurde aber nur drei ehemaligen Sozialdemokraten die Verantwortung gegeben. Als in der Verhandlung auf die Gemeindeverfassung hingewiesen wurde, gab der Staatsanwalt zur Antwort, daß die Angeklagten eine hohe Intelligenz besäßen und dadurch eine dominierende Stellung in der Stadtverordnetensitzung eingenommen hätten.

 

Georg Dietrichs Stellungnahme zu dem Urteil *[173])

 

Für die Revisionsbegründung sandte Georg Dietrich, der spätere Oberbürgermeister von Offenbach, am 20. Mai 1952 eine Stellungnahme zum Urteil an seinen Pflichtverteidiger nach Magdeburg. Er hoffte, damit Rudolf Eberhard und Erich Koß zu helfen.

 

Hier die wesentlichen, den wahren Sachverhalt darlegenden Passagen:

 

"Es wird - und das ist der Kardinalvorwurf - in dem Urteil behauptet, es sei von mir ein "schwarzer Fonds" gebildet worden. Das ist nicht zutreffend. Die Haushaltsrechnung ist seit 1945 ständig von sowjetischen Finanzoffizieren sowie Prüfern des Finanzministeriums und später ab Mitte 1949 von Beauftragten der Investitionsbank durchleuchtet worden, so daß kein Pfennig für andere als erlaubte Zwecke ausgegeben und im Haushaltsplan und den Rechnungsabschlüssen ausgewiesen werden konnte. Die Prüfungen waren permanent und erstreckten sich nicht nur auf die buchmäßigen Belege, sondern auch auf die Konten der Kassen und Banken. Gelder, die also als "Rückzahlungen von außerplanmäßig gewährten Darlehen, Hypothekenrückzahlungen, Einnahmen von Zinsen, Überschüssen von Verwahrgeldkonten u.a." (siehe Urteil Blatt 3 Rückseite), ebenso als Investitions- und zweckgebundene Zuwendungen der Landesregierung durch die öffentlichen Kassen durchgelaufen sind, sind den Prüfern zwangsläufig aufgefallen und konnten ihnen gar nicht entgehen.

Tatsächlich sind alle diese Mittel auch den Prüfern nicht verborgen geblieben und sollten es auch gar nicht. Ihre Weiterverfügung auf Sonderkonten ist aber unbeanstandet geblieben, weil es sich nicht um Haushaltsmittel gehandelt hat, die an den Haushaltsplan gebunden waren.

Den größten Posten machten dabei die Gelder aus, die von dem Neuaufbauamt als Abgeltungszahlungen für die Aufbauarbeit von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern vereinnahmt worden sind. Der sowjetische Finanzbeauftragte Woropajew (jetzt Landesfinanzbevollmächtigter vom Lande Mecklenburg in Schwerin) hat einmal 1947/48 den Versuch gemacht, diese Aufbaugelder als Haushaltsgelder zu klassifizieren und an den Landeshaushalt am Ende einer Rechnungsperiode als nicht verbrauchte Haushaltsmittel abzuführen. Dieser Versuch wurde unterbunden durch mich und Oberbürgermeister Eberhard, der dem Finanzbevollmächtigten erklärte, daß er dies als rechtswidrige Willkürhandlung ansehen und als Protest von seinem Posten als Oberbürgermeister zurücktreten würde. Auch der nachmalige Minister und Vorsitzende des Landeshaushaltsausschusses, Herr Brandt *[174]) (damals noch Parteibezirkssekretär der SED) wandte sich gegen die Auffassung Woropajews. Der Finanzbevollmächtigte entschuldigte sich seinerzeit und gab seine falsche Ansicht zu. In der Folgezeit wurden Zweifelsfragen, die mit der Haushaltsrechnung zusammenhingen, mit Woropajew, dem Finanzoffizier Taran (Magdeburg und später Halle) und dem seinerzeitigen Landesfinanzbevollmächtigten der SMAD, Ptuchin, (Halle) durchgesprochen und fanden deren Billigung. Sie hätten sonst auch schon ab 1945/46 die jetzt als Sabotage bezeichneten Handlungen der Kämmerei unterbunden.

 

Wenn der Neuaufbau GmbH. die Gelder, die als Vermögensmittel oder zweckgebundene Zuwendungen (Aufbaumittel) oder vereinnahmte Aufbaugelder anzusehen waren, zugeführt wurden, so deshalb, weil sie auf städtischen Konten nicht geführt werden durften. Auf Grund genereller Anweisungen war es lediglich gestattet, daß auf den städtischen Kassen- und Bankkonten nur echte Haushaltsgelder und Verwahrgelder (die aber in kurzer Frist getilgt sein mußten) geführt werden durften. Um keine Vermengung der Haushaltsmittel mit diesen nicht unter die Haushaltswirtschaft fallenden Geldern vorzunehmen, deren Scheidung bei der Unkenntnis sowjetischer Stellen über das deutsche Haushaltsrecht endlose Schwierigkeiten bereitet hätte (siehe oben Aufbaugelder), wurden die Gelder auf Sonderkonten stadteigener Gesellschaften geführt.

So wurde schon ab 1946 die Wohnungsbauabgabe auf das Konto des Vereins für Kleinwohnungswesen übertragen. Diese Regelung bestand nicht nur in Magdeburg, sondern auf Empfehlung des Finanzministeriums bei fast allen Städten, die diese Wohnungsbauabgabe erhalten hatten, u.a. in Halle. Man mag sich danach erkundigen.

Alle die hier beanstandeten Gelder wurden in der Vermögensrechnung der Stadt ausgewiesen. Diese Vermögensrechnung, die jährlich gedruckt wurde, wurde den sowjetischen Stellen, dem Finanzministerium und den Stadtverordneten übermittelt. Außerdem war diese Vermögensrechnung jedes Jahr öffentlich ausgelegt. Aus dieser Vermögensrechnung war Art, Höhe und Verwendung der Gelder zu entnehmen. Es war mithin für die maßgeblichen Stellen von jeher alles das zu ersehen, was das Urteil aus politischen Zweckmäßigkeitsgründen heute uns als Sabotage in die Schuhe schieben will. Alle Vermögensdispositionen erfolgten ebenso wie die Haushaltsrechnung offiziell und nicht heimlich.

Es wird in der Urteilsbegründung darauf hingewiesen, daß auf Grund von Anordnungen sowjetischer Stellen und der Provinzialverwaltung überschüssige Haushaltsmittel an den Landeshaushalt abzuliefern gewesen seien. Es handelt sich dabei nur um die Abführung von Haushaltsmitteln, wobei das Hauptgewicht auf dem Worte Haushaltsmittel liegt. Die auf den beanstandeten Sonderkonten geführten Mittel waren jedoch nicht Haushaltsmittel im Sinne dieser Anordnung, sondern freie Vermögensmittel..."

 

Zu den einzelnen Tatbeständen führte Georg Dietrich in seiner Stellungnahme folgendes aus:

 

"1. Kristallpalast GmbH.

Der Mangel an Versammlungsraum führte in dem stark zerstörten Magdeburg schon frühzeitig zu der Forderung der Gewerkschaften und der Parteien, einen geeigneten Saal zu erstellen. Diese Gelegenheit fand sich bei dem Kristallpalast, dem größten Saalbau des Landes Sachsen-Anhalt...

Es wäre das Naheliegende gewesen, das Grundstück von der Stadt zu übernehmen und den Bau von Seiten der Stadt durchzuführen. Das war aber bei den geltenden Bewirtschaftungsvorschriften nicht möglich, so daß in städtischer Regie der Bau niemals hätte errichtet werden können. Da die Gewerkschaften und die Parteien, insbesondere die Fraktion der SED, in den Jahren 1948/49 mit immer größer werdendem Nachdruck die schnelle Fertigstellung des Baues forderten, wurden seitens der Stadtverwaltung Vermögensmittel zur Verfügung gestellt, die den Geschäftsführer Jordan von der Kristallpalast GmbH. in den Stand setzten, ohne daß die Stadt als Auftraggeber in Erscheinung trat, sich Baumaterial zu beschaffen...

Bei der Einweihung des Kristallpalastes, bei der in einer internen Feier auch sämtliche Stadtverordneten anwesend waren, teilte Oberbürgermeister Eberhard genauere Einzelheiten über die Finanzierung mit. Außerdem stand es wiederholt in der Volksstimme...

...Ein Verlust für die Stadt ist durch die Finanzierung nicht eingetreten, vielmehr sind durch die bessere als bankmäßige Verzinsung der städtischen Gelder und durch die bessere Ausnutzung des erbauten Gebäudes auch in steuerlicher Hinsicht große Vorteile finanzieller Art für die Stadt erzielt worden...

 

 2. Bauunternehmen Walter Jacobs

Von der Stadtverordnetenversammlung ist gegen die Stimmen der LDP im September 1948 die Übernahme des Bauunternehmens beschlossen worden, und zwar zu den im Urteil festgelegten Bedingungen. Die Übernahme der Verpflichtungen mit einem buchmäßigen Defizit mit 1.100.000,-- Mark sollte der Kaufpreis sein für die in der damaligen Zeit nicht oder nur schwer zu beschaffenden kostbaren Werte. Über diese Frage haben langdauernde Fraktionssitzungen der SED stattgefunden, wobei die Beteiligten dem Erwerb der Firma Jacobs zu den angeführten Bedingungen einstimmig zugestimmt haben. Es lag vor der Übernahme all den Beratungen ein umfangreicher Prüfungsbericht des Wirtschaftsprüfers B. vor, der die Übernahme der Baufirma als günstig bezeichnete. Alle Stadtverordneten waren sich über den Inhalt der übernommenen Verpflichtungen im klaren, so daß von einer Täuschung nicht gesprochen werden kann. Zur Abdeckung der Verpflichtungen der Firma Jacobs sind an städtischen Mitteln rund 1.000.000,-- Mark von mir der Neuaufbau GmbH. zur Verfügung gestellt worden. Es handelte sich dabei um Mittel, die die Landesregierung der Stadt Magdeburg für allgemeine Aufbauzwecke zur Verfügung gestellt hatte. Die Neuaufbau GmbH. hat diese Gelder erhalten, da die für den Aufbau der Stadt notwendige Firma Jacobs in die Neuaufbau GmbH. eingegliedert werden sollte. Der Gesellschaftsvertrag der Neuaufbau GmbH. sah die Übernahme von Baufirmen ausdrücklich vor. Da die Firma Jacobs material- und arbeitskräfteeinsatzmäßig den Grundstock für die Aufbaumaßnahmen in Magdeburg bilden sollte, war die Verwendung dieser Mittel auch zweckmäßig und geboten. Über diese Maßnahmen wurde die SED-Fraktion, die Wirtschaftsabteilung beim Finanzministerium, der Vorsitzende des Haushaltsausschusses des Landtages, Minister Brandt, und auch die SMAD unterrichtet. Mit einem Oberregierungsrat der Wirtschaftsabteilung des Finanzministeriums habe ich bei dem Chef der Finanzabteilung der SMAD in Sachsen-Anhalt, Oberst Ptuchin, wegen der Firma Jacobs verhandelt und dabei auch die Mittelgewährung besprochen. Die SMA hat keine Einwände erhoben, daß die städtischen Mittel in der angegebenen Weise verwendet worden sind, sie hat jedoch später trotzdem auf Grund einer neuerlichen Verhandlung, bei der auch ich zugegen war, die Einleitung des Konkursverfahrens gefordert. Die Firma Jacobs hatte einen wesentlichen Teil ihres Betriebes auf den Holzhausbau umgestellt. Diese erbauten Häuser wurden auf Reparationskonto nach Schweden exportiert, wofür die Sowjetunion schwedischen Stahl erhielt. Da durch die Übernahme der Firma Jacobs in städtische Regie die Einschränkung und später der Wegfall der unrentablen Holzhausproduktion geplant war, stemmten sich die dafür maßgeblichen Stellen der SMAD gegen die Übernahme der Baufirma in städtische Regie und erreichten dieses Ziel durch die Konkurseröffnung, bei der von vornherein festgelegt wurde, daß die den Holzhausbau betreffenden Werte der Holzhausbau GmbH., alles übrige der Stadt Magdeburg übergeben werden sollte. Noch bei der Konkurseröffnung wies die Eröffnungsbilanz eine fast hundertprozentige Befriedigung der Konkursgläubiger aus. Erst bei der Durchführung des Konkursverfahrens stellte sich später heraus, daß ein Teil der in den Aktiven aufgeführten Forderungen durch die Währungsreform nur noch mit einem Bruchteil bewertet werden konnte. Dennoch ist meines Wissens eine Quote von über 60 Prozent zur Ausschüttung gekommen. Es wird gebeten, die Konkursakten beiziehen zu lassen. Die finanziellen Maßnahmen im Fall Jacobs sind daher ordnungsgemäß gewesen.

 

 3. Rennverein

Der Magdeburger Rennverein hatte von der Stadt schon seit Jahrzehnten die Rennwiesen und die stadteigenen Gebäude darauf gepachtet gehabt, konnte aber nach 1945 keine Pferderennen veranstalten, da die Gebäude schwer beschädigt waren und das Geläuf durch die rote Armee als Instruktionsgelände durch Schützengräben und Panzergräben verwendungsunfähig gemacht worden war. Auf Anregung der obersten Behörde für Vollblutzucht und Pferderennen wurden seitens der Stadt dem Magdeburger Rennverein darlehensweise Gelder zum Aufbau der Rennwiesen zur Verfügung gestellt. Davon wurde die Fraktion der SED, der Landwirtschaftsminister Brandt, als zuständiger Ressortminister, und die sowjetischen Finanzstellen unterrichtet. Minister Brandt hat sich die Rennbahn im Jahre 1949 selbst daraufhin angesehen, die russischen Stellen haben sich sogar begeistert für den Bau eingesetzt.

Mit der Finanzierung wurde der Forderung des Politbüros der SED Rechnung getragen, daß in dem schwer zerstörten Magdeburg sichtbare Aufbauerfolge gezeigt werden sollten. Die Presse - in diesem Falle nicht nur die Westpresse - *[175]) hat das Vorgehen der Stadtverwaltung in höchsten Tönen als fortschrittlich gewürdigt.

Finanziell war die Kapitalanlage ein Erfolg. Erstens wurden die städtischen Liegenschaften und Gebäude instandgesetzt und damit das städtische Vermögen gemehrt, daneben wurde eine Erholungs- und Erbauungsstätte geschaffen, und schließlich flossen durch die Veranstaltungen des Rennvereins direkt und indirekt erhebliche Steuermittel in den Haushalt. Daneben wurde erreicht, daß durch die Geldhergabe die Stadt kostenlos ihre Vermögenswerte instandsetzen und erhalten konnte, da die dem Rennverein gegebenen Darlehen der Stadt zurückzuerstatten waren. Der Vorwurf des angeblichen Währungsbetruges ist geradezu an den Haaren herbeigezogen...

 

 4. Wiederaufbau auf dem Gebiete des Wohnungswesens.

Es wird vom Gericht verkannt, daß mangels Materialien (Holz, Zement, Eisen) eine Bautätigkeit, insbesondere vor der Währungsreform, nicht möglich gewesen ist. Daher ist der Währungsverlust, der auch bei allen anderen Städten bezüglich gewährter Wohnungsbaugelder eingetreten ist, nicht zu vermeiden gewesen.

Die Gelder, die 1949/50 an Kreditsuchende gezahlt worden sind, sind aus dazu bereitgestellten Mitteln legal gewährt worden. Das Finanzministerium hat einen Teil dieser Gelder zweckgebunden audrücklich dafür zur Verfügung gestellt. Der andere Teil wurde seitens der Stadt vorfinanziert und durch Investitionsmittel, die ausdrücklich für den Wohnungsbau vorgesehen waren, abgelöst.

Die Vorfinanzierung durch die Stadt war notwendig, weil die von der Investitionsbank zugesagten Investitionsmittel nie rechtzeitig gezahlt wurden. Wäre diese Vorfinanzierung durch die Stadt nicht erfolgt, so hätte die Bautätigkeit in diesen Jahren völlig geruht, und es würde dann der Vorwurf der Sabotage uns gemacht worden sein.

 

 5. Hypothekenrückzahlung an Herrn von Düsterloh

Die Rückzahlung von Hypotheken an Herrn von Düsterloh ist mir zwar unbekannt, es ist aber unmöglich, daß nach Westdeutschland von Seiten der Stadt 63.OOO,- Mark im Jahre 1949 gezahlt worden sind. Es bestand überhaupt keine Transfermöglichkeit nach Westdeutschland für städtische Körperschaften. Das Urteil schweigt sich über die Art der angeblichen Finanztransaktion aus, wie überhaupt das Urteil nur unbewiesene Behauptungen aufstellt und daraus zum großen Teil auch noch falsche rechtliche Schlüsse gezogen werden.

 

 6. Entschädigung enteigneter Kinobesitzer

Es bestanden Anweisungen der Provinzialverwaltung, die eine Entschädigungszahlung an enteignete Kinobesitzer vorsahen und vorschußweise Zahlungen zuließen. Das kann durch Rückfrage bei dem zuständigen Fachministerium festgestellt werden. Außerdem liegen die entsprechenden Anordnungen auch beim kommunalen Wirtschaftsamt der Stadt Magdeburg. Wir waren dennoch in der Auszahlung von Entschädigungen sehr zurückhaltend, wie wir überhaupt bei der Verwaltung der Kinos die größte Sorgfalt beobachtet haben. Wenn uns vorgeworfen wird, daß Angestellte des Rechnungsprüfungsamtes als Treuhänder verwendet worden sind, so ist dieser Vorwurf, der gleichzeitig eine nicht ordnungsgemäße Verwaltung der öffentlichen Gelder beweisen soll, völlig unbegründet. Gerade die Einsetzung von Rechnungsprüfungsamt-Angestellten als qualifizierte Finanzkräfte der Stadt beweist, daß es uns gerade auf die ordnungsgemäße Verwaltung der uns anvertrauten Vermögenswerte angekommen ist.

Es ist als strafwürdiger Tatbestand besonders angeführt worden die Zahlung von Entschädigungs- und Mietbeträgen an Herrn Dr. Bernstein. Herr Dr. Bernstein hatte ein als reguläres Theater verwendetes Kino, in dem überwiegend Theatervorstellungen der städtischen Bühnen Magdeburg stattfanden. Die Enteignung konnte sich nur auf das Kino erstrecken, nicht dagegen auf den von Dr. Bernstein geführten Theaterbetrieb. Die Mietzahlungen waren das Entgelt für die mietweise Überlassung des Theaterinventars.... Selbst wenn aber ein Teil der Entschädigungszahlung eine Entschädigung für den Kinobetrieb darstellen sollte, so wäre dies aus den eingangs erwähnten Gründen zulässig gewesen.

 

 7. Ungesetzliche Ausfuhr von Zahlungsmitteln nach Westberlin

Es trifft zu, daß Glühbirnen und Autoreifen in Westberlin gekauft worden sind. Die Unfähigkeit der ostzonalen Machthaber, für lebenswichtige Betriebe, wie Krankenhäuser und den Krankenwagenbetrieb, Glühbirnen bezw.Autoreifen zur Verfügung zu stellen, schuf einen echten Notstand, der auch mit unerlaubten Mitteln beseitigt werden mußte. Hätte die Verwaltung anders gehandelt, hätte man uns mit Recht vorwerfen können, uns an der Bevölkerung versündigt zu haben.

Diesen Tatbestand mit Schwarzhandel zu vergleichen, beweist die tendenziöse Einstellung des Gerichts.

 

Soweit zum Tatsächlichen. Es ergibt sich meines Erachtens daraus der zwingende Schluß, daß weder der objektive noch der subjektive Tatbestand eines Sabotage- und Wirtschaftsverbrechens gegeben ist. Mir fehlen hier die Kommentare zu Befehl 160 der SMAD und für Wirtschaftsverbrechen, jedoch dürfte rechtlich relevant sein, daß unsere Handlungen nicht tatbeständlich oder subjektiv wirtschaftsgefährdend gewesen sind, wobei von Bedeutung sein dürfte, daß unsere Absicht darauf ging, der Stadt und damit der Allgemeinheit einen - auch finanziellen - Nuzen zu verschaffen."

 

Die Aussagen von meinem Vater und von Erich Koß wurden im schriftlichen Urteil völlig entstellt wiedergegeben. Das Gericht unterschob Aussagen, die überhaupt nicht gemacht worden waren. Die Revisionen gegen das Urteil von Rudolf Eberhard, Georg Dietrich und Erich Koß wurden auf deren Kosten nach Anhörung des Landesstaatsanwaltes beim Oberlandesgericht Halle verworfen. *[176])

 

Bericht über den Prozeß In der „Volksstimme“ *[177])

 

Unter der Überschrift "Saboteure erhielten ihre gerechte Strafe" wurde in der "Volksstimme", dem Organ der SED in Sachsen-Anhalt, am 21. Januar 1952 in tendenziöser Weise über den Prozeß berichtet. Die für Rudolf Eberhard, Georg Dietrich und Erich Koß in der Abhandlung gebrauchten Benennungen "alte Agenten der Imperialisten" und "Faschisten" waren die üblichen Bezeichnungen, mit denen nicht willfährige Sozialdemokraten diskriminiert werden sollten. Sie entbehrten jeglichen Beweises. "Sabotage am Aufbau eines demokratischen Deutschland" war ebenfalls eine in der stalinistischen Diktatur gebräuchliche Unterstellung, die völlig absurd war. Daß der Prozeß in die im Stalinismus übliche amoralische Methode einzureihen war, beweist auch die in der Zeitung kundgetane Behauptung, daß das sogenannte Vorgehen von Rudolf Eberhard, Georg Dietrich und Erich Koß sich genau mit den Erfahrungen der Arbeiterbewegung in anderen Ländern, speziell in der Sowjetunion, den Volksdemokratien und Jugoslawien decke. Der Zeitung wurde ja von der SED-Führung genau vorgeschrieben, was sie zu schreiben hatte. In der darauffolgenden Zeit war nichts mehr über meinen Vater und seine sozialdemokratischen Mitarbeiter zu lesen. Offensichtlich sollte Rudolf Eberhard totgeschwiegen werden.

 

Unzulässigkeit und Rechtsstaatswidrigkeit des Urteils

 

Der Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main erklärte die Vollstreckung des gegen Rudolf Eberhard durch rechtskräftiges Urteil der II. Strafkammer des Landgerichts Magdeburg vom 18. Januar 1952 wegen Sabotage gemäß SMAD-Befehl, begangen in Tateinheit mit einem Verbrechen nach _ 1 der sowjetzonalen Wirtschaftsstrafverordnung erkannten Strafe von 5 Jahren Zuchthaus und die Vollstreckung der gleichzeitig angeordneten Vermögenseinziehung am 20. 11. 1958 für unzulässig. *[178])

 

Die 9. Kammer für Rehabilitierungsverfahren des Landgerichts Magdeburg erklärte am 3. 11. 1993 das Urteil des Landgerichts Magdeburg vom 18. 1. 1952 und den Beschluß des Oberlandesgerichts Halle vom 30. 5. 1952 für rechtsstaatswidrig und aufgehoben. *[179])

 

Für Georg Dietrich und Erich Koß erfolgte in beiden Fällen das gleiche.

 

Unglaubliche Anschuldigung in der „Geschichte der Stadt Magdeburg“

 

Erst in einem vom Rat der Stadt Magdeburg 1974 herausgegebenen, 1977 neu aufgelegten Buch "Geschichte der Stadt Magdeburg" *[180])

erschien der Name Rudolf Eberhards. Er sollte als Verbrecher in die Geschichte Magdeburgs eingehen. Dabei wurde nicht davor zurückgeschreckt, über die Verfälschungen im Urteil noch hinauszugehen und Veruntreuung von Geldern zu unterstellen.

 

Es heißt es in dem Buch : "Besonders negativ wirkte sich aus, daß führende Mitarbeiter in der Verwaltung, besonders der Oberbürgermeister Eberhard und einige Stadträte, als Agenten des Klassenfeindes wirkten. Sie verstanden es längere Zeit, ihre Tätigkeit und damit die wahren Ursachen der Mängel in der Arbeit des örtlichen Staatsapparates zu vertuschen. Sie richteten einen schwarzen Fonds zur Unterstützung bankrotter Unternehmer ein, sie veruntreuten über zwei Millionen Mark, die von den Werktätigen erarbeitet worden waren, während die meisten Magdeburger ihre ganze Kraft einsetzten, um ihre schwer zerstörte Stadt wieder aufzubauen." Das Ergebnis der unermüdlichen Arbeit der Magdeburger Stadtverwaltung während der Amtszeit meines Vaters wurde in dem Buch als Erfolg der SED gewertet.

 

Schlimme Jahre im Magdeburger Zuchthaus

 

Für meinen Vater begannen nach dem Gerichtstermin am 17. und 18. Januar 1952 weitere schwere Jahre in Zuchthaushaft. Die völlige Isolierung von seiner Familie war nun allerdings endlich beendet. Meine Mutter konnte ihn von Zeit zu Zeit besuchen, so wie das "Zuchthäuslern" zustand. Ich bekam trotz intensiver Versuche keine Sprecherlaubnis und sah meinen Vater erst nach seiner Entlassung wieder. Ich wartete immer voller Spannung, wenn meine Mutter von ihren Besuchen bei meinem Vater zurückkam. Sie erzählte mir jedesmal, daß er sehr gefaßt sei. Aber wie mag es in seinem Inneren ausgesehen haben?

 

Bei einer späteren gründlichen ärztlichen Untersuchung nach der Flucht in die Bundesrepublik wurde festgestellt, daß mein Vater in früheren Jahren schon einen Herzinfarkt gehabt haben muß. Das kann nur während seiner Haft gewesen sein. Er erzählte uns nach seiner Haftentlassung, daß er in der Zelle einmal zusammengebrochen sei. Davor war ihm aufgrund einer schriftlichen Bescheinigung des Anstaltsarztes erlaubt worden, sich aufgrund seines Gesundheitszustandes täglich einige Stunden in seiner Zelle hinzulegen. Die Gefangenen mußten sonst den ganzen Tag stehen. Als ein neu eingesetzter Anstaltsleiter ihn auf einer Kontrollbesichtigung liegend antraf, wurde ihm der Berechtigungsschein abgenommen und zerrissen. Er mußte selbst die Papierfetzen in den Kübel werfen. Er sollte sich einem neuen Anstaltsarzt, einem wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verurteilten ehemaligen Nazi vorstellen. Das tat er nicht, weil ihm das widerstrebte. Einige Zeit später fiel er bewußtlos um. Ein Zellengenosse, ein junger Student mit Medizinkenntnissen *[181]) , stand ihm bei. Er kam dann wieder zum Bewußtsein. Der nach längerer Zeit auf die Notrufe hinzugekommene Meister der Volkspolizei beschimpfte meinen Vater als Simulanten. Obwohl er sich nach diesem Vorfall wieder etwas erholte, wirkte dieser sich, wie das wohl nicht anders zu erwarten war, negativ auf seinen gesamten Gesundheitszustand aus.

 

Mit dem jungen Studenten, dem mein Vater für seine Hilfe sehr dankbar war, bestand ein vertrauensvolles Verhältnis. Es war für beide wohltuend, sich aussprechen zu können. Überhaupt waren es Lichtblicke für meinen Vater, wenn er Leidensgenossen traf, mit denen er Gedanken austauschen konnte. Das war mitunter bei Arztbesuchen möglich.

 

Im Haftarbeitslager in Mecklenburg

 

Im April 1953 wurde mein Vater vom Zuchthaus in Magdeburg-Sudenburg in ein Haftarbeitslager nach Mecklenburg verlegt. Er mußte dort längere Zeit in der Landwirtschaft arbeiten und konnte dann auf einem Gut eine Verwaltungstätigkeit in der Buchhaltung ausüben. Meine Mutter konnte ihn dort des öfteren besuchen. Von Gutsangehörigen wurde sie sehr nett aufgenommen und konnte bei ihnen übernachten. Diese erzählten ihr, daß sie meinen Vater sehr schätzten und die Unterhaltungen mit ihm für sie viel bedeuten würden. Der Ratschlag meines Vaters als "Zuchthäusler" bedeutete also genau so viel wie in früheren Jahren. Ich kann mich entsinnen, daß in Dessau und später auch in Bernburg und Magdeburg oft Menschen zu ihm kamen, um ihn um Rat zu fragen. Sogar manche Ehe, die am Zerbrechen war, hat er wieder zusammengekittet.

 

Dankbar waren die Gutsangehörigen auch für seine Hilfe bei der Verwaltungsarbeit. Für uns bedeutete es natürlich eine große Beruhigung, daß mein Vater nun doch eine Erleichterung seiner Haftbedingungen erhalten hatte. Noch nach seiner Flucht in die Bundesrepublik stand mein Vater mit den Menschen, die auf dem Gut in der für ihn schweren Zeit zu ihm gestanden hatten und seine Haltung bewunderten, brieflich in Verbindung. Eine Mitarbeiterin in der Verwaltung schrieb uns anläßlich des Todes meines Vaters *[182]):

"Ich lernte Ihren so liebenswerten Gatten und Vater in der wohl schwärzesten Zeit seines Lebens kennen, und ich habe immer seinen Mut, sein Selbstvertrauen, seine Zuversicht und seinen Humor, der beispielhaft war und ihn nie verließ, mit dem er sein schweres Schicksal meisterte, bewundert."

 

Auf dem Gut war mein Vater ein Jahr und vier Monate. Nach Auflösung aller kleinen Kommandos wurde er verlegt, kam für zwei Monate krankheitshalber in die Haftanstalt zurück und wurde danach einem in Neubrandenburg arbeitenden Kommando zugeteilt.


Nach der Haft in Magdeburg

 

Mein Vater kommt nach Hause

 

Nicht ein Tag wurde meinem Vater von seiner "Zuchthausstrafe" erlassen. Offensichtlich hielten die Machthaber der Zone die Rückkehr meines Vaters nach Magdeburg, wo er nach wie vor Sympathie unter der Bevölkerung genoß, für "politisch" gefährlich. Mein Vater schloß das aus einer Unterredung, die er vier Wochen vor seiner Haftentlassung mit dem Bezirks-Staatsanwalt von Neubrandenburg hatte. Er fragte meinen Vater unter anderem, ob er beabsichtige, nach Magdeburg zurückzugehen, und was er dort zu tun gedenke. *[183])

 

Meine Mutter erhielt dann aber doch Ende Juni 1955 die Nachricht, daß sie meinen Vater am 2. Juli 1955 aus Neubrandenburg abholen könne. Natürlich waren wir sehr aufgeregt, und ich wartete mit meiner Familie voller Spannung auf die Rückkehr meines Vaters. Mir scheint es heute noch erst gestern gewesen zu sein, als ich auf dem Magdeburger Bahnhof dann endlich meine Eltern gemeinsam aus dem Zug steigen sah.

 

Zehn Tage nach seiner Haftentlassung suchten ein Vertreter der Magdeburger Bezirks-Staatsanwaltschaft und ein Vertreter der Arbeitseinsatzlenkung der Bezirksverwaltung Magdeburg meinen Vater in seiner Wohnung auf, um mit ihm über einen Arbeitseinsatz zu verhandeln. Mein Vater wies auf seinen schlechten Gesundheitszustand hin, der eine weitere Arbeit ausschloß. Er begab sich in ärztliche Behandlung, wurde kurze Zeit später für arbeitsunfähig erklärt und bezog daraufhin Invalidenrente.

 

Vom Staatssicherheitsdienst beobachtet

 

Selbstverständlich wurde mein Vater nach seiner Haftentlassung vom Staatssicherheitsdienst beobachtet. Während Unterlagen in Bezug auf die Zeit seiner Amtstätigkeit bei der Gauckbehörde bisher zur Einsicht nicht vorliegen, konnte ich in Magdeburg den Vorgang die Zeit nach meines Vaters Haftentlassung betreffend einsehen.

 

In den Akten ist über meinen Vater zu lesen: "...In der Umgebung ist er als ruhiger, anständiger Mensch bekannt, und deshalb auch allgemein beliebt... Flaggen oder Ausschmücken der Fenster zu feierlichen Anlässen findet nicht statt, auch wirkt er keinerlei aufklärend auf seine Mitbewohner im Hause ein...

Als er aus dem Strafvollzug entlassen wurde, bekam er sogar Blumen ins Haus getragen. Er trug gleich die Nase ziemlich hoch und schien sich aus seiner erhaltenen Strafe nichts zu machen... Meiner Meinung nach scheint es ein Mensch zu sein, der unserer jetzigen Entwicklung nicht gerade wohlwollend gegenübersteht, was durch den Umgang mit Geschäftsleuten noch erhärtet wird. Eberhard ist m. E. zu schlau, um vielleicht eine negative politische Stellungnahme anderen Leuten gegenüber abzugeben..."

 

Zurückfinden in das wirkliche Leben

 

Fünf Wochen nach seiner Haftentlassung schrieb mein Vater an eine Bekannte:

"Im übrigen erscheint mir noch alles wie im Traum. So ganz allmählich finde ich mich in die Wirklichkeit zurück. Ich vermag nicht in Worte zu kleiden, was es für mich bedeutet, mit Käthe gemeinsam die Mahlzeiten am gedeckten Tisch einzunehmen und einen Teil unserer Zeit bei der Familie von Gerda zu verbringen."

 

Leider mußte mein Vater bei seiner Rückkehr erfahren, daß mein Mann schwer erkrankt war, der dann im September 1956 verstarb.

 

 

Aussprache beim Staatsanwalt in Magdeburg

 

In den Stasiunterlagen befindet sich die Kopie eines Schreibens des Staatanwalts des Bezirkes Magdeburg an die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit vom 19. 9. 1956 mit folgendem Inhalt:

 

"Werter Gen. Knoppe!

Vereinbarungsgemäß übersende ich Ihnen in der Anlage Abschrift eines Ermittlungsberichtes und Durchschlag meines an den Genossen P i s n i k *[184]) übersandten Berichtes über die erfolgte Aussprache mit dem ehem. Oberbürgermeister von Magdeburg, Rudolf Eberhard.

Das Urteil gegen Eberhard erscheint mir heute wenig überzeugend. Ich habe ihm das selbstverständlich nicht gesagt.

 

 Mit sozialistischem Gruß!

 gez.Krüger"

 

In dem Ermittlungsbericht schrieb der Staatsanwalt, daß die Aussprache aufgrund eines Gesuchs von Herrn Eberhard an Otto Grotewohl erfolgt sei, den enteigneten Anteil an einem Dessauer Grundstück zurückzuerhalten. Grotewohl habe das Gesuch über den Generalstaatsanwalt der DDR an den Staatsanwalt des Bezirks Magdeburg zur Überprüfung gegeben.

 

Eberhard hoffe, Grotewohl würde durch das Zentralkomitee eine Überprüfung des gegen ihn ergangenen Urteils zum Zwecke der Rehabilitierung veranlassen, führte der Staatsanwalt aus.

 

In dem etwa eine Stunde dauernden Gespräch habe er sich über die Behandlung im Strafvollzug beklagt.

 

Zur Hauptverhandlung und zu seiner Verurteilung sei von ihm kritisch Stellung genommen worden. So habe Eberhard erzählt, daß ihm vorgeworfen wurde, einen aktiven Nazi, einen Wasserwerksingenieur, in der Verwaltung der Wasserwerke geduldet zu haben. Eberhard habe aber darauf hingewiesen, daß dieser erst l938 oder l939 in die NSDAP eintrat, ein Mitläufer war und sich als erstklassiger Fachmann um das Wasserwerk Colbitz Verdienste erwarb.

 

Gesundheitlich sei Herr Eberhard nach seiner Äußerung nicht mehr besonders rüstig, und unter Berücksichtigung seines Alters betrachte er seine politische Aufgabe als erfüllt. Seiner Frau und seiner Tochter, die jetzt Witwe geworden sei und für Kinder sorgen müsse, wolle er das zurückgeben, was sie in den vergangenen Jahren durch seine Inhaftierung hätten opfern müssen. Er habe den Wunsch geäußert, seiner Tochter bei der Gewerbegenehmigung für den Weiterbetrieb des von ihrem verstorbenen Ehemann hinterlassenen Geschäftes behilflich zu sein. Außerdem habe er um die Rückgabe seiner Privatbücher, die sich in seinem Dienstzimmer befunden hätten, gebeten.

 

Der Staatsanwalt beendete den Brief an Pisnik mit folgenden Sätzen:

 

"Mein Eindruck ist, daß Eberhard sich wirklich auf sein Leben in der Familie beschränkt. Es würde schwerfallen, ihn auch nur in bescheidenem Umfange zu einer gewissen politischen Mitarbeit, z.B. im Rahmen der Nationalen Front, zu bewegen. Die Erfüllung seiner an sich geringfügigen Wünsche würden ihn selbst in seiner Meinung bestärken, daß ihm gegenüber weder von der Partei noch von Seiten des Staatsapparates Vorurteile bestehen.

Weitere Aussprachen mit Eberhard wären ohne weiteres zu erreichen. Beachtenswert erscheint mir noch, daß er sehr sensibel zu sein scheint.

Falls erforderlich, müßte in einigen Monaten der Versuch unternommen werden, ihn doch zu einer bescheidenen Mitarbeit zu bewegen."

 

Danach sollte mein Vater also tatsächlich wieder für die politische Arbeit im Sinne der SED gewonnen werden, was für ihn natürlich überhaupt nicht in Betracht kam.

 

Für die Familie da

 

Mich persönlich berühren die Worte meines Vaters, daß er seiner Frau und seiner Tochter das zurückgeben wolle, was sie an Opfern gebracht haben, sehr stark. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten, als ich das in der Außenstelle des Bundes-beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in Magdeburg las, obwohl mein Vater sich zu mir immer wieder in diesem Sinn geäußert hatte.

 

Ich bin bewegt, weil mein Vater meinet- und meiner Kinder wegen nicht sofort nach seiner Haftentlassung in die Bundesrepublik ging und mir intensiv bei der Führung des von meinem verstorbenen Ehemann übernommenen umfangreichen Geschäfts half. Erst als wir um unsere persönliche Freiheit fürchten mußten, ließen wir Hab und Gut zurück und flüchteten gemeinsam im August 1958 nach West-Berlin, um von dort in die Bundesrepublik fliegen zu können.


Rudolf Eberhard mit Enkel, Sommer 1955

 

Erich Ollenhauer begrüßt Rudolf Eberhard im Flüchtlingslager Hanau, September 1958


Letzte Lebensjahre in Wiesbaden

 

In Wiesbaden finden wir ein neues Zuhause

 

Zunächst waren wir dort im Flüchtlingslager Hanau und dann in Kronberg im Taunus. Die Arbeiterwohlfahrt hatte uns hier einen Aufenthalt ermöglicht. Mitte Dezember 1958 zogen wir nach Wiesbaden, wo ich eine Berufstätigkeit aufnahm.

 

Mein Vater war weiter aufopfernd für meine Familie da. Leider ging es meiner Mutter gesundheitlich nicht so gut. Die zurückliegenden schweren Jahre hatten an ihrer Gesundheit gezehrt. Bei der damaligen im Vergleich zu heute langen Arbeitszeit ging ich morgens um 7.00 Uhr aus dem Haus und kam abends 18.00 Uhr nach Hause. Ich war meinen Eltern sehr dankbar, daß sie meinen damals 5jährigen Sohn und meine l2jährige Tochter während dieser Zeit betreuten, denn weder einen Kindergartenplatz noch einen Kinderhortplatz konnte ich damals erhalten.

 

Doch darüber vergaß mein Vater seine politische Arbeit keineswegs. Er stellte seine reichen Erfahrungen im Ausschuß für Fragen der Wiedervereinigung und der Sowjetzonenpolitik beim Parteivorstand der SPD zur Verfügung.

 

Rudolf Eberhard charakterisiert Walter Ulbricht

 

Über Walter Ulbricht, der so entscheidend in sein Schicksal eingegriffen und ihm so unendlich viel Leid zugefügt hatte, schrieb mein Vater anläßlich einer Rede Ulbrichts am 28. Mai 1960 in Leipzig: *[185])

 

"Ulbricht ist bis zum heutigen Tage der Vollstrecker der sowjetischen Pläne, die immer den jeweiligen Situationen entsprechend korrigiert werden. Wenn ihm einmal gesagt worden ist, daß s e i n Spitzbart noch keinen Lenin ergibt, war das die treffendste Charakterisierung seiner Person. Sein "Stammbaum" weist keine eigene politische Wissenschaft auf.

Für jeden, der Ulbrichts Wirken kritisch beobachtet hat, steht fest, daß er jeden Willen Moskaus, der in der Regel innerhalb eines bestimmten politischen Entwicklungsabschnitts zu vollstrecken ist, verwirklicht und niemals auch nur geringfügige Abweichungen geduldet hat.

Ulbrichts Moskauhörigkeit erhärtet nichts besser als die Gegenüberstellung seines Nachrufs für S t a l i n nach dessen Tod in der "Einheit" mit seinen Presseartikeln nach der Verdammung des Stalinismus durch Chruschtschow, in denen er Stalin mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vergleicht. In der vorerwähnten Nummer der "Einheit" sind auch den gleichen Geist atmende Nachrufe der gesamten Führungsschicht der SED zu lesen.

Der politische Apparat der sowjetischen Besatzungsmacht verschafft sich über die wahre Volksstimmung laufend ein klares Bild und nimmt daraufhin an den von Ulbricht durchgeführten Weisungen die ihm erforderlich erscheinenden Korrekturen vor. Einen gefügigeren Befehlsempfänger als Ulbricht gibt es für die Sowjets nicht. Diese reiben sich die Hände, wenn er immer und immer wieder die Schuld für die von den Russen festgestellten Mängel an ihren Weisungen auf untergeordnete Organe abwälzt und dabei vor drakonischen Maßnahmen nicht zurückschreckt."

 

Die Gedanken schweifen zurück

 

Meine Mutter erzählte mir, daß mein Vater des Morgens beim Kaffeetrinken mitunter sehr nachdenklich gewesen sei, wenn sie beide allein und die Kinder in der Schule waren. Er wird mit seinen Gedanken oftmals in der zurückliegenden Zeit gewesen sein.

 

Am 15. Oktober 1963 schrieb er an eine Bekannte aus Dessau, Frau Pönisch, *[186]) die meinen Eltern politisch sehr nahe stand:

"Wir sind Ende August 1958 "geflohen", um nicht noch einmal den Leidensweg der Jahre 1950/55 gehen zu müssen. Wann haben Sie denn Dessau verlassen? Ich denke immer wieder mit Bitterkeit daran zurück, daß ich nach jahrzehntelanger von hohen Idealen getragener Tätigkeit in der Arbeiterbewegung von kommunistischen Knechten, deren "Heil Moskau" ich noch aus der Zeit vor 1933 in Erinnerung habe, ins Zuchthaus geworfen wurde, und dieses Schicksal auch der großen Zahl charaktervoller SPD-Leute beschieden war, die das Heil nicht von Moskau erwarteten, der KPD List und Tücke widerstanden, die von Moskau gesteuert wird.

Ich habe noch ein Gespräch mit dem einstigen KP-Genossen Gothe gelegentlich einer Kundgebung vor dem Dessauer Theater im Jahre 1945 in Erinnerung. Hielt ich diesen bis 1933 für überkandidelt, so ist eingetroffen, was er damals zu mir sagte: "Hütet Euch vor gekauften Lumpen! Wer von Euch SPD-Leuten ein Amt übernimmt, wird eines Tages liquidiert. Übrig bleiben nur ein paar Konzessionshasen." Ich bin Gothe in der Folgezeit nur noch einmal in einem Harzstädtchen begegnet, in dem er als Stadtbaumeister eingesetzt war, aber ein politisch vollkommen zurückgezogenes Leben führte.

Die Konzessionshasen kann man an den Fingern abzählen und die Charaktere sind alle liquidiert!! Man könnte ein Buch darüber schreiben. - Gothe war 2 Jahre auf der Lenin-Schule in Moskau und während der Nazizeit nach Frankreich emigriert.

Mußte man, wie Sie und meine Frau es erlebt haben, 1933 auf vieles gefaßt sein, mit den kommunistischen Taten nach 1945 der Arbeiterbewegung gegenüber ist es nicht vergleichbar Man könnte darüber viel sagen, aber Sie wissen ja aus Ihrem eigenen Erleben genauestens Bescheid."

 

In einem Brief vom 18. Januar 1964 an Frau Pönisch, in dem er auf einen Reisebericht von ihr eingeht, schreibt mein Vater:

"Eine solch schöne Reise ist ja von der Zone aus völlig unmöglich, wie ja überhaupt drüben von einer Freiheit, unter der wir hier leben dürfen, keine Rede sein kann. Man nimmt aber im Laufe der Zeit so manches als selbstverständlich hin, was uns in der Zone versagt blieb, wenn auch hier im Zeichen des Wohlstandes nicht alles Gold ist, was glänzt.

Ideale, für die wir einst gelebt und gestrebt haben, sind in steigendem Maße im Schwinden begriffen. Ich aber denke immer wieder gern an die Jahrzehnte unseres selbstlosen Einsatzes für die Allgemeinheit zurück, die aus meinem Erinnerunsschatz einfach nicht wegzudenken sind, und Ihnen wird es bestimmt genau so gehen. Heute sind die Menschen egozentrisch eingestellt. Wenn man Vergleiche unserer Vergangenheit mit der Gegenwart anstellt, kann man von dem Gedanken erfüllt werden, daß die Menschen besser werden müssen und es ihnen nicht nur besser gehen soll. Wenn ich in dieser Beziehung aus meinem einstigen Wirkungskreis Briefe erhalte, die mir bestätigen, daß ich nicht in den Wind gesprochen habe, es heute noch Menschen gibt, die Ideale hochhalten, erfüllt mich das mit Genugtuung..."

 

Am 26. Mai 1964 schrieb mein Vater an Frau Pönisch:

"Wenn ich an den mir gemachten Prozeß und alle Begleiterscheinungen zurückdenke, dann gelange ich zu dem Ergebnis, daß die sogenannte DDR ein Unrechts-Staat ist, gegen den jede Auflehnung vergebens ist. Wir sind diesem entkommen, wünschen aber unseren Landsleuten die Beseitigung des diktatorischen Regimes, unter dem sie noch immer zu leiden haben. Das ist unsere Verbundenheit mit der Zone, in die wir selbst nicht zurückkehren wollen."

 

Als ich einmal über eine Ungerechtigkeit enttäuscht war, äußerte ich zu meinem Vater aus dieser Niedergeschlagenheit heraus, daß doch sein politischer Einsatz sich sehr nachteilig auf das Schicksal der Familie auswirkte und er selbst doch so unendlich viel Leid erfahren habe. Er antwortete mir darauf: "Ich konnte nicht anders." Bei einem anderen Gespräch sagte er mir einmal: "Für mich ist das entscheidend, was ich vor mir selbst verantworten kann." Heute verstehe ich, daß meines Vaters innere Einstellung den wahren Wert des Lebens für ihn bedeutete.

 

Mein Vater schließt seine Augen für immer

 

Die gesundheitlichen Schäden, die mein Vater während seiner Haftzeit erlitten hatte, waren nicht völlig zu beheben, obwohl mein Vater sehr darum bemüht war. Anfang Juli 1965 erlitt er einen Herzinfarkt. Wir hofften bis zuletzt, daß er sich im Krankenhaus davon erholen würde. Doch am 12. Juli 1965 schloß er seine Augen für immer. Meine Mutter und ich waren in seiner Todesstunde bei ihm. Eine Oberschwester war mit im Sterbezimmer. Es sei sehr wenigen Menschen ein so friedvoller Tod beschieden wie meinem Vater, und das sollte uns ein Trost sein, gab sie uns zu bedenken.

 

Bei der Beerdigung meines Vaters sprach am Grab Willi Brundert, zu dieser Zeit Oberbürgermeister von Frankfurt. Er beleuchtete das von hohen Idealen gepägte Leben meines Vaters noch einmal. Mein

Vater und er hatten in den ersten Jahren der SED-Herrschaft das gleiche Ziel verfolgt, sozialdemokratisches Denken nicht untergehen zu lassen und die menschenverachtenden Machenschaften im SED-Regime zu überstehen. Ihre Freundschaft hatte durch dieses gemeinsame Bestreben einen hohen Wert erhalten.

 

Worte zum Tod von Rudolf Eberhard

 

Auch beim Lesen der vielen Briefe zum Tode meines Vaters zog an meiner Mutter und mir das Leben und Wirken meines Vaters, seine Selbstlosigkeit, Aufopferung und Tapferkeit, noch einmal vorüber. Viele Menschen hoben eindrucksvoll seine vorbildliche Haltung, seine staatspolitische Größe hervor.

 

Aus den zahlreichen Beileidsbriefen möchte ich Worte von Ernst Thape wiedergeben:

"Nur wenige können so genau wie ich bezeugen, welche bedeutende politische Persönlichkeit er war, denn vor genau 20 Jahren, als es galt, die zerstörte Heimat wieder aufzubauen, begann unsere Freundschaft, die durch alle bolschewistischen Fährnisse sich immer wieder bewährte. Wir wußten, wir konnten uns im Bemühen um Deutschland stets aufeinander verlassen, und wir wußten auch, daß wir dafür im russischen Ulbricht-Reich nicht Ruhm sondern nur Not und Verfolgung ernten würden.

Weil er immer ein echter Sohn des Volkes blieb, wird Rudolf Eberhard, der Oberbürgermeister in Magdeburgs schwerster Zeit, in der Geschichte dieser berühmten Stadt an besonderer Stelle genannt werden, wenn die demokratische Ordnung, für deren Verteidigung er so große Opfer brachte, dort endlich wieder einkehrt."


Lebenslauf Rudolf Eberhards

 

Rudolf Eberhard wurde am 10.Juli 1891 als ältester Sohn des Gelbgießers Gottlieb Andreas Rudolf Eberhard und seiner Ehefrau Wilhelmine Emma Eberhard, geb. Kirst, in Magdeburg-Buckau geboren. Dort verbrachte er auch seine Kindheit. Nach den Grundschuljahren in Buckau besuchte er die Bürgerschule in der Innenstadt Magdeburgs.

 

Als seine Schulzeit beendet war, zogen seine Eltern mit ihren nunmehr vier Kindern nach Elberfeld, wo der Vater sich beruflich verbessern konnte. Dort absolvierte Rudolf Eberhard eine kaufmännische Lehre. Anschließend war er als kaufmännischer Angestellter tätig. Im Jahr 1912 wurde er zum Militär eingezogen und mußte von 1914 bis 1918 am Ersten Weltkrieg teilnehmen. Seine schlimmen Erfahrungen während dieser Zeit waren sicher mitbestimmend, daß er danach mit viel Engagement vor Gewalt warnte und für einen demokratischen, dem Frieden dienenden Staat eintrat.

 

Im Jahr 1919 ging er als Industriekaufmann nach Dessau, wo er sehr bald eine leitende Stellung in den Junkers-Werken einnahm. Ehrenamtlich widmete er sich der Arbeit in der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaftsbewegung, schrieb für beide und sprach in Versammlungen. Ende 1920 übernahm er hauptberuflich die Bezirksleitung des Zentralverbandes der Angestellten für das Land Anhalt und führte das Bezirkskartell des Allgemeinen Freien Angestelltenbundes. Er begeisterte sich an dem Können und Idealismus des geistigen Repräsentanten der sozialdemokratischen Bewegung in Anhalt, des bekannten Baugenossenschaftlers Heinrich Peus. Er setzte dessen Ideen in die Tat um und leistete wohnungspolitisch bahnbrechende Arbeit. Neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit wurde er Geschäftsführer des Anhaltischen Siedlerverbandes e.V., für den er Nächte hindurch arbeitete. Geschlossene Siedlungen in Dessau, Zerbst, Köthen und Bernburg sowie in vielen anderen Gemeinden legen Zeugnis für sein Wirken ab.

 

Bis zur Machtergreifung durch Hitler kämpfte er als Redner bei Veranstaltungen der demokratischen Parteien und in Versammlungen der NSDAP gegen den Nationalsozialismus. Er warnte vor einem Krieg, den Hitler heraufbeschwören würde.

 

Mit der Auflösung der Geschäftsstelle des Zentralverbandes der Angestellten am 2.Mai 1933 durch die Nationalsozialisten wurde Rudolf Eberhard fristlos entlassen und für einige Zeit in "Schutzhaft" genommen.

 

Danach betrieb er in Dessau eine orthopädische Praxis. Mit Gleichgesinnten hielt er in den Jahren von 1933 bis 1945 enge Verbindung in der unerschütterlichen Überzeugung, daß die Demokratie zwar unterdrückt, aber nicht niedergeschmettert sei. Für ihn und andere Getreue war es selbstverständlich, daß sie verstorbenen ehemaligen Sozialdemokraten das letzte Geleit gaben.

 

Nach dem Zusammenbruch der Hitlerdiktatur setzte er sich sofort für das Wiederbeleben des öffentlichen Lebens ein und wollte das Seinige zum Aufbau einer neuen demokratischen Ordnung beitragen. Als die sowjetische Besatzungsmacht im Juni 1945 politische Parteien zuließ, war er maßgeblich beim Aufbau der Sozialdemokratischen Partei in Dessau beteiligt.

 

Am 10.September 1945 trat er das Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Bernburg an. Nachdem er hier die Verwaltung aufgebaut hatte, wurde er am 28.Januar 1946 zum Oberbürgermeister von Magdeburg berufen. Seine unter schwierigsten Bedingungen erfolgte Arbeit, die zerstörte Stadt von den Trümmern auf allen Gebieten zu befreien und neu zu beleben, mußte er durch das brutale Eingreifen Walter Ulbrichts abbrechen. Nachdem zuvor starke politische Angriffe gegen ihn erfolgt waren, wurde er am 2. Juli 1950 verhaftet und am 18. Januar 1952 zu fünf Jahren Zuchthaus unter Einziehung des Vermögens verurteilt.

 

Im August 1958 gelang Rudolf Eberhard mit seiner Familie über Berlin die Flucht in die Bundesrepublik. Er verbrachte in Wiesbaden noch einige ruhige Jahre, bis er am 12. Juli 1965 einem Herzinfarkt erlag.

 

Der Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main erklärte die Vollstreckung der 5-jährigen Zuchthausstrafe und die angeordnete Vermögenseinziehung am 20. 11. 1958 für unzulässig. Im Rehabilitierungsverfahren wurde das Urteil am 3. 11. 1993 vom Landgericht Magdeburg für rechtsstaatswidrig erklärt und aufgehoben.

 



[1] ) s, den diesbezüglichen Vermerk im Findbuch des Stadtarchivs Magdeburg,  Rep.41 von 1979

[2])       Peus, Heinrich, geb. 1862 im Rheinland, gest. 1937 in Dessau, seit 1891 Redakteur des "Volksblatt für Anhalt", Dessau,wirkte seit 1907 für die Weltsprache Ido, Schöpfer der Weltkurzschrift fürs Volk, seit 1900 für das Genossenschaftswesen tätig, Abgeordneter des AnhaltinischenLandtags mit Unterbrechungen 1902-1928 und des Reichstages mit Unterbrechungen 1896-1930.

[3])       Jungmann, Fritz, geb. 1894 in Bernburg, gest.in den 60erJahren, seit 1913 SPD, vor 1933 Unterbezirkssekretär von Dessau-Zerbst, Juli 1945 bis April 1946 Mitglied des SPD-Bezirksvorstands Anhalt, danach bis 1950 im Landesvorstand der SED Sachsen-Anhalt und Präsident der Landeshandwerkskammer,1950 Flucht in die Bundesrepublik.

[4])       Grebing, Helga/Kleßmann, Christoph/Schönhoven, Klaus/Weber, Hermann, Zur Situation der Sozialdemokratie im Zeitraum zwischen 1945 und dem Beginn der 50er JAhre: Gutachten für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Marburg 1992, S. 23.

[5])       Hübener, Erhard, Dr.phil., geb.1881, gest.1958, Jurist, 1922 Landeshauptmann Provinz Sachsen in Merseburg, 1933 zwan gspensioniert, nach 1945 LDP, Mai 1945 von amerikanischer Besatzungsmacht wieder als Landeshauptmann eingesetzt

[6])       Deist, Heinrich, geb.1874, gest.um 1960,1919-1932 Ministerpräsident des Freistaates Anhalt

[7])       Hesse, Fritz, geb.1881, von 1918 - 1933 und Juli 1945 - November 1946 Oberbürgermeister in Dessau

8)       Hesse, Fritz, Erinnerungen an Dessau, Band II, S. 108, SBZ-Handbuch: Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftliche Organisationen und ihre Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945-1949. Im Auftrag des Arbeitsbereiches Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim und das Institut für Zeitgeschichte München, hrsg. von Martin Broszat und Hermann Weber. Mit Beitr. von Gerhard Braas [u.a.], München 1990, S. 154

[9]         SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 304

[10])      NKWD (zu dt. Volkskommissariat für innere Angelegenheiten)

[11])      Gereke, Dr. Dr.Günther, geb. 1893, gest. 1970, s.dieAutobiographie "Ich war königlich-preußischer Landrat", Berlin (Ost) 1970

[12])      Landesarchiv Merseburg, Nr.I/403/3, Blatt 65

[13])      Landesarchiv Merseburg, Nr.II/403/6, Blatt 48

[14])      Baer, Otto, geb.1881 in Jerichow, gest. 1966 in Magdeburg,1900 SPD, seit 1918 Magdeburger Stadtverordneter, seit 1924 Stadtverordnetenvorsteher, seit 1930 Verwaltungsdirektor derStadt Magdeburg, 1928 - 1933 Präsident desProvinziallandtages, 1945 von den Amerikanern alsOberbürgermeister eingesetzt, wurde zunächst von der SMADbestätigt, auch als Regierungspräsident akzeptiert, doch imJanuar 1946 seiner Ämter enthoben und für einige Wocheninhaftiert.

[15])      Kaßner, Walter, geb. 1894, gest.1970, 1913 SPD, 1918 USPD,1920 KPD, 1930 MdL Preußen, 1935 verhaftet, 1937 vom Volksgerichtshof zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt,1945 KPD, 1945 bis 1950 Bürgermeister in Magdeburg, bis 1961 leitende Parteifunktionen in Berlin, u.a. Mitarbeiter BüroMinisterrat

[16])      Thape, Ernst, geb. 1892, gest. 1985 in Bremen,SPD, 1922 bis 1933 Redakteur der "Volksstimme" in Magdeburg,1939-45 KZ Buchenwald, ab Juli 1945 SPD-Bezirksvorsitzender Magdeburg, Juli 1945 2. Vizepräsident Provinz Sachsen, Dezember 1946 bis Dezember 1948 Minister für Volksbildung und Wissenschaft Sachsen-Anhalt, Dezember 1948 Flucht in die BRD.

[17])      Thape, Ernst, Von Rot zu Schwarz-Rot-Gold: Lebensweg eines Sozialdemokraten, Hannover 1969, S. S. 270, 328 f.

15)     SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S.

[19])      Bruschke, Werner, geb.1898 in Magdeburg, gest. 1995 in Halle,1916 SPD, vor 1933 Mitglied der SPD-Bezirksleitung Magdeburg-Anhalt, wegen illegaler Tätigkeit 1939 -1945 in Zuchthäusernund KZ, Dezember 1945 bis Januar 1946 4. Vizepräsident ProvinzSachsen, Januar 1946 bis Dezember 1946 Regierungspräsident Bezirk Magdeburg, paritätischer Landesvorsitzender der SED Sachsen- Anhalt, Dezember 1946 bis 1949 Finanzminister Sachsen-Anhalt, ab Dezember 1948 Landesvorsitzender SED Sachsen-Anhalt, 1949 bis 1952 Ministerpräsident Sachsen-Anhalt, nach Auflösung der Länder Vorsitzender des Rates des Bezirks Halle.

[20])      Amtliches Mitteilungsblatt Magdeburg Nr.13 vom 31. 1. 1946

[21])      Stadtarchiv Bernburg, Protokoll der Sitzung des Blockesder antifaschistisch-demokratischen Parteien am 1. 2. 1946

[22])      Dietrich, Georg, geb.1909 in Berlin-Karlshorst, Studiumder Staats- und Rechtswissenschaften an den Universitäten Jena und Leipzig, 1932 1. Staatsprüfung, 1936 Ablegung des 2. Staatsexamens, nach 1jähriger Tätigkeit im Justizdienst Versicherungs- und Haftpflicht-Sachbearbeiter, zuletzt Leiter der Rechtsabteilung bei der Allianz-Stuttgarter Vereinsversicherungs-AG in Magdeburg, 1940-1945 Wehrmacht,1945 Beitritt zur SPD, 1945 bis 1950 Stadtkämmerer undStadtrechtsrat in Magdeburg, 1950 Flucht in die BRD, 1951 Leiter des Rechtsamtes der Stadt Offenbach am Main, 1957 bis 1974 Oberbürgermeister von Offenbach am Main

[23])      Druckschrift "Ein Jahr Aufbauarbeit in Magdeburg", Rechenschaftsbericht der Stadtverwaltung über die im ersten Jahr nach dem Hitlerkrieg geleistete Arbeit, erstattet in der1. Beratenden Versammlung am 27. Juli 1946 von Oberbürgermeister Eberhard, hrsg. v. Magistrat der Stadt Magdeburg, S. 50

[24])      Linke, Oskar, geb. 1886, gest. 1949, seit 1919 Lehrer inMagdeburg, seit 1920 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaftsozialistischer Lehrer von Magdeburg-Anhalt sowie desKulturausschusses der SPD Ortsgruppe Magdeburg, bis 1933Rektor der weltlichen Wilhelmstädter Sammelschule.

[25])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41l/126

[26])      Plumbohm, Willi, geb. 1880, gest. 1962, seit 1922 Geschäftsführer des Vereins für Kleinwohnungswesen GmbH. Magdeburg und seit 1910 Vorstandsmitglied der Gartenstadt"Reform"-Kolonie, 1921 bis 1933 SPD-Fraktionsvorsitzender imMagdeburger Stadtparlament, Stadtrat für Bauwesen bis 1933, 1945 Stadtrat in Magdeburg, 1951 als Geschäftsführer des Vereins für Kleinwohnungswesen entlassen, später verhaftet, am 20. 10. 1954 in einem jeglicher Beweiskraft entbehren denBetrugsverfahren vom Bezirksgericht Magdeburg zu 3 Jahren Zuchthaus und 5.000,- DM Geldstrafe verurteilt. Das Oberste Gericht der DDR hob dieses Urteil einen Monat später auf.

[27])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.1, S. 104

[28])      Druckschrift "Ein Jahr Aufbauarbeit in Magdeburg", Rechenschaftsbericht der Stadtverwaltung über die im erstenJahr nach dem Hitlerkrieg geleistete Arbeit, S. 46 f.

[29])      dto. S. 30

[30])      Koß, Erich, geb. 1899 in Schwerin, gest. 1982 in Frankfurt am Main, aus sozialdemokratischem Elternhaus, schonals Schüler politisch aktiv, vor 1933 Bauleiter undGeschäftsführer bei dem Verband sozialer Baubetriebe "Bauhütten", 1932 im Auftrag des Verbandes sozialerBaubetriebe nach Paris geschickt, 1937 Rückkehr nach Deutschland, in Dessau zuerst Bauleiter für den Bau einer Siedlung für Einfamilienhäuser, dann eigener Baubetrieb, 1945ehrenamtlicher Stadtbaurat in Dessau, April 1946 bis Juni 1950 Stadtbaurat in Magdeburg, Juli 1950 verhaftet, Januar 1952 zu 5 Jahren Zuchthaus wegen "Sabotage gem. SMAD-Befehl" verurteilt, 1955 Flucht in die BRD, dort widmete er sich dem Wiederaufbau der Bauhütten, Geschäftsführer der Bauhütten von der Gründung 1957 bis zur Pensionierung 1964, 1964 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

31)     Volkszeitung Nr. 38 vom 15. 2. 1946

[32])      Druckschrift "Ein Jahr Aufbauarbeit in Magdeburg"

[33])      dto. S. 15

[34])      Volksblatt Nr. 67 vom 21. 3. 1946

[35])      Volkszeitung Nr. 38 vom 15. 2. 1946

[36])      SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S.309

[37])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/126

[38])      Broszat und Weber, SBZ-Handbuch, S. 311

[39])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/126

[40])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/114, Rep.41/122, Rep.41/126

[41])      Brief Rudolf Eberhards an eine Dessauer Bekannte, Frau Pönisch, vom 15. 10. 1963, in meinem Besitz

[42])      Brundert, Willi, Prof.Dr., geb. 1912 in Magdeburg, gest. 1970  in Frankfurt am Main, 1930 SPD, Studium, Promotion, 1933 Entfernung aus dem Staatsdienst, Verbindung zum sozialdemokratischen Widerstand, Wehrmacht, nach britischer Kriegsgefangenschaft 1946 Dozent an der Universität Halle, Ministerialdirektor und Stellvertreter des Ministers für Wirtschaft und Verkehr Landesreg. Sachsen-Anhalt, April 1950zu 15 Jahren Zuchthaus wegen angeblicher Wirtschaftsvergehenverurteilt, 1957 entlassen, Flucht in die BRD, Leiterder Hessischen Finanzschule in Rotenburg a.d.F., 1963 Staatssekretär, Leiter Staatskanzlei Hessen, ab 1964 Oberbürgermeister in Frankfurt am Main.

[43])      Brundert, Willi, Es begann im Theater, ... "Volksjustiz" hinter dem eisernen Vorhang, Berlin und Hannover 1958, S. 30

[44])      Pönisch, Charlotte, verw. Donath, geb. 1904, gest. 1995

[45])      Grundsätze und Ziele der SED, angenommen auf dem Vereinigungsparteitag von KPD und SPD am 21./22. 4. 1946,I Gegenwartsforderungen

[46])      Bouvier, Beatrix/Schulz, Horst-Peter, (Hrsg.), "... die SPD aber aufgehört hat zu existieren": Sozialdemokraten unter sowjetischer Besatzung, Bonn 1991, S. 133f.

[47])      Weigelt, Walter, geb. 1897, gest. 1968, 1945 bis April 1946 im SPD-Bezirksvorstand, 1945 Direktor des Arbeitsamtes Magdeburg, Stadtverordnetenvorsteher, 1949 seiner Funktionen enthoben, Parteiausschluß, als Hilfsarbeiter in die Großgaserei Rothensee verwiesen, später als hochqualifizierter Buchdruckervon der "Volksstimme" angefordert und dort bis zu seiner Pensionierung tätig.

[48])      Böhlke, Erich, geb. 1895, gest. 1976, 1947 Generalmusikdirektor in Oldenburg, s. Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, Bd.2, Halle 1995

[49])      Druckschrift "Ein Jahr Aufbauarbeit in Magdeburg".

[50])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/740

[51])      SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 304

[52])      Landeshauptarchiv, Kreisvorstandssitzung der SED am12. 8. 1946

[53])      Landeshauptarchiv, Kreisvorstandssitzung der SED am29. 7. 1946

[54])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/7 O-C

[55])      Landeshauptarchiv, Rep.K I, Nr.515

[56])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.I

[57])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/ 7 O-C, S. 13

[58])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.1

[59])      Fiedler, Frieda, geb. 1885, SPD, vor 1933 Mitglied des Anhaltinischen Landtages, rückte nach dem Tod von Oberbürgermeister Hermann Beims in den Reichstag nach.

[60])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.1

[61])      SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 306 f.

[62])      Paul, Otto, geb. 1907 in Magdeburg, 1945/46 Stadtsekretär der SPD Magdeburg, 1950/51 ein Jahr Untersuchungshaft, dann nach Delitzsch abgeschoben, wurde dort Betriebsgewerkschafts-Leiter des Reichsbahnausbesserungswerkes und später Bürgermeister

[63])      Schellheimer, Cläre, KPD, Witwe des am 5. 2. 1945 hingerichteten Kommunisten Johann Schellheimer, sie hatte ebenfalls der von Danz, Schwantes und ihrem Mann während des Krieges in Magdeburg organisierten Widerstandsgruppe angehört.

[64])      Mitteldeutsche Tageszeitung "Freiheit" vom 5. 12. 1946

[65])      In seinen Erinnerungen "Von Rot zu Schwarz-Rot-Gold,Lebensweg eines Sozialdemokraten", Hannover 1969, schildert Ernst Thape auf S.223ff die Bildung der neuen Regierung

[66])      SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 329

[67])      Böttge, Bruno, vor 1933 Mitglied des SPD-Bezirksvorstandes Halle und Bürgermeister von Teutschenthal, 1945/46 Vorsitzender des SPD- und bis September 1948 des SED-Bezirksvorstandes Halle, danach verhaftet.

[68])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.1

[69])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.l8.4 St.2

[70])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.2

[71])      Brief Georg Dietrichs an mich vom 15. 3. 1995

[72])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.2

48)     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.1, S. 106

[74])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.1, S. 110

[75])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.1, S. 107

[76])      Druckschrift "Ein Jahr Aufbauarbeit in Magdeburg", S. 7f.

[77])      dto.S.21

[78])      Druckschrift "Ein Jahr Aufbauarbeit in Magdeburg", S. 25f.

[79])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.1, S. 110

[80])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.2, S. 93

[81])      Mitteldeutsche Druckerei und Verlagsanstalt GmbH.

[82])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/126

[83])      Wolfram, Adam, geb. 1902 in Dietlas/Rhön, 1919 SPD,1925 Geschäftsführer im Bergarbeiterverband, 1928 bis 1933Bezirkssekretär in Halle, 1933 bis 1945 mehrmals verhaftet, 1945 bis 1950 2. Landesvorsitzender des FDGB Sachsen-Anhalt, 1948 bis Ende 1950 Präsident des Landtages Sachsen-Anhalt,1951 Flucht in die BRD, 1952 Sekretär in der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, 1956 bis zur Pensionierung Bezirksleiter in Aachen

[84])      Wolfram, Adam, Hammer und Sichel über Mitteldeutschland, Koblenz 1988, S. 42, s. auch Wolfram, Adam, Es hat sich gelohnt, Koblenz 1977

[85])      Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep.K Landtag Sa.-Anh. Nr.76

[86])      Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep.K.Landtag Sa.-Anh. Nr. 76,S. 97 v.,Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/126, S.599, 600

[87])      Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep.K Landtag Sa.-Anh. Nr.76,S. 116

[88])      Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep.K Landtag Sa.-Anh. Nr.76.S. 112,Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/126, S. 600

[89])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/131 S. 36

[90])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/740

[91])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/740Magdeburger Beilage zur "Freiheit" v.7.6.1947, Nr.130, S. 5

[92])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/126

[93])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/126

[94])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/126

[95])      SBZ-Handbuch, hrsg.. von Broszat und Weber, S. 495

[96])      Wolfram, Adam, Hammer und Sichel über Mitteldeutschland, S. 117

[97])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.2, S.n 401-403

[98])      Wallstab, Willi, geb. 1888 in Leopoldshall, gest. 1956, vonder SPD über die USPD 1920 zur KPD, 1937 bis 1941 Zuchthaus Coswig, danach bis 1945 KZ, 1945 bis 1949 Magdeburger Polizeipräsident; als Geüchte über seine unrühmliche Rolle als Kapo (Anführer einer Arbeitsgruppe von Häftlingen im KZ) im Arbeitserziehungslager Süpplingen/Altmark aufkamen, ins Justizministerium nach Halle versetzt.

[99])      Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.3

[100])     Schreiben von Georg Dietrich an Rechtsanwalt und Notar Dr.Bühling, Magdeburg, vom 20. 5. l952

[101])     SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 350

[102])     SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 390

[103])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.3, S. 137

[104])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 Ra.8

[105])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St 3

[106])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 Ra 9

[107])     Bärwald, Helmut/Maerker, Rudolf, Der SED-Staat. Das kommunistische Herrschaftssystem in der Sowjetzone, Köln 1966, S. 13 Grebing/Kleßmann/Schönhoven/Weber, zur Situation der Sozialdemokraten in der SBZ/DDR im Zeitraum zwischen 1945 und dem Beginn der 50er Jahre, S. 42

[108])     Brief Georg Dietrichs an mich vom 15. 3. 1995

[109])     SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber. S. 497f., Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep. K MdI Nr.4761

[110])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.3

[111])     SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 311f.

[112])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/66 O-C

[113])     "Volksstimme" vom 25. 4. 1950

[114])     Germer, Heinrich, geb. 1900 in Magdeburg, gest. 1952, nach 1945 Schulleiter, Direktor der Volkshochschule

[115])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 Ra 9

[116])     Landesarchiv Merseburg, IV/L-2/3/7

[117])     Frühling, Otto, geb. 1883, gest. 1974, seit Anfang des Jahrhunderts Mitglied der SPD und Gewerkschaft, 1910 bis 1933 Ingenieur bei der Fa. Krupp in Essen, als Betriebsratsvorsitzender Mitglied des Aufsichtsrates, 1933 verhaftet, darauf nach Magdeburg abgesetzt, selbständig, 1945 bis 1948 Personaldirektor Stadtverwaltung Magdeburg.

[118])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.3, S. 247

[119])     SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. S. 201, 205, 206.

[120])     SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 311

[121])     Gniffke, Erich W., Jahre mit Ulbricht, Köln 1966, S. 329

[122])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/171, S. 201

[123])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 Ra.10

[124])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/122, S. 303.

[125])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.41/171, S. 78

[126])     Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep. K MdI Nr.4761,S.n 413, 414, 415, 416

[127])     SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 499

[128])     Gniffke, Erich W., Jahre mit Ulbricht, S. 276

[129])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 Ra 10

[130])     Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep.K MdI Nr.4761,S.n 183 bis 186

[131])     Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep.K MdI Nr.4761, S.n 186,187

[132])     Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep. K Landtag Sa.-Anh., Nr.76, S. 112 v

[133])     Kleßmann, Christoph, Die doppelte Staatsgründung: Deutsche Geschichte 1945-1955, Bonn 1982, SS. 204, 208

[134])     "Volksstimme" vom 15. 11. 1949

[135])     Broszat und Weber, SBZ-Handbuch,, S. 276

[136])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 Ra 11

[137])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.5a, S. 97

[138])     Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep. K MdI Nr.4761, S. 125

[139])     Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep. K MdI Nr.4761, S. 47, Volksstimme Nr.62, März 1950

[140])     Archiv der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert- Stiftung, Bonn-Bad Godesberg, Nachtrag zum Interview mit Erich Koß vom 28. 4. 1975

[141])     "Volksstimme" vom 3. 3. 1950

[142])     "Volksstimme" vom 27. 2. 1950

[143])     Archiv der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert- Stiftung, Nr.1135/08

[144])     Landesarchiv Merseburg, Nr.IV/L-2/3/15, Blatt 83

[145])     Archiv der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert- Stiftung, Nr.1135/08

[146])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.5a, S. 320

[147])     Brundert, Willi, Es begann im Theater, S. 18

[148])     Archiv der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert- Stiftung

[149])     Landeshauptarchiv Magdeburg

[150])     Koenen, Bernard, geb. 1889, gest. 1964, seit 1907 SPD, über die USPD 1920 zur KPD, bis 1933 Spitzenfunktionär im KPD- Bezirk Halle-Merseburg, 1933 bis 1945 Exil in der Sowjetunion, gehörte seit 1946 dem ZK der SED an, bis 1952 Vorsitzender der SED-Landesleitung Sachsen-Anhalt, 1953 bis 1958 Botschafter in der CSR, 1958 bis 1963 1. Sekretär der Bezirksleitung Halle

[151])     Beilage zur Volksstimme Nr.96 vom 25. 4. 1950

[152])     Grebing/Kleßmann/Schönhoven/Weber, Zur Situation der Sozialdemokratie in der SBZ/DDR im Zeitraum zwischen 1945 und den 50er Jahren, S. 44

[153])     Landesarchiv Merseburg, Nr.IV/L-1/4, Blatt 186

[154])     Oelssner, Fred, geb. 1879, gest. 1962, 1902 SPD, über die USPD 1920 zur KPD, bis 1933 kommunistischer Spitzenfunktionär, 1935 bis 1945 Exil in der Sowjetunion, 1945 bis 1950 Hauptkassierer der KPD/SED-Leitung.

[155])     "Volksstimme" vom 26. 6. 1950

[156])     Landesarchiv Merseburg, Nr.IV/L-2/3 l5, Blatt 78

[157])     Nachrichten-Magazin "Der Spiegel", IV.Jahrgang, Nr.19 vom 11. Mai 1950, S. 11f.

[158])     Prübenau, Hermann, geb. 1901 in Magdeburg, gest. 1979 in Magdeburg, über USPD 1922 zur SPD, April 1946 bis 1950 im SED-Stadtvorstand.

[159])     Landesarchiv Merseburg. Nr.IV/L-1/4, Blätter 1, 71, 83, 186, 187, 188, 227

[160])     Brief Georg Dietrich an mich vom 15. 3. 1995

[161])     Landesarchiv Merseburg, Nr.IV/L-2/3/15. Blätter 165, 166

[162])     "Volksstimme" Nr.157, S. 2 vom 10. 7. 1950

[163])     Daub, Philipp, geb. 1896, gest. 1976, 1920 von der USPD zur KPD, 1932 Reichstagsabgeordneter, 1934 Emigration Westeuropa, 1940 bis 1945 USA, nach 1945 Leiter der Kaderabteilung beim ZK der SED, 1950 bis 1961 Oberbürgermeister von Magdeburg, dann bis 1964 Präsident der Liga für Völkerfreundschaft.

[164])     Fechner, Max, geb. 1892, gest. 1973, 1910 SPD, 1917 USPD, 1922 SPD, kommunalpolitischer Mitarbeiter beim Parteivorstand der SPD, 1924 bis 1933 Mitglied des Preuß. Landtages, nach 1933 wiederholt in Haft, befürwortete die Parteienvereinigung, 1949 bis 1953 Justizminister der DDR, 1953 bis 1956 in Haft, 1958 teilweise Rehabilitierung.

[165])     SBZ-Handbuch, hrsg. von Broszat und Weber, S. 227

[166])     Brundert, Willi, Es begann im Theater, S. 31

[167])     Bärwald, Helmut/Maerker, Rudolf, Der SED-Staat, Köln 1966

[168])     Der Generalstaatsanwalt der DDR, Anklageschrift vom 5. 11. 1951 (Az.-II 48/51-), Abschrift in meinem Besitz

[169])     Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep. K MdI Nr.4761, S. 413

[170])     II.Strafkammer des Landgerichts Magdeburg, Urteil im Namen des Volkes II-48/5l II Ak 160/51, Kopie in meinem Besitz

[171])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.l8.4 Ra 9

[172])     Stadtarchiv Magdeburg, Rep.18.4 St.3, S.n 316, 317, Drucksachen 323, 324

[173])     Stellungnahme in Besitz von Oberbürgermeister i.R. Dietrich

[174])     Brandt, Ernst, geb. 1896 in Magdeburg, gest. 1956, von der SPD 1920 zur KPD, 1928 bis 1931 Bezirkssekretär der KPD Magdeburg-Anhalt, 1932 Mitglied des Reichstages, 1933 Zuchthaus und KZ, 1945/1946 KPD-Bezirksvorsitzender Magdeburg-Anhalt, 1948 bis 1950 Minister für Land- und Forstwirtschaft Sachsen-Anhalts, Juli 1951 Verhaftung, 1952 bis 1956 Leiter der VEB Maschinenfabrik Halle

[175])     Im Urteil hieß es: "So schrieb der westlich-lizensierte Kölner "Sportkurier", daß es dem rührigen Geschäftsführer Walter gelungen sei, einen sportfreudigen Oberbürgermeister (Eberhard) und passionierten Stadtkämmerer (Dietrich)        für die Finanzierung des Rennvereins gefunden zu haben."

[176])     Oberlandesgericht Halle, Beschluß vom 30. 5. 1952 (Geschäftsnr. ERKs 50/52 (48), Abschrift in meinem Besitz

[177])     "Volksstimme" Nr.17 vom 21. Januar 1952

[178])     Bescheid des Generalstaatsanwalts, Frankfurt (Main) vom 20. 11. 1958 (Geschäftsnr. 314 E - 1710), in meinem Besitz

[179])     Bescheid des Landgerichts Magdeburg, 9.Kammer für Rehabili­tierungsverfahren vom 3. 11. 1993 - Reh. 517/92 (1271)-, in meinem Besitz

[180])     Geschichte der Stadt Magdeburg, von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Helmut Asmus, Berlin 1974

[181])     Bei dem damals jungen Studenten handelt es sich um Egon Schulze, geb. 1925, in sozialdemokratischer Familie in Magdeburg-Olvenstedt aufgewachsen. Lehrerausbildung, als Soldat nach dem 20. Juli 1944 vor Kriegsgericht, Todeskommando an der Ostfront überlebt, 1947 Zusatzstudium Psychologie in Halle, 1950 von den Massenverhaftungen an der Universität erfaßt, 1951 zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt, 1956 entlassen, Flucht in die Bundesrepublik. Er hat auf zehn S.n die Begegnung mit Rudolf Eberhard in der Zelle festgehalten.

[182])     Brief von Frau Gertrude Winter vom Juli 1965, in meinem Besitz

[183])     Archiv der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert- Stiftung, Bonn-Bad Godesberg

[184])     Pisnik, Alois, geb. 1912 in Leoben (Österreich), 1928 SPÖ, 1933 KPÖ, nach mehrmaligen Inhaftierungen infolge illegaler Arbeit 1940 zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt, bis 1945 Zuchthaus Halle, nach führenden Funktionen in der KPD/SED Bezirk Halle 1951 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Magdeburg, seit 1950 ZK-Mitglied, lebt heute als Pensionär in Wernigerode

[185])     Archiv der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert- Stiftung, Bonn-Bad Godesberg

[186])     Brief an Frau Charlotte Pönisch, verwitwete Donath, vom 15. Oktober 1963, Frau Pönisch hat mir die Briefe meines Vaters zur Verfügung gestellt